Freitag, 13. August 2010

3.) In Bezug auf welche Kriterien sollen Theorien bewertet und wie über ihre relative Leistungsfähigkeit entschieden werden?

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Die Unzulänglichkeit vorliegender Theorienvergleiche ist dadurch begründet, dass in der Regel bereits die eingesetzten Metatheorien divergieren bzw. kontrovers sind. Das hat zur direkten Konsequenz, dass auch die Kriterien und das methodische Vorgehen beim Theorienvergleich nicht dieselben und damit heftig umstritten sind.

Die methodologische Situation wird andererseits auch nicht viel günstiger, wenn die bislang eingesetzten Metatheorien nichts oder zu wenig zur Methodologie eines Theorienvergleichs von sich aus anbieten oder überhaupt hergeben.

Typischer Weise verlief bislang Theorienvergleich in dieser asymmetrischen Weise (Matthes 1978, S. 16):

Der Kritiker nimmt stets den eigenen metatheoretischen Standpunkt fraglos als wahren Ausgangspunkt an.

T' wird dann in die Sprache von T übersetzt. Dabei werden Defizite, seltener Vorzüge von T' gegenüber T dingfest gemacht.

Soweit T' eine von M unterschiedene Metatheorie M' unterliegt, wird auch T' an den von M gelieferten Erfolgskriterien und Problemmaßstäben gemessen.

Dies asymmetrische Verfahren von Theoriekritik ist offensichtlich ohne Weiteres mit vertauschten Rollen umkehrbar.

Der so kritisierte Theoretiker von T' kann dasselbe mittels M' der Theorie T antun.

Am Schluss einer solchen Veranstaltung stellt sich natürlich die Frage:

* Wer ist der Gewinner oder Verlierer?
* Welche Theorie hat mehr Leistungen verzeichnet, welche mehr Mängel?

Da die Bewertungskriterien in diesem Leistungsvergleich zugegebenermaßen differieren, scheint die Frage ohne Weiteres so nicht beantwortbar.

Angemessene Beurteilungskriterien können aber nirgends anders als aus einer Metatheorie her kommen! Es muss dabei ebenfalls eingesehen und anerkannt werden, dass das Prinzip der Konkurrenz von Theorien sowie die Methodologie des Theorienpluralismus in analoger Weise auf der Ebene der metatheoretischen Paradigmata angewandt werden muss.

Es sind somit dreierlei Situationen vorstellbar:

1. T und T' haben dieselbe Metatheorie M zur gemeinsamen Voraussetzung.

2. T und T' setzen untereinander konkurrierende Metatheorien M und M' voraus, wobei über den Vorzug von M oder M' nicht entschieden ist.

3. T und T' setzen untereinander konkurrierende Metatheorien M und M' voraus, wobei wir zum gegebenem Zeitpunkt X glauben, genug Gründe vorliegen haben, über den alternativen Vorzug von M oder M' entscheiden zu können.

Der Fall (1) ist hier insoweit trivial, als die Explikation von der Kriterien intertheoretischer Prüfung konsistent aus einundderselben Metatheorie heraus unternommen werden kann. Die Kriterien für die Adäquanz der Problemlösung sind mit dieser Metatheorie gegeben und hängen nur noch von deren Entwicklungsstand und Ausarbeitungsniveau ab.

Fall (3) ist nach Erarbeitung des geforderten Entscheidungsverfahrens und unter dessen Voraussetzung auf Fall (1) rückführbar.

Der schwierigste und realiter wohl am häufigste vorkommende Fall dürfte Nr. (2) sein.

Nun wäre es gewiss falsch, zu meinen, die Zielsetzung der Kritikmaximierung in der Theorienkonkurrenz mache es unabdingbar, sich der Wahrheit durch ein K.O.-Verfahren der totalen Eliminierung der einmal falsifizierten Theorien (so Opp 1978, S. 213) anzunähern.

Da nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Falschheit einer empirischen Theorie (und noch viel weniger die eines fragmentarischen Theorieansatzes) niemals absolut und ein für allemal bewiesen werden kann, bedeutet totale Elimination einer als falsch erachteten Theorie nichts anderes als eine bestimmte möglicherweise kritische Instanz für immer und ewig aus dem Spiel auszuschließen.

Die methodologisch korrekte Alternative kann nur lauten, zu versuchen, die "falsifizierte" Theorie versuchen zu verstärken, also danach zu streben, sie fruchtbar weiterzuentwickeln. (Im Allgemeinen wird dies nicht ein Kritiker als seine persönliche Aufgabe betrachten, sondern vielmehr der Verteidiger der kritisierten Position. Aber es geht uns hier nicht darum, eine Methodologie auf bestimmte Personen oder Rollenkategorien zuzuschendien, sondern um eine Methodologie für Wissenschaft schlechthin.).

Damit sind wir jedoch wieder bei der Frage der Kriterien der Theorienbewertung und des Entscheidungsverfahrens über die Zulassung von Theorien zum Wettbewerb angelangt.

Da wir jedoch, wie wir soeben gemerkt haben, gar nicht auf das Ziel der Elimination irgendeiner Theorie T, T', ... bzw. irgendeines Bewerbers aus dieser Serie verpflichtet sind (es sei denn, aus praktischen Gründen oder Zwängen), sind wir auch gar nicht gezwungen, zwischen M oder M' uns ein für allemal zu entscheiden.

Wir können somit ein Verfahren von Theorienprüfung konzipieren, wobei sukzessive T und T' untereinander, M mit M' sowie T mit M' und T' mit M konfrontiert werden müssen.

Schematisch kann man unser Modell so darstellen:

M0, M1, M2, ...
T0, T1, T2, ...

M'0, M'1, M'2, ...
T'0, T'1, T'2, ...


Durch die gegenseitige Konfrontation der Metatheorien und ihre kritische Überprüfung aneinander und an anderen Prüfinstanzen wird aus M0 die neue Version M1 sowie aus ihrem Widerpart M'0 deren neue Version M'1.

Der Prozess der wechselseitigen Theorienkritik durch Einbeziehung der jeweiligen Metatheorien kann zum Beispiel nach folgendem Muster ablaufen:

T0 wird mit T'0 gemäß M0 bzw. M1 konfrontiert.

Aus diesem Prozess erhält man als vorläufige Resultate sowohl T1 als auch T'1.

Bei diesem Verfahren tritt an die Stelle eliminativer Konkurrenz ein permanenter Revisionismus alternativ ausgerichteter und gehandhabter Theorien bzw. theoretischer Paradigmata. Außerdem werden in diesen Revisionismus stets auch die relevanten metatheoretischen Grundlagen miteinbezogen und ggf. mitrevidiert. Das geht auch kaum anders; denn Theoriendiskussion ohne metatheoretische Überlegung ist so gut wie unmöglich. Nur zeitweilig lassen sich solche Erwägungen in gewissen Grenzen bei einer Debatte ausklammern.

Man kann eben die Wahrheit von Theorien nicht per Konsens oder etwa durch Mehrheitsbeschluss der Diskursteilnehmer feststellen. Der Weg zu einer besseren Theorie führt nicht über die Vermeidung wissenschaftstheoretischer Kontroversen (Matthes 1978, S. 17), sondern über deren Austragung in einem expliziten und transparenten Verfahren. Und das will die Methodologie des Theorienvergleich in Verbindung mit dem Programm des Theorienpluralismus gerade bezwecken.

Die "geläufige konfrontatorische Diskussion etablierter Theorien" (S. 13) stellt meist deshalb keine fruchtbare, echte Konfrontation von Theorien dar, weil sie unter den angewandten Selbstdarstellungs-, Abgrenzungs- und Verdunkelungsstrategien der jeweiligen Vertreter leidet, welche instinktiv zur Selbstverteidigung, damit aber auch zur Immunisierung gegen die Kritik durch Alternativen so häufig mobilisiert werden.

Man könnte jetzt freilich gegen das vorstehend exponierte Schema des permanenten Revisionismus einzuwenden versuchen, es verfehle das selbst gesetzte Ziel, eine Methodologie der Kritikmaximierung zu formulieren, insofern es nichts weiter als den empirisch beschreibbaren typischen Ablauf intertheoretischer Beeinflussungsmuster nachzeichne. Somit gebe es außer Mittel der Deskription nichts darüber hinaus an die Hand, um Kriterien der Optimierung dieses Ablaufs von Erkenntnisprozessen aufstellen zu können. Oder um den Erkenntnisfortschritt tatsächlich messbar zu machen.

Selbst wenn die Hauptleistung dieses Modells lediglich in systematischer Beschreibbarkeit und Orientierung läge, so ist dies keineswegs gering zu veranschlagen, insbesondere in Anbetracht der ziemlich verfahrenen Diskussionssituation um das Thema Theorienvergleich, die man wohl als von Ambiguität beherrscht kennzeichnen könnte. Darüber hinaus ergeben sich aber bereits durch die Anlage dieses Modells fast von selbst relativ eindeutig umrissene Lücken bzw. Aufgabenfelder zur Ausfüllung bzw. Bearbeitung. Das ist vermutlich nicht mehr, als was man von einem Schema erwarten sollte.

Theorienvergleich wird dabei nicht bloß als ein Mittel zur Theorienprüfung gefasst (S. 7f), sondern als das Verfahren der Theorienprüfung selbst. Dass die Diskussion beim Übergang vom Theorienvergleich zur Theorienprüfung schon endet, beweist, dass die bisherige Diskussion noch nicht mehr als ein unverbindliches Vorgeplänkel war.

Ein methodologisch unscharfes Bild vom Theorienvergleich als solchem verstellt den Blick auf den weiteren Weg und beeinträchtigt, das jeweils Erreichte angemessen zu beurteilen.

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Hondrich/Matthes 1978: Karl Otto Hondrich, Joachim Matthes (Hrg.), Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften, Darmstadt Neuwied 1978.

Matthes 1978: Joachim Matthes, Die Diskussion um den Theorienvergleich seit dem Kasseler Soziologentag 1974, in: Hondrich/Matthes 1978, S. 7-20.

Opp 1978: Karl-Dieter Opp, Probleme und Strategien des Theorienvergleichs, in: Hondrich/Matthes 1978, S. 213-218.

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