Dienstag, 26. April 2011

Dialektik bei Marx



Bekannt ist, dass Marx seine eigene Metatheorie mit den Begriffen „dialektisch“, „materialistisch“ und „historisch“ beschrieben hat. Nicht bekannt ist, was er damit genau gemeint hat.

Eine ausführliche Exposition dessen, was er als „Dialektik“ praktiziert hat, wurde von Marx selbst nicht mehr geliefert. Wir haben also dazu nur seine verstreuten kursorischen Anmerkungen zu seiner Methode sowie seine Methode, wie er sie als „Logik in Aktion“, etwa im „Kapital“, angewandt hat.

Man mag von Georg Lukács halten, was man will; zweifellos zählt es aber zu seinem Verdienst, die Frage nach der Marxschen Methode der Wissenschaft seinerzeit als Problem wieder neu gestellt zu haben. So sagt Lukács in seinem Vorwort zu ‚Geschichte und Klassenbewußtsein‘ aus dem Jahre 1922:
„Es ist allgemein bekannt, daß sich Marx selbst mit dem Gedanken trug, eine Dialektik zu schreiben. ‚Die rechten Gesetze der Dialektik,‘ schrieb er an Dietzgen, ‚sind schon im Hegel enthalten; allerdings in mystischer Form. Es gilt, diese Form abzustreifen.‘ Diese Blätter – dies muß hoffentlich nicht eigenst betont werden – erheben keinen Augenblick den Anspruch, selbst die Skizze zu einer solchen Dialektik zu bieten. Wohl aber ist es ihre Absicht, eine Diskussion in dieser Richtung anzuregen; diese Frage – methodisch – wieder auf die Tagesordnung zu stellen. Darum wurde jede Gelegenheit benutzt, auf diese methodischen Zusammenhänge hinzuweisen, um sowohl die Punkte, wo Kategorien der Hegelschen Methode für den historischen Materialismus ausschlaggebend geworden sind, wie jene, wo die Wege von Hegel und Marx sich scharf scheiden, möglichst konkret aufzeigen zu können, um damit Material und – wenn möglich – Richtung für die sehr notwendige Diskussion dieser Frage zu liefern. Diese Absicht hat teilweise die ausführliche Behandlung der klassischen Philosophie im zweiten Abschnitt des Aufsatzes über die Verdinglichung bestimmt.“ (1)
Es wird damit also nicht nur das Verhältnis von Marx zu Hegel (und zu Feuerbach und anderen deutschen und französischen Philosophen), sondern auch zur klassischen Nationalökonomie, etwa eines David Ricardo, sowie zu den französischen Materialisten und Historikern als Problem neu aufgeworfen.

Diese Aufgabe ist aber nicht einfach im herkömmlichen Sinn von Textexegese zu verstehen, also dass man bestimmte Texte kennenlernen muss, um die darin von den betreffenden Autoren gebrauchten und von Marx in einer bestimmten Weise entlehnten Begriffe und deren Bedeutungen zu erlernen. Es ist vielmehr so, dass die von Marx kritisierten Texte von Marx so zu einer Synthese verarbeitet worden sind, dass diese als Bestandteil dieser Synthese mit zum Resultat der Marxschen Theorie gehören.

Damit ist nämlich auch das wesentliche Merkmal des dialektischen Verfahrens gekennzeichnet, das vielen Hegel- und Marxkritikern entgangen ist, obwohl es so klar und deutlich vor ihren Augen praktiziert worden ist. Es entzieht sich ihren Blicken, weil es kontra-intuitiv zur gewohnten analytischen Denkweise ist, wie sie von den meisten Marxkritikern auf die eine oder andere Weise selber verwendet wird. So hat zum Beispiel Karl Popper die Eigenart des dialektischen Denkens nicht deutlich genug erfasst, obwohl er sich selber mit fast ähnlichen Argumenten gegen fixe Definitionen in den Wissenschaften ausgesprochen hat.

Lukács schließt sein Vorwort mit dem Hinweis auf das Mangelhafte seines eigenen Lösungsversuchs bzw. seiner Problemdarstellung. Was er allerdings als die grundlegende „Schwierigkeit“ beim Verständnis der Dialektik angibt, läuft indes auf die Wesensbestimmung der Dialektik hinaus (was er wohl nicht deutlich genug herausstellt):
„Bei der Erwähnung solcher Mängel sei der – dialektisch unbewanderte – Leser nur noch auf eine, allerdings unvermeidliche, im Wesen der dialektischen Methode liegende Schwierigkeit hingewiesen. Auf die Frage der Begriffsbestimmungen und der Terminologie. Es gehört zum Wesen der dialektischen Methode, daß in ihr die – in ihrer abstrakten Einseitigkeit – falschen Begriffe zur Aufhebung gelangen. Dieser Prozeß des Aufhebens macht aber zugleich notwendig, daß dennoch ununterbrochen mit diesen – einseitigen, abstrakten und falschen – Begriffen operiert wird; daß die Begriffe weniger durch eine Definition, als durch die methodische Funktion, die sie als aufgehobene Momente in der Totalität erhalten, zu ihrer richtigen Bedeutung gebracht werden. Dieser Bedeutungswandel ist aber in der von Marx korrigierten Dialektik noch weniger terminologisch fixierbar als in der Hegelschen selbst. Denn wenn die Begriffe nur gedankliche Gestalten geschichtlicher Wirklichkeiten sind, so gehört ihre – einseitige, abstrakte und falsche – Gestalt als Moment der wahren Einheit eben mit zu dieser wahren Einheit selbst. Die Ausführungen Hegels über diese terminologische Schwierigkeiten in der Vorrede zur ‚Phänomenologie‘ sind also noch richtiger, als es Hegel dort selbst meint, wenn er sagt: ‚So wie der Ausdruck der Einheit des Subjekts und Objekts, des Endlichen und Unendlichen, des Seins und Denkens usf. das bedeuten, was sie außer ihrer Einheit sind, in der Einheit also nicht als das gemeint sind, was ihr Ausdruck sagt: ebenso ist das Falsche nicht mehr als Falsches ein Moment der Wahrheit.‘ In dem rein Geschichtlichwerden der Dialektik wird diese Feststellung noch einmal dialektisch: das ‚Falsche‘ ist zugleich als ‚Falsches‘ und als ‚Nicht-Falsches‘ ein Moment des ‚Wahren‘.“ (2)
Es ist also die Eigenart von Marx und des von ihm von Hegel übernommenen Verfahrens, zur Kritik einer Theorie deren Begriffe zu verwenden, aber auf eine solche Weise, dass deren Falschheit bzw. Nichtangemessenheit deutlich zu Bewusstsein gebracht wird. Wer diese Verfahrensweise nicht durchschaut, sondern ständig nach festen Begriffsbestimmungen bei Hegel oder Marx äugt, wird sich ständig verladen vorkommen (Popper: „Scharlatanerie“). Denn er kommt sich vor wie der Hase beim Wettlauf mit dem Igel. Dabei tun sowohl Hegel wie Marx nichts anderes, als was Popper immer wieder gefordert hat: sie kritisieren Begriffe und Theorien.

Dabei inspiriert Hegels Dialektik aber nicht nur Marxens Metatheorie. Über Marxens Menschenbild (was heutzutage in der soziologischen Theorie als das „Akteursmodell“ firmiert) bis zu den Fragen der Entfremdung und Verdinglichung, den ideologischen Formen der Alltagstheorien der Handelnden wird dialektisches Denken von Marx dazu benutzt, um theoretische Aussagen und empirische Aussagen über die gesellschaftliche Wirklichkeit und deren geschichtlichen Abläufe zu gewinnen. Lukács verstrickt sich bei der Erörterung dieser Fragen in die Schwierigkeiten, die sich bei der Exposition einer empirischen Theorie ergeben, wenn dieselbe mit zweierlei Metatheorien konfrontiert wird (objektiver Idealismus bei Hegel; historischer Materialismus bei Marx). Eine weitere metatheoretische Alternative zu Hegel und Marx bieten Max Weber oder Georg Simmel an.(3) Diese Konfrontation von Metatheorien ist gewiss mühselig und oft unerquicklich. Wer aber Fallibilismus und Theorienpluralismus ernst nimmt, kommt um diese Mühsal nicht herum. Die Alternative hierzu wäre nämlich Dogmatismus und Theoriemon(opol)ismus.

Die Dialektik ist aber nicht damit zu erledigen, dass man sie dogmatisch oder irrational schimpft. Dazu braucht es etwas mehr, nämlich Argumente, die auf deren Problemstellung und vorgeschlagene Lösungsansätze eingehen.

(1) Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Sonderausgabe der Sammlung Luchterhand. November 1970. (Neuwied Berlin 1968). S. 55.
(2) Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Sonderausgabe der Sammlung Luchterhand. November 1970. (Neuwied Berlin 1968). S. 56.
(3) Georg Simmel: Philosophie des Geldes. (hrg. Von David P. Frisby, Klaus Christian Köhnke). Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1. Aufl. 2000. ISBN 3-51858298-4.

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