Mittwoch, 3. Juni 2009

Zinsen, wenn die Gesellschaft primitiv ist

„Begin with Adam Smith’s ‚early and rude state,‘ where i) land is superabundant and free and ii) productive methods are of such primitive and short duration that interest and profit are somehow ignorable.“ (SAMUELSON 1971:400)

Samuelson bezieht sich damit auf SMITH (Book I, Ch. VI):

„In that early and rude state of society which precedes both the accumulation of stock and the appropriation of land, the proportions between the quantities of labour necessary for acquiring different objects seems to be the only circumstance which can afford any rule for exchanging them for another.”
[“Auf der untersten Entwicklungsstufe eines Lands, noch bevor es zur Kapitalbildung kommt und der Boden in Besitz genommen ist, ist das Verhältnis zwischen den Mengen Arbeit, die man einsetzen muß, um einzelne Gegenstände zu erlangen, offenbar der einzige Anhaltspunkt, um eine Regel für deren gegenseitigen Austausch ableiten zu können.“ (SMITH 1990:42)]

Und Samuelson merkt in einer Fußnote hierzu kritisch an:

„It is easier to justify ignoring land and its rent – for under primitive conditions it is easy to imagine land to be superabundant, so that it becomes a free factor and production gets carried on in a land-sated fashion. It is harder, though, to justify in a primitive community any assumption that intermediate and durable goods are in such superabundant supply that time-sated productive methods are feasible. Rude economics are not low or zero interest economies; they tend to be high interest states, in which short-time methods are used precisely because of the very ‘scarcity of time’, incident to the serious problem of living from harvest to next harvest and from random scarcity of game and crops to random abundance. As will become clear, we must therefore make some heroic abstractions to give Smith the rope he needs for his argument – e.g., an assumption of instantaneous production of deer and beaver.”

Ohne einen Unterschied zu treffen zwischen Zins, Mehrwert und Profit, behauptet Samuelson, dass die Zinsrechnung für den Smithschen Naturzustand relevant sei. Naturalwirtschaften seien viel eher Wirtschaften mit einem hohen Zinssatz, weil hier bei einem raschen Wechsel zwischen Kargheit und Überfluss nur soviel für Produktionsmittel verausgabt werde, als sie kurzfristig einen hohen Ertrag versprächen. Vorausgesetzt wird bei alldem jedoch eine abstrakte Recheneinheit, wie sie per Definition in einer Naturalwirtschaft inexistent ist. Damit sich in einer Gesellschaft ein abstraktes Wertmaß durchsetzt und befestigt, bedarf es des entwickelten Tauschs (vgl. Wertformanalyse in MARX, Kapital, I).

Auch die Nutzentheorie geht, zumindest in wesentlichen Punkten, am wirtschaftlichen Geschehen einer traditionalen Naturalwirtschaft vorbei. Dazu wollen wir voraussetzen, dass das Nutzenprinzip nicht tautologisch angewandt wird, indem etwa jeder gewählten Verhaltensalternative a posteriori deswegen der höhere Nutzen beigemessen wird. Dann sagt eine wie immer auch beobachtete bzw. gemessene Nutzenschätzung eines Wirtschaftssubjekts immer noch wenig über dessen Tauschverhalten aus, da das Tauschverhalten in traditionalen Gesellschaften gegen Nutzenerwägungen meist abgeschirmt ist (BLAU 1967:110).

Man kann demzufolge auch nicht durch das Grenznutzenprinzip die Verteilung des Arbeitskräfteeinsatzes erklären, da die produktiven Tätigkeiten hauptsächlich durch Gewohnheit und Sitte reguliert werden (FIRTH 1967:6). Selbst wenn man der These zustimmen wollte, dass eine optimale Ressourcenallokation rational allein durch Anwendung einer Zinsrechnung erfolgen kann (SAMUELSON 1964:318), so ist 1. die Frage der rationalen Notwendigkeit, 2. die Frage der praktisch-empirischen Anwendung sowie 3. die des wirklichen Wollens (dominierendes Wertesystem einer Gesellschaft!) eine je ganz andere. Nicht alles, was vernünftig ist, ist wirklich („Wirklichkeit“ nicht wie von Hegel, sondern wie von Popper verstanden)

Man kann Samuelson jedoch auch so antworten, wie SCHUMPETER (1952:416) auf die Kritik durch Böhm-Bawerk geantwortet hat:

„v. Böhm-Bawerk weist schon im ersten Abschnitte seiner Kritik als auf eine zweifellose Tatsache darauf hin, daß der Zins immer und überall bestehe. Nun sei gleich hervorgehoben, daß diese Überzeugung, die offenbar den Grundstein seiner Kritik und den innersten Hauptgrund seiner Ablehnung bildet, nur vom Standpunkt und im Gedankenkreise bestimmter Zinstheorien verständlich ist. Aber ohne feststehende Zinstheorie ist diese Überzeugung durchaus nicht ohneweiters zu teilen: Möglich, daß uns die Resultate unserer Analyse zwingen zu sagen, daß es in der Wirtschaft der Australneger Kapitalzins gäbe – aber so klar, daß man darauf wie auf eine unumstößliche Tatsache hinweisen könnte, scheint mir das nicht zu sein.“
Nun muss man nicht Schumpeters eigentümliche Theorie, dass der Zins auf dem Gewinn des innovierenden Unternehmers beruhe, nicht unbedingt teilen, um sein Hauptargument zu teilen: Ob es einen Zins gibt, hängt ab von der jeweiligen Zinstheorie. Denn allein eine solche kann uns sagen, wann es einen Zins gibt und was dieser denn sei.

== Literaturverzeichnis ==

Paul A. Samuelson: Understanding the Marxian Notion of Exploitation. Journal of Economic Literature, 1971 9(2), S. 399ff.
Paul A. Samuelson: Volkswirtschaftslehre. Bd. II, Köln 1964
Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übertragen und mit einer umfassenden Würdigung des Gesamtwerkes hrg. von Horst Claus Recktenwald. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Klassik 2208) 5. Aufl. 1990. ISBN 3-406-05393-9.
Peter M. Blau: Exchange and Power in Social Life. New York, London, Sydney 2. Aufl. 1967
Raymond Firth: Themes in Economic Anthropology. London, New York, Sydney, Toronto, Wellington 1967
Joseph A. Schumpeter: Eine ‚dynamische‘ Theorie des Kapitalzinses. Eine Entgegnung. In: Aufsätze zur ökonomischen Theorie. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1952. S. 411 ff. (Aus: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. 22, 1913, S. 599-639)

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