Donnerstag, 25. Juni 2009

Marx-Exegese

Man konnte zweifellos und man sollte auch Jürgen Habermas nicht zwingen, Marx richtig zu interpretieren.

Schließlich kann man jeden "Klassiker" zumindest auf zweierlei Weise behandeln:
(1) als historische Erscheinung, die möglichst geschichtsgetreu zu interpretieren ist;
(2) als Baustelle für die aktuell vorzunehmende Theoriekonstruktion in einer bestimmten Wissenschaft.

Dabei ist zuerst einmal nicht mehr verlangt, als dass man tunlichst (1) und (2) auseinanderhalten soll. Also unterscheidet man zwischen (1) Karl Marx als geschichtlicher Autor und (2) Habermarx, die Rolle und Funktion, in welcher Marxsche Versatzstücke bzw. dessen Umdeutungen bei Habermas fungieren.

Aus Gründen, die SEIFFERT (1972:7f) nicht verrät, glaubt dieser den Umgang mit Marxtexten als wissenschaftstheoretischen Sonderfall einordnen zu müssen, der nur der im Historismus gepflegten exegetischen Herangehensweise offen sei.
"Wie aktuell Fragen der philologisch-historischen Methode gerade auch angesichts der Diskussion innerhalb des und mit dem Marxismus sein können, zeigt schon die Tatsache, daß der Marxismus - mehr als alle anderen bedeutsamen Bewegungen in der Geschichte, das Christentum und ähnliche Religionen ausgenommen - auf den 'kanonischen' Schriften bestimmter 'Klassiker' - Marx, Engels, Lenin und nunmehr auch Mao - fußt, deren 'Exegese' sich eben der Mittel bedienen muß und bedient, die von einer 'bürgerlichen' Geisteswissenschaft längst entwickelt worden sind - unbeschadet der Frage, ob der Marxismus unter 'Geschichte' etwas anderes versteht als der Historismus." (...) "Es macht die Eigenart - und gleichzeitig Fragwürdigkeit - dieser Methode aus, daß sie an die Schriften bestimmter Autoren, nämlich Hegels und Marx/Engels', gebunden ist und daher nur anhand dieser Schriften dargestellt werden kann."

Diese Art von "Historismus", wie sie Helmut Seiffert den marxistischen Klassikern angedeihen lassen will, kann aber nur zur "Vergreisung der geisteswissenschaftlichen Arbeit" (HEINRICHS 1986:4) führen:
"Der Historismus besteht in der resignativ 'aufgeklärten Einsicht', daß Sammeln und Sortieren des geistesgeschichtichen Materials der eigentlich angemessene Umgang mit Gedanken sei."

Die ausschließlich exegetische, also "dogmengeschichtliche" (diese Bezeichnung ist in der Nationalökonomie wie in der Kirchengeschichte verbreitet und beweist, dass Max Weber nicht so ganz so falsch lag, als er bei dieser akademischen Profession die Gefahr eines "Priesterseminars" sah) Umgang mit Klassikern macht sie erst zu dem, was man ihnen hernach vorzuwerfen gewillt ist: einer Sammlung von Dogmen. Die Art und Weise des Umgangs garantiert das klägliche Resultat bzw. ist schon der Prozess der Dogmatisierung selbst.

Keine Theorie und keine Aussage ist an und für sich "kritisch" oder "dogmatisch", "empirisch" oder "metaphysisch", "analytisch" oder "synthetisch", "deskriptiv" oder "normativ", "theoretisch" oder "praktisch", "Leerformel" (TOPITSCH 1967:24) oder "empirisch gehaltvoll". All diese Prädikate kennzeichnen in Wirklichkeit nicht die logischen Eigenschaften von Aussagen, sondern sind Unterscheidungen in der pragmatischen Dimension von Aussagen. Denn sie bezeichnen tatsächlich die Einstellungen und Verfahrensweisen, wie bestimmte Gruppen von Benutzern mit bestimmten Aussagetypen umzugehen bereit sind.
"Die pragmatische Problematik, die Voraussetzung für die logische Analyse ist, umfaßt alle diese Fragen nach den Handlungen, die das Subjekt ausführen muß, um diese Wahrheit festzustellen." (TAVANEC/ŠVYRJEV 1967:28)

Demnach kommt es bei diesen Unterscheidungen in Wirklichkeit stets darauf an, in welcher Weise jeweils die Sprachnutzer die betreffenden Aussagen in ihre Argumentations- und Handlungszusammenhänge einbeziehen, welche Funktionen sie darinnen zu erfüllen gedacht sind. Kurz gesagt: Ob die marxsche AWT dogmatisch sei, hängt weder von Marx noch von dieser Theorie selber ab, sondern wie die Theoriebenutzer damit umzugehen gedenken. Wenn Habermas es nicht für fähig oder wünschenswert hält, diese Theorie empirisch zu überprüfen, dann ist sie - für Habermas und in dessen Argumentationskontext! - nicht empirisch. Das schließt jedoch keineswegs aus, dass ein Ökonometriker diese Theorie hernimmt und empirischen Tests unterwirft (zugegebenermaßen wiederum auf eine andersartige Weise zugerichtet als durch Habermas).

Wem es um die kritische Fortentwicklung der Erkenntnis geht, dem wird (1) höchstens Vorbedingung für (2) sein. Oder er wird von vornherein auf (2) setzen, und sich um eine historisch getreue Interpretation die geringsten Sorgen machen.
"What is important is not whether a particular interpretation of a past theory is correct, but whether it is useful in developing a new theory in the present." (NEGISHI 1985:2)

Einerseits sollte auch nicht übersehen werden, dass die Rezeption von Ideen, die aus der Wissenschaftsgeschichte zu entnehmen sind, oftmals kaum möglich sind ohne die hermeneutischen Vorarbeiten von Interpretatoren. Andererseits gibt es bei vielen Interpretationen nicht nur Grauzonen des Verständnisses, wo theoretische Leistungen des historischen Autors und des Interpreten ineinander verschwimmen oder übergehen. Jede Interpretation stellt eine mehrstellige Relation dar, insbesondere zwischen dem Text und der spezifischen Perspektive des aktuellen Lesers. Das führt auch dazu, dass ein Klassiker niemals interpretatorisch erschöpft sein kann. Der Interpretationsmöglichkeiten sind immer so viele, wie es unterschiedliche Perspektiven von unterschiedlichen Lesern gibt.
"A great classic often has many different aspects that permits many different and mutually inconsistent interpretations by later scholars." (NEGISHI 1985:11)

So wurde der Welt nicht nur ein Haber-Marx, sondern auch ein Popper-Marx beschert.
"Auch bei der abschließenden Modellanalyse der Marxkritik soll nicht diskutiert werden, ob Popper Marx authentisch interpretiert, sondern nur gezeigt werden, in welcher Weise Popper Marx - so wie Popper ihn sieht - kritisiert." (SCHUPP 1975:85)

Die eklatante Verwechslung oder Vermischung von (1) und (2) wirkt besonders im Falle Poppers besonders fatal. Denn einerseits verkündet POPPER (1987:VIII) seine dezidierte Absicht, die Marxsche bzw. marxistische Geschichtsphilosophie zu kritisieren: Andererseits kreiert Popper ein Konstrukt, das er "Historizismus" nennt, und das sich so nirgends in der Geistesgeschichte 100%ig wiederfindet. Bei einer Theoriekritik setzt man jedoch gemeinhin voraus, dass zuvor die Theorie rekonstruiert bwz. gekennzeichnet sei, die gemeint wird. POPPER (1987) bringt es in seinem Anti-Marx bei insgesamt 132 Seiten auf die erstaunliche Zahl von 4 Marx-Zitaten; Zitate anderer marxistischer Autoren = 0. Honny soit qui mal y pense.

== Literaturverzeichnis ==
Helmut Seiffert: Einführung in die Wissenschaftstheorie, Bd. 2: Geisteswissenschaftliche Methoden: Phänomenologie/Hermeneutik und historische Methode/Dialektik, München 6. Aufl. 1975
Johannes Heinrichs: Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in ihrer aktuellen Bedeutung. Eine Einführung. Francke Verlag Tübingen 1986 (UTB 1412). ISBN 3-7720-1726-6.
P. V. Tavanec, V. S. Švyrjev: Die Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964)
Takashi Negishi: Economic theories in a non-Walrasian tradition, Cambridge New York New Rochelle Melbourne Sydney 1985
Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957)
Franz Schupp: Poppers Methodologie der Geschichtswissenschaft, Bonn 1975
Ernst Topitsch: Sprachlogische Probleme der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung, in: Topitsch 1967, S. 17-36
Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften, Köln Berlin 4. Aufl.1967

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