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Dienstag, 7. Juni 2011

Historizismus


Im Jahre 1913 notierte W. I. Lenin, dass J. Segond,(1) in einer Rezension eines Werkes von Antonio Aliotta (2) die Philosophen Rickert, Croce, Münsterberg und Royce zur Richtung des „Historizismus“ zusammengefasst hatte.(3) Außerhalb Deutschlands werden „Historismus“ und „Historizismus“ oft nicht unterschieden, in der deutschen Tradition sehr wohl.(4)

Hans Albert zum Beispiel reservierte mit guten geistesgeschichtlichen Gründen den Begriff „Historismus“ für die Richtung, die in Gegensatz zu den sog. „nomothetischen“ (5) Wissenschaften in der Geschichtswissenschaft keinerlei theoretische Erkenntnis suchte. Während „Historismus“ bei Albert also einen Verzicht auf theoretische Erklärung kennzeichnet, so ist der Begriff des „Historizismus“ von Karl Popper gerade im Gegenteil gegen die Zielsetzung nomologischer Erkenntnis über den Geschichtsprozess gerichtet.
„Die Grundsätze des Historizismus – daß es die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist, historische Prophetien hervorzubringen, und daß diese historischen Prophetien für jede rationale Theorie erforderlich sind – sind heute aktuell, da sie einen sehr wichtigen Bestandteil jener Philosophie bilden, die sich selbst gern als ‚Wissenschaftlichen Sozialismus‘ oder ‚Marxismus‘ zu bezeichnen beliebt.“ (6)
Karl Popper will demzufolge den Historizismus und dabei gleichzeitig den Marxismus kritisieren, weil sie seiner Auffassung nach Prophezeiungen für nötig hielten und diese auch zu liefern anstrebten. Dabei behauptet Popper, er wolle seriös vorgehen, treibt aber sogleich mit dem Leser ein Verwechslungsspiel in der Art von Shakespeares Sommernachtstraum, indem er sich bei seiner Kritik nicht auf bestimmte Autoren mit sorgfältig belegten Textstellen bezieht, sondern einen Ismus samt dazugehörigen Neologismus konstruiert. Dem Leser bleibt überlassen, für sich selbst herauszufinden, was dieser Ismus eigentlich bedeute und ob das, was Popper über diesen Ismus behauptet, konsistent sei oder vielmehr in sich inkonsistent sowie dann mit dem übereinstimme, was Popper bei anderen Autoren behauptet gefunden zu haben.

Es ist daher im ersten Schritt einmal zu inventarisieren, was uns an Thesen über Poppers Historizismus in seinem Vortrag aus dem Jahre 1949 alles so begegnet, dem Jahre, da die Menschheit wieder einmal in eine „tödliche Gefahr“ „hineingetaumelt“ sei und Popper sich verantwortungsvoll dem „Gebot der Stunde“ stellt, so salbungsvoll wie unheilsschwanger der Original-Orakelton Popper.(7) (Der Redner hat noch selten eine weltpolitische Katastrophe verschmäht, um auf die Aktualität seines eigenen schicksalhaften Kampfes mit dem Marxismus hinzuweisen. Wer selbst keine Werbung für sich macht, wer dann?)

(a) Eine zentrale Idee des Historizismus sei, dass „die Voraussage von Revolutionen ebenso gut möglich sein müsse wie die Voraussage von Sonnenfinsternissen“. (8)
(b) Die Aufgabe der Sozialwissenschaften besteht ebenso wie der Naturwissenschaften darin, Prognosen aufzustellen; insbesondere Prognosen über die soziale und politische Entwicklung der Menschheit.
(c) „Sobald solche Prognosen einmal aufgestellt sind, kann man die Aufgabe der Politik festlegen.“ (9)
(d) Der Weltgeschichte liege ein göttlicher Plan (Vorsehung) zugrunde; es gebe zur Mitwirkung hierzu ein auserwähltes Volk.
(e) Die enge Verbindung zwischen Astronomie und Historizismus werde in der Astrologie sichtbar. (10)
(f) Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Prognose, die stets bedingt sei, sei eine Prophezeiung (im Sinne des Historizismus) (notwendigerweise) unbedingt.

Ein kurzer Blick über die Thesen (a) bis (f) zeigt, dass sie zwar vielerlei Berührungspunkte untereinander aufzuweisen scheinen, dass sie sich aber dennoch auf grundsätzlich verschiedene Dinge oder Sachgebiete beziehen, nämlich auf Astronomie, auf Sozialgeschichte, auf politische Gestaltungsaufgaben, auf Heilslehren sowie auf Astrologie. Schließlich soll u. a. hier auch noch (außer dem Alten Testament mit seinen Propheten) die Theorien von Platon, Hegel, Comte, Marx und John Stuart Mill im Bunde sein. Popper mag mit seinem Begriff von „Historizismus“ vielleicht Plan und Absicht verfolgen, selbst eine allumfassende Geschichtsphilosophie zu liefern; den zwischen den genannten Aspekten existenten gemeinsamen Begriffsinhalt aufzuzeigen ist ihm aber mit einer solchen Aufreihung noch keinesfalls gelungen. Wie denn auch, da er sich nur auf Unterstellungen angibt, nicht aber Nachweise der Sache bei den genannten Autoren. Es reicht insbesondere nicht aus, rhetorisch eine Äquivokation zu benutzen und etwa beim Marxismus wie im Alten Testament von „Prophezeiung“ oder von „Astrologie“ zu reden.

Popper bezieht sich hilfsweise dann noch auf die anderen zwei von ihm bekannten „sozialphilosophischen“ Schriften. Folgende Fragestellungen werden aber von Popper in der „Problemexposition“ seines Vortrags ziemlich wirr durcheinander geworfen:
1. eine philosophische Deutung von Geschichte
2. Annahme von Gesetzmäßigkeit in der Geschichte (11)
3. der Begriff der "Entwicklung" (Organismus-Analogie; bei Aristoteles „Entelechie“)
4. die Zielsetzung der Voraussage
5. die Ableitung politischer Handlungsanleitungen.

Schon bei der begrifflichen Bestimmung der Standpunkte, die Popper zu widerlegen unter-nimmt, fällt auf, dass sein Begriff für seine Erkenntnisabsichten nicht trennscharf genug ist, sondern eher eine Äquivokation darstellt, d. h. ein und dasselbe Wort wird mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Dies erlaubt es auf unmerkliche Weise, zwischen verschiedenen Fragen hin- und herzuwechseln, und dabei das, was an einer Stelle bewiesen zu sein scheint, auf andere Stellen zu beziehen, wo dies alles andere als bewiesen ist. Ein solches Begriffsragout mag agitatorisch äußerst zweckmäßig sein, aber nicht dazu, uns auf dem sichersten Weg in der Erkenntnis voranzubringen. Popper ist natürlich listig genug, diesen grundlegenden Einwand gegen seine rhetorische Methode vorauszusehen, und wehrt ihn ab. Das heißt aber nicht, dass sein wirkliches Vorgehen genau darauf aufbaut – was selbst einige Popper-Schüler später, meist nach dem Ende Schülerschaft, nicht anstanden zu beanstanden.

Poppers Abhandlung von „Prognose“ und „Prophezeiung“ erfüllt eine Doppelfunktion: 1. geht es ihm um wissenschaftliche Methodologie,(12) 2. um Ideologiekritik im Sinne von „Aufklärung“.(13) Diese doppelte Art von Zielsetzung ist jedoch alles andere als frei von einem Zielkonflikt.

Denn die Ideologiekritik erfolgt keineswegs ergebnisoffen, sondern ist von vornherein darauf festgelegt, den Marxismus zu desavouieren. Nur so ist es zu verstehen, dass Popper nicht den gewöhnlichen Gang einschlägt, zuerst die Theorie mit ihrer Problemstellung zu rekonstruieren und sodann zu prüfen, was haltbar und nicht haltbar ist. Er geht vielmehr anders vor: Er konstatiert, dass der rationale Kern des Marxismus in seiner Irrationalität liege; wenn jedoch der historizistische Kern des Marxismus zerstört sei, sei auch der wissenschaftliche Anspruch des Marxismus vernichtet.(14) Poppers Ausgangspunkt hierbei ist damit aber selbst höchst irrational, denn der rationale Kern einer Theorie kann nicht in deren Irrationalität liegen. Hier hat sich Popper selbst in den Holzwegen des von ihm verdammten absoluten Idealismus vergaloppiert: wo die Vernunft aufhört, wird als Grenzbegriff das Absolute als das Irrationale postuliert und zur Grundlage des Rationalen gemacht.

Die Exposition der Methodologie von „Prognose“ ist keinesfalls unabhängig vom Ziel der Ideologiekritik. Denn mit seiner Definition von „Wissenschaft“ grenzt Popper alternative Wissenschaftskonzeptionen per fiat aus (etwa eine „Revolutionswissenschaft“). So ist auch die Gegenüberstellung von „Prognose“ und „Prophezeiung“ nicht aus reiner Methodologie heraus zu rechtfertigen. Aus Poppers Methodologie ergibt sich lediglich eine rationale Rekonstruktion der logischen Grundlage des Verfahrens einer wissenschaftlichen Prognose und darin negativ impliziert der Ausschluss von Verfahren, die diese Kriterien gar nicht oder nur unvollständig erfüllen. Keineswegs ist die Residualkategorie „Nicht-Prognose“ begriffslogisch damit identisch, was Popper oder andere bislang (mit Sicherheit unabhängig davon) unter „Prophezeiung“ verstanden haben. „Prophezeiung“ ist ein religionsgeschichtlicher Begriff, der gemeinhin auf das Alte Testament zurückgeführt wird. Später wurde es üblich, diesen Begriff in polemisch abwertender Weise und in ideologiekritischer Absicht zu verwenden, was jedoch keineswegs die Ableitung hergibt, dass dieser polemisch-ideologiekritische Begriff der „Prophezeiung“ von Umfang und Bedeutungsinhalt identisch sei mit dem logischen Gegenteil des popperschen Begriffs von „Prognose“. Da diese ideologisch instrumentalisierte Ideologiekritik Poppers methodologische Analyse unnötig einschränkt, aber zudem mit dem positiven Bekenntnis zu einem historischen Individuum, nämlich zur „offenen Gesellschaft des Westens“,(15) verbunden auftritt, muss bei Popper auf eine „Gegenideologie“ geschlossen werden. Methodologie wird so bei Popper zu einer Identität von geglaubter und praktisch angewandter Ideologie, welche sich in der Tat vor allem gegen alternative Positionen in Politik und Wissenschaftstheorie kehrt.

Auf Grundlage einer derart popperschen Dämonologie des Historizismus erscheint es indes psychologisch nachvollziehbar, dass Poppers Leitfaden nicht die Theoriekritik und Theoriekonstruktion ist, sondern dass er der Reihe nach die unterschiedlichsten, wenn auch disparaten Argumente zu finden sucht, um den Feind einzukreisen und möglichst wissenschaftlich und/oder ideologisch zu treffen. Nachdem er anfänglich geglaubt hatte, ihm sei dies zur Zufriedenheit gelungen, hat er schließlich im Vorwort zu seiner eigenen „wissenschaftlichen“ Schrift „Das Elend des Historizismus“ noch einen „definitiven Beweis“ nachgeschoben. Wenn dieser Beweis gelungen wäre, so könnten wir uns also viel Mühe und Zeit sparen und bräuchten Poppers andere Argumente nicht mehr so genau zur Kenntnis zu nehmen. Es sei daher mit diesem Beweis zuerst begonnen. Die anderen mit Poppers Argumenten angeschnittenen Themenkomplexe folgen daran im Anschluss.


(1) Wir wissen nicht, was wir noch wissen werden

(2) Prognose

(3) Utopismus

(3) Vorsehungsglaube und Teleologie

(4) self-fulfilling prophecy

(5) Revolutionsprognosen

Anmerkungen

(1) J. Segond: Review in Revue Philosophique, Ribot, Paris 1912, Nr. 12, S. 644-646.
(2) Antonio Aliotta: La reazione idealistica contro la sicenzia. Casa editrice Optima, Palermo 1912.
(3) W. I. Lenin, Werke, Bd. 38. Philosophical Notebooks. Foreign Languages Publishing House, Moskau 1961. S. 401.
(4) Manfred Riedel: Historizismus und Kritizismus. Kants Streit mit Georg Forster und Johann Gottfried Herder. http://www.deepdyve.com/lp/de-gruyter/historizismus-und-kritizismus-kants-streit-mit-g-forster-und-j-g-f8mOh502rN
(5) Wilhelm Windelband: Geschichte und Naturwissenschaft. Straßburg: Heitz, 3. Auflage 1904. / Max Weber: Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst: 1922). S. 3ff.
(6) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 113.
(7) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 114.
(8) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 115.
(9) „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist - und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen -, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Karl Marx: MEW 23:15f.)
(10) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 116.
(11) „Für die holistische Sozialplanung der Utopie müßten Voraussetzungen historischer Gesetzmäßigkeit erfüllt sein, die einer rationalen Kritik nicht standzuhalten vermögen. Die Antizipation einer offenen Zukunft ist durch keine vernünftige Methode zu leisten.“ (Eberhard Döring: Karl R. Popper: ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘. UTB 1920. Paderborn 1996. ISBN 3-8252-1920-8. S. 87.)
(12) „Fragen der Methodologie richten sich darauf, wie solche Sprachspiele beschaffen sein müssen, um für ihren Zweck brauchbar zu sein.“ (Hans Albert: Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften (zuerst: 1957). In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln Berlin 4. Aufl.1967. S. 126.)
(13) „Die Funktion der Ideologien besteht nicht in der Erklärung bestimmter Vorgänge, sondern in ihrer Rechtfertigung, nicht in der Vorhersage bestimmter Handlungskonsequenzen, sondern in der Vorentscheidung von Handlungen, nicht in der Beschreibung von Ereignissen, sondern in ihrer Bewertung.“ (Hans Albert: Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften (zuerst: 1957). In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln Berlin 4. Aufl.1967. S. 127.)
(14) „Die Aufgabe der historizistischen Doktrin zerstört den Marxismus vollständig, soweit es um seine wissenschaftlichen Ansprüche geht.“ (Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 121.)
(15) Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 1: Der Zauber Platons. München 6. Aufl. 1980 (zuerst: 1944). S. XIV.

Prognose

Wir wissen nicht, was wir noch wissen werden


Ob praktisch brauchbare Prognosen faktisch möglich sind, ist eine Frage, die zusammen von empirischer Wissenschaft und technischer Praxis beantwortet werden muss. Methodologische Betrachtungen allein reichen zur Beantwortung dieser Frage nicht aus. Vor allem existiert kein gültiger logischer Beweis, dass bestimmte zukünftige Ereignisse, z.B. das Eintreten prognostizierter Resultate, nicht eintreten können. Genau dies hatte Karl Popper aber zu beweisen unternommen.
Otto Neurath hat die folgende grundlegende Grenze für Prognose darin gesehen:
"Prognostizieren, was Einstein für Berechnungen machen werde, hieße selbst Einstein sein. (...) Hier ist eine wesentliche Grenze aller soziologischen Prognosen gegeben. Es ist die Grenze der persönlichen Erfindungskraft gegenüber der Erfindungschance der jeweils beschriebenen Gruppe." (1)
Unter anderem dienten Max Horkheimer diese Ausführungen Neuraths als Angriffsfläche für seine Positivismuskritik.(2) Eben dasselbe Argument hat später Popper neuerdings systematisch ausgebaut:
„Mittlerweile ist es mir gelungen, eine strenge Widerlegung des Historizismus anzugeben: Ich habe gezeigt, dass es uns aus streng logischen Gründen unmöglich ist, den zukünftigen Verlauf der Geschichte mit rationalen Methoden vorherzusagen. (...) Mein Gedankengang lässt sich in den folgenden fünf Sätzen zusammenfassen:

(1) Der Ablauf der menschlichen Geschichte wird durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflusst. (...)

(2) Wir kön¬nen mit rational-wissenschaftlichen Methoden das zukünftige Anwachsen unse¬rer wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht vorhersagen. (...)

(3) Daher können wir den zukünftigen Verlauf der menschlichen Geschichte nicht vorhersagen.

(4) Das heißt, dass wir die Möglichkeit einer theoretischen Geschichts¬wissen-schaft verneinen müssen, also die Möglichkeit einer historischen Sozialwissenschaft, die der theoretischen Physik oder der Astronomie des Sonnensystems entsprechen würde. Eine wissenschaftliche Theorie der geschichtlichen Entwicklung als Grundlage historischer Prognosen ist unmöglich.

(5) Das Hauptziel der historizistischen Methoden (...) ist daher falsch gewählt und damit ist der Historizismus widerlegt." (3)
Hiermit vertritt Popper die These, dass die Zukunft neues menschliches Wissen bringen wird, das die bisher bekannten Gesetze gesellschaftlicher Entwicklung hinfällig machen wird. Unseren zukünftigen Wissensstand können aber heute nicht voraussagen, weil er dann schon heute zu unserem Wissensbestand rechnen würde. Dabei überschreitet Popper jedoch das Gebiet logischen Analysierens und Beweisens und sucht, eine empirische Frage durch den ausschließlichen Einsatz logischer Mittel zu lösen bzw. als empirisch beantwortbare zu beseitigen.

Dieses Argument setzt nämlich voraus, dass Wissen von Wissen immer total, 100%-ig identisch sein muss.(3) Nur in dieser trivialisierenden Interpretation (4) ist Prämisse (2) logischerweise wahr. Doch kein Historizist hat je behauptet, dass wir heute schon wissen, was wir erst morgen wissen werden, noch ist es denknotwendig, über dieses Wissen insgesamt zu verfügen, um brauchbare Prognosen über wissensmäßig beeinflusste zukünftige Entwicklungen abgeben zu können. Unser Wissen über das zukünftige Wissen der Menschheit muss keinesfalls total sein, um Prognosen zu ermöglichen. Eine Prognose muss nicht die logische Identität oder Informationsgleichheit von Aussagenmengen voraussetzen, um partielle Beschreibungen zukünftig möglicher Erkenntnisleistungen zu erlauben. Auch hier gilt, dass nicht die konkret-reale Totalität der Weltgeschichte prognostiziert, sondern nur theoretisch selektierte Trends wissenschaftlicher Analyse zugänglich gemacht werden sollen.

Wie bei Problemstellung (c) liegt hier ebenfalls ein Fehlschluss der misplaced concreteness (6) vor; denn Wissens¬be¬stände werden behandelt, als ob sie durch eine einzige abstrakte Beschreibung hinreichend gekennzeichnet seien und keine andere Aussagen darüber hinaus mehr möglich seien. Dies ist jedoch mit Sicherheit abwegig. Wenn sich über zukünftige Leistungen der Wissenschaft keine praktisch brauchbaren Voraussagen treffen ließen, so wäre bereits ein jeder Forschungsantrag nur vertane Liebesmüh. Es ist hier grundsätzlich zwischen "Wissen" als einem kognitiv-psychischen Tatbestand einerseits und andererseits den verschiedenen Möglichkeiten zu unterscheiden, derlei Wissensbestände zu beschreiben. Was im Hinblick auf eine bestimmte Art, Wissen zu beschreiben, bewiesen werden kann, gilt nicht für alle Wissens-Tatbestände schlechthin. Popper ist bei seinem "Beweis" unmerklich von Logik zu Psychologie hinüber- und herübergewechselt, was die Schlüssigkeit seiner Argumentation zerstört.

Über die Frage der mehr oder weniger vollständigen oder konkreten Beschreibung eines Wissensbestandes hinaus stellt sich insbesondere für den Fallibilisten Popper die Frage, inwieweit ein derart substanzieller Wissensbegriff (7) in Übereinstimmung gebracht werden könne mit demjenigen seiner Wissenschaftslogik, handele es sich nun um „Wissen" als ein System falsifizierbarer oder empirisch bewährter Aussagen. Es ist noch nicht einmal völlig ausgeschlossen, dass es sich hierbei auch um kontradiktorische Aussagensysteme handelt. Wie dem auch sei, Popper vermochte kein praktikables Verfahren angeben, wie ein so verstandenes Wissen in seinem Informationsgehalt exakt zu messen, kaum wie es zu vergleichen sei:
„... although the measure functions of content, truth content and falsity content are in principle comparable (because probabilities are in principle comparable) we have in general no means to com¬pare them other than by way of comparing the unmeasured contents of competing theories, possibly just intuitively." (8)
Hinzu kommt, dass Popper im Lichte seiner 3-Welten-Theorie auch noch zwischen subjektivem und objektivem Wissen unterscheidet. So ergibt sich, dass die geradezu triviale Überzeugungskraft seiner Argumentation nur oberflächlich bestechen kann, da sie letztlich auf einer Konfusion zwischen logischer und empirischer Analyse sowie zwischen subjektivem und objektivem Wissen beruht:
„If there is growth of knowledge in this sense, then it cannot be predictable by scientific means. For he who could so predict today by scientific means our discoveries of tomorrow could make them today; which would mean that there would be an end to the growth of knowledge." (9)
Es ist frappierend, wie Popper alle die wichtigen Begriffsunterscheidungen im Hinblick auf „Wissen", die er selbst so gewinnbringend geltend gemacht hat, bei seinem „Beweis" einfach über Bord wirft oder zumindest ignoriert.(10) Die Frage, inwieweit Popper in seinen persönlichen Ansichten über Wissen konsistent ist, ist hier allerdings uninteressant. Wichtiger ist, dass dieses ein fundamentaleres Problem zu signalisieren scheint: Es ist eines, „Wissen" so zu fassen, dass es für einen logischen Beweis adäquat ist; etwas anderes, mit demselben Begriff vollständig alle möglichen Begriffsvarianten von „Wissen" abzudecken, die in relevanten empirischen Prognosen vorkommen mögen. Wie soll der Beweislogiker im Voraus wissen, welche empirisch relevanten „Wissen"-Begriffe noch alle erfunden werden mögen? M. a. W.: Der Versuch, eine empirische Fragestellung durch einen logischen Beweis abzuschneiden, scheitert schon daran, dass dem Logiker nicht a priori alle denkbaren Bedeutungen empirischer Begriffe zur Verfügung stehen.
Vielleicht sind über bestimmte Aspekte der zukünftigen Entwicklung eines so verstandenen Wissens falsifizierbare Prognosen möglich, die sich evtl. sogar bewähren. Logisch unmöglich erscheint vielmehr der Beweis seiner Nichtprognistizierbarkeit, weil es sich hier grundsätzlich um empirisch kontingente Zusammenhänge handelt. Vielmehr ist Poppers These der „unpredictability in principle" (11) sogar selbstwidersprüchlich, weil diese eine Prognose darstellt, die ihre eigene Nichtprognostizierbarkeit behauptet. Im Grunde hat sich Popper mit diesem Beweis in dieselbe Grube manövriert, in die Bacon saß:(12) Eine Entdeckung muss zufällig sein, sonst kann sie keine Entdeckung sein, ging des letzteren Argument. Und ebenso nun Popper: Neues Wissen kann nicht vorausgesagt werden, sonst ist es nicht neu. Man kann aber nur etwas finden, was man (zumindest so ungefähr) gesucht hat. Einem völlig unvorbereiteten Geiste wird überhaupt niemals was Neues zustoßen, schon weil dieser den Unterschied zwischen Alt und Neu nicht kennt.

Wie es sich für einen echten Fallibilisten gehört, liefert Popper auch selbst noch ein Gegenargument:
„Widerlegt ist nur die Möglichkeit der Vorhersage geschichtlicher Entwicklungen, insofern diese durch das Anwachsen unseres Wissens beeinflusst werden können." (13)
Wie auch Werner Habermehl feststellt, ist schon damit die Beweiskette von der Prognose des Wissensfortschritts hin zum gesamten Geschichtsablauf abgerissen:
„... um die Unmöglichkeit einer theoretischen Geschichtswissenschaft beweisen zu können, genügt es nicht, wenn wir zu zeigen vermögen, dass wir den zukünftigen Verlauf der Geschichte, soweit er durch das Wachstum unseres Wissens beeinflusst wird, nicht vorhersagen können. Wir müssten vielmehr entweder dartun können, dass es unmöglich ist, den zukünftigen Verlauf der Geschichte vorherzusagen, unabhängig davon, ob er vom Wachstum unseres Wissens beeinflusst wird oder nicht, oder, dass alle geschichtlichen Abläufe dem Einfluss unseres Wissens unterliegen." (14)

Anmerkungen

(1) Otto Neurath: Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie, Wien 1931. S. 129f.
(2) Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit. Die Auseinandersetzung der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus. Frankfurt 1994 . S. 101.
(3) Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957). S. XIf.
(4) „Als ich ihn dann fragte, woher es komme, daß auf diese Weise doch oft Künftiges richtig vorausgesagt werde, antwortete er, so gut er konnte, das bringe wohl das Ahnungsvermögen so mit sich, das überall in der Natur anzutreffen sei. Geschehe es doch oft, daß jemand, der Rat suche, das Buch eines Dichters aufschlage, der ganz etwas anderes singe und sage, und ihm dann doch ein Vers in die Augenspringe, der wunderbar zu seinem Anliegen stimme.“ (Aurelius Augustinus: Bekenntnisse. Eingeleitet und übertragen von Wilhelm Thimme. Editions Rencontre, Lausanne Köln 1970. S. 92.)
(5) Werner Habermehl: Historizismus und Kritischer Rationalismus. Einwände gegen Poppers Kritik an Comte, Marx und Platon. Freiburg München 1980. S. 56ff.
(6) The Whiteheadian fallacy of misplaced concreteness: „the fallacy of assuming that the particular concepts we employ to examine the flow of events capture their entire content." (Robert K. Merton, (ed. and with an Introduction by Norman W. Storer): The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations. Chicago London 1973. S. 131.)
(7) Popper (Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972) S. 62.) kennzeichnet damit gerade eine der Grundthesen der irreführenden common sense theory of knowledge (Locke, Berkeley, Hume): „Knowledge is conceived of as consisting of things, or thing-like entities in our bucket ..." Dieser empiristische Wissensbegriff spielt auch im Zusammenhang von Hume Induktivismuskritik eine maßgebliche Rolle: "Der unendliche Regress ('Induktionsregress') präzisiert Humes Argument gegen die Zulässigkeit der Induktion. Er besagt, dass der reine Induktionsschluss sich logisch nicht rechtfertigen lässt, dass aus besonderen Beobachtungen niemals allgemeine Sätze abgeleitet werden können, kurz, er besagt etwas (mindestens für jeden Empiristen) ganz Selbstverständliches: dass man nicht mehr wissen kann, als man weiß." "Klarer formuliert: dass man nicht mehr weiß, als man weiß." (Karl R. Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930-1933. Tübingen 2. verbess. Auflage 1994. S. 39. Anm.*11) Aber wir wissen ständig mehr, als wir wissen, d.h. als uns bewusst ist. Schon dadurch, dass unsere Wissenselemente untereinander verknüpft sind und immer schon auf andere verweisen, die nicht aktuell in unserem Kurzzeitgedächtnis verfügbar sind, ist unser Wissen potentiell unendlich (was von Allwissenheit zu unterscheiden ist).
(8) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 52, Anm. 29.
(9) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 298.
(10) Was gewissermaßen auch verständlich ist: einmal diese Begriffskomplikationen zugegeben, sinkt die Plausibilität des Beweises bzw. schon eines Beweisversuchs rasch gegen Null.
(11) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 298.
(12) Joseph Agassi: Science in Flux, Dordrecht Boston 1975. S. 76.
(13) Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957). S. XII.
(14) Werner Habermehl: Historizismus und Kritischer Rationalismus. Einwände gegen Poppers Kritik an Comte, Marx und Platon. Freiburg München 1980. S. 25.

Sonntag, 27. März 2011

Historizismus, wie ihn deutsche Soziologen 1991 begriffen haben

„Es geht nicht nur um die Überprüfung der Anwendungsbedingungen eines bestimmten Modells (z. B. die Erklärung der Organisation einer Revolution als Kollektivgutproblem), sondern – meist – um die Kombination ganz unterschiedlicher Situationstypen (und deren aggregierter Folgen), wobei diese Kombination ‚historisch‘ eher auf ‚Zufall‘ als auf einen ‚ gesetzmäßigen‘ Verlauf insgesamt zurückzuführen ist. Es war wohl der zentrale Irrtum des Historizismus (und analoger makroskopischer Theorien sozialen Wandels), die konkreten Abläufe insgesamt aus einem Modell erklären zu wollen und als eine Art von gigantischem, komplett endogenisierbaren Ablauf zu verstehen, wobei es sich tatsächlich lediglich um die zufällige Kombination ganz verschiedener Abläufe handelt. Einzelne Teil-Prozesse und –Konstellationen lassen sich dann – möglicherweise – im o. a. Sinne modellieren; die gesamte Kombination des empirischen Einzelfalls indessen (in aller Regel) nicht.“

Hartmut Esser, Klaus G. Troitzsch: Einleitung: Probleme der Modellierung sozialer Prozesse. In: Hartmut Esser, Klaus G. Troitzsch: Modellierung sozialer Prozesse. Informationszentrum Sozialwissenschaften, Bonn 1991. ISBN 3-8206-0075-2. ISSN 0934-5469. S. 9-12.

1.) Im Jahre 1991 sind sich demnach geschworene Popperianer anscheinend immer noch nicht sicher, was „Historizismus“ eigentlich genau meint. Es liegt demnach der Verdacht sehr nahe, dass es sich hierbei eher um einen Gummibegriff und polemischen Kampfbegriff handelt als um eine methodologisch taugliche Kategorie.

2.) Die Historizismus-Begriff hatte sich zuvor insbesondere gegen die Erklärung gesamtgesellschaftlicher Entwicklung („Entwicklungsgesetze“; Paul Weisengrün: Die Entwicklungsgesetze der Menschheit. Eine socialphilosophische Studie. Verlag von Otto Wigand, Leipzig 1888.) gerichtet. Nun dürfen und können gesamtgesellschaftliche Prozesse anscheinend wissenschaftlich erklärt werden. Das ist ja gewissermaßen schon ein Fortschritt; wenn man dabei jedoch auch anmerken muss, dass dieser Gummibegriff sich scheinbar dazu eignet, bewegliche Ziele anzugreifen.

3.) Die Unklarheit des Begriffs hängt wohl auch damit zusammen, dass Popper nicht klar seine diesbezügliche Problemstellung umrissen hat, bzw. dabei offensichtlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte: 1. Eine methodologische Frage erörtern; 2. Den Marxismus wissenschaftlich erledigen, indem er ihm eine methodologische Todsünde nachweisen will. Nun ist eine Untersuchung, die beide Zielsetzungen von vornherein kombiniert, nicht mehr unbedingt ergebnisoffen. Argumente und Begriffe müssen sich also notfalls nach der Decke strecken. Dass dennoch Poppers Texte bis heute als „Klassiker“ gelten, beweist nichts weiter, als dass sie bis heute in der wissenschaftlichen Gemeinde einen Bedarf abdecken, und zwar nicht nach einer wissenschaftlich-kritischen Diskussion marxistischer Thesen, sondern nach deren Abhalfterung, d.h. nach dem Ersparnis eines dergleichen kritischen Bemühens. Erkennen lässt sich dies daran, dass Wissenschaftler, die Poppers Texte zitieren, in der Regel dessen Thesen nicht mehr weiter hinterfragen, sondern ihn lediglich dazu benutzen, um scheinbar wissenschaftlich legitimiert die betreffenden Fragen als schon erledigt abzuhaken. Helmut F. Spinner (Helmut F. Spinner, Popper und die Politik. Rekonstruktion und Kritik der Sozial-, Polit- und Geschichtsphilosophie des kritischen Rationalismus. I. Geschlossenheitsprobleme, Bonn 1978 ) hat in diesem Sinne von einem „Jedermanns-Popper“ gesprochen, welcher gerade in der Bundesrepublik eine ideologische Funktion erfüllt hat, zu gewissen Zeiten etwa gegenüber der Studentenbewegung oder innerhalb der SPD gegen aufmüpfige Jungsozialisten.

Poppers Sozialphilosophie, die man in ihrer Vulgärform „Popperizismus“ nennen könnte, bildet nicht nur keine Einheit mit Poppers methodologischer Konzeption (Fallibilismus, Theorienpluralismus, Aussagen sind empirisch, wenn sie durch Beobachtungen falsifiziert werden können), sondern stehen in ihrer populären Anwendungsweise in direktem Gegensatz dazu. Denn der Fallibilismus schließt keinerlei Problemstellungen oder theoretische Lösungsversuche a priori aus, sondern beurteilt sie erst hinterher, d.h. nach der kritischen Prüfung. Der Popperizismus geht jedoch von der Überzeugung aus, dass er präzise Kriterien vorzuweisen habe, wonach bestimmte Ansätze, Theoreme oder methodologische Verfahren von vornherein aus der Wissenschaft auszuschließen seien. Poppers „Demarkationsproblem“ wird im Popperizismus zu einer Ausgrenzungsmetawissenschaft. Daher dessen Beliebtheit beim Publikum. Wie der Popperizismus praktisch zu handhaben ist, hat Popper in seiner Polemik zu Marx und insbesondere Hegel selbst vorgeführt. Popperizismus ist also Poppers „Schattenmethodologie“, und es nimmt wenig wunder, dass Popperizisten Poppers Methodologie nicht zu kennen brauchen, um den Popperizismus einigermaßen getreu und rhetorisch geschickt zu handhaben.

4.) Da für den Popperizismus Popper als Vorbild und Autorität gilt, stellen sich Popperizisten auch nicht die Frage, ob Popper in seiner Marx- oder Hegel-Kritik überhaupt wissenschaftlich sauber gearbeitet hat. Also ob die wenigen Zitate oder Belegstellen, die er dabei beibringt, auch wirklich ordentlich nachweisbar sind und eine ausreichende Rekonstruktion der Problemstellungen und Lösungsansätze der kritisierten Autoren darstellen. Wenn Poppers „Historizismus-Kritik“ tatsächlich eine Marx-Widerlegung darstellen soll, ist nichts weniger gefragt; sogar mehr, sondern nicht nur Marx, sondern auch den Marxismus insgesamt will Popper widerlegt haben. Es genügt demnach nicht, die Widerlegung zu behaupten und von ihrem Erfolg persönlich überzeugt zu sein, sondern dieses Verfahren und sein Ergebnis auch einsichtig zu machen. Freilich gibt es recht viele Leute, die nur an dem Ergebnis interessiert sind, egal wie wissenschaftlich fragwürdig es zustande gekommen sei. Nur der polemische Erfolg eines Beststellers zählt hier; freilich entspricht dies nicht Poppers eigenem Kriterium von Wissenschaft.

Der Popperizismus übersieht auch, dass es sich bei „Dogmatismus“ oder „Pseudowissenschaft“ nicht um (logische) Eigenschaften von Aussagen handelt, sondern um die (pragmatische) Art und Weise, wie bestimmte Personen mit Aussagen (methodologisch) verfahren, also etwa ob sie dieselben mit kritischen Argumenten und Alternativen konfrontieren. Freilich mag es viele Hegelianer oder Marxisten geben, die häufig unkritisch verfahren. Dasselbe darf man freilich auch von den Popperizisten behaupten; denn genau damit sind sie hier definiert, was ihnen als unkritisch angekreidet wird.

5.) Essert/Troitzsch identifizieren also „Historizismus“ mit der Voraussage von Geschichte durch ein einziges Modell. Dies kommt wohl dem Verständnis Poppers von „Prophezeiung“ nahe oder der herkömmlichen Auffassung von Astrologie (vgl. Pierre bayle [Johann Christoph Gottsched (Übers.), Johann Christoph Faber (Hrsg.)]: Verschiedene einem Doktor der Sorbonne mitgeteilte Gedanken über den Kometen, der im Monat Dezember 1680 erschienen ist (= Reclams Universal-Bibliothek, Band 592). Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1975). Es gibt wohl kaum ein Politiker oder Leitartikler, der nicht diesem methodischen Fehler wenn nicht verfallen, so doch nahe gekommen ist. Zweifellos lassen sich auch beim politischen Journalisten und Leitartikler Marx derartige Belegstellen finden. Die Frage im Zusammenhang mit Poppers Marx-Widerlegung ist jedoch, ob Marxens wissenschaftliche Problemstellung, etwa im „Kapital“, sich auf eine derartige futurologische Problemstellung reduzieren lasse. Ist es nicht vielmehr so, dass Marx in der Fortführung von Ricardos Modellierungen, diese indes angereichert um eine dialektische sowie historisch-materialistische (politisch-ökonomische bzw. soziologische) Dimensionen, ein dynamisches Gesellschaftsmodell entwickelt hat, das explizit sich beruft auf eine Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten.

Mit anderen Worten: Marxens Darstellung beginnt eingestandenermaßen mit den Abstraktionsergebnissen (denen unverstandenerweise von Böhm-Bawerk etwa Apriorismus vorgeworfen wurde oder von Joan Robinson funktionsloser Dogmatismus bzw. „hegelian stuff and nonsense“) und bedarf einer zunehmenden Konkretisierung, um empirisch-historische Prozesse annähernd zu erfassen (man vgl. zur methodischen Herangehensweise sinnigerweise Siegwart Lindenberg: Die Methode der abnehmenden Abstraktion: Theoriegesteuerte Analyse und empirischer Gehalt. In: Hartmut Esser, Klaus G. Troitzsch: Modellierung sozialer Prozesse. Informationszentrum Sozialwissenschaften, Bonn 1991. ISBN 3-8206-0075-2. ISSN 0934-5469. S. 29-78. Anscheinend haben sich einige moderne Wissenschaftler dazu entschlossen, selbst von Marx zu lernen; wenn auch nicht immer Marx dabei als Quelle zitiert wird.)

Es ist damit aber zumindest dies offenkundig, dass hier von Prophezeiung nicht die Rede sein kann bzw. nur derjenige eine solche hier erblicken kann, der sich nicht davon befreien kann, in aus Modellen abgeleiteten Aussagen per se historische Voraussagen zu erblicken.

Dienstag, 23. Juni 2009

Popper und Max Weber

"Die Theorie, daß sich zwar die physikalischen Wissenschaften auf einen methodologischen Nominalismus gründen, daß aber in den Sozialwissenschaften essentialistische ('realistische') Methoden angewendet werden müßten, wurde mir im Jahre 1925 von K. Polanyi klargemacht; Polanyi hat damals darauf verwiesen, daß sich durch Aufgeben dieser Theorie möglicherweise eine Reform der Methodologie der Sozialwissenschaften erreichen ließe.- Die Theorie wird in gewissem Ausmaße von den meisten Soziologen vertreten, insbesondere von J. ST. MILL (z.B. in seiner Logik, Bd. VI, Kapitel VI,2; vgl. auch seine historizistischen Formulierungen, z. B. in Bd. VI, Kapitel X, letzter Absatz: 'Das Grundproblem ... der Sozialwissenschaft besteht in der Auffindung von Gesetzen, nach denen jeder Zustand der Gesellschaftsordnung einen ihm nachfolgenden Zustand hervorbringt...", K. Marx (siehe unten), Max Weber (vgl. z. B. seine Definitionen 'Soziologische Grundbegriffe', in Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. I, S. 1ff., auch in den Gesammelten Aufsätzen zur Wissenschaftslehre), G. Simmel, A. Vierkandt, R. M. MacIver und vielen anderen. - Der philosophische Ausdruck all dieser Tendenzen findet sich in Husserls 'Phänomenologie', die eine systematische Wiederbelebung des platonischen und aristotelischen methodologischen Essentialismus ist." (POPPER 1992:262, Anm. 41:30)

In einer Art anti-essentialistischem Rundum-Verfolgungswahn sieht Popper Essentialismus in der Soziologie allerwegen und allerorten. Dabei wirft er wahllos die unterschiedlichsten Metatheorien in einen und denselben Topf, "Essentialismus" genannt. Auf diese Weise werden etwa Marx, Weber und Husserl alle in denselben Käfig gesperrt (vielleicht damit sie sich gegenseitig totbeißen?!).

Anscheinend hat Popper schon ausgereicht, dass Max Weber in bewährter juristischer Manier Definitionen entworfen und zusammengestellt hat, um ihn als Essentialisten zu identifizieren. Wie aber etwa eine Rechtswissenschaft ohne Definitionen auskommen könnte, das hat Popper nicht erforscht.

Wer nach der Manier essentialistisch=überholt=falsch=übel die Theoretiker rubriziert, hat es einfach, "Ideengeschichte" zu schreiben. Der Erkenntnisfortschritt wird dadurch blockiert, weil diese Art von Ideengeschichte nicht über ideologisches Etikettieren hinauskommt und darüber hinaus aufgrund dogmatischer Setzungen wissenschaftliche Erkenntnisperspektiven abgeschnitten werden, weil aus anti-marxistischem Eifer heraus ideologisch gegründete Denk- und Forschungsverbote errichtet werden.

Wenn man Popper glauben will, so darf Sozialwissenschaft nicht erforschen, wie gesetzmäßig ein Zustand der Gesellschaft aus einem anderen folge. Denn das wäre dann sogleich "Historizismus" (d.h. also: Prophetie, Orakeln, ...). Gescheiterte Ökonomen werden freilich erleichtert mit Popper sagen können, dass jedwede Konjunkturtheorie nur Unsinn sein könne, und sich auf ihre bewährte reine Theorie zurückziehen können. Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist!

Es ist jedoch erfreulich festzustellen, dass ernsthafte Soziologen und Politologen hier das Beste machen, was sie tun können, nämlich Poppers idiosynkratische Phobien ignorieren.

"The pivotal assumption of this analysis is that social science research, including comparative inquiry, should and can lead to general statements about social phenomena. This assumption implies that human or social behavior can be explained in terms of general laws established by observation. Introduced here as an expression of preference, this assumption will not be logically justified.
It is this kind of assumption that accompanied the development of comparative inquiry during the last two centuries. The corollary of this assumption is that social behavior conforms to a limited number of recognizable patterns. One of the major patterns identified by social scientists such as Comte, Marx, Durkheim, Weber, and Spencer is that societies undergo a structured process of development." (PRZEWORSKI/TEUNE 1970:4)

Notabene: Popper maskiert seine ideologische Präferenz als "Ziel der Erfahrungswissenschaft" oder als "Abgrenzung von empirischer Wissenschaft gegen Pseudowissenschaft und Metaphysik" (WENDEL 1998:41). - Unsere zitierten Sozialwissenschaftler sprechen stattdessen unverhüllt von ihren eigenen, logisch unabgeleiteten Präferenzen, die sie zum Startpunkt ihres Forschungsprogramms wählen. Wer ist hier Fallibilist?! Wer ist hier Dogmatiker?!

== Literaturangaben ==
Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd1: Der Zauber Platons. Tübingen 7. Aufl., 1992 (zuerst: 1944).
Adam Przeworski, Henry Teune: The Logic of Comparative Social Inquiry. Wiley-InterscienceNew York, London, Toronto, Sydney 1970. ISBN 471-70142-4.
Hans Jürgen Wendel: Das Abgrenzungsproblem (I. Kap., Abschn. 4). In: Herbert Keuth, (Hg.): Logik der Forschung. Akademie Verlag Berlin 1998. ISBN 3-05-003021-6.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Was beweist Poppers Einsatz der Logik?

Die nicht beabsichtigten Folgen des Handelns zu studieren ist für die Sozialwissenschaften wichtig. Aus den egoistischen Handlungen des kapitalistischen Subjekts entstehen so ganz nebenbei und ohne jede Absicht positive Nebenwirkungen für das Allgemeinwohl; so Adam Smith (aber nicht nur positive). Und die Planer des Gemeinwohls oder entsprechender staatlicher Interventionen produzieren oft ganz anderes, als geplant war. Umso so schlimmer für die staatlichen Retter des Kapitalismus, denn sie befinden sich somit auf einer "mission impossible".

Poppers Plan aber war, Hegel zu erledigen. Die Art und Weise, wie er dabei vorgegangen ist, hat jedoch völlig unbeabsichtigt den schlimmsten Verdacht geweckt im Hinblick auf die Methode und das Wesen seiner Philosophie.(1) Wie Popper weiß, steht am Beginn eines jeden Widerlegungsversuchs die Rekonstruktion der Problemstellung und der Lösungsversuche des betreffenden Lösungsversuchs; peinlichst mit geeignet ausgewählten Textstellen belegt. Wenn jedoch der Text nicht verständlich erscheinen sollte, so muss man sich des objektiven Urteils darüber enthalten.

Wenn es jedoch in erster Linie darauf ankommt, einen Autor zu erledigen, ist solch mühseliges Beginnen keineswegs erforderlich, sondern eher kontraproduktiv. Man unterstellt ihm den größten Blödsinn, wofür man sich die Widerlegung dann fast ersparen kann. Und die meisten Leute, die sich dadurch ebenfalls dieser unsäglichen Mühe enthoben glauben, bedienen sich dann der popperschen Werke dankbar als Alibi-Zitate. Man zeigt, dass man 1. auf der Höhe der Wissenschaft (beglaubigt durch Popper) ist und 2. man glaubt sich der Mühe, der sich ja angeblich schon Popper unterzogen hat, völlig durch das Zitieren enthoben. Dass der Kritische Rationalismus (mit Ausnahme vielleicht von Helmut Spinner) auf dieses Thema nie wieder zurückgekommen ist oder etwa ausgebaut hat, spricht für sich. Das Thema (oder das Maximum an Kritik) ist für den Kritischen Rationalismus damit erschöpft.

Erst durch diese Interpretationsthese ist auch einzuordnen, dass obwohl Popper 1. seine Bestseller selber als unwissenschaftlich deklariert hat, sie 2. immer wieder als wissenschaftliche Belegstelle herangezogen werden. Popper hat sie in Folge auch in vielen Einzelpunkten bis zur Manie wissenschaftlich vertieft bzw. ausgeschmückt. Das spricht aber 1. für einen gewissen Nachholbedarf an wissenschaftlichem Niveau, 2. erweckt den Verdacht, dass in Einzelpunkten eine degenerative Problemverschiebung stattfindet, d.h. dass Popper ad hoc in Einzelpunkten seine Thesen differenziert oder zurücknimmt, seinen zuvor verkündeten Gesamtstandpunkt in diesen Dingen jedoch unrevidiert einfach so stehen lässt (man erinnere sich an die Exoterik und Esoterik bei Platon und Hegel!).

Die Strategie Poppers ist zu erklären aus der Zielsetzung seines Handelns: in Politik und Philosophie eine Hegemonialstellung zu erringen. Daraus erklärt sich, dass er so sensibel auf Hegels kurze Jahre als „preußischer Staatsphilosoph“ blickt. Popper schaffte es sogar zum „Sir“-Titel. Was soll da erst Ludwig Feuerbach dazu sagen, der in Bayern auf dem Dorf versauern musste, gleichsam im „inneren Exil“ in Bayern, nachdem er das bayrische Stipendium in Berlin an Hegel verschwendet hatte und nach Rückkehr nur noch gottlose Dinge von sich gab, er, der doch zu einem glühenden Theologiestudium bestimmt war… Und das sind noch die Österreicher und die Preußen. Popper war ein Wiener Würstchen. Hegel ein Schwabe, wie Berliner Studenten mit Grausen feststellen mussten. Doch seine Vorfahren waren Protestanten, die aus Glaubensgründen aus dem fein katholischen Kärnten ausgewandert waren. So stammte also, gegen jede Absicht, die bürokratische Entwicklungshilfe für Preußen aus Österreich – wie ja die Feuerbachs in Bayern „Reingeplackte“ waren.

Poppers Diskussion der Gesetze der historischen Entwicklung krankt nach ADDIS (1975:106) an zweierlei Dingen: (a) Er macht nicht klar, ob es solche Gesetze nicht gibt, oder ob wir diese nicht wissen können. (b) Er ist besessen von seinem Anliegen, zu „enthüllen“, was die wahre Aufgabe der Sozialwissenschaft sei.

Schlussendlich produziert POPPER (1987:XI) in seinem Vorwort zur englischen Ausgabe dasjenige, was er einen“ logischen Beweis“ aus „streng logischen Gründen“ nennt.

ADDIS (1975:107f) konstatiert recht verblüfft, dass überhaupt nicht zu erkennbar sei, was an diesem Beweis „logisch“ sei, da der Ausgangspunkt dieses Beweis ganz klar eine empirische Behauptung sei:
(1) „Der Ablauf der menschlichen Geschichte wird durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflußt.“

Anderswo tritt Popper als Fallibilist auf. Hier jedoch tritt er mit logischen Beweisen an, weil er auf der Suche nach Gewissheit ist, und wenn diese Gewissheit auch bloß negativ in einer „definitiven Widerlegung“ bestehen soll.

„Die Suche nach Gewißheit ist eine der gefährlichsten Irrtumsquellen, weil sie mit der Behauptung einer höheren Art von Erkenntnis verbunden ist. Die Gewißheit des logischen Beweises wird als die ideale Erkenntnis angesehen und die Forderung aufgestellt, daß alle Erkenntnis Methoden benutzen soll, die ebenso zuverlässig sind wie die Logik. Um zu sehen, wohin eine solche Auffassung führt, wollen wir uns das Wesen des logischen Beweises einmal näher ansehen.
Der logische Beweis wird mit Hilfe der Deduktion geführt. Man zieht einen Schluß, indem man die Schlußfolgerung aus anderen Aussagen, den Prämissen des Argumentes, ableitet. Das Argument ist so aufgebaut, daß, wenn die Prämissen wahr sind, die Schlußfolgerung auch wahr sein muß. (…)
Das Beispiel zeigt, daß Deduktion leer ist: die Schlußfolgerung kann nicht mehr aussagen, als schon in den Prämissen gesagt ist; sie drückt nur gewisse Folgen aus, die schon unausgesprochen in den Prämissen enthalten sind. Der Schluß packt sozusagen aus, was in den Prämissen noch eingepackt war.“ (REICHENBACH 1968:49)

Poppers Beweis "beweist" nur das, was er vorausgesetzt hat: eine empirische Aussage, die sich mangels präziser Ausdrucksweise empirisch kaum falsifizieren lässt.

Man muss aber hier grundsätzlich trennen zwischen dem, wass Popper tut, und dem, was er sagt, was er tut.
Er tut nichts anderes, als was Ricardo und Marx getan haben: aus empirischen Sätzen zu deduzieren.
Er sagt jedoch, dass er damit einen "logischen Beweis" abliefere.
Damit bewegt er sich immer noch auf der gleichen Schiene wie Platon, Kant und Hegel oder wie die Idealisten, Mathematik- und Logikfans und Sucher nach der absoluten Gewissheit alle heißen.
"Entgegen der traditionellen Erkenntnislehre, die es bis zu Kant, Hilbert und Dingler bei der Lösung des Erkenntnisproblems mit Möglichkeits- und Unmöglichkeitsbeweisen versucht hat - Kant zum Beispiel im Rahmen seines Programms der transzendentalen Deduktion der Kategorien mit seinen beiden zentralen 'Beweisen' von der Möglichkeit einer systematischen Erfahrungserkenntnis einerseits und von der Unmöglichkeit einer Erkenntnis jenseits der Grenzen möglicher Erfahrungserkenntnis andererseits -, scheint es ein allgemeines Charakteristikum grundlegender erkenntnistheoretischer Probleme zu sein, daß sie nicht durch (Wahrheits-, Notwendigkeits-, Möglichkeits- oder Unmöglichkeits)Beweise gelöst werden können, sondern erstens durch normative Grundsatz-Entscheidungen über Erkenntniskonzeptionen; verbunden mit dem hypothetischen Nachweis, zweitens, daß diese Beschlüsse hinsichtlich der damit akzeptierten Erkenntnisprogramme überhaupt realisierbar sowie für die Erreichung des postulierten Erkenntnisziels fruchtbar sind; und drittens, daß die dadurch erreichbaren Ziele unter Berücksichtigung der 'Kosten', also der in Kauf zun nehmenden Mittel und Nebenfolgen, auch erstrebenswert sind. Bei dieser programmatischen Entscheidungsproblematik (die als allgemeines Entscheidungsproblem den vielen speziellen Entscheidungsproblemen in der Wissenschaft vor- und übergelagert ist) geht es primär um die normative, beim Realisierbarkeits- und Fruchtbarkeitsproblem um die 'technologische', bei der 'Ertragskalkulation' neben gleichfalls 'technologischen' Erwägungen im Rahmen einer erkenntnistheoretischen Kosten-Nutzen-Analyse insbesondere auch um den moralischen, im engeren Sinne ethischen Aspekt der Erkenntnisproblematik." (SPINNER 1977:7)


(1) Angriff ist die beste Verteidigung (?!):
"Soweit eine ideologische Aussagesteuerung der von Geiger ins Auge gefaßten Art fatale Konsequenzen für den Erkenntnisprozeß haben kann, läßt sich das nur dadurch kompensieren, daß man die betreffenden Aussagen und Systeme so formuliert, daß sie dem Risiko des Scheiterns an den Tatsachen ausgesetzt sind, und sie strengen Prüfungsversuchen unterwirft, oder daß man sie auf andere Weise der kritischen Diskussion zugänglich macht." (ALBERT 1971:226)

"Darauf hat vor allem Karl Popper immer wieder hingewiesen, vgl. dazu seine oben erwähnten Arbeiten sowie seine Kritik der Wissenssoziologie in: The Open Society and its Enemies (1944), Princeton 1950, Kap. 23. In Deutschland pflegt man unter dem Einfluß einer systematisch sterilen hermeneutischen Philosophie dieses Buch vor allem danach zu beurteilen, ob darin Hegel richtig verstanden wurde, eine Tatsache, die auf die Befürworter solcher Standards ein bezeichnendes Licht wirft." (ALBERT 1971:226, Anm. 24)

Gewiss sollte man nicht Poppers philosophisches Programm nach seinem Hegelverständnis beurteilen. Die Beurteilung seiner Hegel-Kritik darf man aber schon davon abhängig machen!

==Literaturverzeichnis==

Laird Addis: The logic of society: a philosophical study. Minnesota Press, 1975. ISBN 0816607338, 9780816607334
Helmut F. Spinner: Begründung, Kritik und Rationalität. Bd. I. Vieweg Braunschweig 1977. ISBN 3-528-08376-X
Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus. Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957)
Hans Reichenbach: Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie. Friedrich Vieweg & Sohn Braunschweig 1968.
Hans Albert: THEORIE UND PRAXIS. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1971. ISBN 3-534-04161-5. S. 200-236 (Aus: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geburtstag. Anton Hain : Meisenheim 1966. S. 246-272)

Freitag, 22. Mai 2009

Revolutionsprognosen

"Die zentralen Ideen der historizistischen Methode, und besonders des Marxismus, scheinen folgende zu sein:

a) Es ist eine Tatsache, daß wir Sonnenfinsternisse mit großer Genauigkeit und auf lange Zeit voraussagen können. Weshalb sollten wir nicht imstande sein, Revolutionen vorauszusagen? Hätte ein Sozialwissenschaftler im Jahre 1780 nur halb soviel von der Gesellschaft verstanden, wie die alten babylonischen Astrologen von der Astronomie, so hätte er die Französische Revolution voraussagen können.

Diese grundsätzliche Idee, daß die Voraussage von Revolutionen ebensogut möglich sein müsse wie die Voraussage von Sonnenfinsternissen, führt zu folgender Ansicht von der Aufgabe der Sozialwissenschaften:

b) Die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist grundsätzlich die gleiche wie die der Naturwissenschaften - Prognosen aufzustellen, und im besonderen historische Prognosen, d.h. Prognosen über die soziale und politische Entwicklung der Menschheit.

c) Sobald solche Prognosen einmal aufgestellt sind, kann man die Aufgabe der Politik festlegen. Diese besteht in der Minderung der 'Geburtswehen' (wie Marx es ausdrückte), die notwendigerweise mit den als unmittelbar bevorstehend vorausgesagten politischen Entwicklungen verknüpft sind.

Diese einfachen Ideen, und besonders den Anspruch, daß die Aufgabe der Sozialwissenschaften in der Aufstellung historischer Prognosen, z. B. Prognosen über soziale Revolutionen besteht, werde ich als historizistische Doktrin der Sozialwissenschaften bezeichnen."

(Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch Köln Berlin 1965. S. 115)

Popper kämpft wie Don Quijote gegen ein Phantom, das wahrhafte Existenz nur in seiner Phantasie zu gewinnen vermag. Weder hat der "Marxismus" jemals ein Buch geschrieben, mit oder ohne Prophetengabe, noch hat der "Marxismus" jemals Politik gemacht. Wir kennen nur einige Individuen, die als Marxisten bezeichnet werden und sich manchmal auch selbst so genannt haben.(1) Nehmen wir Friedrich Engels, den man wohl als Musterexemplar für solche Sorte Mensch nehmen darf. Tatsächlich hat sich der Mann gelegentlich unverhohlen auch der Prognose von Revolutionen schuldig gemacht. Sehen wir einmal zu, wie es dabei zuging:

"Kein Zweifel, Rußland steht am Vorabend einer Revolution. Die Finanzen sind zerrüttet bis aufs äußerste. Die Steuerschraube versagt den Dienst, die Zinsen der alten Staatsschulden werden bezahlt mit neuen Anleihen, und jede neue Anleihe stößt auf größere Schwierigkeiten; kann man sich doch das Geld nur noch verschaffen unter dem Vorwand des Eisenbahnbaues! Die Verwaltung von jeher durch und durch korrumpiert; die Beamten mehr von Diebstahl, Bestechung und Erpressung lebend als vom Gehalt. Die ganze ländliche Produktion - die bei weitem wesentlichste für Rußland - vollständig in Unordnung gebracht durch die Ablösung von 1861; der große Grundbesitz ohne hinreichende Arbeitskräfte, die Bauern ohne hinreichendes Land, von Steuern erdrückt, von Wucherern ausgesogen; der Ackerbauertrag von Jahr zu Jahr abnehmend. Das Ganze mühsam und äußerlich zusammengehalten durch einen orientalischen Despotismus, von dessen Willkürlichkeit wir im Westen uns gar keine Vorstellung zu machen vermögen; einen Despotismus, der nicht nur von Tag zu Tag in schreienderen Widerspruch tritt mit den Anschauungen der aufgeklärten Klassen und namentlich denen der rasch wachsenden hauptstädtischen Bourgeosie, sondern der auch unter seinem jetzigen Träger irre geworden ist an sich selbst, der heute dem Liberalismus Konzessionen macht, um sie morgen erschrocken wieder zurückzunehmen, und der sich damit selbst mehr und mehr um allen Kredit bringt. Dabei unter den in Hauptstadt konzentrierten aufgeklärteren Schichten der Nation eine zunehmende Erkenntnis, daß diese Lage unhaltbar, daß eine Umwälzung bevorstehend ist, und die Illusion, diese Umwälzung in ein ruhiges konstitutionelles Bett leiten zu können. Hier sind alle Bedingungen einer Revolution vereinigt, einer Revolution, die von den höheren Klassen der Hauptstadt, vielleicht gar von der Regierung selbst eingeleitet, durch die Bauern weiter und über die erste konstitutionelle Phase rasch hinausgetrieben werden muß; einer Revolution, die für ganz Europa schon deswegen von der höchsten Wichtigkeit sein wird, weil sie die letzte, bisher intakte Reserve der gesamteuropäischen Reaktion mit einem Schlag vernichtet. Diese Revolution ist im sichern Anzug. Nur zwei Ereignisse könnten sie länger hinausschieben: ein glücklicher Krieg gegen die Türkei oder Österreich, wozu Geld und Alllianzen gehören, oder aber - ein vorzeitiger Aufstandsversuch, der die besitzenden Klassen der Regierung wieder in die Arme jagt."
(Geschrieben im April 1875; erstmalig veröffentlicht in: Der Volksstaat, Leipzig, 16.-21.April 1875)
Friedrich Engels: Soziales aus Rußland. In: Marx/Engels: Ausgewählte Schriften. Bd. II. Berlin 1968.S. 49f

Vermutlich hat Engels hier übersehen, dass er als Marxist zur Abgabe einer "historistizistischen Prophetie" verpflichtet ist; d.h., laut Popper, mit einem Schlage, mit Datum und Uhrzeit, die Geschichte der Menschheit vorherzusagen. Er hätte sich, so wie Popper es für einen Historizisten zünftig hält, wie ein Wetterprophet im Fernsehen hinstellen sollen und sagen: In 30 Tagen geht in Rußland die Sonne der Revolution auf. Dann hätte Popper behaglich mit berechtigtem "Unbehagen auf soziale Pseudowissenschaften" (S. 114) herabsehen können.

Engels zeigt sich auch überhaupt nicht bewusst, dass er als vorgeblicher Historizist dazu verpflichtet ist, eine unbedingte Prognose zu machen. Popper: "Ich stelle zwei Behauptungen auf. Die erste besteht darin, daß der Historizist seine historischen Prophetien in der Tat nicht aus bedingten wissenschaftlichen Prognosen ableitet." (S. 117). Stattdessen spricht er langatmig über "Bedingungen für eine Revolution", ja hält es sogar für möglich, dass diese nicht ausreichen könnten und/oder andere Bedingungen entgegenwirken könnten. Das soll "Prophetie" sein?! Wie konnte Engels aber auch Popper so enttäuschen! Gottseidank ist Popper gestorben, bevor er diese Engels-Prognose je zu Gesicht bekommen konnte.

Leider hat Popper mit seinem Anti-Prophetentum (das indessen selbst ein alter Hut ist; vgl. Marx gegen Proudhon) die Sozialwissenschaftler noch bis heute dermaßen eingeschüchtert, dass sie sich noch nicht mal wagen, eine "Rezession", geschweige denn eine "Wirtschaftskrise" vorherzusehen. Sie warten lieber erst ab, nicht nur bis die Wahlen vorbei sein werden, sondern bis zu dem Tage, da es einige wagemutige Historiker in ihren Büchern verzeichnet haben werden.

Popper: "Die zweite (aus der die erste folgt) lautet: Der Historizist kann dies auch gar nicht, da langfristige Prophetien aus bedingten wissenschaftlichen Prognosen nur dann abgeleitet werden können, wenn sie sich auf Systeme beziehen, die als isoliert, stationär und zyklisch beschrieben werden können. Solche Systeme sind jedoch in der Natur sehr selten; und die moderne Gesellschaft gehört sicherlich nicht dazu." (S. 117)

Während andernorts Popper behauptet, den Historizismus allein per logischen Beweis besiegt zu haben, muss uns hier lediglich seine empirische Intuition bzw. seine persönliche Versicherung darüber aus der Patsche helfen: "Solche Systeme sind jedoch in der Natur sehr selten; und die moderne Gesellschaft gehört sicherlich nicht dazu." Das müssen wir unbesehen glauben; denn Popper ist ja nunmal kein empirischer Sozialforscher oder Historiker, der die Quellen studieren muss. Wie ein Don Quijote kämpft er sehenden Auges gegen ein Phantom, das seinem Wesen gemäß nur unbestimmbar sein kann, und sich öfters als einmal eine Tarnkappe überzieht. Keine beneidenswerte Aufgabe!

Marx hat seine politische Ökonomie bekanntlich auf das Tableau économique von Quesnay aufgebaut; dessen Reproduktionsschema war auch für Schumpeter oder die Input-Output-Tabellen von Leontjew ein Musterbeispiel für ein stationäres zyklisches System in der Wirtschaft, die man ja wohl auch zur menschlichen Gesellschaft zählen darf. Soweit sich solche Kreislaufmodelle in der Geschichte der Menschheit anwenden lassen, soweit lassen sich also langfristige Vorhersagen bzw. Erklärungen im Prinzip machen. Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ist offenbar keine exakte Wissenschaft.

Ich indes schaue mit Unbehagen auf Propheten, deren Defätismus gegenüber sozialwissenschaftlichen Erkenntnisbemühungen darauf gründet, dass sie mit Unbehagen auf Prognoseversuche von Revolutionen oder Krisen sehen. Mit piecemeal engineering zu hoffen, dass sich alles von selbst einrenken und zumindest die Lage sich nicht verschlimmern werde, ist auch nur eine Prophezeiung, aber die man als solche kenntlich zu machen vergisst.

== Anmerkungen ==

(1) "Einige Namen sind Eigennamen und gehören allein einem einzigen Ding zu, wie Peter, Johannes, dieser Mensch, dieser Baum. Manche sind vielen Dingen gemeinsam, wie Mensch, Pferd, Baum. Obwohl nur ein Name, ist jeder von ihnen dennoch der Name verschiedener Einzeldinge, der, betrachtet man sie alle zusammen, allgemein genannt wird. Es ist nämlich auf der Welt nichts allgemein außer den Namen, denn jedes Ding ist individuell und einzeln." (Thomas Hobbes: Leviathan. S. 26)

Dienstag, 17. Februar 2009

Historizismus

Beim Historizismus geht es um die Frage: Gibt es in der Geschichte Gesetze?

Diese Fragestellung ist schon recht alt. In dieses Problem wurde schon von John Stuart Mill in seinem VI. Buch in seiner einflussreichen Abhandlung "A System of Logic. Ratiocinative and Inductive. Being a Connected View of the Principles of Evidence and the Methods of Scientific Investigation" (1843; 9. Aufl. 1875) im Buch VI: "On the Logic of the Moral Sciences" bestens eingeführt.

Mill stellt als Motto ein Zitat voran von Condorcet ("Esquisse d'un Tableau Historique des Progrès de l'Esprit Humain"): Alle Erscheinungen, von denen der Mensch die Gesetze kennt, kann er fast vollständig voraussagen; wenn diese Gesetzeskenntnis ihm fehlt, ist er dennoch zu Wahrscheinlichkeitsaussagen fähig. Auf diesem Prinzip beruht die gesamte Naturwissenschaft. Warum also sollte davon die Entwicklung der geistigen und moralischen Fähigkeiten des Menschen eine Ausnahme bilden?

Die Grundsätze der Erforschung der Wahrheit und die Methodenlehre der Wissenschaften können nicht a priori konstruiert werden, sagt Mill schon zu Beginn seiner Einführung. Die Erkenntnisfähigkeiten des Menschen können nur studiert werden am "agent at work". Der Mensch erkennt schon, bevor er sich überhaupt dessen bewusst wird und diesen Vorgang der Prüfung unterzieht. Die wissenschaftliche Erkenntnis steigt dabei von den einfachsten Fragen, wo sie sicherer und leichter ist, zu den komplizierteren auf.

Man darf schon zu Beginn den Kontrast zu Popper feststellen. Popper geht von Kants Abgrenzungsproblem zwischen Verstand und Vernunft, empirischem und metaphysischem Erkennen aus, das er verändert zur Frage der Abgrenzung zwischen empirischer Wissenschaft und Nicht Wissenschaft. Während für Mill auch der Prozess wissenschaftlichen Erkennens ein der Erfahrung unterworfener Vorgang ist, muss man Poppers Konstruktion des Begriffs von empirischer Wissenschaft ironischer Weise selber als kaum verhüllten Apriorismus kennzeichnen (ein Erbe des Kantschen Transzendentalismus). So gerne Popper über "empirische Wissenschaft" redet, so selten geht er wie ein empirischer Wissenschaftler vor. Er zieht es im Allgemeinen selbst bei der Behandlung empirischer Fragestellungen vor, diese möglichst mithilfe von Logik bzw. durch Logisierung des Problems in Modellen und Gedankenexperimenten zu beantworten.

So rekonstruiert auch Popper den Historischen Materialismus mit seiner Voraussage einer sozialistischen Revolution nicht anders als deduktiven Beweisgang. Und Historizismus wird von Popper zu widerlegen gesucht durch einen logischen Beweis. Ein solches Unterfangen setzt aber voraus, dass empirische Behauptungen durch A priori-Deduktionen zu widerlegen seien.

Poppers Beweisgang setzt aber mehr voraus als Axiome der Logik. Es gibt keine synthetischen Sätze a priori. Also muss Popper sich entweder darauf beschränken, (mit allein logischen Mitteln!) die Inkonsistenz der historistischen Problemlösung nachzuweisen; oder er muss die empirischen Behauptungen der "Historizisten" durch entgegengesetzte empirische Behauptungen bestreiten. Wer den Theorien der Historizisten jedoch eine eigene empirische Theorie entgegenstellt, begibt sich damit auf eben genau das Terrain, dessen Zutritt er nicht nur den Historizisten, sondern allen vernünftigen Wissenschaftlern verboten hat.

Condorcet und Mill sehen (was mit Hans Alberts Position des "Naturalismus" völlig übereinstimmt) keinen grundsätzlichen methodischen Unterschied zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Die Sozialwissenschaften unterscheiden sich nur dadurch von den entwickelteren Naturwissenschaften, dass ihr Erkenntnisgegenstand komplexer und ihr vergleichbar erreichter Erkenntnisfortschritt bislang geringer sei. Mill sieht demnach keinen grundsätzlichen Hinderungsgrund, seine allgemeinen Grundsätze zur Methode wissenschaftlichen Erkennens gleichfalls auf das Feld der "Moralwissenschaft" (heute "Sozialwissenschaften" genannt) anzuwenden.

Gegen diese Auffassung wird häufig der Einwand vorgebracht: Die Handlungen des Menschen sind nicht wie die Naturvorgänge Naturgesetzen unterworfen, sondern durch den freien Willen des Menschen bestimmt.

Mill sieht hier eine unheilvolle Begriffskonfusion am Werke, hervorgerufen durch das Wort "Notwendigkeit" (necessity). Während wie in den Naturwissenschaften die Kausalbeziehung nichts weiter als eine gleichförmige Beziehung zwischen Ursache und Wirkungen bezeichnet, wird in der "Doctrine of Necessity" behauptet, dass menschliche Handlungsmotive "necessary and inevitable" sind.*) Damit werden häufig Thesen assoziiert, wonach der Mensch (außerhalb der Kausalgesetze) zu etwas gezwungen werde oder dass ein Ereignis unvermeidlich sei, und zwar in dem Sinne, dass der Mensch durch sein Handeln nicht eingreifen könne. Verbunden ist damit der Fatalismus, als die die Einstellung, der Widerstand des Menschen gegen ein voraussehbares Geschehen sei zwecklos. Demgegenüber hält Mill fest, dass das Gefühl der Entscheidungsfreiheit durch die Kausalgesetzlichkeit keineswegs tangiert werde. [Auch Wolfgang Schluchter 1979:1 spricht von "Notwendigkeitskausalität". Das ist bestenfalls ein "weißer Schimmel" oder Mystifikation. Entweder man will etwas erklären, dann benötigt man Regelmäßigkeiten bzw. Kausalität. Oder man leugnet Erklärbarkeit; dann muss man sagen, was man in der Wissenschaft noch glaubt erreichen zu können.)

*) But the doctrine of causation, when considered as obtaining between our volitions and their antecedents, is almost universally conceived as involving more than this. Many do not believe, and very few practically feel, that there is nothing in causation but invariable, certain, and unconditional sequence. There a few to whom mere constancy of succession appears a sufficient stringent bond of union for so peculiar a relation as that of cause and effect.
(Mill, London 1959, S. 548)

Mit der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung wird ein mystischer Zusammenhang mitgefühlt, welcher über die Konstatierung der Konstanz der Kausalrelation hinausgeht. Das Gefühl dieser magischen Beziehung wird bei der introspektiven Betrachtung des eigenen Handelns jedoch gerade vermisst - aus welchem subjektiven Erleben heraus die Kausalrelation für menschliches Handeln überhaupt in Frage gestellt bzw. intuitiv abgelehnt wird.

Auch Popper beutet diese Begriffskonfusion um die "Unvermeidlichkeit" weidlich aus. Auch er rückt Determinismus in die Nähe von Fatalismus.

Popperizisten (das sind Popper-Nachschwätzer, die in Popper die Fleisch gewordene Logik anbeten) dann zeigen selbst in der Anwendung von Logik wenig Konsequenz.
Denn einerseits klagen sie Marx wie auch andere Denker des Historizismus an.
Andererseits behaupten sie selbst fast noch im selben Atemzuge, dass die Ideen von Platon, Hegel und Marx unvermeidlich und geschichtlich geradewegs auf Hitler und Stalin hinausliefen. Was ist eine solche Behauptung indes anderes als eine reformulierte historizistische These?!

Wenn Popper Determinismus ablehnt, so stellt sich als die nächste Frage, was von seiner Methodologie empirischer Wissenschaft übrigbleibt. Welche Möglichkeiten verbleiben einem Wissenschaftler denn für sein Erklärungsprogramm, wenn er konstante Strukturen sowie etwa Gesetzmäßigkeiten in der Welt leugnet?

Hans Albert sprach dem Historismus gegenüber, der ebenfalls die Möglichkeit von Gesetzeserkenntnis in der menschlichen Geschichte bestreitet, von einem a priori-Erkenntnisverzicht bzw. von der "Ontologisierung einer Erkenntnislücke".
Wer die Gesetze in menschlichem Handeln, in Gesellschaft und Geschichte leugnet, wird auch keine suchen. Welcher Art soll dann die Wissenschaft derselben sein?!

Man kann suchen, wissenschaftliche Gesetze, die einem missfallen, dadurch den Boden zu entziehen, indem man die logische Unmöglichkeit von Gesetzeserkenntnis überhaupt behauptet. Damit stellt man jedoch die Arbeitsgrundlage von empirischer Wissenschaft grundsätzlich in Frage und zieht sich aus dem Spiel Wissenschaft zurück.

Wie im Schach: Ein schlechter Verlierer wirft das Spielbrett um!

== Literaturverzeichnis ==
Wolfgang Schluchter: Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) :Tübingen 1979. ISBN 3-16-541532-3.