Dienstag, 3. August 2010

Enzyklosklerose

Johannes Heinrichs nannte es "Historismus".

"Der Historismus besteht in der resignativ 'aufgeklärten Einsicht', daß Sammeln und Sortieren des geistesgeschichtlichen Materials der eigentlich angemessene Umgang mit Gedanken sei."
Johannes Heinrichs: Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in ihrer aktuellen Bedeutung. Eine Einführung. UTB 1412. Francke Verlag : Tübingen 1986. ISBN 3-7720-1726-6. S. 4.

Lexikokraten, die Herrscher über die toten Gedanken, sie schalten und walten auf wikipedia.de.

Mit der so pauschal abwertenden wie scheinbaren Begründung "unrettbar, wie schon früher gesagt" hatte Ca$e am 13. Juli 2010 ein "Überarbeiten"-Baustein über das Stichwort "Pseudo-Erklärung" gesetzt. "Denn" am 6. April 2009 hatte derselbe ehrenwerte Wikipedianer bereits schon (vermutlich in weiser Voraussicht der darauffolgenden Überarbeitungen) kritisch angemerkt: "(WP:NPOV, WP:TF, WP:Q. einzelnachweise via references bitte nur für seitenbelege, nicht für inhaltliche feinabstimmungen)".

Autor Meffo hat jedoch den Überarbeiten-Baustein entfernt, weil dieser trotz des expliziten Hinweises auf die entsprechende Diskussionsseite keinerlei Begründung (weder pauschal, noch konkret) auf derselben mitbrachte. Dieselbe wurde von Ca$e erst dann nachgeliefert, nachdem Meffo aufgrund der Vandalismusmeldung von Ca$e durch den Administrator NebMaatRe mit Entzug der Sichterrechte und der Auflage, verschiedene Stichworte wunschgemäß zu überarbeiten, belegt worden war. Nach kurzer Zeit der Überlegung hat Meffo daraufhin sein Wikipedia-Benutzerkonto sperren lassen. Denn er findet es letztendlich zu dumm, dass man für mühevolle Mitarbeit nicht nur kein Lob, sondern dazu ausschließlich böse Stimmungsmache einstecken darf. Nicht jeder ist zum Masochisten geboren.

„... ein Grund, warum Wikipedia so erfolgreich ist, besteht darin, dass ich von Anfang an einen gewissen Ton gesetzt habe: Intelligente Leute arbeiten nicht freiwillig in einer Atmosphäre von Missachtung und Beschimpfungen.“ - Spiegel-Online-Interview mit Jimmy Wales, 7.1.2005
(zitiert aus der Sammlung von Orakelsprüchen auf Benutzer:Ca$e)

Was zeigt uns dieser kaum untypische Vorgang indes? Trotz des gegenteiligen Anscheins und gewisser naiver Vorstellungen über liberale und kritische Öffentlichkeit, die einem vielleicht anerzogen sind: die meisten Formen sozialer Kooperation im Internet stellen nichts anderes dar als Möglichkeiten, dass Autoren sich freiwillig selbst ausbeuten dürfen. Was gesagt werden darf, steht nicht nur unter dem wirtschaftlichen Verwertungszwang, sondern auch unter der selbstherrlichen Zensur einer Clique oder Oligarchie, die die Regeln stets nach ihrem eigenen Gutdünken auslegt. Wer sich gutgläubig auf das ominös aufgezeigte Regelwerk beruft, kommt sich dann vor wie der Hase, der mit dem Igel wettläuft.

So ist typisch für das Verhalten des Administrators, dass er ob der Vandalismusmeldung sich nicht mit Meffos Entfernung des unbegründeten Bausteins beschäftigt hat, sondern mit den erst später nachgeschobenen Vorwürfen gegenüber Meffos Arbeitsweise, die zu dem betreffenden Zeitpunkt von dem Beschwerdeführer noch gar nicht formuliert und demzufolge überhaupt diskutierbar waren. Denn letzterer versteifte sich schon immer auf die Position, nach der eine beiderseitige Diskussion von konkreten Argumenten stets für unmöglich deklariert worden ist (siehe Werturteil/Diskussion).

Sichtbar wird hierdurch ein Mechanismus der Stigmatisierung, wodurch ein Bild eines Benutzers konstruiert wird, wobei er aufgrund bestimmter Anhaltspunkte aus der Historie durch andere Benutzer in seinem Lexikographen-Dasein diskreditiert wird. Der Administrator sanktioniert dann nicht mehr äußerlich beobachtbare Verhaltensweisen, sondern die (von ihm unterstellten) Gesinnungen.

"Gesetze, die nicht die Handlung als solche, sondern die Gesinnung des Handelnden zu ihren Hauptkriterien machen, sind nichts als positive Sanktionen der Gesetzlosigkeit."
So geschrieben von Karl Marx 1842 in seinen "Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion". (MEW 1,14).

Kommentare:

  1. "Partielle Definitionen machen die weitere genaue Bestimmung des Definiendums von der wissenschaftlichen Entwicklung abhängig, wodurch sie sich für Geisteswissenschaften besonders eignen, weil verfrühte vollständige Definitionen in diesem Bereich zur Sklerose der Disziplin führen."

    Gertrud Gréciano: Definitionen: warum, wozu und wie? Prolegomena zu einem Begriffswörterbuch.

    http://www.inst.at/ausstellung/enzy/reflexions/greciano_gertrud.htm

    Die Fixierung auf überkommenenes, lexikalisch abgreifbare Wissensbestände (am liebsten: tote Buchstaben und nicht lebendige Begriffe, wodurch man Dinge begreifen kann) kann nur ein sklerotisches Wörterbuch erzeugen, ähnlich einer Google-Linkliste.

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  2. In einem Forschungsprojekt stellte Stegbauer jedoch fest, dass die Legende vom egalitären Mitmach-Lexikon nicht mehr stimmt. Es habe sich eine «Herrschaft der Administratoren» etabliert - einem kleinen Kreis von Mitarbeitern, die sich durch Engagement bewährt und von der Community besondere Rechte bekommen haben. In Deutschland halten ein paar Tausend Aktivisten die Wikipedia am Laufen.

    Dieser Zirkel hat strenge Regeln für Mitarbeiter formuliert - Stegbauer nennt sie gar eine «Produktideologie». In Deutschland ist vor allem die Relevanz immer wieder ein Streitthema. Die Liste mit Relevanzkriterien ist umgerechnet rund 30 DIN-A4-Seiten lang und formuliert Regeln für Hunderassen, Pornostars und Brauereien. Viele Neulinge blicken nicht mehr durch - und steigen aus. «Man will Leute, die keine Ahnung haben, draußen halten», sagt Stegbauer.

    Und so hat Wikipedia im Jubiläumsjahr Nachwuchssorgen.

    Christof Kerkmann, dpa: Der unerwartete Siegeszug der Wikipedia, http://www.saarbruecker-zeitung.de/wikipedia/art270330,3583705

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  3. Christian Alexander Tietgen1. Februar 2012 um 17:32

    Wikipedia hat gewisse Probleme. Die aber an einzelnen namentlich erwähnten Benutzern festzumachen, ist nicht die feine Art.

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  4. Der wikipedia.de-Account Benutzer:Meffo wurde am 2. Februar 2012 durch Rax gesperrt. Es macht also keinen großen Sinn, hier Pseudonyme und damit zusammenhägende Vorgänge zu verschweigen, welche auf wikipedia.de öffentlich verfügbar sind. Die "Mauer des Schweigens", die durch die Hackordnung dort informell aufgebaut wird, muss nicht anderswo noch fortgesetzt werden. Im Übrigen geht es hier nicht darum, einen Mobbingfall neu aufzurollen, sondern nach der symptomatischen Bedeutung solcher Fälle für die weitere Entwicklung der wikipedia zu fragen. Die Vertreter des Establishments werden gewiss in derlei Fragestellung eine Bestätigung für ihre Ausgrenzungsstrategie sehen. Ich sehe darin hingegen eher eine Bestätigung meiner Diagnose, und dass man das Opfer eines Mobbingprozesses auch noch für deren Ergebnis verantwortlich machen will. Die Angelegenheit ist allerdings (wie lange noch?) öffentlich einzusehen, möge sich jeder darüber sein eigenes Bild verschaffen, (so er kann und sich das tatsächlich antun möchte).

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