Sonntag, 21. Juni 2009

Wahrheitsinstanz

"Zur Wahrheit gehört nicht nur das Resultat, sondern auch der Weg. Die Untersuchung der Wahrheit muß selbst wahr sein, die wahre Untersuchung ist die entfaltete Wahrheit, deren auseinandergestreute Glieder sich im Resultat zusammenfassen." (MEW 1:7)

Wer wie feststellt, was wahr ist, kann institutionalisiert sein, d.h. Aufgabe oder Funktion einer Institution.

Institutioneller Marxismus mit Partei, Zentralkomitee und Parteilinie ist nur ein Spezialfall. Andere empirisch vorkommende Fälle sind:

* Kirche, Papst, Dogma
* Kunst und Wissenschaft
* Presse, Medien, Journalismus
* wikipedia, ...

Diese Einrichtungen sind oder haben ein "Amt zur Feststellung amtlicher Tatsachen", d.h. sie haben organisiert, wie man dieser nahe kommt bzw. Wahrheiten produziert.

Es handelt sich hierbei um Systeme, die Kommunikation bzw. Austausch und Kodifikation, Kanonisierung und Revision von Wissensbeständen organisieren und hierbei einem System von Regeln und Kriterien folgen. Damit Regeln verhaltenswirksam werden, muss ein bestimmtes Anreizsystem institutionalisiert sein.

Die hierbei angewandten Kriterien können stark variieren und hängen z. B. davon ab, wie die Machtstrukturen und Entscheidungsprozesse sind und inwieweit Wissensergebnisse technologisch umgesetzt werden sollen. Denn es stellt sich unabhängig von der empirischen Bewährtheit bzw. Wahrheit einer Theorie das Problem, inwieweit sie akzeptiert werden kann, um technisch umgesetzt zu werden (Risiko- und Folgenkostenabschätzung).

Es müssen gewisse Infrastrukturen wirklich vorhanden sein; z. B. bestimmte Netzwerke für die Kommunikationsstruktur und Wissensspeicher.

Es ist das Problem von Wissenschaftspolitik:
Wie ist das System Wissenschaft so zu organisieren, dass ein bestmöglicher Erkenntnisfortschritt stattfindet?

Wissensmanagement verfolgt analoge Problemstellungen, mit je nach besonderer Institution zum Teil divergierenden Zielsetzungen.

Was "Wahrheit" ist, besagt die entsprechende Wahrheitstheorie. Der Praxis einer Wahrheitsinstitution kommt die Konsenstheorie der Wahrheit am nächsten, wobei "Konsens" auf unterschiedliche Weise organisiert sein kann. Das Entscheidende ist, dass die Wahrheit hier ganz offensichtlich als Konsequenz eines sozialen Entscheidungsmechanismus herauskommt. Die Gefahr liegt nahe, dass diese Art von sozial hergestellter Wahrheit eine andere ist als die Wahrheit im Sinne der Korrespondenztheorie, für die es so etwas wie eine objektive Realität ist, an der sich die Wahrheit ermessen soll. Nur erfordert diese Art von im Sinne des Realismus objektive Wahrheit auch wieder einen sozialen Mechanismus, der hic et nunc eine Entscheidung zustande bringt über Akzeptanz oder Ablehnung.

Ähnliche Probleme wie mit der Wahrheit tauchen auf bei der Sprache, insbesondere bei der Vergabe von Bezeichnungen. Die Definitionsmacht von Institutionen ist beträchtlich und übersteigt in der Regel diejenige von Einzelpersonen. Dabei spielt ein gewissermaßen natürlicher "Essentialismus" eine bedeutsame Rolle, wenn nämlich Begriffe für den Sprachbenutzer zu Dingen oder Sachen werden. "Verdinglichung" ist nicht allein auf Warenfetischismus zurückzuführen; dieser ist eher ein Spezialfall derselben. Wenn eine Kartellbehörde darüber befindet, was "marktbeherrrschend" ist, oder die Regierung, was "marktkonform" oder "systemrelevant", so werden durch diese Entscheidungen Abgrenzungen in die Realität umgesetzt, die dort vorher nicht in dieser Weise anzutreffen waren.

Helmut Spinner führt die Entstehung von Wissenschaft im wissenschaftstheoretischen Verstande auf Parmenides zurück, der die Erkenntnistheorie mit der Rechtsidee, genauer: der Rhetorik vor Gericht, verknüpft habe. In seinem Lehrgedicht wird Parmenides von der Göttin Dike mit Handschlag begrüßt. Spinner vergleicht dies göttliche Kommunikationsverhältnis mit derjenigen, als Moses am Berg Sinai die Gebote empfangen hat, von einem alttestamentarischen "Gott von altem Schrot Korn, von philosophischen Überlegungen unbehelligt, ganz von oben herab mit allem Brimborium offenbart, was der Mensch zu glauben oder zu tun hat."

"Gott hoch vom Himmel her, Moses im Staube, das schreckerstarrte Volk im Hintergrund, dazu Donner und Blitz, Posaunenschall und Feuerspuk des Berges; einer spricht, alles andere hört zu, glaubt und gehorcht; Verdikte und Befehle, unterstützt durch klare Drohungen und unklare Versprechungen (vgl. 2. Mose, 20) - und zur Auffrischung das Ganze noch einmal (vgl. 5, Mose, 5). Von freundlicher Begrüßung mit herablassendem Händedruck (hat Jehova überhaupt Hände, mit denen er Menschenhände schütteln könnte?), Einräumung eines Rechts auf umfassende Information oder Appell an menschliche Urteilskraft ist hier weit und breit keine Spur zu sehen. Keinerlei Zweifel besteht, wer hier allein das Sagen hat und wem das Zuhören, Glauben, Gehorchen, Kuschen zukommt. Das ist eine echte Offenbarungssituation, bei der nichts fehlt und vor allem auch nichts zuviel da ist." SPINNER (1977:99)

Die Offenbarungsidee sucht die Feststellung der Wahrheit auf eine theologische Quelle zurückzuführen; spätestens Martin Luther hat erkannt, dass auch diese Quelle wiederum vom Menschen, wenn er sie denn kapieren will, interpretiert werden muss.

Die Idee von Parmenides jedoch besteht darin, die Wahrheit der Wissenschaft in einem Verfahren feststellen zu wollen, das analog abläuft einem Gerichtsprozess, mit Zeugen und Zeugnissen, und schlussendlich einem Richterspruch.

Karl Marx befasste sich als Journalist schon früh mit der preußischen Pressezensur. Zensur ist für ihn eine Form institutionalisierter Kritik, wodurch die Regierung festsetzt, was unter ihr als Wahrheit erscheinen darf. Dieser Art von Kritik ist jedoch wiederum Kritik entgegenzusetzen.

"Die Zensur ist die offizielle Kritik; ihre Normen sind kritische Normen, die also am wenigsten der Kritik, mit der sie sich in ein Feld stellen, entzogen werden dürfen." (vgl. MEW Bd. 1, S. 3)


Marx wendet sich dagegen, der Untersuchung dessen, was wahr ist, Beschränkungen und rechtlich undefinierbare Rücksichten aufzuerlegen.

"Ist die Wahrheit einfach so zu verstehen, daß Wahrheit sei, was die Regierung anordnet, und daß die Untersuchung als ein überflüssiger, zudringlicher, aber der Etikette wegen nicht ganz abzuweisender Dritter hinzukomme? Es scheint fast so. Denn von vornherein wird die Untersuchung im Gegensatz gegen die Wahrheit gefaßt und erscheint daher in der verdächtigen offiziellen Begleitung der Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit, die allerdings dem Laien dem Priester gegenüber geziemen. Der Regierungsverstand ist die einzige Staatsvernunft. Dem andren Verstand und seinem Geschwätz sind zwar unter gewissen Zeitumständen Konzessionen zu machen, zugleich abertrete er mit dem Bewußtsein der Konzession und der eigentlichen Rechtlosigkeit auf, bescheiden und gebeugt, ernsthaft und langweilig."(MEW 1:7-8)


Besondere Ablehnung findet bei Marx, dass ein Journalist nicht für seine Taten verantwortlich sein soll, sondern nach der politischen Tendenz, die man seinen literarischen Produkten zuschreiben zu können meint.

"Der Schriftsteller ist also dem furchtbarsten Terrorismus, der Jurisdiktion des Verdachts anheimgefallen. Tendenzgesetze, Gesetze, die keine objektiven Normen geben, sind Gesetze des Terrorismus, wie sie die Not des Staats unter Robespierre und die Verdorbenheit des Staats unter den römischen Kaisern erfunden hat. Gesetze, die nicht die Handlung als solche, sondern die Gesinnung des Handelnden zu ihren Hauptkriterien machen, sind nichts als positive Sanktionen der Gesetzlosigkeit. Lieber wie jener Zar vonRußland jedem den Bart durch offizielle Kosaken abscheren lassen, als die Meinung, in der ich den Bart trage, zum Kriterium des Scherens machen.
Nur insofern ich mich äußere, in die Sphäre des Wirklichen trete, trete ich in die Sphäre des Gesetzgebers. Für das Gesetz bin ich gar nicht vorhanden, gar kein Objekt desselben, außer in meiner Tat. Sie ist das einzige, woran mich das Gesetz zu halten hat; denn sie ist das einzige, wofür ich ein Recht der Existenz verlange, ein Recht der Wirklichkeit, wodurch ich also auch dem wirklichen Recht anheimfalle. Allein das Tendenzgesetz bestraft nicht allein das, was ich tue, sondern das, was ich außer der Tat meine. Esist also ein Insult auf die Ehre des Staatsbürgers, ein Vexiergesetz gegen meine Existenz.
Ich kann mich drehen und wenden, wie ich will, es kommt auf den Tatbestand nicht an. Meine Existenz ist verdächtig, mein innerstes Wesen, meine Individualität wird als eine schlechte betrachtet, und für diese Meinung werde ich bestraft. Das Gesetz straft mich nicht für das Unrecht, was ich tue, sondern für das Unrecht, was ich nicht tue. Ich werde eigentlich dafür gestraft, daß meine Handlung nicht milden, wohlmeinenden Richter, an meine schlechte Gesinnung, die so klug ist, nicht ans Tageslicht zu treten, sich zu halten.
Das Gesinnungsgesetz ist kein Gesetz des Staates für die Staatsbürger, sondern das Gesetz einer Partei gegen eine andre Partei. Das Tendenzgesetz hebt die Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetze auf. Esist ein Gesetz der Scheidung, nicht der Einung, und alle Gesetze der Scheidung sind reaktionär. Es ist kein Gesetz, sondern ein Privilegium. Der eine darf tun, was der andre nicht tun darf, nicht weil diesem etwa eine objektive Eigenschaft fehlte, wie dem Kind zum Kontrahieren von Verträgen, nein, weil seine gute Meinung, seine Gesinnung verdächtig ist. Der sittliche Staat unterstellt in seinen Gliedern die Gesinnung des Staats, sollten sie auch in Opposition gegen ein Staatsorgan, gegen die Regierung treten; aber die Gesellschaft, in der ein Organ sich alleiniger, exklusiver Besitzer der Staatsvernunft und Staatssittlichkeit dünkt, eine Regierung, die sich in prinzipiellen Gegensatz gegen das Volk setzt und daher ihre staatswidrige Gesinnung für die allgemeine, für die normale Gesinnung hält, das üble Gewissen der Faktion erfindet Tendenzgesetze, Gesetze der Rache, gegen eine Gesinnung, die nur in den Regierungsgliedern selbst ihren Sitz hat. Gesinnungsgesetze basieren auf der Gesinnungslosigkeit, auf der unsittlichen, materiellen Ansicht vom Staat. Sie sind ein indiskreter Schrei des bösen Gewissens. Und wie ist ein Gesetzder Art zu exekutieren? Durch ein Mittel, empörender als das Gesetz selbst, durch Spione, oder durch vorherige Übereinkunft, ganze literarische Richtungen für verdächtig zu halten, wobei allerdings wieder auszukundschaften bleibt, welcher Richtung ein Individuum angehöre. Wie im Tendenzgesetz die gesetzlicheForm dem Inhalt widerspricht, wie die Regierung, die es gibt, gegen das eifert, was sie selbst ist, gegen die staatswidrige Gesinnung, so bildet sie auch im be sondern gleichsam die verkehrte Welt zu ihren Gesetzen, denn sie mißt mit doppeltem Maß. Nach dereinen Seite ist Recht, was das Unrecht der andern Seite ist. Ihre Gesetze schon sind das Gegenteil von dem, was sie zum Gesetz machen."
[Marx: Bemerkungen über die neue preußische Zensurinstruktion, S. 26. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 9792f (vgl. MEW Bd. 1, S. 14f)]


== Literaturangabe ==

Helmut F. Spinner: ''Begründung, Kritik und Rationalität.'' Bd. I. Vieweg, Braunschweig 1977. ISBN 3-528-08376-X.

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