Freitag, 13. August 2010

Schumpeter ein Marxist?

Bezeichnend für die ideologische Qualität auf wikipedia.de ist der Mecker-Beitrag von Polentario, der den Artikel Kathedersozialismus für einseitig marxistisch hält, weil er sich zu einem größeren Teil auf Schumpeters Geschichte der ökonomischen Analyse stützt.

Dazu lässt sich Heinz D. Kurz zitieren:

“Die in der Literatur gelegentlich anzutreffende Meinung, Schumpeter sei Sozialist oder Marxist gewesen, läßt sich nicht halten. Er hat, wie wir noch sehen werden, von Marx, dem Sozialtheoretiker, in vielfacher Hinsicht profitiert, aber seine konservativ-aristokratische und zuletzt kulturpessimistische Grundhaltung war mit der sozialrevolutionären eines Marx nicht verträglich.” (1)


Was sich hierbei jedoch auf Wikipedia kundtut, ist eine Einstellung, wonach eine theorien- und methodenpluralistisch offene sowie wertneutrale Darstellung (auch gegenüber Marx!) schlechthin gleichgesetzt wird mit “marxistisch”. Ganz nach dem Motto: Wer Marx zitiert (oder sogar ernsthaft diskutiert), der kann nur ein Marxist sein.

Man kann nicht sagen, dass Schumpeter selber stets Wertneutralität praktiziert habe, insbesondere auch nicht gegenüber seinen beiden Bezugspunkten Marx und Walras. Immerhin ging er jedoch in der Grundsatzfrage der Werturteilsfreiheit von ökonomischer Analyse einig mit Max Weber. Und ebenso ging er von der These aus, dass die Wahrheit einer Aussage nicht davon abhängig sei, wer diese Aussage formuliert habe.

Genau gegen diese Binsenwahrheit wird aber auf Wikipedia ständig verstoßen. Denn es wird nicht gefragt, ob eine Aussage mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern welche Autoritätsperson dazu zitiert werden kann, und inwieweit diese Aussage dem Mainstreamdenken entspricht. Eine solche Vorgehensweise ist jedoch keineswegs wissenschaftlich (jedenfalls nicht im Sinne des Kritischen Rationalismus), sondern autoritär-dogmatisch (obwohl de facto auch unter vielen Wissenschaftlern stark verbreitet).

(1): Heinz D. Kurz: Joseph A. Schumpeter. Ein Sozialökonom zwischen Marx und Walras. Metropolis Verlag Marburg 2005.ISBN 3-89518-508-6. S. 11f, Anm. 1.

"Schumpeter ist Sozialist. Aber kein Sozialist, gehörte er zu den Marxisten oder zu den Fabiern, wird seinen Sozialismus bei Schumpeter finden. Nirgendwo sonst in der wissenschaftlichen Literatur sind daher auch die Grenzen der theoretischen Leistung von Marx mit solcher Schärfe abgesteckt wie von diesem Sozialisten; aber vielleicht ist auch nirgendwo sonst die außerordentliche Größe der Marxschen Leistung so unvoreingenommen und bleibend gewürdigt wie von diesem Nicht-Marxisten."

Edgar Salin. Einleitung. Zu: Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. A. Francke : Tübingen 6. Aufl. 1987 (New York 1942). ISBN 3-7720-1298-1. S. 8. (Basel, Okt. 1945).

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