Freitag, 5. Juni 2009

Am Anfang war das Wort

Entscheidende Fragen sodann: Welches Wort? Und wie wird das Wort Fleisch?

Weniger theologisch ausgedrückt: Wo und wie anfangen?
Für denjenigen, der eine Theorie konstruiert, will das heißen: Wie wählt er für sein Modell die Anfangsbedingungen? Und wie kommt er von diesen zu seiner Theorie, d.h. von seinen simplifizierten, abstrakten Annahmen zu Erklärungen von Vorgängen in der realen Welt?

Der Historiker hat es mit einem ähnlichen methodologischen Problem zu tun, nämlich dem „Anfang der Geschichte“.

Der Historiker erzählt nicht einfach die Geschichte nach, sondern gibt wieder, wie sie ihm als ein „Werden“ erscheint. Fragwürdig ist auch die Anschauungsweise, zum Beispiel mit dem wahren oder „Urchristentum“ anzufangen, indem man wie bei einer Zwiebel Schale auf Schale abschält, um zu dem wahren Wesen zu gelangen.

„Es liegt völlig außer dem Bereich der historischen Forschung, zu einem Punkt zu gelangen, der in vollem und eminentem Sinn der Anfang, das unvermittelte Erste wäre. Wir kommen nicht weiter als bis zu relativen Anfängen, d. h. solchen, die wir im Verhältnis zu dem daraus Gewordenen als Anfang setzen.“ (DROYSEN 1958:150).

Die Sache ist also nicht einfach die, dass der Anfang so prekär ist, weil in ihm alles steckt, was später in Erscheinung tritt. Um den Anfang richtig zu wählen, müssen wir bereits im Voraus wissen, was später kommen soll. Wer eine Letztbegründung erwartet, wird sich dann freilich leicht getäuscht vorkommen, weil das ganze Vorgehen hierbei wie ein logischer Zirkel anmutet. Dieser „Zirkel“ ist aber ebenso sehr und ebenso wenig harmlos wie der “Zirkel“ zwischen einer Theorie A und den jeweiligen Tatsachen T(A), die sie behauptet. Es handelt sich hierbei weniger um einen logischen Zirkel, als um eine Rückkopplungsschleife (im kybernetischen Sinn) im methodologisch rekonstruierbaren Erkenntnisprozess.

Droysen meint zwar, die spekulative Philosophie sei hier besser dran, sie könne aus dem Absoluten heraus konstruieren und bedürfe deswegen keiner relativen Anfänge.

„Womit muss der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ Über diese Frage stolpert auch HEGEL (1996:65).

„Der Anfang der Philosophie muß entweder ein Vermitteltes oder Unmittelbares sein, und es ist leicht zu zeigen, daß er weder das eine noch das andere sein könne,…“

Vor der Wissenschaft aber schon über das Erkennen ins reine kommen wollen, heißt verlangen, daß es außerhalb derselben erörtert werden sollte; außerhalb der Wissenschaft läßt sich dies wenigstens nicht auf wissenschaftliche Weise, um die es hier allein zu tun ist, bewerkstelligen.“ (HEGEL 1996:67)

Hegel wär jedoch nicht der Philosoph, den er sein will, wenn er nicht auch dieses Problem in den Begriff bekommen hätte. Seine Lösung interessiert hier aber weniger, als die Frage, inwiefern sie Licht wirft auf Marxens Differenzen in dieser Frage mit Proudhon und Ricardo. Marx findet Proudhons Ableitungsversuch der Werttheorie einen lächerlichen Abklatsch der Rousseauschen Vertragstheorie. Es ist ein Mischmasch, weder Geschichte noch theoretisch zureichende Begründung.

Diese Frage ist lediglich Vorgeplänkel zu der Frage nach dem Stellenwert von Band I des Kapital, im Bezug zu Band III, was auch das sog. Transformationsproblem mitbetrifft (aber nicht nur dieses).

Welcher Stellenwert hat das Modell der „einfachen Warenproduktion“ im Vergleich zu dem Kapitalismusmodell, welches sich durch Produktionspreise auszeichnet?

Muss man Engels eine empiristisch-historische Fehlinterpretation des Modells der „einfachen Warenproduktion“ vorwerfen, so wie das z. B. BACKHAUS (1978) tut? Oder ist dieses nur ein „Modell im Modell“?

Analoges findet man bei Schumpeters Konjunkturtheorie, die vom allgemeinen Gleichgewichtsmodell Walras’scher Prägung auszugehen sucht; überhaupt nicht problemlos, wie OAKLEY (1990) diagnostiziert.

Auch HAYEKs (1967) analoge Theorie bleibt nicht von dieser Frage des Anfangsmodells verschont. Auch hier geht es um die mindestens genauso abenteuerliche Frage: Wie kommt man von der Statik zur Dynamik?

All dies wird zu untersuchen sein.

== Literatur==
Johann Gustav Droysen: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte. Hrg. Rudolf Hübner. R. Oldenbourg München 1958
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik I. Erster Teil. Die objektive Logik. Erstes Buch. 4. Aufl. Frankfurt 1996. ISBN 3-518-09718-0.
Allen Oakley: Schumpeter’s Theory of Capitalist Motion. A Critical Exposition and Reassessment. Edward Elgar : 1990. ISBN 1-85278-055-X.
Friedrich A. Hayek: Prices and Production. Augustus M. Kelley, New York repr. 1967.
Hans-Georg Backhaus: Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie 3. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 11. (es 957) 1. Aufl. 1978. ISBN S. 16-117.

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