Samstag, 13. Juni 2009

Sozialforschung: Technik, Ideologie, bürokratische Herrschaft

Mittels der von Paul Lazarsfeld initiierten administrative research kommt Soziologie zu ihrem „bürokratischen Ethos“, so MILLS (1959:100ff.) Denn empirische Sozialforschung in großem Maßstab bedarf einer bürokratischen Organisation. Und damit gliedert sich Soziologie ein in die sie umgebende bürokratische Gesellschaft, wird Fleisch von ihrem Fleisch.

(1) “In an attempt to standardize and rationalize each phase of social inquiry, the intellectual operations themselves of the abstracted empirical style are becoming ‚bureaucratic’.
(2) These operations are such as to make studies of man usually collective and systematized; in the kind of research institutions, agencies, and bureaus in which abstracted empiricism is properly installed, there is a development, for efficiency’s sake if for no other, of routines as rationalized as those of any corporation’s accounting department.
(3) These two developments, in turn, have much to do with the selection and the shaping of new qualities of mind among the personnel of the school, qualities both intellectual and political.
(4) As it is practiced in business – especially in the communication adjuncts of advertising – in the armed forces, and increasingly in universities as well, ‘the new social science’ has come to serve whatever ends its bureaucratic clients may have in view. Those who promote and practice this style of research readily assume the political perspective of their bureaucratic clients and chieftains. To assume the perspective is often in due course to accept it.
(5) In so far as such research efforts are effective in their declared practical aims, they serve to increase the efficiency and the reputation – and to that extent, the prevalence – of bureaucratic forms of domination in modern society. But whether or not effective in these explicit aims (the question is open), they do serve to spread the ethos of bureaucracy into other spheres of cultural, moral, and intellectual life.”

Ein Soziologe ist demnach ein Experte, der im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung feststellt, was die schweigende Mehrheit denkt.

Die Wechselbeziehung zwischen Wissenschaft und Politik enthält diese Doppelfrage (SPINNER 1978:74):
1. die Verwissenschaftlichung der Politik (wissenschaftliche Politikberatung),
2. die Politisierung der Wissenschaft.

SPINNER (1978:77) sieht schließlich eine Tendenz zur Verwissenschaftstheoretisierung der Politik am Werke, die die normativen Bedingungen von Wissenschaftsmethodologie zum Vorbild nimmt, um darauf gründend ein Gesellschaftsmodell zu propagieren.

Eng verbunden mit diesen Fragen ist das Problem der Wertfreiheit, was nicht immer gesehen wird, wenn diese Frage rein methodologisch aufgezäumt wird.

"Für die Ausbildung einer autonomen Wissenschaft, die sich auf bestimmte Problemstellungen spezialisiert und methodologischen Erkenntnisstrategien folgt, ergeben sich folgende Probleme:
1. Homogenisierung der Wertvorstellungen und der Kriterien ihrer Interpretation, die für die Außen- und Binnenlegitimierung dieser Wissenschaft in Anspruch genommen werden;
2. Verminderung des wahrgenommenen Leistungsdefizits zwischen den Erwartungen und den Ergebnissen;
3. Abweisung solcher Sinngebungsbedürfnisse, die von der Wissenschaft nach Problemstellung und Methodenwahl nicht erfüllt werden können, und Überweisung ihrer Befriedigung an andere soziale Institutionen.

Max Webers Postulat der Werturteilsfreiheit der Wissenschaft hat nur dann eine Chance, wenn diese Probleme eine hinreichende Lösung gefunden haben." (LEPSIUS 1990: 289)

"Der für die Soziologie in weltanschaulich heterogenen Gesellschaften charakteristische permanente Methodenstreit ist dann Ausdruck eines Kampfes um Durchsetzung oder Anerkennung von Wertpräferenzen, die keine direkte Bedeutung für die einzelne Forschungsaufgabe haben können." (LEPSIUS 1990: 294)

Dazu ein paar Stilblüten aus der Forschungspraxis:

BERTRAM (1976) bemängelt, dass die meisten empirischen Untersuchungen zur schichtspezifischen Sozialisation die Ebene der sozialen Schichtung und die psychische und Verhaltensebene getrennt erfassen und erst nachträglich miteinander verbunden haben (anstelle der methodologisch gebotenen Mehrebenenanalyse) (vgl. zur Sozialisationsforschung OEVERMANN 1979).
ESSER (1989) hält aufgrund der Individualisierung die Suche nach sozialstrukturellen Gesetzmäßigkeiten überhaupt für obsolet und lediglich eine Erklärungsmöglichkeit über Gesetze individuellen Verhaltens für machbar.

MÜLLER/KLEIN (2008) weisen dem EU-Sozialbericht nach, dass dieser nur durch Zusammenwerfen von Bildungsabschlüssen zu dem Ergebnis kommt, dass Deutschland europaweit die höchste Chancengleichheit im Bildungssystem aufweise. Es wurden für den Bericht lediglich drei Abstufungen verwendet: niedre, mittlere und höhere Bildung, so dass sich Metzgermeister und Chefarzt in derselben Kategorie wiederfanden, was das unzutreffende Bild ergibt.

== Literaturverzeichnis ==
C. Wright Mills: The Sociological Imagination. Oxford University Press : New York 1959.
Helmut F. Spinner: Popper und die Politik. Rekonstruktion und Kritik der Sozial-, Polit- und Geschichtsphilosophie des kritischen Rationalismus. I. Geschlossenheitsprobleme. Bonn 1978
M. Rainer Lepsius: Gesellschaftsanalyse und Sinngebungszwang. In: Ders.: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen 1990.
Hans Bertram: Probleme der sozialstrukturell orientierten Sozialisationsforschung. Zeitschrift für Soziologie, 5, 1976, S. 103-117
Hartmut Esser: Verfällt die soziologische Methode?, Soziale Welt, 40, 1989, S. 57-75
Ulrich Oevermann: Sozialisationstheorie. Ansätze zu einer soziologischen Sozialisationstheorie und ihre Konsequenzen für die allgemeine soziologische Analyse. In: Günther Lüschen, (Hg.): Deutsche Soziologie seit 1945. Entwicklungsrichtungen und Praxisbezug. Westdeutscher Verlag Opladen 1979. ISBN 3-531-11479-4. S. 143-168
Walter Müller, Markus Klein: Schein oder Sein: Bildungsdisparitäten in der europäischen Statistik. Eine Illustration am Beispiel Deutschlands. Schmollers Jahrbuch, Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, 2008:128, Heft 4, S. 511-543

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