Mittwoch, 30. März 2011

Hegel ein Proto-Nazi?!

Cassirer (2007) fällt in dasselbe Genre wie Poppers „Offene Gesellschaft“. Das heißt, es ist eines der zeitgenössischen Bücher, die das Entstehen des Totalitarismus geistesgeschichtlich erklären wollen. Damit teilt Cassirer (2007) dieselbe grundsätzliche Kritik, die man einem rein geistesgeschichtlichen Ansatz in dieser Frage entgegenhalten muss. Eine „Beeinflussung“ von Philosoph zu Philosoph und sodann zu Politiker ist empirisch-wissenschaftlich meist nicht gesichert oder auch nur die Frage des historischen Vorgangs damit erklärt. (Kann man Ideen ideengeschichtlich widerlegen?)

Doch es ist wohl Walter Kaufmann zuzustimmen, der Cassirer (2007) in Gegensatz zu Popper für ein wissenschaftliches Werk hält, das üblichen akademischen Ansprüchen an einen Gelehrten genügt.

Umso gravierender ist dann folgender Einsprengsel, der gar nicht mit Cassirers sonst differenzierter Behandlung Hegels zusammepasst:
„Unlike Novalis, Hegel is not interested in the beauty of the state but in its ‘truth’. And according to him this truth is not a moral one; it is rather ‘the truth which lies in power’. ‘Men are as foolish as to forget […] in their enthusiasm for liberty of conscience and political freedom, the truth which lies in power.” (Die Verfassung Deutschlands, S. 89) These words written in 1801, about 150 years ago, contain the clearest and most ruthless program of fascism that has ever been propounded by any political or philosophic writer.” (S. 264)
Ernst Cassirer: The Myth of the State. Gesammelte Werke, Band 25 (ECW25). Meiner 2007.

Die polemische Charakterisierung Hegels als Proto-Nazi gibt Cassirers Belegstelle weder her, noch steht diese punktuelle Charakterisierung Hegels mit der übrigen Hegel-Darstellung von Cassirer (2007) in Einklang. Sie steht so wenig in Einklang, dass Kaufmann bedenkenlos Cassirer als Antipode der Hegel-Legende anführen kann. Doch hier an der oben zitierten Stelle scheint Cassirer der Legende selbst nachgeben zu wollen, vielleicht ein unbeabsichtigt gezollter Tribut an die Epidemiologie der Hegel-Phobie.

Dass politische Prozesse von der Macht geprägt sind, das ist seit Machiavelli ein Gemeinplatz, und dieses hat Cassirer (2007) selbst am besten herausgearbeitet. An solchen Stellen rächt sich, dass derlei geistesgeschichtliche Betrachtungen keinen historischen oder empirisch-wissenschaftlichen Begriff von Totalitarismus oder Nationalsozialismus haben. Man muss sich vielmehr fragen, ob der geisteswissenschaftliche Ansatz überhaupt geeignete Instrumente bereitstellt, um sich der neuen Wirklichkeit nach 1914 zu nähern.

Es ist bezeichnend, dass Kaufmanns und Cassirers differenzierte Hegel-Lektüre nicht gehindert haben, dass die Hegel-Legende und nicht die differenzierte Hegel-Kritik heute noch verbreitet werden.
„So war auch der Nationalsozialismus eine Überwältigung des Menschen durch politische Mythen. Cassirer sah die Keime hierzu bereits im Nationalismus der Romantik und in den Ideen des Absoluten im Deutschen Idealismus gelegt, insbesondere bei Hegel, der sowohl den Gedanken der Heldenverehrung als auch den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln goutierte.“
Ernst Cassirer, Wikipedia.de, 30. März 2011.

Es gilt Greshams Gesetz: das Schlechtere setzt sich stets durch.

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