Sonntag, 22. August 2010

“Die Aktualität der Arbeitswerttheorie”

Nils Fröhlich: Die Aktualität der Arbeitswerttheorie. Theoretische und empirische Aspekte. Metropolis Verlag Marburg 2009. ISBN 978-3-89518-756-8.

Mit diesem Titel wird die Frage gestellt, ob die AWT (Arbeitswerttheorie) noch oder wieder aktuell sei. Aber schon die Frage ist falsch gestellt. Innerhalb einer Wissenschaft geht es grundlegend nicht darum, ob eine Theorie aktuell oder veraltet, lebendig oder tot sei, sondern ob sie wahre Erkenntnis darstellt.

Die irreführende Art, das Problem so zu stellen, kann mindest bis auf Joseph A. Schumpeter zurückverfolgt werden.

“Es sollte deshalb klar sein, nicht nur daß es von den Marxisten vollkommen unsinnig war, die Gültigkeit der Grenznutzentheorie des Wertes (die ihnen entgegentrat) in Frage zu stellen, wie sie es am Anfang taten, sondern auch daß es auch unrichtig ist, die Arbeitswerttheorie ‘falsch’ zu nennen. Jedenfalls ist sie tot und begraben.”

(Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. A. Franke : Tübingen 6. Aufl. 1987 (UTB 172; zuerst: 1942). ISBN 3-7720-1298-1. S. 48f.)

Schumpeters Streben, die Grenznutzentheorie als die allgemeinere Theorie gegenüber der AWT hinzustellen und damit “die wertvolleren Teile” derselben zu integrieren (ähnlich wie später der offizielle "Keynesianismus" bestimmte Ideen von Keynes in die neoklassische Theorie einverleibt und damit unschädlich gemacht hat), ist die eine Seite des Schumpeter-Versuchs, die AWT zu bewältigen. Die andere Seite besteht in seiner schlicht polemischen Wendung, sie einfach für tot zu erklären. Die AWT sei “out”, wie man heute so schön sagt. Ist dies nun gedacht bloß als Feststellung einer wissenschaftshistorischen Tatsache? Oder ein erkenntnislogisches Argument? Oder gar “Beweis”?! Man darf hier unterstellen, dass es alles in einem sein und entsprechend dem Gesamtzweck dienen soll, eine ungeliebte Theorie vergessen zu machen.

“Ökonomische Theorien sterben nicht, sie werden nur vergessen.”

(Jürgen Niehans: Thünenvorlesung. Klassik als nationalökonomischer Mythos. Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, 109, 1989, S. 1-17.)

Damit wiederholt Niehans nur Einsichten, wie sie zuvor schon Keynes und James Kenneth Galbraith im Hinblick auf den mehr wissenschaftssoziologischen als erkenntnislogischen Charakter des Paradigmenwechsels in Ökonomie und Wirtschaftspolitik ausgesprochen hatten.

"But, at best, change in economics has been reluctant and reluctantly accepted. Those who benefit from the status quo resist change, as do economists who have a vested interest in what has always been taught and believed."

(John Kenneth Galbraith: Economics in Perspective. A Critical History. Houghton Mifflin Company Boston 1987. ISBN 0-395-35572-9. S. 2.)

So treffend die Niehans-These eine wissenschaftssoziologische Tatsache beschreiben mag, so fehlgeleitet ist sie als ein metatheoretisches Urteil über die Erkenntnisqualität von wissenschaftlichen Theorien. Sofern die Wirtschaftswissenschaft als eine empirische Wissenschaft bzw. als eine Erfahrungs- oder Wirklichkeitswissenschaft angesprochen werden kann, legt zumindest der naive Laie und Abnehmer ökonomischer Expertenurteile gemeinhin die Korrespondenztheorie der Wahrheit zugrunde; d.h. eine Aussage wird als wahr gehalten, inwieweit sie mit der Wirklichkeit, bzw. den fraglichen Tatsachen übereinstimmt. Schließlich will ein Zeitungsleser ja erfahren, was in seiner Welt, in der er weiter zu leben gedenkt, ökonomisch vor sich geht. Bei Ökonomen hat jedoch die Tendenz gesiegt, eine Aussage dann als wahr zu beurteilen, wenn sie mit der unter ihnen vorherrschenden Meinung, also dem Mainstreamdenken, entspricht. Praktisch hat dies zur Folge, dass sie von einer Konsenstheorie der Wahrheit ausgehen: Als wahr gilt, was die Autoritäten der Wissenschaft als "wahr" anerkennen bzw. was logisch darauf zurückgeführt werden kann. Damit geht einher, dass die Untersuchung gesetzmäßiger Zusammenhänge von Ursachen und Wirkungen ersetzt wird durch scholastische Übungen an mathematischen Funktionsmodellen, wobei empirische Wahrheit als Kriterium ersetzt wird durch das ästhetische Kriterium der formalen Eleganz. Hans Albert nannte dies treffend "Modellplatonismus".

Es blieb Joachim Weimann vorbehalten, die in der akademischen Wirtschaftswissenschaft dominierende schlechte Praxis zu einem explizit wissenschaftsmethodologischen Modellvorbild zu erheben.

“Gegeben die Voraussetzung, daß es eine wissenschaftliche Gemeinschaft neoklassischer Ökonomen gibt und daß diese mit der allgemeinen Gleichgewichtstheorie über eine paradigmatische Theorie T verfügt, bedarf es als letztes der Unterstellung eines bestimmten Erkenntnisinteresses, bezüglich dessen die in T fixierten Annahmen über Motive rationalen Handelns funktional sind. Ein solches Erkenntnisinteresse könnte darin bestehen, die grundsätzliche Funktionsfähigkeit und die Optimalität dezentraler Allokationssysteme nachzuweisen.” (S. 260)

(Joachim Weimann: Überlegungen zum Theoriebegriff der Wirtschaftswissenschaften. Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschafen, 109(2), 1989, S. 233-264.)

Wissenschaft ist jedoch nicht wie Popmusik, die gerade lebt oder stirbt, je nach dem, ob sich hierfür jeweils ein Fanclub findet. Und wissenschaftliche Erkenntnis ist nicht eine neue Weise, deren empirische Wahrheit gemäß Vereinssatzung zu beschließen sei

Wie Heiner Flassbeck beklagt hatte, es herrrscht gerade unter Ökonomen das jeweils obsiegende Zitierkartell.

“Da der Wissenschaftsrat selbstverständlich von der herrschenden Meinung in der Wissenschaft dominiert wird, misst man die verlangte "Wissenschaftlichkeit" in erster Linie an den Veröffentlichungen der Mitarbeiter der Institute in renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die ganz überwiegend Mainstream drucken, weil sie ihn definieren.”

(Heiner Flassbeck: Glasperlenspiel oder Ökonomie – Der Niedergang der Wirtschaftswissenschaften. Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 9/2004, S.1071–1079.)

Mit welch konservativ-autoritären Resultaten so etwas praktisch funktioniert, kann man herrlich bei Wikipedia studieren, die sich ja als Enzyklopädie nichts weiter vorgenommen hat, als die herrschende Meinung jeweils getreulich als die maßgebliche abzubilden. Die Frage nach der empirischen Wahrheit wird ersetzt durch die Frage nach der größeren Autorität einer Quelle. So als ob Fallibilisten wie Hans Albert niemals die dogmatische “Lösung” des Münchhausen-Trilemmas kritisiert hätten.

(Michael Schmidt-Salomon: Das "Münchhausentrilemma" oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen?)

Man muss jedoch dem Autor Nils Fröhlich zugestehen, dass er vielleicht mit dem Buchtitel den Aufhänger schlecht gewählt hat. Dass er aber in Gegensatz zu Mainstream-Vertretern nicht nur eine ökonomische Theorie expliziert, sondern zudem auch empirisch überprüft hat. Allein das ist aber wichtig. Denn:

"Wer zwingt uns eigentlich, das pseudo-kausale Denken der Neoklassik als die einzig mögliche Form theoretischer Analyse zu deklarieren?"

(Hans Albert: Der logische Charakter der theoretischen Nationalökonomie. Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, 171, 1959. S. 32.)

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