Freitag, 8. April 2011

Die aristotelischen Wurzeln des Hegelianismus



Ich werde Popper im Folgenden nur insoweit behandeln, als seine Fassung des Historizismus seine Hegel-Legende vorführt und insoweit den Popperizismus um ein weiteres Thema bereichert hat. Wenn wir uns darauf beschränken, hier nur seine „Die aristotelischen Wurzeln des Hegelianismus“ zu behandeln, so bedeutet das keinen so großen Verlust, wie das auf den ersten Blick scheinen könnte. Denn Popper war trotz seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und seines überraschend weiten Gesichtskreises kein besonders origineller Denker. Was er der politischen Philosophie hinzufügte, war hauptsächlich eine mehr oder minder zusammengeraffte Darstellung und ein brennendes Interesse an der Widerlegung des Marxismus. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß er der Autor der „Logik der Forschung“ ist; und dafür, wie auch für seine anderen Errungenschaften, verdient er voll und ganz, was Aristoteles zu erlangen hoffte: unseren Dank und unsere Nachsicht mit seinen Unzulänglichkeiten. Aber für Leser und Bewunderer Hegels sind diese Unzulänglichkeiten leider schwer zu übersehen. (Meine Paraphrasierung von Popper (1) mit einigen kleinen Änderungen; so wurde zum Beispiel aus „Aristoteles“ = „Popper“ und „Platon“ = „Hegel“.)

Aristoteles war kein Historizist, aber ein Essentialist. (2) Hegel gebührt das Verdienst, aus dem aristotelischen Essentialismus den neuzeitlichen Historizismus geschaffen zu haben. (3)

„Wir können drei historizistische Lehren unterscheiden, die direkt aus dem Essentialismus des Aristoteles folgen.
(1) … Prinzip, daß wir nur durch die Anwendung der historischen Methode, durch das Studium sozialer Veränderungen, eine Kenntnis von sozialen Wesenheiten oder Essenzen erlangen können.
(2) (…) Diese Lehre führt zur historizistischen Idee eines geschichtlichen Fatums oder eines unentrinnbaren wesenhaften Geschicks; denn Hegel zeigte später, „daß das, was wir Prinzip, Endzweck, Bestimmung … genannt haben“ nichts anderes ist als „das nicht vollständig wirkliche Innere“. (…)
(3) Um real oder aktual zu werden, muß sich die Essenz in der Veränderung entfalten. Diese Lehre nimmt später bei Hegel die folgende Form an: „Was an sich ist, ist eine Möglichkeit, ein Vermögen, aber noch nicht aus seinem Inneren zur Existenz gekommen. Es muß ein zweites Moment für die Wirklichkeit hinzukommen, und das ist Betätigung.“ Wenn ich als ‚zur Existenz‘ kommen will (…), dann muß ich ‚etwas zur Tat und zum Dasein bringen‘. Diese noch immer sehr populäre Theorie führt, wie Hegel klar sieht, zu einer neuen Rechtfertigung der Theorie der Sklaverei. Denn Selbstbehauptung bedeutet in bezug auf andere Menschen den Versuch, sie zu beherrschen. Und Hegel zeigt wirklich, daß sich auf diese Weise alle persönlichen Beziehungen auf die Grundbeziehung Herr – Sklave, Beherrschung – Unterwerfung reduzieren können. Jedermann muß danach streben, sich selbst zu behaupten und zu beweisen, und wer nicht die Natur, den Mut, die allgemeine Fähigkeit besitzt, seine Unabhängigkeit zu erhalten, der muß zur Knechtschaft gezwungen werden. Diese bezaubernde Theorie persönlicher Beziehungen hat natürlich ihr Gegenstück in Hegels Theorie der internationalen Beziehungen. Nationen müssen sich auf der Bühne der Geschichte behaupten; es ist ihre Pflicht, die Weltherrschaft anzustreben.
Alle diese weitreichenden historizistischen Konsequenzen, die wir im nächsten Kapitel von einer anderen Seite aus erreichen werden, schlummerten für mehr als zwanzig Jahrhunderte ‚verborgen und unentwickelt‘ in der Wesenslehre des Aristoteles.“ (4)
Aus dem Essentialismus entschlüpft nicht nur der Historizismus, sondern auch eine theoretische Rechtfertigung der Sklaverei. Ob dieser Kaninchentrick Hegel oder Popper (oder beiden) wie gelungen ist, versuche aufgrund der Popperschen Zitate nachzuvollziehen, wer kann. Wer aber Popper hier eine wissenschaftlich kompetente Hegel-Exegese zutraut, ist selber schuld:
„Ich muß daher den Leser daran erinnern, daß das, was ich hier zu geben versuche, nicht mehr ist als einige verstreute Bemerkungen, die den geschichtlichen Hintergrund der modernen Formen dieser Idee beleuchten sollen.“ (5)

„Die Historiker sehen oft keine andere Interpretation, die so gut auf die Tatsachen paßt, wie ihre eigene; …“ (6) – „Das bedeutet aber nicht, daß alle Interpretationen oder Geschichtsauffassungen gleich verdienstvoll sind.“ (7)

In der Welt 3 gibt es nach Poppers Vorstellung ein objektives Wesen namens „Essentialismus“, das Jahrhunderte lang geschlafen hat, um dann den modernen „Historizismus“ zu gebären. Das ist Schicksal, beziehungsweise objektive Logik gemäß Popper. Wieso er aber dies „Geschichte“ nennt?! Da könnte Popper wohl nur Hegel helfen; zumindest hatte dieser eine Theorie, wie aus Ideen Wirklichkeit wird. Popper weiß das nicht; er nimmt lediglich an, dass zwischen seinen Welten irgendwelche Beziehungen herrschen. (8)

Daher seufzende Bemerkung gleich zu Beginn:
„Eine Geschichte der Idee des Historizismus und seines Einflusses auf die totalitäre Staatstheorie zu schreiben ist eine Aufgabe, die hier nicht einmal begonnen werden kann.“ (9)
Tollkühn daher aber dieser Marx mit seinem Verlangen, von „wirklichen Individuen“ in einer historischen Situation auszugehen. (10) Das hätte ja bedeutet, dass Popper tatsächlich eine empirische Untersuchung hätte starten müssen, um herauszufinden, inwieweit Stalin und Hitler wirklich Hegel gelesen und wie verstanden haben und wie sich das praktisch in der Weltgeschichte ausgewirkt hat. Solche feine Rücksichten darf man von einem Philosophen wie Popper gewiss nicht erwarten.

Aber schon, dass er Zitate genau belegt und so interpretiert, was ihr Wortlaut genau hergibt. (11) Was Popper aber von Hegel zitiert, ergibt im Kopf des gemeinen Lesers schlechthin nicht das, was Hegel angeblich nach Popper meint. Nun weiß man jedoch spätestens seit Popper, dass Tatsachen auch nicht das sind, was der gemeine Menschenverstand meint, dass sie es sind. Sie sind immer das, was wir aufgrund unserer theoriegetränkten Erwartungshaltung in ihnen zu sehen glauben. So wollen wir Popper hier auch nicht abstreiten, dass er in den von ihm beigebrachten Zitaten das liest, was er darin zu lesen glaubt. Aber wie er selbst einräumt, kann man ja auch andere Interpretatonstheorien haben. Leider erspart uns Popper das heikle Vergnügen, seine eigene Interpretation gegen Alternativen systematisch zu testen. Es geht ihm hier ja auch nur darum, seine persönlichen Eindrücke von Hegel zu schildern. Und wer möchte jemand deswegen persönlich verdammen, dass er dazu Hegel nicht zu Ende gelesen oder nicht viel davon verstanden und profitiert hat?

Herbert Keuth, mehr in formaler Logik und in Popper als in Philosophiegeschichte beschlagen, meint gegenüber Kaufmanns Kritik an Poppers Exegese-Künsten, ob Hegels Vorstellung von einem vorherbestimmten Plan der Weltgeschichte nicht schon zu Hegels Lebzeiten falsch gewesen sei.
„Und könnte ihre Verbreitung nicht, wie Popper vermutet, politisches Unheil angerichtet haben? Von Hegels Einfluß auf deutsche Intellektuelle hat ja noch die Geschichtsphilosophie der hegelmarxistischen ‚Frankfurter Schule‘ profitiert.“ (12)
Man beachte: Für Keuth sind also die Erfinder von Theorien für deren Verwendung durch andere Personen verantwortlich, sogar dafür, was andere aus diesen Ideen gemacht haben. Und dass am Ende so etwas wie eine Frankfurter Schule dabei herausgekommen ist, wirft freilich ein ganz schlimmes Licht auf Platon und Aristoteles. Übrigens haben auch die Kirchenväter daraus ganz eigenartige Ideen geschöpft, und man weiß ja, wie Kirchenleute sich bis heute aufführen! – Was ist eigentlich aus Poppers Ideen geworden? George Soros?! Helmut Kohl?!

Keuths Kritikversuch entpuppt sich ganz schnell als eine ganz sonderbare Geschichtsphilosophie, mit einer eigenen Art von Essentialismus: An ihren Enkelkindern werdet ihr sie erkennen!

Keuth vermeldet auch unter Bezugnahme auf Agassi, dass Poppers Bestseller die Auszeichnung der American Political Science Association erhielt als ein Buch, das mehr als zwei Jahrzehnte im Druck war. (13) Aber was soll’s, Aristoteles war viel länger im Druck, und war nach Poppers Bekunden auch kein besonders origineller Kopf. Popper wusste wohl selbst am besten, was er von seinem eigenen Bestseller zu halten hatte; hat er ihn denn nicht selbst als „unwissenschaftlich“ bezeichnet und ihn dennoch ständig, dem Publikum zuliebe, zu verbessern gesucht.

Eine Tradition ist erst einmal eine Quelle mannigfaltiger Vorurteile. So sprach schon mal ein Aufklärer, der früh aufgestanden war.

„Ist also dieses Zeugnis von keiner Erheblichkeit, wie ich es gezeigt habe und im Folgenden noch deutlicher zeigen will, so wird man die Menge der Stimmen, die darauf gegründet ist, nicht mehr zählen dürfen.“ (14)
Über die Wahrheit einer Theorie kann also nicht durch Abstimmung entschieden werden, schon deshalb nicht, weil bei solchen Abstimmungen die meisten gar nicht selbst prüfen, sondern bei ihrem Urteil sich von dem Urteil angeblicher Experten leiten lassen.
„Warum können wir doch das nicht sehen, was in dem Verstand der Menschen vorgeht, wenn sie eine Meinung erwählen? Ich bin überzeugt, wenn das geschehen könnte, so würde man gewahr werden, wie der Beifall so vieler tausend Leute sich nur auf das Ansehen zweier oder dreier Personen bezieht, welche einen Lehrsatz bekanntmachen. Man glaubt, daß sie denselben genau und gründlich geprüft haben. Durch das Vorurteil von ihrer Geschicklichkeit werden andere davon überredet. Diese überreden wiederum andere, die ihrer natürlichen Trägheit halber geneigter sind, alles, was man ihnen vorsagt, zu glauben, als mühsam zu untersuchen. (…) Endlich treibt uns die Not, daß man das glaubt, was alle Welt für wahr hält, weil man sonst befürchten müßte, man möchte für einen Störenfried gehalten werden, der für sich allein mehr wissen wollte als alle anderen und kein Bedenken trüge, dem ehrwürdigen Altertum ins Angesicht zu widersprechen. Und dieses geht so weit, daß man sich endlich eine Ehre daraus macht, daß man nichts mehr untersucht, sondern alles auf die gemeine Sage ankommen lassen habe.“ (15)
So ist in dürren Worten erklärt, wie der Popperizismus zu hohen Auflagen und die Hegel-Legende zu ihrer Zählebigkeit kommt. Und wer diese Geschichte nicht glaubt, der studiere einfach hierzu die Welt-3 am leicht zugänglichen Objekt der Wikipedia.

(1) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 6.
(2) „Aristoteles, der ein Historiker eines enzyklopädischen Typus war, leistete keinen direkten Beitrag zum Historizismus“. (Popper, II, S. 13)
(3) „Hegel, die Quelle des Historizismus unserer Zeit, war ein direkter Nachfolger von Heraklit, Platon und Aristoteles.“ (Popper, II, S. 35)
(4) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 13f.
(5) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 6.
(6) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 312.
(7) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 313.
(8) William Berkson, John Wettersten, Lernen aus dem Irrtum. Die Bedeutung von Karl Poppers Lerntheorie für die Psychologie und die Philosophie der Wissenschaft. Mit einem Vorwort von Hans Albert, Hamburg 1982.
(9) Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944). S. 6.
(10) „Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ (MEW 3:20)
(11) Walter Kaufmann: The Hegel Myth and Its Method. In: From Shakespeare to Existentialism. Princeton University Press, Princeton N. J. 1980. ISBN 0-691-01367-5.
Dt. Übersetzung: Walter Kaufmann: Hegel: Legende und Wirklichkeit. In: Zeitschrift für philosophische Forschung Band X, 1956, 191–226.
(12) Herbert Keuth: Die Philosophie Karl Poppers. UTB 2156. Mohr Siebeck Tübingen 2000. S. 273.
(13) Herbert Keuth: Die Philosophie Karl Poppers. UTB 2156. Mohr Siebeck Tübingen 2000. S. 244.
(14) Pierre Bayle [Johann Christoph Gottsched (Übers.), Johann Christoph Faber (Hrsg.)]: Verschiedene einem Doktor der Sorbonne mitgeteilte Gedanken über den Kometen, der im Monat Dezember 1680 erschienen ist (= Reclams Universal-Bibliothek, Band 592). Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1975. S. 43.
(15) Pierre Bayle [Johann Christoph Gottsched (Übers.), Johann Christoph Faber (Hrsg.)]: Verschiedene einem Doktor der Sorbonne mitgeteilte Gedanken über den Kometen, der im Monat Dezember 1680 erschienen ist (= Reclams Universal-Bibliothek, Band 592). Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1975. S. 44.

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