Freitag, 13. August 2010

4. Was soll verglichen werden?

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Wir kommen damit zu zwei völlig unterschiedlichen Fragen:

4.1 Welche Theorien bzw. theoretischen Ansätze sollen in den Kreis der Betrachtung gerückt werden?

4.2 Welche Bestandteile von Theorien bzw. eines theoretischen Ansatzes sollen miteinander verglichen werden?

4.1 Welche Theorien bzw. theoretischen Ansätze sollen in den Kreis der Betrachtung gerückt werden?

Es geht also um die Frage, wie sich eine Theorie dazu qualifiziert, von uns Ernst genommen zu werden, d.h. dass ihr die Gnade widerfährt, innerhalb unserer Debatte beachtet und zumindest vorerst einmal als möglicherweise seriöse Argumentation akzeptiert zu werden.

Opp (1978, S. 215) schlägt als methodologische Maxime vor, diejenigen Theorieansätze für einen Vergleich auszuwählen, die für die Lösung eines bestimmten Erkenntnisproblems als am fruchtbarsten beurteilt werden. Dies setzt allerdings schon die Auswahl einer bestimmten Problemstellung als vorrangig relevant voraus.

Problemstellungen ihrerseits sind allerdings schon in theoretischen Begriffen abgefasst, also dass die Relevanz von Theorien durch die Auswahl einer bestimmten Problemformulierung mehr oder minder schon präjudiziert sein wird.

Man muss hier klar sehen, dass es letzten Endes um die politische Frage der Festsetzung von Forschungsprioritäten geht. Dabei können sowohl wissenschaftsinterne wie wissenschaftsexterne Ziele und Erwägungen eine Rolle spielen.

In diesem Sinne "intern" sind Prioritätsentscheidungen, die auf Basis der Zielsetzung von Wahrheitsfindung getroffen werden. Es wird gewählt nach dem Kriterium, welche Probleme im Hinblick auf die Wahrheits- bzw. Informationsgewinnung strategisch von besonderer Bedeutung sind und daher vordringlich zu lösen sind. Gewisse Fragen sind wichtiger als andere zu beantworten, weil ihre Beantwortung den Zugang zu einer noch größeren Menge an Erkenntnissen eröffnet als vergleichsweise andere. Dieses Argument ist weit verbreitet, wenn es etwa um die Förderung von Grundlagenforschung geht.

Externe Prioritäten für Problemstellungen werden in die Wissenschaft eingeführt, wenn Wissenschaft nicht um ihrer selbst willen betrieben wird. Hier gilt es dann erst einmal die vorgeordnete Frage zu klären:

Wer verfügt über die Arbeitskraft des Forschers?

Er selbst? Die Gesellschaft? Wer ist "die Gesellschaft" indes in dem jeweils vorliegenden konkreten Fall?

Gefordert ist hier im Grunde eine politische Theorie der Demokratie, welche Wertkriterien und Relevanzgesichtspunkte zu liefern vermag, um daran die augenblickliche Situation des gesellschaftlichen Subsystems Wissenschaft messen zu können. Eingeschlossen werden müsste eine Einschätzung der jeweils gegebenen sowie der gewünschten Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Welche Mitglieder der Gesellschaft und Vertreter welcher gesellschaftlichen Gruppen an den betreffenden Entscheidungsverfahren zu beteiligen wären, ist eine der zentralen Fragen, welche eine derartige politisch-normative Theorie beantworten müsste. Die Verwendung explizit formulierter Werturteile wäre in dieser forschungspolitischen Diskussion schlechterdings nicht zu umgehen und zur Verwirklichung von möglichst großer Transparenz auch sehr wichtig. Denn ein rationaler Umgang mit Werturteilen wird dadurch am ehesten angemessen ermöglicht, dass man ihren normativen Charakter durch explizite Formulierung unmissverständlich erkennbar macht und sogar herauskehrt – eine starke Medizin gegen jeglichen Ideologieverdacht! Eine Gesellschaft, die sich als eine Demokratie versteht, sollte die Diskussion über die Prioritäten der nationalen und internationalen Forschungspolitik in breitester Öffentlichkeit führen, was vor allem heißt: in den Massenmedien sowie in den intermediären Gruppen wie Parteien und Gewerkschaften). Dabei ist zuerst einmal von einer Informations- und Rechenschaftspflicht derjenigen auszugehen, welche die Entscheidungsvollmachten über die nationalen Forschungsressourcen inne haben. In dieser öffentlichen Diskussion wären dann die Relevanzkriterien der verantwortlichen Entscheider klar und deutlich zu benennen. In diesem Rahmen muss es des Weiteren auch dem einzelnen Wissenschaftler möglich sein, um dessen persönliche Arbeitskraft und Anspruch auf Selbstverwirklichung es ja schließlich ebenso geht, seine Interessen zu artikulieren und ein Recht auf Mitbestimmung an der Forschungspolitik seines Landes wahrzunehmen.

Diese hier vertretene Meinung ist nur eine unter vielerlei denkbaren politischen Positionen. Worauf es hier ankommt: Auch die Wissenschaftstheorie muss davon ausgehen, dass bei der Entscheidung über die Auswahl von Forschungsproblemen derartige Positionen unvermeidbar zum Tragen kommen werden. Man kann deswegen nicht umhin, Verfahren zu definieren, wie dies mit einem Höchstmaß an rationaler Argumentation vonstatten gehen kann. Die reale Möglichkeit einer solche Verfahrenslösung zu leugnen hieße die Augen zu verschließen vor der normativen Kraft des Faktischen, nämlich vor der real vorfindbaren Inanspruchnahme der Wissenschaft durch die Inhaber gesellschaftlicher Machtpositionen einerseits und der mindestens impliziten Inanspruchnahme politischer Werturteile durch nur vorgeblich unpolitische Nur-Wissenschaftler.

4.2 Welche Bestandteile einer Theorie bzw. theoretischen Ansatzes sollen miteinander verglichen werden?

Zuerst einmal soll der gemeinte Unterschied zwischen "Theorie" und "theoretischem Ansatz" verdeutlicht werden. "Theoretischer Ansatz" ist als eine Vorstufe der ausgearbeiteten und ausgebildeten Form einer Theorie zu verstehen.

"Als 'theoretische Ansätze' sollen die Perspektiven bezeichnet werden, von denen aus in der empirisch-theoretischen Soziologie gearbeitet wird; sie richten die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Klasse von Objekten und Merkmalen, die im Zuge der Theoriebildung als zu erklärende Probleme oder als erklärende Annahmen eingesetzt werden." (Wippler 1978, S. 197)

Einen Kernbestandteil solcher theoretischen Ansätze stellen die sog. Orientierungshypothesen dar.

Bei diesen wird eine universelle Komponente mit einer existentiellen Komponente verbunden (Watkinsche All-Some-Statements). Sie sind damit weder im strikten Sinne verifizierbar noch falsifizierbar, mithin also metaphysisch (S. 199 f). Sie sind dennoch realitätsbezogen, wobei sie die Forschung darauf orientieren, welche empirischen Objekte erklärungsbedürftig sind oder zum Ausgangspunkt von Erklärungen benutzt werden können.

Es ist umstritten, ob ihre heuristische Funktion auf das Anfangsstadium von Theoriebildung beschränkt bleiben muss. Oder ob sie in ihrer Konzept und Hypothesen generierenden Funktion den fundamentalen Hintergrund einer bestimmt gefassten Theorie abzugeben vermögen. Einem Hintergrund, zu dem, ihn auszuschöpfen, die theoretische Hypothesenbildung und –prüfung ständig zurückkehren muss.

Theorien wie theoretische Ansätze bilden ein erkenntnislogisches Ganzes, das aus vielfältigen mehr oder minder qualifizierten Teilerkenntnissen besteht, welche in den einzelnen Bestandteilen inkorporiert sind. Daher sollten alle zur Erklärung erhobener Tatbestände über soziales Handeln und Prozessdaten in sozialen Kollektiven benötigten Theoriebestandteile bei einem Theorienvergleich mitberücksichtigt werden (Lindenberg/Wippler 1979, S. 227).

Es wurde die Mannigfaltigkeit unterschiedlich möglicher Theorieteile an einem kombinierten Deduktionsmodell demonstriert. Dieses Schema ist nur als Grundmuster der Exposition der einzelnen Elemente einer Erklärung von individuellen und kollektiven Effekten sozialen Handelns aufzufassen. Es ist nicht als forschungsstrategische Direktive misszuverstehen, nur diese eine Erklärungsrichtung vom Individuellen zum Kollektiven zu gehen. Damit ist also keinesfalls ein Präjudiz für den psychologischen Reduktionalismus vorgegeben, auch wenn auf den ersten Blick dies leicht so aufgefasst werden könnte.

Aus dem Lindenberg/Wippler-Modell ergeben sich folgende Bestandteile von theoretischer Erklärung sozialer Prozesse:

a) Propositionen über Individuen;

b) Anfangsbedingungen;

c) Korrespondenzregeln;

d) idealtypische oder konkrete Beschreibungen sozialer Situationen;

e) Transformationsregeln;

f) Randbedingungen;

g) individuelle Effekte;

h) kollektive Tatbestände und Prozesse.

Zur genaueren Erläuterung:

Mittels Korrespondenzregeln werden Situationsbeschreibungen in die theoretische Sprache der Propositionen über Individuen übersetzt.

Transformationsregeln geben an, wie individuelle in kollektive Propositionen überführt werden können. Sie können partielle Definitionen darstellen ("partiell", weil das Definiendum nicht durchgängig durch das Definiens ersetzt werden kann), Implikationsaussagen oder mathematische Modelle (S. 222 ff.).

Auch sollte die Unterscheidung zwischen Anfangsbedingungen und Randbedingungen beachtet werden; Anfangsbedingungen sind in der Beobachtungssprache, Randbedingungen in der Theoriesprache formuliert; erstere üben ihre Funktion bei der Ableitung individueller, letztere bei der Ableitung kollektiver Effekte aus (S. 230).

Auf Grundlage dieses Modells lassen sich die spezifischen Defizite und Vorzüge der verschiedenen theoretischen Paradigmata identifizieren und näher beleuchten. Zudem ergeben sich aus ihm heraus heuristische Variationsmöglichkeiten, um im fruchtbaren Eklektizismus die positiven Elemente unterschiedlicher theoretischer Ansätze herauszuschälen und miteinander zu kombinieren.

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Hondrich/Matthes 1978: Karl Otto Hondrich, Joachim Matthes (Hrg.), Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften, Darmstadt Neuwied 1978.

Opp 1978: Karl-Dieter Opp, Probleme und Strategien des Theorienvergleichs, in: Hondrich/Matthes 1978, S. 213-218.

Wippler 1978: Reinhard Wippler, Die Ausarbeitung theoretischer Ansätze zu erklärungskräftigen Theorien, in: Hondrich/Matthes 1978, S. 196-212.

Lindenberg/Wippler 1978: Siegwart Lindenberg, Reinhard Wippler, Theorienvergleich: Elemente der Rekonstruktion, in: Hondrich/Matthes 1978, S. 219-231.

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