Freitag, 10. Juni 2011

Dienstag, 7. Juni 2011

Historizismus


Im Jahre 1913 notierte W. I. Lenin, dass J. Segond,(1) in einer Rezension eines Werkes von Antonio Aliotta (2) die Philosophen Rickert, Croce, Münsterberg und Royce zur Richtung des „Historizismus“ zusammengefasst hatte.(3) Außerhalb Deutschlands werden „Historismus“ und „Historizismus“ oft nicht unterschieden, in der deutschen Tradition sehr wohl.(4)

Hans Albert zum Beispiel reservierte mit guten geistesgeschichtlichen Gründen den Begriff „Historismus“ für die Richtung, die in Gegensatz zu den sog. „nomothetischen“ (5) Wissenschaften in der Geschichtswissenschaft keinerlei theoretische Erkenntnis suchte. Während „Historismus“ bei Albert also einen Verzicht auf theoretische Erklärung kennzeichnet, so ist der Begriff des „Historizismus“ von Karl Popper gerade im Gegenteil gegen die Zielsetzung nomologischer Erkenntnis über den Geschichtsprozess gerichtet.
„Die Grundsätze des Historizismus – daß es die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist, historische Prophetien hervorzubringen, und daß diese historischen Prophetien für jede rationale Theorie erforderlich sind – sind heute aktuell, da sie einen sehr wichtigen Bestandteil jener Philosophie bilden, die sich selbst gern als ‚Wissenschaftlichen Sozialismus‘ oder ‚Marxismus‘ zu bezeichnen beliebt.“ (6)
Karl Popper will demzufolge den Historizismus und dabei gleichzeitig den Marxismus kritisieren, weil sie seiner Auffassung nach Prophezeiungen für nötig hielten und diese auch zu liefern anstrebten. Dabei behauptet Popper, er wolle seriös vorgehen, treibt aber sogleich mit dem Leser ein Verwechslungsspiel in der Art von Shakespeares Sommernachtstraum, indem er sich bei seiner Kritik nicht auf bestimmte Autoren mit sorgfältig belegten Textstellen bezieht, sondern einen Ismus samt dazugehörigen Neologismus konstruiert. Dem Leser bleibt überlassen, für sich selbst herauszufinden, was dieser Ismus eigentlich bedeute und ob das, was Popper über diesen Ismus behauptet, konsistent sei oder vielmehr in sich inkonsistent sowie dann mit dem übereinstimme, was Popper bei anderen Autoren behauptet gefunden zu haben.

Es ist daher im ersten Schritt einmal zu inventarisieren, was uns an Thesen über Poppers Historizismus in seinem Vortrag aus dem Jahre 1949 alles so begegnet, dem Jahre, da die Menschheit wieder einmal in eine „tödliche Gefahr“ „hineingetaumelt“ sei und Popper sich verantwortungsvoll dem „Gebot der Stunde“ stellt, so salbungsvoll wie unheilsschwanger der Original-Orakelton Popper.(7) (Der Redner hat noch selten eine weltpolitische Katastrophe verschmäht, um auf die Aktualität seines eigenen schicksalhaften Kampfes mit dem Marxismus hinzuweisen. Wer selbst keine Werbung für sich macht, wer dann?)

(a) Eine zentrale Idee des Historizismus sei, dass „die Voraussage von Revolutionen ebenso gut möglich sein müsse wie die Voraussage von Sonnenfinsternissen“. (8)
(b) Die Aufgabe der Sozialwissenschaften besteht ebenso wie der Naturwissenschaften darin, Prognosen aufzustellen; insbesondere Prognosen über die soziale und politische Entwicklung der Menschheit.
(c) „Sobald solche Prognosen einmal aufgestellt sind, kann man die Aufgabe der Politik festlegen.“ (9)
(d) Der Weltgeschichte liege ein göttlicher Plan (Vorsehung) zugrunde; es gebe zur Mitwirkung hierzu ein auserwähltes Volk.
(e) Die enge Verbindung zwischen Astronomie und Historizismus werde in der Astrologie sichtbar. (10)
(f) Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Prognose, die stets bedingt sei, sei eine Prophezeiung (im Sinne des Historizismus) (notwendigerweise) unbedingt.

Ein kurzer Blick über die Thesen (a) bis (f) zeigt, dass sie zwar vielerlei Berührungspunkte untereinander aufzuweisen scheinen, dass sie sich aber dennoch auf grundsätzlich verschiedene Dinge oder Sachgebiete beziehen, nämlich auf Astronomie, auf Sozialgeschichte, auf politische Gestaltungsaufgaben, auf Heilslehren sowie auf Astrologie. Schließlich soll u. a. hier auch noch (außer dem Alten Testament mit seinen Propheten) die Theorien von Platon, Hegel, Comte, Marx und John Stuart Mill im Bunde sein. Popper mag mit seinem Begriff von „Historizismus“ vielleicht Plan und Absicht verfolgen, selbst eine allumfassende Geschichtsphilosophie zu liefern; den zwischen den genannten Aspekten existenten gemeinsamen Begriffsinhalt aufzuzeigen ist ihm aber mit einer solchen Aufreihung noch keinesfalls gelungen. Wie denn auch, da er sich nur auf Unterstellungen angibt, nicht aber Nachweise der Sache bei den genannten Autoren. Es reicht insbesondere nicht aus, rhetorisch eine Äquivokation zu benutzen und etwa beim Marxismus wie im Alten Testament von „Prophezeiung“ oder von „Astrologie“ zu reden.

Popper bezieht sich hilfsweise dann noch auf die anderen zwei von ihm bekannten „sozialphilosophischen“ Schriften. Folgende Fragestellungen werden aber von Popper in der „Problemexposition“ seines Vortrags ziemlich wirr durcheinander geworfen:
1. eine philosophische Deutung von Geschichte
2. Annahme von Gesetzmäßigkeit in der Geschichte (11)
3. der Begriff der "Entwicklung" (Organismus-Analogie; bei Aristoteles „Entelechie“)
4. die Zielsetzung der Voraussage
5. die Ableitung politischer Handlungsanleitungen.

Schon bei der begrifflichen Bestimmung der Standpunkte, die Popper zu widerlegen unter-nimmt, fällt auf, dass sein Begriff für seine Erkenntnisabsichten nicht trennscharf genug ist, sondern eher eine Äquivokation darstellt, d. h. ein und dasselbe Wort wird mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Dies erlaubt es auf unmerkliche Weise, zwischen verschiedenen Fragen hin- und herzuwechseln, und dabei das, was an einer Stelle bewiesen zu sein scheint, auf andere Stellen zu beziehen, wo dies alles andere als bewiesen ist. Ein solches Begriffsragout mag agitatorisch äußerst zweckmäßig sein, aber nicht dazu, uns auf dem sichersten Weg in der Erkenntnis voranzubringen. Popper ist natürlich listig genug, diesen grundlegenden Einwand gegen seine rhetorische Methode vorauszusehen, und wehrt ihn ab. Das heißt aber nicht, dass sein wirkliches Vorgehen genau darauf aufbaut – was selbst einige Popper-Schüler später, meist nach dem Ende Schülerschaft, nicht anstanden zu beanstanden.

Poppers Abhandlung von „Prognose“ und „Prophezeiung“ erfüllt eine Doppelfunktion: 1. geht es ihm um wissenschaftliche Methodologie,(12) 2. um Ideologiekritik im Sinne von „Aufklärung“.(13) Diese doppelte Art von Zielsetzung ist jedoch alles andere als frei von einem Zielkonflikt.

Denn die Ideologiekritik erfolgt keineswegs ergebnisoffen, sondern ist von vornherein darauf festgelegt, den Marxismus zu desavouieren. Nur so ist es zu verstehen, dass Popper nicht den gewöhnlichen Gang einschlägt, zuerst die Theorie mit ihrer Problemstellung zu rekonstruieren und sodann zu prüfen, was haltbar und nicht haltbar ist. Er geht vielmehr anders vor: Er konstatiert, dass der rationale Kern des Marxismus in seiner Irrationalität liege; wenn jedoch der historizistische Kern des Marxismus zerstört sei, sei auch der wissenschaftliche Anspruch des Marxismus vernichtet.(14) Poppers Ausgangspunkt hierbei ist damit aber selbst höchst irrational, denn der rationale Kern einer Theorie kann nicht in deren Irrationalität liegen. Hier hat sich Popper selbst in den Holzwegen des von ihm verdammten absoluten Idealismus vergaloppiert: wo die Vernunft aufhört, wird als Grenzbegriff das Absolute als das Irrationale postuliert und zur Grundlage des Rationalen gemacht.

Die Exposition der Methodologie von „Prognose“ ist keinesfalls unabhängig vom Ziel der Ideologiekritik. Denn mit seiner Definition von „Wissenschaft“ grenzt Popper alternative Wissenschaftskonzeptionen per fiat aus (etwa eine „Revolutionswissenschaft“). So ist auch die Gegenüberstellung von „Prognose“ und „Prophezeiung“ nicht aus reiner Methodologie heraus zu rechtfertigen. Aus Poppers Methodologie ergibt sich lediglich eine rationale Rekonstruktion der logischen Grundlage des Verfahrens einer wissenschaftlichen Prognose und darin negativ impliziert der Ausschluss von Verfahren, die diese Kriterien gar nicht oder nur unvollständig erfüllen. Keineswegs ist die Residualkategorie „Nicht-Prognose“ begriffslogisch damit identisch, was Popper oder andere bislang (mit Sicherheit unabhängig davon) unter „Prophezeiung“ verstanden haben. „Prophezeiung“ ist ein religionsgeschichtlicher Begriff, der gemeinhin auf das Alte Testament zurückgeführt wird. Später wurde es üblich, diesen Begriff in polemisch abwertender Weise und in ideologiekritischer Absicht zu verwenden, was jedoch keineswegs die Ableitung hergibt, dass dieser polemisch-ideologiekritische Begriff der „Prophezeiung“ von Umfang und Bedeutungsinhalt identisch sei mit dem logischen Gegenteil des popperschen Begriffs von „Prognose“. Da diese ideologisch instrumentalisierte Ideologiekritik Poppers methodologische Analyse unnötig einschränkt, aber zudem mit dem positiven Bekenntnis zu einem historischen Individuum, nämlich zur „offenen Gesellschaft des Westens“,(15) verbunden auftritt, muss bei Popper auf eine „Gegenideologie“ geschlossen werden. Methodologie wird so bei Popper zu einer Identität von geglaubter und praktisch angewandter Ideologie, welche sich in der Tat vor allem gegen alternative Positionen in Politik und Wissenschaftstheorie kehrt.

Auf Grundlage einer derart popperschen Dämonologie des Historizismus erscheint es indes psychologisch nachvollziehbar, dass Poppers Leitfaden nicht die Theoriekritik und Theoriekonstruktion ist, sondern dass er der Reihe nach die unterschiedlichsten, wenn auch disparaten Argumente zu finden sucht, um den Feind einzukreisen und möglichst wissenschaftlich und/oder ideologisch zu treffen. Nachdem er anfänglich geglaubt hatte, ihm sei dies zur Zufriedenheit gelungen, hat er schließlich im Vorwort zu seiner eigenen „wissenschaftlichen“ Schrift „Das Elend des Historizismus“ noch einen „definitiven Beweis“ nachgeschoben. Wenn dieser Beweis gelungen wäre, so könnten wir uns also viel Mühe und Zeit sparen und bräuchten Poppers andere Argumente nicht mehr so genau zur Kenntnis zu nehmen. Es sei daher mit diesem Beweis zuerst begonnen. Die anderen mit Poppers Argumenten angeschnittenen Themenkomplexe folgen daran im Anschluss.


(1) Wir wissen nicht, was wir noch wissen werden

(2) Prognose

(3) Utopismus

(3) Vorsehungsglaube und Teleologie

(4) self-fulfilling prophecy

(5) Revolutionsprognosen

Anmerkungen

(1) J. Segond: Review in Revue Philosophique, Ribot, Paris 1912, Nr. 12, S. 644-646.
(2) Antonio Aliotta: La reazione idealistica contro la sicenzia. Casa editrice Optima, Palermo 1912.
(3) W. I. Lenin, Werke, Bd. 38. Philosophical Notebooks. Foreign Languages Publishing House, Moskau 1961. S. 401.
(4) Manfred Riedel: Historizismus und Kritizismus. Kants Streit mit Georg Forster und Johann Gottfried Herder. http://www.deepdyve.com/lp/de-gruyter/historizismus-und-kritizismus-kants-streit-mit-g-forster-und-j-g-f8mOh502rN
(5) Wilhelm Windelband: Geschichte und Naturwissenschaft. Straßburg: Heitz, 3. Auflage 1904. / Max Weber: Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst: 1922). S. 3ff.
(6) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 113.
(7) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 114.
(8) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 115.
(9) „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist - und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen -, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Karl Marx: MEW 23:15f.)
(10) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 116.
(11) „Für die holistische Sozialplanung der Utopie müßten Voraussetzungen historischer Gesetzmäßigkeit erfüllt sein, die einer rationalen Kritik nicht standzuhalten vermögen. Die Antizipation einer offenen Zukunft ist durch keine vernünftige Methode zu leisten.“ (Eberhard Döring: Karl R. Popper: ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘. UTB 1920. Paderborn 1996. ISBN 3-8252-1920-8. S. 87.)
(12) „Fragen der Methodologie richten sich darauf, wie solche Sprachspiele beschaffen sein müssen, um für ihren Zweck brauchbar zu sein.“ (Hans Albert: Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften (zuerst: 1957). In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln Berlin 4. Aufl.1967. S. 126.)
(13) „Die Funktion der Ideologien besteht nicht in der Erklärung bestimmter Vorgänge, sondern in ihrer Rechtfertigung, nicht in der Vorhersage bestimmter Handlungskonsequenzen, sondern in der Vorentscheidung von Handlungen, nicht in der Beschreibung von Ereignissen, sondern in ihrer Bewertung.“ (Hans Albert: Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften (zuerst: 1957). In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln Berlin 4. Aufl.1967. S. 127.)
(14) „Die Aufgabe der historizistischen Doktrin zerstört den Marxismus vollständig, soweit es um seine wissenschaftlichen Ansprüche geht.“ (Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 121.)
(15) Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 1: Der Zauber Platons. München 6. Aufl. 1980 (zuerst: 1944). S. XIV.

Prognose

Wir wissen nicht, was wir noch wissen werden


Ob praktisch brauchbare Prognosen faktisch möglich sind, ist eine Frage, die zusammen von empirischer Wissenschaft und technischer Praxis beantwortet werden muss. Methodologische Betrachtungen allein reichen zur Beantwortung dieser Frage nicht aus. Vor allem existiert kein gültiger logischer Beweis, dass bestimmte zukünftige Ereignisse, z.B. das Eintreten prognostizierter Resultate, nicht eintreten können. Genau dies hatte Karl Popper aber zu beweisen unternommen.
Otto Neurath hat die folgende grundlegende Grenze für Prognose darin gesehen:
"Prognostizieren, was Einstein für Berechnungen machen werde, hieße selbst Einstein sein. (...) Hier ist eine wesentliche Grenze aller soziologischen Prognosen gegeben. Es ist die Grenze der persönlichen Erfindungskraft gegenüber der Erfindungschance der jeweils beschriebenen Gruppe." (1)
Unter anderem dienten Max Horkheimer diese Ausführungen Neuraths als Angriffsfläche für seine Positivismuskritik.(2) Eben dasselbe Argument hat später Popper neuerdings systematisch ausgebaut:
„Mittlerweile ist es mir gelungen, eine strenge Widerlegung des Historizismus anzugeben: Ich habe gezeigt, dass es uns aus streng logischen Gründen unmöglich ist, den zukünftigen Verlauf der Geschichte mit rationalen Methoden vorherzusagen. (...) Mein Gedankengang lässt sich in den folgenden fünf Sätzen zusammenfassen:

(1) Der Ablauf der menschlichen Geschichte wird durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflusst. (...)

(2) Wir kön¬nen mit rational-wissenschaftlichen Methoden das zukünftige Anwachsen unse¬rer wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht vorhersagen. (...)

(3) Daher können wir den zukünftigen Verlauf der menschlichen Geschichte nicht vorhersagen.

(4) Das heißt, dass wir die Möglichkeit einer theoretischen Geschichts¬wissen-schaft verneinen müssen, also die Möglichkeit einer historischen Sozialwissenschaft, die der theoretischen Physik oder der Astronomie des Sonnensystems entsprechen würde. Eine wissenschaftliche Theorie der geschichtlichen Entwicklung als Grundlage historischer Prognosen ist unmöglich.

(5) Das Hauptziel der historizistischen Methoden (...) ist daher falsch gewählt und damit ist der Historizismus widerlegt." (3)
Hiermit vertritt Popper die These, dass die Zukunft neues menschliches Wissen bringen wird, das die bisher bekannten Gesetze gesellschaftlicher Entwicklung hinfällig machen wird. Unseren zukünftigen Wissensstand können aber heute nicht voraussagen, weil er dann schon heute zu unserem Wissensbestand rechnen würde. Dabei überschreitet Popper jedoch das Gebiet logischen Analysierens und Beweisens und sucht, eine empirische Frage durch den ausschließlichen Einsatz logischer Mittel zu lösen bzw. als empirisch beantwortbare zu beseitigen.

Dieses Argument setzt nämlich voraus, dass Wissen von Wissen immer total, 100%-ig identisch sein muss.(3) Nur in dieser trivialisierenden Interpretation (4) ist Prämisse (2) logischerweise wahr. Doch kein Historizist hat je behauptet, dass wir heute schon wissen, was wir erst morgen wissen werden, noch ist es denknotwendig, über dieses Wissen insgesamt zu verfügen, um brauchbare Prognosen über wissensmäßig beeinflusste zukünftige Entwicklungen abgeben zu können. Unser Wissen über das zukünftige Wissen der Menschheit muss keinesfalls total sein, um Prognosen zu ermöglichen. Eine Prognose muss nicht die logische Identität oder Informationsgleichheit von Aussagenmengen voraussetzen, um partielle Beschreibungen zukünftig möglicher Erkenntnisleistungen zu erlauben. Auch hier gilt, dass nicht die konkret-reale Totalität der Weltgeschichte prognostiziert, sondern nur theoretisch selektierte Trends wissenschaftlicher Analyse zugänglich gemacht werden sollen.

Wie bei Problemstellung (c) liegt hier ebenfalls ein Fehlschluss der misplaced concreteness (6) vor; denn Wissens¬be¬stände werden behandelt, als ob sie durch eine einzige abstrakte Beschreibung hinreichend gekennzeichnet seien und keine andere Aussagen darüber hinaus mehr möglich seien. Dies ist jedoch mit Sicherheit abwegig. Wenn sich über zukünftige Leistungen der Wissenschaft keine praktisch brauchbaren Voraussagen treffen ließen, so wäre bereits ein jeder Forschungsantrag nur vertane Liebesmüh. Es ist hier grundsätzlich zwischen "Wissen" als einem kognitiv-psychischen Tatbestand einerseits und andererseits den verschiedenen Möglichkeiten zu unterscheiden, derlei Wissensbestände zu beschreiben. Was im Hinblick auf eine bestimmte Art, Wissen zu beschreiben, bewiesen werden kann, gilt nicht für alle Wissens-Tatbestände schlechthin. Popper ist bei seinem "Beweis" unmerklich von Logik zu Psychologie hinüber- und herübergewechselt, was die Schlüssigkeit seiner Argumentation zerstört.

Über die Frage der mehr oder weniger vollständigen oder konkreten Beschreibung eines Wissensbestandes hinaus stellt sich insbesondere für den Fallibilisten Popper die Frage, inwieweit ein derart substanzieller Wissensbegriff (7) in Übereinstimmung gebracht werden könne mit demjenigen seiner Wissenschaftslogik, handele es sich nun um „Wissen" als ein System falsifizierbarer oder empirisch bewährter Aussagen. Es ist noch nicht einmal völlig ausgeschlossen, dass es sich hierbei auch um kontradiktorische Aussagensysteme handelt. Wie dem auch sei, Popper vermochte kein praktikables Verfahren angeben, wie ein so verstandenes Wissen in seinem Informationsgehalt exakt zu messen, kaum wie es zu vergleichen sei:
„... although the measure functions of content, truth content and falsity content are in principle comparable (because probabilities are in principle comparable) we have in general no means to com¬pare them other than by way of comparing the unmeasured contents of competing theories, possibly just intuitively." (8)
Hinzu kommt, dass Popper im Lichte seiner 3-Welten-Theorie auch noch zwischen subjektivem und objektivem Wissen unterscheidet. So ergibt sich, dass die geradezu triviale Überzeugungskraft seiner Argumentation nur oberflächlich bestechen kann, da sie letztlich auf einer Konfusion zwischen logischer und empirischer Analyse sowie zwischen subjektivem und objektivem Wissen beruht:
„If there is growth of knowledge in this sense, then it cannot be predictable by scientific means. For he who could so predict today by scientific means our discoveries of tomorrow could make them today; which would mean that there would be an end to the growth of knowledge." (9)
Es ist frappierend, wie Popper alle die wichtigen Begriffsunterscheidungen im Hinblick auf „Wissen", die er selbst so gewinnbringend geltend gemacht hat, bei seinem „Beweis" einfach über Bord wirft oder zumindest ignoriert.(10) Die Frage, inwieweit Popper in seinen persönlichen Ansichten über Wissen konsistent ist, ist hier allerdings uninteressant. Wichtiger ist, dass dieses ein fundamentaleres Problem zu signalisieren scheint: Es ist eines, „Wissen" so zu fassen, dass es für einen logischen Beweis adäquat ist; etwas anderes, mit demselben Begriff vollständig alle möglichen Begriffsvarianten von „Wissen" abzudecken, die in relevanten empirischen Prognosen vorkommen mögen. Wie soll der Beweislogiker im Voraus wissen, welche empirisch relevanten „Wissen"-Begriffe noch alle erfunden werden mögen? M. a. W.: Der Versuch, eine empirische Fragestellung durch einen logischen Beweis abzuschneiden, scheitert schon daran, dass dem Logiker nicht a priori alle denkbaren Bedeutungen empirischer Begriffe zur Verfügung stehen.
Vielleicht sind über bestimmte Aspekte der zukünftigen Entwicklung eines so verstandenen Wissens falsifizierbare Prognosen möglich, die sich evtl. sogar bewähren. Logisch unmöglich erscheint vielmehr der Beweis seiner Nichtprognistizierbarkeit, weil es sich hier grundsätzlich um empirisch kontingente Zusammenhänge handelt. Vielmehr ist Poppers These der „unpredictability in principle" (11) sogar selbstwidersprüchlich, weil diese eine Prognose darstellt, die ihre eigene Nichtprognostizierbarkeit behauptet. Im Grunde hat sich Popper mit diesem Beweis in dieselbe Grube manövriert, in die Bacon saß:(12) Eine Entdeckung muss zufällig sein, sonst kann sie keine Entdeckung sein, ging des letzteren Argument. Und ebenso nun Popper: Neues Wissen kann nicht vorausgesagt werden, sonst ist es nicht neu. Man kann aber nur etwas finden, was man (zumindest so ungefähr) gesucht hat. Einem völlig unvorbereiteten Geiste wird überhaupt niemals was Neues zustoßen, schon weil dieser den Unterschied zwischen Alt und Neu nicht kennt.

Wie es sich für einen echten Fallibilisten gehört, liefert Popper auch selbst noch ein Gegenargument:
„Widerlegt ist nur die Möglichkeit der Vorhersage geschichtlicher Entwicklungen, insofern diese durch das Anwachsen unseres Wissens beeinflusst werden können." (13)
Wie auch Werner Habermehl feststellt, ist schon damit die Beweiskette von der Prognose des Wissensfortschritts hin zum gesamten Geschichtsablauf abgerissen:
„... um die Unmöglichkeit einer theoretischen Geschichtswissenschaft beweisen zu können, genügt es nicht, wenn wir zu zeigen vermögen, dass wir den zukünftigen Verlauf der Geschichte, soweit er durch das Wachstum unseres Wissens beeinflusst wird, nicht vorhersagen können. Wir müssten vielmehr entweder dartun können, dass es unmöglich ist, den zukünftigen Verlauf der Geschichte vorherzusagen, unabhängig davon, ob er vom Wachstum unseres Wissens beeinflusst wird oder nicht, oder, dass alle geschichtlichen Abläufe dem Einfluss unseres Wissens unterliegen." (14)

Anmerkungen

(1) Otto Neurath: Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie, Wien 1931. S. 129f.
(2) Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit. Die Auseinandersetzung der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus. Frankfurt 1994 . S. 101.
(3) Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957). S. XIf.
(4) „Als ich ihn dann fragte, woher es komme, daß auf diese Weise doch oft Künftiges richtig vorausgesagt werde, antwortete er, so gut er konnte, das bringe wohl das Ahnungsvermögen so mit sich, das überall in der Natur anzutreffen sei. Geschehe es doch oft, daß jemand, der Rat suche, das Buch eines Dichters aufschlage, der ganz etwas anderes singe und sage, und ihm dann doch ein Vers in die Augenspringe, der wunderbar zu seinem Anliegen stimme.“ (Aurelius Augustinus: Bekenntnisse. Eingeleitet und übertragen von Wilhelm Thimme. Editions Rencontre, Lausanne Köln 1970. S. 92.)
(5) Werner Habermehl: Historizismus und Kritischer Rationalismus. Einwände gegen Poppers Kritik an Comte, Marx und Platon. Freiburg München 1980. S. 56ff.
(6) The Whiteheadian fallacy of misplaced concreteness: „the fallacy of assuming that the particular concepts we employ to examine the flow of events capture their entire content." (Robert K. Merton, (ed. and with an Introduction by Norman W. Storer): The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations. Chicago London 1973. S. 131.)
(7) Popper (Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972) S. 62.) kennzeichnet damit gerade eine der Grundthesen der irreführenden common sense theory of knowledge (Locke, Berkeley, Hume): „Knowledge is conceived of as consisting of things, or thing-like entities in our bucket ..." Dieser empiristische Wissensbegriff spielt auch im Zusammenhang von Hume Induktivismuskritik eine maßgebliche Rolle: "Der unendliche Regress ('Induktionsregress') präzisiert Humes Argument gegen die Zulässigkeit der Induktion. Er besagt, dass der reine Induktionsschluss sich logisch nicht rechtfertigen lässt, dass aus besonderen Beobachtungen niemals allgemeine Sätze abgeleitet werden können, kurz, er besagt etwas (mindestens für jeden Empiristen) ganz Selbstverständliches: dass man nicht mehr wissen kann, als man weiß." "Klarer formuliert: dass man nicht mehr weiß, als man weiß." (Karl R. Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930-1933. Tübingen 2. verbess. Auflage 1994. S. 39. Anm.*11) Aber wir wissen ständig mehr, als wir wissen, d.h. als uns bewusst ist. Schon dadurch, dass unsere Wissenselemente untereinander verknüpft sind und immer schon auf andere verweisen, die nicht aktuell in unserem Kurzzeitgedächtnis verfügbar sind, ist unser Wissen potentiell unendlich (was von Allwissenheit zu unterscheiden ist).
(8) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 52, Anm. 29.
(9) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 298.
(10) Was gewissermaßen auch verständlich ist: einmal diese Begriffskomplikationen zugegeben, sinkt die Plausibilität des Beweises bzw. schon eines Beweisversuchs rasch gegen Null.
(11) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 298.
(12) Joseph Agassi: Science in Flux, Dordrecht Boston 1975. S. 76.
(13) Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957). S. XII.
(14) Werner Habermehl: Historizismus und Kritischer Rationalismus. Einwände gegen Poppers Kritik an Comte, Marx und Platon. Freiburg München 1980. S. 25.

Vorsehungsglaube und Teleologie

Mittwoch, 4. Mai 2011

Saysches Theorem




Jean Baptiste Say schrieb 1803:
„Wenn der Produzent die Arbeit an seinem Produkt beendet hat, ist er höchst bestrebt es sofort zu verkaufen, damit der Produktwert nicht sinkt. Nicht weniger bestrebt ist er, das daraus eingesetzte Geld zu verwenden, denn dessen Wert sinkt möglicherweise ebenfalls. Da die einzige Einsatzmöglichkeit für das Geld der Kauf anderer Produkte ist, öffnen die Umstände der Erschaffung eines Produktes einen Weg für andere Produkte.“ (1)
Oder in der Formulierung von James Mill: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst. (2)

In der Sichtweise des Sayschen Theorems wird also nur der Austausch von Waren (also die sog. „realwirtschaftliche“ Seite) gesehen; die Dazwischenkunft von Geld im Warenaustausch wird als bloße Verhüllung der realwirtschaftlichen Beziehungen, als sog. „Geldschleier“ angenommen. Hinter dem Sayschen Theorem verbirgt sich demnach die These der Neutralität des Geldes. (3)

Karl Marx setzt sich im Zuge der Durcharbeitung der Theorie von David Ricardo auch mit dem Sayschen Theorem auseinander und bemängelt, dass Say seine Modellvoraussetzungen so gewählt habe, dass Krisen logisch unmöglich seien. (4) Er kritisierte des Weiteren, dass Say das Kapitalverhältnis bloß als Naturaltauschverhältnis deutet und damit die inneren Widersprüche der kapitalmäßigen Verwertungsprozesse bei Überproduktion ignoriere. Marx zählte Says Ansatz gerade deswegen zur Vulgärökonomie.

Hingegen lobte Marx Ricardo für seine wissenschaftliche Objektivität in dessen nachgeschaltetem Kapitel über das Maschinenwesen. Marx übersah dabei nach Ansicht von Michio Morishima folgende Inkonsistenz: Ricardos Theorie insgesamt unterstelle das Saysche Theorem. Danach sei Arbeitslosigkeit auch bei Neueinführung von Maschinen theoretisch ausgeschlossen.(5) Warum kann jedoch nicht einfach der Fall sein, dass Marx es lieber gewesen war, dass Ricardo in seinen Schlussfolgerungen seiner Theorie entgegenstehende Tatsachen letztendlich anerkannt hatte, auch wenn Ricardo damit seinen Grundannahmen nicht mehr treu blieb.

Keynes hat das Saysche Axiom und die damit verbundene These der Neutralität des Geldes abgelehnt und einen eigenen geldtheoretischen Ansatz entwickelt. Der „Bastard-Keynesianismus“ hat darauf jedoch seinen Keynes missdeutet, insbesondere seine Kritik der Grundlagen der klassischen Ökonomie, und ist mehr oder minder offen wieder bei den Axiomen der klassischen Ökonomie angelangt oder hat sie nie verlassen. (6)

Keynes selbst jedoch hat anscheinend die Marxsche Kritik an Ricardo nicht gekannt oder verstanden. Denn er glaubte anscheinend, dass seine Kritik der Klassik auch die angeblichen Ricardianischen Grundlagen der Marxschen Theorie hinwegfegen würde. (7)

Noch heute ist Marxens Kritik an der Vulgärökonomie, respektive Say, scheinbar nicht durchgedrungen, bzw. nicht allgemein bekannt. Im „Elend der Philosophie“ konnte sich Marx noch weitgehend darauf beschränken, gegenüber den Verdrehungen und Konfusionen Proudhonscher Phrasendrescherei das Hegelsche und Ricardosche Original zur Geltung zu bringen. Dass Marx hernach seinerseits an Hegel ebenso wie auch an Ricardo Kritik geübt und deren Theorien und Methoden kritisch rezipiert hat, ist demgegenüber immer noch nicht von Autoren, die sich zu diesem Thema äußern, richtig erfasst. (8)

Das Saysche Gesetz oder Theorem ist genau gesagt kein Axiom einer ökonomischen Theorie, sondern ein Dogma. Nach Hilbert ist „Axiom“ eine Voraussetzung eines deduktiv abgeleiteten Systems von Sätzen, die innerhalb dieses Systems selbst nicht abgeleitet ist. Somit ist jedes Axiom unbegründet (genauer: relativ zum System, zu dem es benutzt wird). Das Saysche Theorem ist aber nicht bloß in diesem relativ harmlosen Sinn unbegründet, sondern es wird von Vulgärökonomen wie eine selbst-evidente Wahrheit verwendet, um daraus kontra-faktische Behauptungen über die ökonomische Wirklichkeit abzuleiten. Dahinter darf man mit Marx ein apologetisches Interesse vermuten, das harmonische Wirken des Marktes als ökonomische Grundwahrheit zu behaupten.

Wenn also jemand arbeitslos wird, dann könne es dieser Weltanschauung nach nicht am Marktmechanismus liegen, sondern am einzelnen Lohnabhängigen, dessen Leistung nicht marktgerecht angeboten werde, und/oder am Intervenieren des Staates und der Gewerkschaften (Arbeitsrecht, Sozialrecht usw.), die zu „Rigiditäten“ am Markte führten und damit dessen effiziente Selbstregulation behinderten. Ein Ökonom, der diese Konsequenzen nicht aufgeben möchte, wird nicht bereit sein, die logischen Voraussetzungen für diese Konsequenzen aufzugeben, wenn sie auch noch so weltfremd sein mögen.

Es kann sich also hier nicht darum drehen, das Saysche Theorem zu „widerlegen“, sondern nichts weiter als darum, Dogmatiker mit Ökonomenstatus zu bewegen, sich als Wissenschaftler und nicht als Ideologen zu betragen.

(1) Jean Baptiste Say: A treatise on political economy: or The production distribution and consumption of wealth. Translated from the fourth edition of the French. Batoche Books Kitchener 2001, S. 57.
(2) Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X. S. 18f.
(3) “Under Say’s Law, goods always exchange for goods. Money is only a ‘veil’ behind which the real economy operates unhampered by financial considerations. The notion that money is merely used as an intermediary in the exchange of goods for goods is encompassed, in the lexicon of economists, by the classical neutral money axiom. If money is neutral, then there is no inherent obstacle in a competitive economic system to prevent output and employment from being at the maximum flow possible given the size of the population and the technology available to producers.” (Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X. S. 19f.)
(4) Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. Bd. II, MEW 26.2. S. 495ff.
(5) Michio Morishima: Ricardo's Economics. A general equilibrium theory of distribution and growth. Cambridge University Press 1989. ISBN 0-521-36630-5. S. 11.
(6) Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X.
(7) „When my new theory has been duly assimilated and mixed with politics and feelings and passions, I cannot predict what the final upshot will be in its effect on actions and affairs, but there will be a great change and in particular the Ricardian Foundations of Marxism will be knocked away.” (J. M. Keynes, The Collected Writings. Bd. 13, 1973, S. 492-3, zit. nach Davidson, S. 4.)
(8) „Proudhons Ansatz, die ‚Macht des Geldes‘ als Quelle der Ausbeutung zu benennen, war für Marx und Engels nicht nachvollziehbar: in der klassischen Lehre verhaftet, war der monetäre Sektor für sie ökonomisch blutleer, nur als juristische Konstruktion begreifbar. Die Rendite des Realkapitals (Mehrwert) entsteht nach Proudhon aus dem mittelbaren Wirken des Geld- und Kapitalmarktes, wobei es die Zwänge des monetären Systems sind, die den Standard für den ‚internen Zinsfuß‘ des Realkapitals festlegen. Geht man in der Geschichte des Sozialismus weiter, wird man auf das Werk Rudolf Hilferdings (1877-1941) „Das Finanzkapital“ (Wien 1910) stoßen. Mit Marx’schen Grundtermini durchaus auf einer Linie definierte Hilferding das Finanzkapital als ‚Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industriellen‘. Die Denkergebnisse Hilferdings waren natürlich nicht deckungsgleich mit jenen Proudhons, angezeigt war aber damit, daß auch im Lager des Marxismus ein Festhalten man der ‚klassischen Dichotomie‘ (das ist die Vorstellung einer strikten Trennung der Wirtschaft in einen realwirtschaftlichen Sektor und in den geldsektor) nicht durchhaltbar gewesen ist.“ (Pierre-Joseph Proudhon und die moderne Nationalökonomie. In: Pierre-Joseph Proudhon : System der ökonomischen Widersprüche oder: Philosophie des Elends. Hrg. Lutz Roemheld, Gerhard Senft. Karin Kramer Verlag Berlin 1. Aufl. 2003.ISBN 3-87956-281-4. S. 17.)

Versuch und Irrtum. Poppers Lerntheorie

Dienstag, 26. April 2011

Dialektik bei Marx



Bekannt ist, dass Marx seine eigene Metatheorie mit den Begriffen „dialektisch“, „materialistisch“ und „historisch“ beschrieben hat. Nicht bekannt ist, was er damit genau gemeint hat.

Eine ausführliche Exposition dessen, was er als „Dialektik“ praktiziert hat, wurde von Marx selbst nicht mehr geliefert. Wir haben also dazu nur seine verstreuten kursorischen Anmerkungen zu seiner Methode sowie seine Methode, wie er sie als „Logik in Aktion“, etwa im „Kapital“, angewandt hat.

Man mag von Georg Lukács halten, was man will; zweifellos zählt es aber zu seinem Verdienst, die Frage nach der Marxschen Methode der Wissenschaft seinerzeit als Problem wieder neu gestellt zu haben. So sagt Lukács in seinem Vorwort zu ‚Geschichte und Klassenbewußtsein‘ aus dem Jahre 1922:
„Es ist allgemein bekannt, daß sich Marx selbst mit dem Gedanken trug, eine Dialektik zu schreiben. ‚Die rechten Gesetze der Dialektik,‘ schrieb er an Dietzgen, ‚sind schon im Hegel enthalten; allerdings in mystischer Form. Es gilt, diese Form abzustreifen.‘ Diese Blätter – dies muß hoffentlich nicht eigenst betont werden – erheben keinen Augenblick den Anspruch, selbst die Skizze zu einer solchen Dialektik zu bieten. Wohl aber ist es ihre Absicht, eine Diskussion in dieser Richtung anzuregen; diese Frage – methodisch – wieder auf die Tagesordnung zu stellen. Darum wurde jede Gelegenheit benutzt, auf diese methodischen Zusammenhänge hinzuweisen, um sowohl die Punkte, wo Kategorien der Hegelschen Methode für den historischen Materialismus ausschlaggebend geworden sind, wie jene, wo die Wege von Hegel und Marx sich scharf scheiden, möglichst konkret aufzeigen zu können, um damit Material und – wenn möglich – Richtung für die sehr notwendige Diskussion dieser Frage zu liefern. Diese Absicht hat teilweise die ausführliche Behandlung der klassischen Philosophie im zweiten Abschnitt des Aufsatzes über die Verdinglichung bestimmt.“ (1)
Es wird damit also nicht nur das Verhältnis von Marx zu Hegel (und zu Feuerbach und anderen deutschen und französischen Philosophen), sondern auch zur klassischen Nationalökonomie, etwa eines David Ricardo, sowie zu den französischen Materialisten und Historikern als Problem neu aufgeworfen.

Diese Aufgabe ist aber nicht einfach im herkömmlichen Sinn von Textexegese zu verstehen, also dass man bestimmte Texte kennenlernen muss, um die darin von den betreffenden Autoren gebrauchten und von Marx in einer bestimmten Weise entlehnten Begriffe und deren Bedeutungen zu erlernen. Es ist vielmehr so, dass die von Marx kritisierten Texte von Marx so zu einer Synthese verarbeitet worden sind, dass diese als Bestandteil dieser Synthese mit zum Resultat der Marxschen Theorie gehören.

Damit ist nämlich auch das wesentliche Merkmal des dialektischen Verfahrens gekennzeichnet, das vielen Hegel- und Marxkritikern entgangen ist, obwohl es so klar und deutlich vor ihren Augen praktiziert worden ist. Es entzieht sich ihren Blicken, weil es kontra-intuitiv zur gewohnten analytischen Denkweise ist, wie sie von den meisten Marxkritikern auf die eine oder andere Weise selber verwendet wird. So hat zum Beispiel Karl Popper die Eigenart des dialektischen Denkens nicht deutlich genug erfasst, obwohl er sich selber mit fast ähnlichen Argumenten gegen fixe Definitionen in den Wissenschaften ausgesprochen hat.

Lukács schließt sein Vorwort mit dem Hinweis auf das Mangelhafte seines eigenen Lösungsversuchs bzw. seiner Problemdarstellung. Was er allerdings als die grundlegende „Schwierigkeit“ beim Verständnis der Dialektik angibt, läuft indes auf die Wesensbestimmung der Dialektik hinaus (was er wohl nicht deutlich genug herausstellt):
„Bei der Erwähnung solcher Mängel sei der – dialektisch unbewanderte – Leser nur noch auf eine, allerdings unvermeidliche, im Wesen der dialektischen Methode liegende Schwierigkeit hingewiesen. Auf die Frage der Begriffsbestimmungen und der Terminologie. Es gehört zum Wesen der dialektischen Methode, daß in ihr die – in ihrer abstrakten Einseitigkeit – falschen Begriffe zur Aufhebung gelangen. Dieser Prozeß des Aufhebens macht aber zugleich notwendig, daß dennoch ununterbrochen mit diesen – einseitigen, abstrakten und falschen – Begriffen operiert wird; daß die Begriffe weniger durch eine Definition, als durch die methodische Funktion, die sie als aufgehobene Momente in der Totalität erhalten, zu ihrer richtigen Bedeutung gebracht werden. Dieser Bedeutungswandel ist aber in der von Marx korrigierten Dialektik noch weniger terminologisch fixierbar als in der Hegelschen selbst. Denn wenn die Begriffe nur gedankliche Gestalten geschichtlicher Wirklichkeiten sind, so gehört ihre – einseitige, abstrakte und falsche – Gestalt als Moment der wahren Einheit eben mit zu dieser wahren Einheit selbst. Die Ausführungen Hegels über diese terminologische Schwierigkeiten in der Vorrede zur ‚Phänomenologie‘ sind also noch richtiger, als es Hegel dort selbst meint, wenn er sagt: ‚So wie der Ausdruck der Einheit des Subjekts und Objekts, des Endlichen und Unendlichen, des Seins und Denkens usf. das bedeuten, was sie außer ihrer Einheit sind, in der Einheit also nicht als das gemeint sind, was ihr Ausdruck sagt: ebenso ist das Falsche nicht mehr als Falsches ein Moment der Wahrheit.‘ In dem rein Geschichtlichwerden der Dialektik wird diese Feststellung noch einmal dialektisch: das ‚Falsche‘ ist zugleich als ‚Falsches‘ und als ‚Nicht-Falsches‘ ein Moment des ‚Wahren‘.“ (2)
Es ist also die Eigenart von Marx und des von ihm von Hegel übernommenen Verfahrens, zur Kritik einer Theorie deren Begriffe zu verwenden, aber auf eine solche Weise, dass deren Falschheit bzw. Nichtangemessenheit deutlich zu Bewusstsein gebracht wird. Wer diese Verfahrensweise nicht durchschaut, sondern ständig nach festen Begriffsbestimmungen bei Hegel oder Marx äugt, wird sich ständig verladen vorkommen (Popper: „Scharlatanerie“). Denn er kommt sich vor wie der Hase beim Wettlauf mit dem Igel. Dabei tun sowohl Hegel wie Marx nichts anderes, als was Popper immer wieder gefordert hat: sie kritisieren Begriffe und Theorien.

Dabei inspiriert Hegels Dialektik aber nicht nur Marxens Metatheorie. Über Marxens Menschenbild (was heutzutage in der soziologischen Theorie als das „Akteursmodell“ firmiert) bis zu den Fragen der Entfremdung und Verdinglichung, den ideologischen Formen der Alltagstheorien der Handelnden wird dialektisches Denken von Marx dazu benutzt, um theoretische Aussagen und empirische Aussagen über die gesellschaftliche Wirklichkeit und deren geschichtlichen Abläufe zu gewinnen. Lukács verstrickt sich bei der Erörterung dieser Fragen in die Schwierigkeiten, die sich bei der Exposition einer empirischen Theorie ergeben, wenn dieselbe mit zweierlei Metatheorien konfrontiert wird (objektiver Idealismus bei Hegel; historischer Materialismus bei Marx). Eine weitere metatheoretische Alternative zu Hegel und Marx bieten Max Weber oder Georg Simmel an.(3) Diese Konfrontation von Metatheorien ist gewiss mühselig und oft unerquicklich. Wer aber Fallibilismus und Theorienpluralismus ernst nimmt, kommt um diese Mühsal nicht herum. Die Alternative hierzu wäre nämlich Dogmatismus und Theoriemon(opol)ismus.

Die Dialektik ist aber nicht damit zu erledigen, dass man sie dogmatisch oder irrational schimpft. Dazu braucht es etwas mehr, nämlich Argumente, die auf deren Problemstellung und vorgeschlagene Lösungsansätze eingehen.

(1) Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Sonderausgabe der Sammlung Luchterhand. November 1970. (Neuwied Berlin 1968). S. 55.
(2) Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Sonderausgabe der Sammlung Luchterhand. November 1970. (Neuwied Berlin 1968). S. 56.
(3) Georg Simmel: Philosophie des Geldes. (hrg. Von David P. Frisby, Klaus Christian Köhnke). Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1. Aufl. 2000. ISBN 3-51858298-4.

Donnerstag, 21. April 2011

Asylum ignorantiae

“Die Scholastiker haben ein Axiom: Ein Philosoph darf sich nicht auf Gott berufen, ‘Non est philosophi recurrere ad Deum’; sie nennen einen solchen Rückgriff ‘das Asyl der Unwissenheit’. In der Tat, was kann absurder sein, als in einem naturwissenschaftlichen Werk zu sagen, ‘Die Steine sind hart, das Feuer heiß, die Kälte läßt die Flüsse zufrieren, weil Gott es so gewollt hat.’”

Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch. Zweiter Teil der Auswahl. Übersetzt und herausgegeben von Günter Gawlick und Lothar Kreimendahl. Felix Meiner Verlag Hamburg 2006. ISBN 13-978-3-7873-1786-8. S. 98.

Die Situationslogik ist ähnlich wie im Theater, wo schlechten Schauspieldichtern nichts Besseres einfällt, als die dramatischen Verwirrungen durch die Erscheinungen eines Gottes von hoch dadroben (deus ex machina) zu einem Happy End aufzulösen. Dieses Faible für einen Deus ex machina gibt es auch bei obrigkeitsgläubigen Wählern.

Methodologisch gesehen handelt es sich beim asylum ignorantiae um eine Pseudo-Erklärung. Abstrakt genommen wird hier zu Erklärungszwecken ein undefiniertes Konzept eingesetzt ("Gott"), und zwar "ad hoc". Wir bekommen also in diesem untauglichen Erklärungsversuch nichts weiter geliefert als ein bloßes Wort (das man genauso gut durch ein anderes Wort ersetzen könnte, zum Beispiel: "Teufel", "die Welt", "Wallstreet", die "Juden", die Bolschewisten", das "Finanzkapital", "der "Weltmarkt", ...). Der Hauptfehler besteht darin, dass mit diesem Wort eher eine erklärende Theorie angedeutet wird, die aber nicht ausgeführt wird, so dass man den Wahrheitsgehalt von deren Behauptungen unabhängig vom fraglichen Anwendungsfall auch in anderen Fällen nachprüfen könnte. Der Begriff des "asylum ignorantiae" beweist, dass die Kritik an Wortemacherei nicht erst seit logischem Positivismus und Popper in der Welt ist, sondern dass auch Scholastiker kritisch genug waren. Freilich durffte man nicht offen die religiöse Hegemonie der Kirche in Frage stellen, wenn man nicht seine Bücher oder sich selbst verbrannt sehen wollte.(1)

Dieser allgemein wissenschaftstheoretische Hintergrund ist allerdings nicht das ganze Spiel. Mit dem Begriff "asylum ignorantiae" wurde geistesgeschichtlich gesehen als Kritikargument die Trennung zwischen Philosophie und Theologie ins Spiel gebracht. Gemäß Hans Alberts Kritik am Territorialverhalten von Wissenschaftlern geht es beim wissenschaftlichen Erklären aber um die betreffenden Problemstellungen, nicht jedoch um die Fachgrenzen, die sich wissenschaftsgeschichtlich gesehen herausgebildet haben, oder die angebliche Autonomie von Fachwissenschaften. Disziplingrenzen sollten per se nicht als Gegenargument zuzulassen sein; es sei denn, es handele sich dabei um einen Nachweisversuch, dass es sich in der jeweils vorliegenden Frage um Unterschiede in der Problemauffassung selbst handele, d.h. mit anderen Worten, um sachlich verschiedene Probleme (Etwa in der Theologie und in der Naturwissenschaft. Offensichtlich differieren diese beiden "Wissenszweige" zumindest in den von ihnen üblicherweise angewandten Methoden. Während die Naturwissenschaften stark auf Experimente vertrauen, so setzen die Theologen, wenn sie nicht ausgesprochene Magier sind, die Geister beschwören, eher auf die geheiligte Routine von Ritualen.).

(1) „Was die gelegentlich recht weit getriebenen philosophischen Reflexionen betrifft, so glaube ich nicht, daß eine Entschuldigung für sie erforderlich ist. Denn da sie nur die Absicht haben, den Menschen davon zu überzeugen, daß der beste Gebrauch, den er von seiner Vernunft machen kann, darin besteht, seinen Verstand unter den Gehorsam des Glaubens gefangen zu nehmen, dürften sie eine Danksagung der theologischen Fakultäten verdienen.“ (Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch. Zweiter Teil der Auswahl. Übersetzt und herausgegeben von Günter Gawlick und Lothar Kreimendahl. Felix Meiner Verlag Hamburg 2006. ISBN 13-978-3-7873-1786-8. S. 45.)

Bayles Formulierungen liefern insofern auch interessante Belege für die Sklavensprache, der sich zu allen Zeiten auch kritische Geister befleißigen mussten, um nicht unter die Räder der Zensur zu kommen. (Nur) die Gedanken (des Lesers) sind frei!

Heute ist das die "öffentliche Meinung" in Form von Gatekeepern und Verlegern, die insbesondere unter der Aufsicht der Werbeindustrie agieren. Die scheinbare Freiheit im Internet hängt ökonomisch stark von den Einnahmen aus Werbung ab. Eine Gegenkultur wurde kommerzialisiert.

Montag, 18. April 2011

Die offene Gesellschaft und ihre falschen Propheten

1. Die offene Gesellschaft und ihre falschen Propheten (Download)
2. Von Fallibilisten und Popperizisten
3. Ist Poppers Sozialphilosophieren fallibilistisch?
4. Das Elend des Popperizismus
5. Fallibilismus vs. Fundamentalismus
6. Theorienpluralismus
7. Theorienvergleich
8. Wissenschaft und Methodologie
9. Abgrenzung von Wissenschaft ist Pseudowissenschaft
10. Pseudo-Erklärung
11. Dogmatismus
12. Vom Wert der Klassiker
13. Zur Epidemiologie der Hegel-Phobie
14. ad hominem
15. Die aristotelischen Wurzeln des Hegelianismus
16. Bei Definitionen kämpft Popper gegen Orakeln
17. Essentialismus
18. Was ist Wirklichkeit wirklich?
19. Scholastizismus
20. Romantizismus
21. Vulgarisierung
22. Dialektik für Popper
23. Versuch und Irrtum
24. Problem
25. Poppers Logizismus
26. Dialektik bei Marx
27. Arbeitswerttheorie
28. Marxismus
29. Sankt Popper
30. Historizismus
31. Wir wissen nicht, was wir noch wissen werden
32. Prognose
33. Utopismus
34. piecemeal engineering
35. Vorsehungsglaube und Teleologie
36. Self-fulfilling prophecy
37. Ergodizität
38. Revolutionsprognosen
39. Katastrophenökonomie
40. Globalismus
41. Saysches Theorem
42. Kasino-Kapitalismus
43. Offene Gesellschaft
44. Rassismus
45. Totalitarismus
46. Finanzsoziologie

Heritage Foundation

Die Heritage Foundation ist eine neo-konservative Denkfabrik, die Reaganomics fabriziert.

US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman nennt die haushaltspolitische Expertise der Neokonservativen eine Schande für die Wissenschaft. Die Republikaner lebten in einer anderen Welt. Insbesondere glaubten sie noch immer an das Axiom der Reaganomics, dass Steuersenkungen für Milliardäre das inländische Wirtschaftswachstum beflügeln könne und so die Steuerausfälle ausgleichen könnten. Krugman ruft den US-Präsidenten dazu auf, mit derlei Parteiideologie sachgemäß und unversöhnlich zu verfahren und keine faulen Kompromisse zu schließen.

"When the proposal was released, it was praised as a “wonk-approved” plan that had been run by the experts. But the “experts” in question, it turned out, were at the Heritage Foundation, and few people outside the hard right found their conclusions credible. In the words of the consulting firm Macroeconomic Advisers — which makes its living telling businesses what they need to know, not telling politicians what they want to hear — the Heritage analysis was “both flawed and contrived.” Basically, Heritage went all in on the much-refuted claim that cutting taxes on the wealthy produces miraculous economic results, including a surge in revenue that actually reduces the deficit.

By the way, Heritage is always like this. Whenever there’s something the G.O.P. doesn’t like — say, environmental protection — Heritage can be counted on to produce a report, based on no economic model anyone else recognizes, claiming that this policy would cause huge job losses. Correspondingly, whenever there’s something Republicans want, like tax cuts for the wealthy or for corporations, Heritage can be counted on to claim that this policy would yield immense economic benefits."
Paul Krugman: Let’s Not Be Civil. The New York Times, 17. April 2011.

Instruktiv diese politische Ortsbestimmung von "neo-konservativ" in einem US-Wörterbuch:

"NEO-CONSERVATIVE. The exact opposite of a conservative. Neo-conservative are the Bolsheviks of the Right. Like the Bolsheviks, they appear in restrainend groups driven by a simple ideology. They seek practical ways to achieve real power in order to make revolutionary changes. These 'practical ways' usually involve creating a misunderstanding over the 'revolutionary changes' to follow.

The first step in the advancement of a Bolshevik movement is the establishment of intellectual respectability. (...)

It is not unreasonable to place thema among the last true MARXISTS, since they believe in the inevitability of class warfare, which they are certain they can win by provoking it while they have power."

John Ralston Saul: The Doubter's Companion. A Dictionary of Aggressive Common Sense. The Free Press New York, London, Toronto, Sydney, Tokyo, Singapore. 1994. ISBN 0-7432-3660-2.

Freitag, 8. April 2011

Die aristotelischen Wurzeln des Hegelianismus



Ich werde Popper im Folgenden nur insoweit behandeln, als seine Fassung des Historizismus seine Hegel-Legende vorführt und insoweit den Popperizismus um ein weiteres Thema bereichert hat. Wenn wir uns darauf beschränken, hier nur seine „Die aristotelischen Wurzeln des Hegelianismus“ zu behandeln, so bedeutet das keinen so großen Verlust, wie das auf den ersten Blick scheinen könnte. Denn Popper war trotz seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und seines überraschend weiten Gesichtskreises kein besonders origineller Denker. Was er der politischen Philosophie hinzufügte, war hauptsächlich eine mehr oder minder zusammengeraffte Darstellung und ein brennendes Interesse an der Widerlegung des Marxismus. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß er der Autor der „Logik der Forschung“ ist; und dafür, wie auch für seine anderen Errungenschaften, verdient er voll und ganz, was Aristoteles zu erlangen hoffte: unseren Dank und unsere Nachsicht mit seinen Unzulänglichkeiten. Aber für Leser und Bewunderer Hegels sind diese Unzulänglichkeiten leider schwer zu übersehen. (Meine Paraphrasierung von Popper (1) mit einigen kleinen Änderungen; so wurde zum Beispiel aus „Aristoteles“ = „Popper“ und „Platon“ = „Hegel“.)

Aristoteles war kein Historizist, aber ein Essentialist. (2) Hegel gebührt das Verdienst, aus dem aristotelischen Essentialismus den neuzeitlichen Historizismus geschaffen zu haben. (3)

„Wir können drei historizistische Lehren unterscheiden, die direkt aus dem Essentialismus des Aristoteles folgen.
(1) … Prinzip, daß wir nur durch die Anwendung der historischen Methode, durch das Studium sozialer Veränderungen, eine Kenntnis von sozialen Wesenheiten oder Essenzen erlangen können.
(2) (…) Diese Lehre führt zur historizistischen Idee eines geschichtlichen Fatums oder eines unentrinnbaren wesenhaften Geschicks; denn Hegel zeigte später, „daß das, was wir Prinzip, Endzweck, Bestimmung … genannt haben“ nichts anderes ist als „das nicht vollständig wirkliche Innere“. (…)
(3) Um real oder aktual zu werden, muß sich die Essenz in der Veränderung entfalten. Diese Lehre nimmt später bei Hegel die folgende Form an: „Was an sich ist, ist eine Möglichkeit, ein Vermögen, aber noch nicht aus seinem Inneren zur Existenz gekommen. Es muß ein zweites Moment für die Wirklichkeit hinzukommen, und das ist Betätigung.“ Wenn ich als ‚zur Existenz‘ kommen will (…), dann muß ich ‚etwas zur Tat und zum Dasein bringen‘. Diese noch immer sehr populäre Theorie führt, wie Hegel klar sieht, zu einer neuen Rechtfertigung der Theorie der Sklaverei. Denn Selbstbehauptung bedeutet in bezug auf andere Menschen den Versuch, sie zu beherrschen. Und Hegel zeigt wirklich, daß sich auf diese Weise alle persönlichen Beziehungen auf die Grundbeziehung Herr – Sklave, Beherrschung – Unterwerfung reduzieren können. Jedermann muß danach streben, sich selbst zu behaupten und zu beweisen, und wer nicht die Natur, den Mut, die allgemeine Fähigkeit besitzt, seine Unabhängigkeit zu erhalten, der muß zur Knechtschaft gezwungen werden. Diese bezaubernde Theorie persönlicher Beziehungen hat natürlich ihr Gegenstück in Hegels Theorie der internationalen Beziehungen. Nationen müssen sich auf der Bühne der Geschichte behaupten; es ist ihre Pflicht, die Weltherrschaft anzustreben.
Alle diese weitreichenden historizistischen Konsequenzen, die wir im nächsten Kapitel von einer anderen Seite aus erreichen werden, schlummerten für mehr als zwanzig Jahrhunderte ‚verborgen und unentwickelt‘ in der Wesenslehre des Aristoteles.“ (4)
Aus dem Essentialismus entschlüpft nicht nur der Historizismus, sondern auch eine theoretische Rechtfertigung der Sklaverei. Ob dieser Kaninchentrick Hegel oder Popper (oder beiden) wie gelungen ist, versuche aufgrund der Popperschen Zitate nachzuvollziehen, wer kann. Wer aber Popper hier eine wissenschaftlich kompetente Hegel-Exegese zutraut, ist selber schuld:
„Ich muß daher den Leser daran erinnern, daß das, was ich hier zu geben versuche, nicht mehr ist als einige verstreute Bemerkungen, die den geschichtlichen Hintergrund der modernen Formen dieser Idee beleuchten sollen.“ (5)

„Die Historiker sehen oft keine andere Interpretation, die so gut auf die Tatsachen paßt, wie ihre eigene; …“ (6) – „Das bedeutet aber nicht, daß alle Interpretationen oder Geschichtsauffassungen gleich verdienstvoll sind.“ (7)

In der Welt 3 gibt es nach Poppers Vorstellung ein objektives Wesen namens „Essentialismus“, das Jahrhunderte lang geschlafen hat, um dann den modernen „Historizismus“ zu gebären. Das ist Schicksal, beziehungsweise objektive Logik gemäß Popper. Wieso er aber dies „Geschichte“ nennt?! Da könnte Popper wohl nur Hegel helfen; zumindest hatte dieser eine Theorie, wie aus Ideen Wirklichkeit wird. Popper weiß das nicht; er nimmt lediglich an, dass zwischen seinen Welten irgendwelche Beziehungen herrschen. (8)

Daher seufzende Bemerkung gleich zu Beginn:
„Eine Geschichte der Idee des Historizismus und seines Einflusses auf die totalitäre Staatstheorie zu schreiben ist eine Aufgabe, die hier nicht einmal begonnen werden kann.“ (9)
Tollkühn daher aber dieser Marx mit seinem Verlangen, von „wirklichen Individuen“ in einer historischen Situation auszugehen. (10) Das hätte ja bedeutet, dass Popper tatsächlich eine empirische Untersuchung hätte starten müssen, um herauszufinden, inwieweit Stalin und Hitler wirklich Hegel gelesen und wie verstanden haben und wie sich das praktisch in der Weltgeschichte ausgewirkt hat. Solche feine Rücksichten darf man von einem Philosophen wie Popper gewiss nicht erwarten.

Aber schon, dass er Zitate genau belegt und so interpretiert, was ihr Wortlaut genau hergibt. (11) Was Popper aber von Hegel zitiert, ergibt im Kopf des gemeinen Lesers schlechthin nicht das, was Hegel angeblich nach Popper meint. Nun weiß man jedoch spätestens seit Popper, dass Tatsachen auch nicht das sind, was der gemeine Menschenverstand meint, dass sie es sind. Sie sind immer das, was wir aufgrund unserer theoriegetränkten Erwartungshaltung in ihnen zu sehen glauben. So wollen wir Popper hier auch nicht abstreiten, dass er in den von ihm beigebrachten Zitaten das liest, was er darin zu lesen glaubt. Aber wie er selbst einräumt, kann man ja auch andere Interpretatonstheorien haben. Leider erspart uns Popper das heikle Vergnügen, seine eigene Interpretation gegen Alternativen systematisch zu testen. Es geht ihm hier ja auch nur darum, seine persönlichen Eindrücke von Hegel zu schildern. Und wer möchte jemand deswegen persönlich verdammen, dass er dazu Hegel nicht zu Ende gelesen oder nicht viel davon verstanden und profitiert hat?

Herbert Keuth, mehr in formaler Logik und in Popper als in Philosophiegeschichte beschlagen, meint gegenüber Kaufmanns Kritik an Poppers Exegese-Künsten, ob Hegels Vorstellung von einem vorherbestimmten Plan der Weltgeschichte nicht schon zu Hegels Lebzeiten falsch gewesen sei.
„Und könnte ihre Verbreitung nicht, wie Popper vermutet, politisches Unheil angerichtet haben? Von Hegels Einfluß auf deutsche Intellektuelle hat ja noch die Geschichtsphilosophie der hegelmarxistischen ‚Frankfurter Schule‘ profitiert.“ (12)
Man beachte: Für Keuth sind also die Erfinder von Theorien für deren Verwendung durch andere Personen verantwortlich, sogar dafür, was andere aus diesen Ideen gemacht haben. Und dass am Ende so etwas wie eine Frankfurter Schule dabei herausgekommen ist, wirft freilich ein ganz schlimmes Licht auf Platon und Aristoteles. Übrigens haben auch die Kirchenväter daraus ganz eigenartige Ideen geschöpft, und man weiß ja, wie Kirchenleute sich bis heute aufführen! – Was ist eigentlich aus Poppers Ideen geworden? George Soros?! Helmut Kohl?!

Keuths Kritikversuch entpuppt sich ganz schnell als eine ganz sonderbare Geschichtsphilosophie, mit einer eigenen Art von Essentialismus: An ihren Enkelkindern werdet ihr sie erkennen!

Keuth vermeldet auch unter Bezugnahme auf Agassi, dass Poppers Bestseller die Auszeichnung der American Political Science Association erhielt als ein Buch, das mehr als zwei Jahrzehnte im Druck war. (13) Aber was soll’s, Aristoteles war viel länger im Druck, und war nach Poppers Bekunden auch kein besonders origineller Kopf. Popper wusste wohl selbst am besten, was er von seinem eigenen Bestseller zu halten hatte; hat er ihn denn nicht selbst als „unwissenschaftlich“ bezeichnet und ihn dennoch ständig, dem Publikum zuliebe, zu verbessern gesucht.

Eine Tradition ist erst einmal eine Quelle mannigfaltiger Vorurteile. So sprach schon mal ein Aufklärer, der früh aufgestanden war.

„Ist also dieses Zeugnis von keiner Erheblichkeit, wie ich es gezeigt habe und im Folgenden noch deutlicher zeigen will, so wird man die Menge der Stimmen, die darauf gegründet ist, nicht mehr zählen dürfen.“ (14)
Über die Wahrheit einer Theorie kann also nicht durch Abstimmung entschieden werden, schon deshalb nicht, weil bei solchen Abstimmungen die meisten gar nicht selbst prüfen, sondern bei ihrem Urteil sich von dem Urteil angeblicher Experten leiten lassen.
„Warum können wir doch das nicht sehen, was in dem Verstand der Menschen vorgeht, wenn sie eine Meinung erwählen? Ich bin überzeugt, wenn das geschehen könnte, so würde man gewahr werden, wie der Beifall so vieler tausend Leute sich nur auf das Ansehen zweier oder dreier Personen bezieht, welche einen Lehrsatz bekanntmachen. Man glaubt, daß sie denselben genau und gründlich geprüft haben. Durch das Vorurteil von ihrer Geschicklichkeit werden andere davon überredet. Diese überreden wiederum andere, die ihrer natürlichen Trägheit halber geneigter sind, alles, was man ihnen vorsagt, zu glauben, als mühsam zu untersuchen. (…) Endlich treibt uns die Not, daß man das glaubt, was alle Welt für wahr hält, weil man sonst befürchten müßte, man möchte für einen Störenfried gehalten werden, der für sich allein mehr wissen wollte als alle anderen und kein Bedenken trüge, dem ehrwürdigen Altertum ins Angesicht zu widersprechen. Und dieses geht so weit, daß man sich endlich eine Ehre daraus macht, daß man nichts mehr untersucht, sondern alles auf die gemeine Sage ankommen lassen habe.“ (15)
So ist in dürren Worten erklärt, wie der Popperizismus zu hohen Auflagen und die Hegel-Legende zu ihrer Zählebigkeit kommt. Und wer diese Geschichte nicht glaubt, der studiere einfach hierzu die Welt-3 am leicht zugänglichen Objekt der Wikipedia.

(1) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 6.
(2) „Aristoteles, der ein Historiker eines enzyklopädischen Typus war, leistete keinen direkten Beitrag zum Historizismus“. (Popper, II, S. 13)
(3) „Hegel, die Quelle des Historizismus unserer Zeit, war ein direkter Nachfolger von Heraklit, Platon und Aristoteles.“ (Popper, II, S. 35)
(4) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 13f.
(5) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 6.
(6) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 312.
(7) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 313.
(8) William Berkson, John Wettersten, Lernen aus dem Irrtum. Die Bedeutung von Karl Poppers Lerntheorie für die Psychologie und die Philosophie der Wissenschaft. Mit einem Vorwort von Hans Albert, Hamburg 1982.
(9) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 6.
(10) „Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ (MEW 3:20)
(11) Walter Kaufmann: The Hegel Myth and Its Method. In: From Shakespeare to Existentialism. Princeton University Press, Princeton N. J. 1980. ISBN 0-691-01367-5.
Dt. Übersetzung: Walter Kaufmann: Hegel: Legende und Wirklichkeit. In: Zeitschrift für philosophische Forschung Band X, 1956, 191–226.
(12) Herbert Keuth: Die Philosophie Karl Poppers. UTB 2156. Mohr Siebeck Tübingen 2000. S. 273.
(13) Herbert Keuth: Die Philosophie Karl Poppers. UTB 2156. Mohr Siebeck Tübingen 2000. S. 244.
(14) Pierre Bayle [Johann Christoph Gottsched (Übers.), Johann Christoph Faber (Hrsg.)]: Verschiedene einem Doktor der Sorbonne mitgeteilte Gedanken über den Kometen, der im Monat Dezember 1680 erschienen ist (= Reclams Universal-Bibliothek, Band 592). Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1975. S. 43.
(15) Pierre Bayle [Johann Christoph Gottsched (Übers.), Johann Christoph Faber (Hrsg.)]: Verschiedene einem Doktor der Sorbonne mitgeteilte Gedanken über den Kometen, der im Monat Dezember 1680 erschienen ist (= Reclams Universal-Bibliothek, Band 592). Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1975. S. 44.

Donnerstag, 7. April 2011

Poppers Utopismus-Kritik

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Unter „Utopismus“ verstand Popper den Versuch:
1. eine Tabula rasa herzustellen, d.h. alles auszuwischen, insbesondere was man von Tradition und Geschichte weiß oder sonst wie vorhanden ist und so hernach
2. eine Utopie zu konstruieren, d. h. völlig losgelöst von historischen Erfahrungen oder praktischen Erwägungen eine neue Gesellschaftsordnung zu entwerfen. (1)

Die damit angesprochene Verfahrensweise des Utopismus entspricht völlig der des klassischen Rationalismus, insbesondere dem Kantschen Apriorismus; nicht aber der Methode Hegels, die eine kritische Alternative zu Kant entwickelt hat, und keinesfalls dem Ansatz Marxens, der Hegels Dialektik zu einer materialistischen Praxis wendet, die von in einer historischen Situation „wirklichen“ Individuen“ ausgeht. (2)

Dies zu konstatieren ist gewiss nicht ohne Ironie; denn Popper selbst folgt (trotz des von ihm verkündeten Fallibilismus) hierbei grundsätzlich der nämlichen Methode Kants. Im Grunde geht jede Modellmethode diesen Weg; insbesondere aber jede vertragstheoretische Argumentation, wie sie bis heute noch beliebt und im Schwange ist. (3) Wenn auch Marx im „Kapital“ streckenweise der Modellmethode Ricardos folgt, so nicht, ohne dies soziologisch und historisch mit „Anfangsbedingungen“ zu unterfüttern und dialektisch in seine Konstruktion der Totalität einzubinden, womit er den Gefahren des Ricardian vice zu entgehen sucht.

Doch wenn Popper zum Beispiel seine Methode der Stückwerks-Technik der utopistischen Sozialtechnik gegenüberstellt, so tut auch er das völlig im luftleeren Raum, also auf einer tabula rasa, die explizit von allen historischen, empirischen oder Situationsinformationen und Erwägungen gereinigt und hygienisch keimfrei ist. Die einzige dominante Überlegung, der Popper dabei nachgeht, ist hierbei die, dass kleine Schritte (immer und überall!) ungefährlicher seien als große. Die Wahrheit einer solchen Trivialität kann man indessen bestreiten, und das hat so manch einer wirklich getan und tatsächlich auf sich genommen. (4)

Übrigens ist Poppers Alternativradikalismus (5), den er in seiner dualistischen Kategorienbildung (ebenso wie Talcott Parsons' pattern variables!) Kants Kategoriendualismus verpflichtet. Man führt diese Darstellungsweise oft auf den Manichäismus zurück. Die Problematik ist somit längstens und hinlänglich bekannt, spätestens seit Hegel. So ist hierzu die Parodie des Junghegelianers Bruno Bauer köstlich zu lesen. (6)

In der Utopiekritik hat Popper selbstverständlich auch schon Vorgänger, nämlich in Marxens und Engels' Kritik des utopischen Sozialismus. Es wird wohl schwer fallen, herauszufinden, was Popper hier Neues erfunden hat, außer dass er diese Kritik an Marx selber gerichtet hat und seinen Namen darunter gesetzt.(7)

Es ist bei diesem Problem jedoch wie bei so vielen anderen: Marx konstruiert hierbei nicht im luftleeren Raum, sondern setzt mit seiner theoretischen Arbeit bei einem Text eines anderen Autors an, den er manchmal sogar erst einmal exzerpiert, um dann am konkreten Fall argumentativ Gegenpositionen zu entwickeln. Dies altbewährte Verfahren wird von kritischen Rationalisten indes noch viel zu wenig angewandt. Daran ist vermutlich der schlimme Einfluss Poppers schuld, der sich zum Kampf der Ideen und Theorien lieber selber aprioristische Pappkameraden fabriziert. So wird von ihm fast frei von jeglichen Belegstellen in der Literatur ein Pappkamerad „Historizismus“ erfunden, der dann genau so belegfrei mit Marxismus oder anderem identifiziert zu werden pflegt. Dieses treffliche Verfahren wird dann auch noch dreist dazu verwendet, Marx unwissenschaftliches Vorgehen zu attestieren.

Es ist schließlich eine besondere popperizistische Unsitte, bei der Darstellung Popperscher Lehrstücke kritiklos und unbesehen der Popperschen Selbstdarstellung zu folgen, oder deren Trivialität, wo es stellenweise möglich erscheint, noch zu übertreffen. So hält man gewöhnlich, Popper nachplappernd, das piecemeal engineering für eine Übertragung des Falsifikationismus auf das Gebiet strategischen Handelns. Wenn man aber wirklich über Poppers Axiome nachdenkt, so müsste man aus der Lerntheorie des Versuchs und Irrtums (8) und dem Fallibilismus (9) eigentlich folgern, nicht dass man utopisches Denken verdammte, sondern fördern sollte. Wie beim Brainstorming müssen Alternativen erst erfunden werden, bevor man sie per Kritik massakrieren kann. Poppers Utopismuskritik ist daher eher unter die Fälle zu rubrizieren, wo ein Philosoph seine eigene Methode (bzw. Position) nicht versteht (bzw. nicht handzuhaben weiß). Übrigens hält Popper in seiner Darstellung und bei seiner Evaluation die Frage der Wahrheit von Theorien von der Frage ihrer praktischen Umsetzbarkeit nicht gebührend auseinander.

1) Hans-Joachim Niemann: Die Utopiekritik bei Karl Popper und Hans Albert. Aufklärung und Kritik, Nr. 1, S. 1-13 (1994).
2) Alan Swingewood: Marx and Modern Social Theory. Titree, Essex 1975. / John McMurtry: The Structure of Marx’s World-View. Princeton University Press, Princeton, N.J. 1978.
3) Hartmut Esser, Klaus G. Troitzsch: Modellierung sozialer Prozesse. Informationszentrum Sozialwissenschaften, Bonn 1991. ISBN 3-8206-0075-2. ISSN 0934-5469.
4) Gorol Irzik: Popper's Piecemeal Engineering: What is Good for Science is not always Good for Society, The British Journal for the Philosophy of Science, vol. 26, 1985: 1-10. (Reprinted in Karl Popper: Critical Assessments of Leading Philosophers (ed). A. O’Hear, vol. IV, Routledge, 2004.)
5) Ausdruck von Hans Albert
6) Bruno Bauer: Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel, den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum. Leipzig 1841 (Neudruck: Aalen 1969)
7) „Die moderne Socialdemokratie setzt ihren Stolz darin, den socialistischen Utopismus theoretisch überwunden zu haben, und soweit die Zukunftsstaatsmodelei in Betracht kommt, unzweifelhaft auch mit Recht. Kein zurechnungsfähiger Socialist schreibt heute Zukunftsbilder in dem Sinne, dass durch sie der Menschheit gesagt werden soll, so und nicht anders darf es sein, wenn vollkommenes Glück auf Erden herrschen soll, hier das Recept, das am schnellsten und sichersten zum gewünschten Ziele führen wird. Was socialistischerseits an Zukunftsspeculationen heute noch vorgebracht wird, sind entweder Versuche, den wahrscheinlichen Gang der Entwicklung zur socialistischen Gesellschaftsordnung in allgemeinen Umrissen zu skizzieren, oder mit mehr oder weniger Talent entworfene Gemälde eines socialistischen Gesellschaftszustandes, die nichts als Phantasiebilder zu sein beanspruchen. Auch da kann noch mancher utopistische Gedanke mit unterlaufen, aber die eigentliche Utopie, die mit dem Anspruch auftritt, „Recept für die Garküche der Zukunft zu sein“, kann als ausgestorben betrachtet werden.
Es giebt indes noch eine andere Art Utopismus, der leider nicht ausgestorben ist. Dieser besteht in dem entgegengesetzten Extrem des alten Utopismus. Man vermeidet ängstlich alles Eingehen auf die zukünftige Gesellschaftsorganisation, unterstellt aber dafür einen jähen Sprung von der capitalistischen in die socialistische Gesellschaft. Was in der ersteren geschieht, ist alles nur Flickerei, Palliativ und „capitalistisch“, die Lösungen bringt die socialistische Gesellschaft, wenn nicht in einem Tage, so doch in kürzester Zeit. Ohne an Wunder zu glauben, unterstellt man Wunder. Es wird ein grosser Strich gemacht: hier die capitalistische, dort die socialistische Gesellschaft.“
Eduard Bernstein: Utopismus und Eklekticismus. (1896).
8) William Berkson, John Wettersten: Lernen aus dem Irrtum. Die Bedeutung von Karl Poppers Lerntheorie für die Psychologie und die Philosophie der Wissenschaft. Mit einem Vorwort von Hans Albert, Hamburg 1982 / John R. Wettersten: The Roots of Critical Rationalism. Amsterdam Atlanta, GA 1992.
9) W. W. Bartley, III: Flucht ins Engagement, Tübingen 1987 (zuerst: La Salle, Ill. 1962).

Samstag, 2. April 2011

Sankt Popper



humanitas

"If we study the classical works of Greek ethics, for instance Aristotle’s ‘Nicomachean Ethics’, we find a clear and systematic analysis of the different virtues, of magnanimity, temperance, justice, courage, and liberality, we do not find the general virtue called ‘humanity’ (humanitas). Even the term seems to be missing from the Greek language and literature. The ideal of humanitas was first formed in Rome; and it was especially the aristocratic circle of the younger Scipio that gave it its firm place in Roman culture. Humanitas was no vague concept. It had a definite meaning, and it became a formative power in private and public life in Rome. It meant not only a moral but also an esthetic ideal; it was the demand for a certain type of life that had to prove its influence in the whole of man’s life, in his moral conduct as well as in his language, his literary style, and his taste. Through later writers such as Cicero and Seneca this ideal of humanitas became firmly established in Roman philosophy and Latin literature."

Ernst Cassirer: The Myth of the State. Gesammelte Werke, Band 25 (ECW25). Meiner 2007. S. 101.

Cassirer gibt noch folgende Literaturhinweise:
Richard Reitzenstein: Werden und Wesen der Humanität im Altertum. Straßburg 1907.
Richard Harder: Die Einbürgerung der Philosophie in Rom. Die Antike. Zeitschrift für Kunst und Kultur des klassischen Altertums, 5 (1929), S. 291-316;
idem: Nachträgliches zu Humanitas. Hermes, 69 (1934), S. 64-74.

(vgl. Wolfgang Schadewaldt, Humanitas Romana. )

Der Begriff erscheint mir möglicherweise erhellend im Hinblick auf die Behandlung der Frage nach dem Status der Sklaven, wie sie etwa noch von Aristoteles behandelt wurde. Popper in seiner "Offenen Gesellschaft" scheint mir Aristoteles hierbei in seiner typisch anachronistischen Weise deswegen zu verdammen. Popper bringt hierbei zudem noch Rassentheorie und Rassismus ins Spiel, welche Zusammenhänge im Einzelnen genauer zu analysieren wären.

Der Begriff zieht historische Weiterungen nach sich im Hinbick auf den Humanismus der Renaissance und dann auch noch späterhin in der Herausbildung der bürgerlichen Bildung und Kultur.

Glaube und Wissen

"Ähnlich wie einerseits im Kritischen Rationalismus, andererseits in der Scholastik wird in heutiger Philosophie und Theologie auch Glaube und Wissen stärker in Beziehung gesetzt. So schreibt der Wissenschaftsphilosoph Wolfgang Stegmüller. Danach muß man nicht das Wissen beseitigen, um dem Glauben Platz zu machen. Vielmehr muß man bereits etwas glauben, um von Wissen und Wissenschaft reden zu können. Die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils begründet eine Kohärenz der „Wirklichkeiten des profanen Bereichs und des Glaubens“[7] mit dem Ursprung in einem Gott."
wikipedia.de, 2. April 2011.

Wer dieser Wikipedia-Darstellung folgt, muss annehmen, dass die heutige Philosophie wieder auf den Stand der mittelalterlichen Scholastik zurückgefallen ist, und zwar hinter die Positionen der Aufklärung (Descartes, Spinoza, Leibniz).

"No scholastic thinker ever seriously doubted the absolute superiority of the revealed truth. In this regard the dialecticians and theologians were unanimous.[…] The “autonomy” of reason was a principle quite alien to medieval thought. Reason cannot be its own light; in order to perform its work it needs a higher source of illumination. In this respect the Augustinian theory of the magisterium Dei never lost its authority upon the minds of the medieval thinkers. Here too we can trace medieval thought to its historical origin in prophetic religion. Augustine had quoted the saying of Isaiah: […] “ If ye [do] not believe […] ye [will not understand].”"

Ernst Cassirer: The Myth of the State. Gesammelte Werke, Band 25 (ECW25). Meiner 2007. S. 93.

Ein vergleichbares Argument wird auch von Vertretern der Inkommensurabilitätsthese oder hermeneutischer Philosophie vorgebracht: Man könne ein bestimmtes philosophisches System nur verstehen, wenn man sich auf einen Standpunkt innerhalb des Systems stelle, also dessen Voraussetzungen und Ansichten auch akzeptiere.

Helmut Spinner: Wo warst du, Platon? Ein kleiner Protest gegen eine "große Philosophie". Soziale Welt, 18, 1967, S. 144ff; ders.: Wege und Irrwege der Wissenschaft. 20, Soziale Welt, 1969.

Das Problem: die Grenzen der Rationalität. Wie lassen sie sich bestimmen, ohne den Gegnern der Rationalität Schützenhilfe zu leisten?

Donnerstag, 31. März 2011

Katastrophen-Ökonomie




Georg Zachmann (BRUEGHEL) analysiert die Gemeinsamkeiten der Finanzkrise und der japanischen Nuklearkatastrophe. Seine Thesen im Einzelnen:

(1) In komplexen Systemen sind die Ereigniswahrscheinlichkeiten extrem schwer zu berechnen; umso schwieriger, wenn mehrere Ereignisse gemeinsam auftreten.

Meine Kritik: Der grundlegende Fehler der herrschenden Ökonomie besteht schon darin, sich auf Risikoberechnungen allein zu verlassen. Es gibt Neues in der Geschichte. Auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung setzt wie der herkömmliche „Determinismus“ auf absolute Gleichförmigkeit der kausalen Zusammenhänge. Näheres siehe „Handeln unter Ungewissheit“ („Ergodizität“) bei Paul Davidson.

Die Modell-Methode ist in den Sozialwissenschaften unverzichtbar. Das darf aber nicht zu Modell-Verliebtheit führen (Modellplatonismus), indem von Modellaussagen unmittelbar in die politische Wirklichkeit bei der historischen Umsetzung gesprungen wird. In dieser Anwendungskritik allein enthält Poppers Historizismuskritik einen rationalen Kern. Wenn man in diesem Sinne von Historizismus oder Utopismus sprechen will, so darf sich derlei Kritik nicht allein auf Marxisten beziehen (oder als "ricardian vice" auf David Ricardo), sondern in noch viel höherem Maße auf die herrschenden Ökonomen und deren klaffendem Widerspruch zwischen abstrakter Modellschreinerei und keineswegs wertfreier „Politikberatung“.

So hat zum Beispiel der „Wirtschaftsweise“ Wolfgang Franz derzeit die Option zwischen dem Aufsichtsrat von EnBW und bei Ernst & Young. Die Verstrickung von Wirtschaft und Wissenschaft ist gewiss schön für Franz, aber schlecht für Wissenschaft als die Suche nach der wirklichen Wahrheit. Popper hat Platons Ideal der Philosophen als Könige kritisiert. Wie steht es aber um die ökonomischen "Experten" als Manager und Politiker?!

(2) Die Katastrophe hat eine Schadenskette zur Folge, die nationale Grenzen überschreitet. Der Nutzen einer Schadensvorsorge und –begrenzung stößt jedoch auf nationale Unterschiede, die unterschiedliche Anreizstrukturen zum entschlossenen politischen Handeln bedingen.

Das Problem ist in der ökonomischen Literatur generell bekannt unter „Erstellen eines Kollektivguts“.

(3) Dieselben nationalen Unterschiede in der Verteilung von Nutzen und Schaden erstrecken sich auch auf die Risikobeurteilung der ökonomischen und politischen Akteure.

(4) Die Regulatoren konnten das Risikoereignis nicht verhindern, sei es aufgrund von Informationsproblemen, sei es aufgrund von Machtverhältnissen.

Ein rationales Verfahren im Sinne der herrschenden Ökonomie wäre eine Pflichtversicherung aller beteiligten Investoren, die von dem individuellen Risikoprofil eines jeden Projekts ausgehen würde. Dies würde eine systemimmanente Verbesserung darstellen, aber die grundsätzlichen Bedenken im Hinblick auf die technische Beherrschbarkeit höchst ungewisser Prozesse keineswegs völlig beseitigen.

Of meltdowns and fallouts: What does the financial and the nuclear crises have in common? by Georg Zachmann on 23rd March 2011

Mittwoch, 30. März 2011

Hegel ein Proto-Nazi?!

Cassirer (2007) fällt in dasselbe Genre wie Poppers „Offene Gesellschaft“. Das heißt, es ist eines der zeitgenössischen Bücher, die das Entstehen des Totalitarismus geistesgeschichtlich erklären wollen. Damit teilt Cassirer (2007) dieselbe grundsätzliche Kritik, die man einem rein geistesgeschichtlichen Ansatz in dieser Frage entgegenhalten muss. Eine „Beeinflussung“ von Philosoph zu Philosoph und sodann zu Politiker ist empirisch-wissenschaftlich meist nicht gesichert oder auch nur die Frage des historischen Vorgangs damit erklärt. (Kann man Ideen ideengeschichtlich widerlegen?)

Doch es ist wohl Walter Kaufmann zuzustimmen, der Cassirer (2007) in Gegensatz zu Popper für ein wissenschaftliches Werk hält, das üblichen akademischen Ansprüchen an einen Gelehrten genügt.

Umso gravierender ist dann folgender Einsprengsel, der gar nicht mit Cassirers sonst differenzierter Behandlung Hegels zusammepasst:
„Unlike Novalis, Hegel is not interested in the beauty of the state but in its ‘truth’. And according to him this truth is not a moral one; it is rather ‘the truth which lies in power’. ‘Men are as foolish as to forget […] in their enthusiasm for liberty of conscience and political freedom, the truth which lies in power.” (Die Verfassung Deutschlands, S. 89) These words written in 1801, about 150 years ago, contain the clearest and most ruthless program of fascism that has ever been propounded by any political or philosophic writer.” (S. 264)
Ernst Cassirer: The Myth of the State. Gesammelte Werke, Band 25 (ECW25). Meiner 2007.

Die polemische Charakterisierung Hegels als Proto-Nazi gibt Cassirers Belegstelle weder her, noch steht diese punktuelle Charakterisierung Hegels mit der übrigen Hegel-Darstellung von Cassirer (2007) in Einklang. Sie steht so wenig in Einklang, dass Kaufmann bedenkenlos Cassirer als Antipode der Hegel-Legende anführen kann. Doch hier an der oben zitierten Stelle scheint Cassirer der Legende selbst nachgeben zu wollen, vielleicht ein unbeabsichtigt gezollter Tribut an die Epidemiologie der Hegel-Phobie.

Dass politische Prozesse von der Macht geprägt sind, das ist seit Machiavelli ein Gemeinplatz, und dieses hat Cassirer (2007) selbst am besten herausgearbeitet. An solchen Stellen rächt sich, dass derlei geistesgeschichtliche Betrachtungen keinen historischen oder empirisch-wissenschaftlichen Begriff von Totalitarismus oder Nationalsozialismus haben. Man muss sich vielmehr fragen, ob der geisteswissenschaftliche Ansatz überhaupt geeignete Instrumente bereitstellt, um sich der neuen Wirklichkeit nach 1914 zu nähern.

Es ist bezeichnend, dass Kaufmanns und Cassirers differenzierte Hegel-Lektüre nicht gehindert haben, dass die Hegel-Legende und nicht die differenzierte Hegel-Kritik heute noch verbreitet werden.
„So war auch der Nationalsozialismus eine Überwältigung des Menschen durch politische Mythen. Cassirer sah die Keime hierzu bereits im Nationalismus der Romantik und in den Ideen des Absoluten im Deutschen Idealismus gelegt, insbesondere bei Hegel, der sowohl den Gedanken der Heldenverehrung als auch den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln goutierte.“
Ernst Cassirer, Wikipedia.de, 30. März 2011.

Es gilt Greshams Gesetz: das Schlechtere setzt sich stets durch.