Freitag, 3. Juli 2009

Wie begründet Marx seine Arbeitswerttheorie?

"Beginnen wir mit einer Frage, die uns sofort vor die Hauptsache führt: auf welchem Wege ist Marx zum theoretischen Fundamentalsatz seiner Lehre gelangt, zum Satze, daß aller Wert einzig und allein auf verkörperten Arbeitsmengen beruhe?"
(BÖHM-BAWERK 1973:78)

BB fragt nach der Begründung der Arbeitswerttheorie in Das Kapital, Band I. Was ihm dort geboten wird, erscheint ihm nichts anderes als eine Art „dialektischer Beweis“ zu sein, den er analog zur Logik eines aprioristischen Begründungsversuchs (Beispiel: MISES) zu analysieren versucht.
"Statt nun seine These aus der Erfahrung oder aus ihren wirkenden Motiven empirisch oder psychologisch zu begründen, zieht Marx es vor, einen dritten, für einen derartigen Stoff gewiß etwas seltsamen Beweisgang einzuschlagen: den Weg eines rein logischen Beweises, einer dialektischen Deduktion aus dem Wesen des Tausches heraus." (BÖHM-BAWERK 1973:81)

Das Ergebnis ist dermaßen verheerend, dass er letztlich Marxens Darbietung nur noch psychologisch als eine Abweichung des Autors vom normalen Menschenverstand zu begreifen vermag.
"Was ich aber behaupten möchte, ist, daß wohl niemals sonst ein so denkgewaltiger Kopf, wie Marx es war, eine so schwer, so kontinuierlich und so handgreiflich falsche Logik zum besten gegeben hat, als Marx es in der systematischen Begründung seiner Fundamentalthese tut." (BÖHM-BAWERK 1973:92)

Man hätte aber auch überlegen können, dass bei einem solch abartigen Ergebnis eines Interpretationsversuchs auch die Interpretation selbst die Ursache des Übels sein könnte. Und tatsächlich scheint mir hier der Hase im Pfeffer zu legen!
BB glaubt, dass Marx Beweisgang demonstrieren wollte, dass das Gemeinsame von Waren als Arbeitsprodukten die Entstehung aus Arbeit sei; dabei lasse der Beweisgang offensichtlich völlig außer Acht, dass es auch nicht durch Arbeit produzierte Waren gebe.
"Hätte Marx an der entscheidenden Stelle die Untersuchung nicht auf die Arbeitsprodukte eingeengt, sondern auch bei den tauschwerten Naturgaben nach dem Gemeinsamen gesucht, so wäre es handgreiflich gewesen, daß die Arbeit das Gemeinsame nicht sein kann." (BÖHM-BAWERK 1973:78)

Der Konfusion von BB liegt zugrunde, natürlich neben der völligen Unklarheit über Marxens „Dialektik“, insgesamt eine grundsätzliche Unklarheit über die Methodologie ökonomischen Modellierens. Denn inwiefern kann man in der Wirtschaftswissenschaft überhaupt von einem Beweis“ sprechen?
"Was uns anbetrifft, so können wir diese Dinge (Lehrsätze), die wir voraussetzen, wahllos als Hypothesen oder Axiome, Postulate oder Annahmen oder gar Prinzipien bezeichnen; diejenigen Lehrsätze dagegen, für die wir glauben, mit Hilfe von zulässigen Methoden den Beweis erbracht zu haben, nennen wir Theoreme. Nun werden Hypothesen dieser Art auch von den Fakten angeregt - d. h. es liegt ihnen eine bestimmte Beobachtung zugrunde -, streng logisch genommen sind sie aber willkürliche Schöpfungen des Analytikers. Sie unterscheiden sich darin von den Hypothesen der ersteren Kategorie, daß sie nicht selbst endgültige Forschungsergebnisse darstellen, die um ihrer selbst willen interessant sein sollen, sondern daß sie bloße Instrumente oder Werkzeuge sind, eigens zu dem Zweck geschaffen, um interessante Resultate erst zu erzielen.
...
Die Gesamtheit solcher Hilfskonstruktionen, einschließlich aller strategisch nützlichen Annahmen, konstituiert die ökonomische Theorie. In Mrs. Robinsons unübertrefflich prägnanter Formulierung ist die ökonomische Theorie ein großer 'Werkzeugkasten'." (SCHUMPETER 1965:46)

Eine aprioristische Letztbegründung geben zu wollen, ist aber ein Begründungsprogramm, das a priori zum Scheitern verurteilt ist.
„Kein einziges Axiom einer bestimmten Theorie kann aber durch Theoreme derselben Theorie logisch begründet werden; das ergibt sich schon aus dem Begriff "Axiom": ‚die innerhalb einer Theorie T logisch nicht-ableitbare Ableitungsbasis der Theoreme von T‘.“(BOUDON (1971:9f).

Eine „logische Ableitung“ kann lediglich eine logisch richtige Schlussfolgerung aus irgendwelchen vorausgesetzten Axiomen ziehen. Unter einem „deduktiven Schluss“ ist ein zuverlässiger Schluss zu verstehen, in dem die Konklusion logisch aus den Prämissen erfolgt (SADOVSKIJ 1967:200). Die Richtigkeit eines bestimmten Schlusses ist immer nur relativ gegeben zu einem bestimmten logischen System.
„Die Relativität des deduktiven Schlusses bedeutet, daß ein Schluß, der in einem logischen System richtig ist, in einem anderen System falsch sein kann.“ (SADOVSKIJ 1967:200)

Eine logische Analyse des Marxschen Vorgehens setzte also eine Identifizierung des von ihm angewandten logischen Systems sowie eine Rekonstruktion seiner speziellen deduktiven Theorie voraus, in ihren syntaktischen Hinsichten sowie deren semantische Interpretation durch die Behauptungen der Arbeitswerttheorie.
Dass Marx selbst die an ihn gestellte Forderung nach einem (aprioristischen ?!) „Beweis“ für völlig absurd und auch ganz in Widerspruch zu der in der klassischen Nationalökonomie geübten wissenschaftliche Methode empfunden hat, zeigt dieser nachfolgende Auszug aus einem Brief an Kugelmann aus London vom 11. Juli 1868 ganz deutlich:
„Was das "Zentralblatt" angeht, so macht der Mann die größtmöglichste Konzession, indem er zugibt, daß, wenn man unter Wert sich überhaupt etwas denkt, man meine Schlußfolgerungen zugeben muß. Der Unglückliche sieht nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den 'Wert' stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiedenen Bedürfnissen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.

Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt. Wollte man also von vornherein alle dem Gesetz scheinbar widersprechenden Phänomene 'erklären', so müßte die Wissenschaft vor der Wissenschaft liefern. Es ist gerade der Fehler Ricardos, daß er in seinem ersten Kapitel über den Wert alle möglichen Kategorien, die uns entwickelt werden sollen, als gegeben voraussetzt, um ihr Adäquatsein mit dem Wertgesetz nachzuweisen.

Allerdings beweist andererseits, wie Sie richtig unterstellt haben, die Geschichte der Theorie, daß die Auffassung des Wertverhältnisses stets dieselbe war, klarer oder unklarer, mit Illusionen verbrämter oder wissenschaftlich bestimmter. Da der Denkprozeß selbst aus den Verhältnissen herauswächst, selbst ein Naturprozeß ist, so kann das wirklich begreifende Denken immer nur dasselbe sein, und nur graduell, nach der Reife der Entwicklung, also auch des Organs, womit gedacht wird, sich unterscheiden. Alles andere ist Faselei.

Der Vulgärökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirklichen, täglichen Austauschverhältnisse und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. Der Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß a priori keine bewußte, gesellschaftliche Regelung der Produktion stattfindet. Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch. Und dann glaubt der Vulgäre eine große Entdeckung zu machen, wenn der Enthüllung des inneren Zusammenhanges gegenüber darauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Scheine festhält und ihn als letztes nimmt. Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?

Aber die Sache hat hier noch einen anderen Hintergrund. Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt vor dem praktischen Zusammensturz aller theoretische Glaube in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände. Es ist hier also absolutes Interesse der herrschenden Klassen, die gedankenlose Konfusion zu verewigen. Und wozu anders werden die sykophantischen Schwätzer bezahlt, die keinen anderen wissenschaftlichen Trumpf auszuspielen wissen, als daß man in der politischen Ökonomie überhaupt nicht denken darf?

Jedoch satis superque. Jedenfalls zeigt es, wie sehr diese Pfaffen der Bourgeoisie verkommen sind, daß Arbeiter und selbst Fabrikanten und Kaufleute mein Buch verstanden und sich darin zurechtgefunden haben, während diese 'Schriftgelehrten' (!) klagen, daß ich ihrem Verstand gar Ungebührliches zumute.“


Man muss also davon ausgehen, dass Marx 1. Ergebnisse Hegelscher Dialektik materialistisch angewandt hat, d. h. um empirisch gehaltvolle Aussagen zu produzieren, 2. was BB als aprioristisch-deduktiver Beweisgang anmutet, nichts weiter ist als die "dialektische" (systematische) Entfaltung der Kategorien der Marxschen Arbeitswerttheorie, die den qualitativen (strukturell-genetischen; vgl. ZELENÝ 1970) Widerpart abgibt zu der quantitativen Modellierung (wie zum Beispiel durch ROBINSON 1966).

Wenn Karl Popper von "Tiefenerklärung" nach dem Modell der Zwiebel oder russischen Puppe (MUSGRAVE 1998:98) spricht, allerdings ohne Letztbegründung, so ist daran zu erinnern, dass Hegels philosophisches System als ein Kreis von Kreisen strukturiert ist (GRUJIĆ 1969:19). Es wäre in Analogie hierzu nicht verkehrt, Marxens Analyse der kapitalistischen Gesellschaftsformation als einer Totalität als "Modelle in einem Modell" zu begreifen. Das wird geradezu methodisch gefordert, wenn man seine "Methode vom Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten" ernst nimmt.

Nur auf diesem Hintergrund sind Konsistenzprobleme wie etwa das Transformationsproblem zu lösen. Und man sollte sich den Weg hierzu nicht durch vorschnelles Parallelziehen zum Walrasschen generellen Gleichgewichtssystem verstellen. Nicht nur Joseph A. Schumpeter war von letzterem so entzückt, dass er es ökonomisch als den Stein der Weisen hochgeschätzt hat. Er hat sich dadurch aber manch besseren alternativen Lösungsweg zu einer dynamischen und realistischen Analyse des "kapitalistischen Prozesses" verbaut.

== Literaturverzeichnis ==
Eugen von Böhm-Bawerk: Zum Abschluß des Marxschen Systems. In: Friedrich Eberle, (Hrg.): Aspekte der Marxschen Theorie 1. Zur methodologischen Bedeutung des 3. Bandes des ‘Kapital'. Frankfurt 1973. S. 25ff
Ludwig von Mises: Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens. München 1. Aufl. 1980, ISBN 3-88405-010-9. (Genf 1940).
Raymond Boudon: La logique du social. Introduction à l'analyse sociologique. Hachette Littérature. 1979.
Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965.
V. N. Sadovskij: Die deduktive Methode als Problem der Wissenschaftslogik. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964). S. 191-247.
Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Verlag JHW Dietz Nachf. Berlin.
Jindrich Zelený: Die Wissenschaftslogik bei Marx und ‘Das Kapital’. Frankfurt Wien 1970
Joan Robinson, An Essay on Marxian Economics, London Basingstoke 2nd ed. 1966
(ROBINSON 1966)
Alan E. Musgrave: ''Explanation, Description and Scientific Realism.'' In: Herbert Keuth, (Hg.): ''Logik der Forschung.'' Akademie Verlag Berlin 1998. ISBN 3-05-003021-6.
Predrag Grujić: Hegel und die Sowjetphilosophie der Gegenwart. Francke Verlag Bern und München 1969.

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