Sonntag, 12. Juli 2009

Positivismus und Metaphysik - alternative Methodologien

"Der Nichtdenker, der doch gesunde Sinne und Gedächtnis hat, fasst den vor seinen Augen liegenden wirklichen Zustand der Dinge auf, und merkt sich ihn. Er bedarf nichts weiter, da er ja nur in der wirklichen Welt zu leben und seine Geschäfte zu treiben hat, und zu einem Nachdenken gleichsam auf Vorrat, und dessen er nicht unmittelbar zur Stelle bedürfte, sich gar nicht gereizt fühlt. Er geht mit seinen Gedanken über diesen wirklichen Zustand nie hinaus, und erdenkt nie einen andern; aber durch diese Gewohnheit, nur diesen zu denken, entsteht ihm allmählich, und ohne dass er sich dessen eigentlich bewusst wird, die Voraussetzung, dass nur dieser sei, und nur dieser sein könne. Die Begriffe und Sitten seines Volkes und seines Zeitalters scheinen ihm die einzig möglichen Begriffe und Sitten aller Völker und aller Zeitalter. Dieser verwundert sich gewiss nicht, dass alles nun gerade so sei, wie es ist, weil es nach ihm gar nicht anders sein kann; er erhebt gewiss nicht die Frage, wie es so geworden, da es nach ihm ja von Anbeginn so gewesen. Nötigt sich ihm ja eine Beschreibung anderer Völker und anderer Zeitalter auf, oder wohl gar ein philosophischer Entwurf, wie es nirgends gewesen, aber allenthalben hätte sein sollen, so trägt er immer die Bilder seiner Welt, von denen er sich nicht losreißen kann, hinein, sieht alles durch sie hindurch, und fasst nie den ganzen Sinn dessen, was ihm vorgetragen wird. Seine unheilbare Krankheit ist die, das zufällige für notwendig zu halten. Wer sich hingegen gewöhnt hat, nicht nur das wirklich vorhandene durch den Gedanken nachzubilden, sondern auch das mögliche durch denselben frei in sich zu erschaffen, findet sehr oft ganz andere Verbindungen und Verhältnisse der Dinge, als die gegebenen ebenso möglich wie diese, ja wohl noch weit möglicher, natürlicher, vernunftmässiger; er findet die gegebenen Verhältnisse nicht nur zufällig, sondern zuweilen gar wunderlich. Er also erhebt die Frage: wie und auf welche Weise ist doch alles so geworden wie es ist, da es ja auf die verschiedensten Arten anders sein konnte? Diese Frage beantwortet ihm die Geschichte der Vorzeit; wie denn alle gründliche Geschichte nichts anderes sein kann und soll, als eine genetische Beantwortung der Kausalfrage: auf welche Weise ist denn der gegenwärtige Zustand der Dinge entstanden, und aus welchen Gründen hat die Welt sich gerade so gebildet, wie wir sie vor uns finden?" (Fichte, Handelsstaat:95.)


 

Fichtes Unterscheidung von Denkern und Nichtdenkern erinnert an diejenige der US-Soziologie zwischen locals und cosmopolitans.

"Darum ist die Luft so voll von Lebenstheorien und Weltanschauungen, und darum wirken sie hierzulande so anmaßend, weil sie am Ende fast stets der Sanktion irgendeiner ganz nichtssagenden Privatsituation gelten." (Benjamin 1955a:33)


 

In ähnlicher Weise hatte schon Fichte einen vergleichbaren Unterschied festgestellt zwischen Denkern und Nichtdenkern, welcher typologisch dem zwischen Analytikern und lokalen Konservativen, den geborenen Vertretern einer kurzsichtigen, bornierten Kirchturmpolitik, verwandt ist. In unseren Tagen hat sich dergleichen naturwüchsige Verdinglichung des borniert lokalen Gesichtskreises zur Ideologie des technischen Fortschritts und des Globalismus modernisiert - die bewusstlos positivistische Überschätzung anscheinend auf der Hand liegender Erfahrung zu einem Fundament der Weltanschauung ist offenkundig.

Nicht der geringste Reiz des Positivismus ist schon immer seine Denkökonomie. Sie erspart Umwege. Jeder kommt gleich zur Sache, da ja diese ihm nur zu handgreiflich vor Augen liegt. Es braucht nicht reflektiert zu werden, unter welchen Voraussetzungen des Denkens und mit welchen Gründen andere dahin oder sonst wo gekommen sein mögen. Philosophische Prämissen verschwinden aber nicht schon dadurch, dass man von ihnen nicht spricht.

"Historians and scientists can avoid philosophy books, but less easily the philosophical assumptions in science textbooks, and not at all their own assumptions." (Blackmore 1983a:19)

"... any discussion of the laws of nature with no reference to metaphysics is a plain waste of time." (Agassi 1993a:13)

Damit verfügt das positivistische Prinzip über einen ebenbürtigen Gegenspieler in der Tendenz zur spekulativen Konstruktion und Proliferation theoretischer Systeme.

"Proliferation means that there is no need to suppress even the most outlandish product of the human brain. Everyone may follow his inclinations and science, conceived as a critical enterprise, will profit from such an activitity. Tenacity: this means that one is encouraged not just to follow one's inclinations, but to develop them further, to raise them, with the help of criticism (which involves a comparison with the existing alternatives) to a higher level of articulation and thereby to raise their defence to a higher level of consciousness." (Feyerabend 1970a:210)

Wenn der Geist auf "Abenteuer des Gedankens" (Hegel 1930b:4) auszieht, so ist aber immer noch das redliche Streben nach gehaltvollem Inhalt von einem sich hinter barocken Gedankengängen und Verschrobenheit des Ausdrucks verbergenden Betrug am Publikum zu unterscheiden.

"When social theorists affirm the existence of certain eternal limits in the social universe, they are creating real limits, but only on their own intellectual creativity." (Gouldner 1971a:417)

Noch Ferdinand Lassalle, Festrede: Die Philosophie Fichtes, S. 24; zit. nach Lask (1914a:268) feierte die Deutschen:

"Dem metaphysischen Volke die metaphysische Aufgabe!"

Wenn die Deutschen das metaphysische Volk gewesen waren, kann man nicht sagen, dass sie dadurch gescheiter worden wären. Begründet (nach dem Vorbild des Aristoteles) wurde diese deutsche Tradition vor allem durch Kant mit seinem großartigen Projekt einer wissenschaftlichen Metaphysik, die auf einer Tafel von Kategorien fußt, die elementar, von Erfahrung rein, verstandesmäßig und vollständig sein sollte (Heinrichs 1986a:2f).

) "Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe der Synthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um deren willen er auch nur ein reiner Verstand ist; indem er durch sie allein etwas bei dem Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d.i. ein Objekt derselben denken kann. Diese Einteilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen Prinzip, nämlich dem Vermögen zu urteilen (welches eben so viel ist, als das Vermögen zu denken), erzeugt, und nicht rhapsodistisch, aus einer auf gut Glück unternommenen Aufsuchung reiner Begriffe entstanden, von deren Vollzähligkeit man niemals gewiss sein kann, da sie nur durch Induktion geschlossen wird, ohne zu gedenken, dass man noch auf die letztere Art niemals einsieht, warum denn gerade diese und nicht andre Begriffe dem reinen Verstande beiwohnen. Es war ein eines scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des Aristoteles, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er aber kein Principium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen, und trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien (Prädikamente) nannte. In der Folge glaubte er noch ihrer fünfe aufgefunden zu haben, die er unter dem Namen der Postprädikamente hinzufügte. Allein seine Tafel blieb noch immer mangelhaft. Außerdem finden sich auch einige Modi der reinen Sinnlichkeit darunter (quando, ubi, situs, im gleichen prius, simul), auch ein empirischer (motus), die in dieses Stammregister des Verstandes gar nicht gehören, oder es sind auch die abgeleiteten Begriffe mit unter die Urbegriffe gezählt (actio, passio), und an einigen der letztern fehlt es gänzlich." (Kant KdV:150ff.)

Das heißt: Wissenschaftliche Philosophie kann nicht anders denn systematisch verfasst sein.

"Ein Philosophieren ohne System kann nichts Wissenschaftliches sein ..." (Hegel 1930b:47)


 

Wozu benötigt man Ontologie?

Uralte Tendenzen des Philosophierens finden sich heute auch auf dem Gebiete der Künstlichen Intelligenz wieder. Eine Ontologie, spätestens seit Aristoteles die Untersuchung der gemeinsamen Prinzipien und Strukturen von Realität überhaupt (Höffe 1981b:78), dient dabei einem anderen Zweck als eine Wissensbasis: Eine bestimmten kommunikativen Leistungen zugrunde liegende Ontologie umreißt eine Terminologie bzw. ein Vokabular, um über ein bestimmtes Gebiet sprechen zu können. Eine Wissensbasis soll Fragen beantworten bzw. Probleme eines bestimmten Gebietes lösen helfen. Gruber macht in diesem Zusammenhang entsprechende "principles for the design of ontologies used for a knowledge sharing" geltend.

) "1. Clarity: An ontology should effectively communicate the intended meaning of defined terms. Definitions should be objective. While the motivation for defining a concept might arise from social situations or computational requirements, the definition should be independent of social or computational context. Formalism is a means to this end. When a definition can be stated in logical axioms, it should be. Where possible, a complete definition (a predicate defined by necessary and sufficient conditions) is preferred over a partial definition (defined by only necessary or sufficient conditions). All definitions should be documented with natural language.
2. Coherence: An ontology should be coherent: that is, it should sanction inferences that are consistent with the definitions. At the least, the defining axioms should be logically consistent. Coherence should also apply to the concepts that are defined informally, such as those described in natural language documentation and examples. If a sentence that can be inferred from the axioms contradicts a definition or example given informally, then the ontology is incoherent.
3. Extendibility: An ontology should be designed to anticipate the uses of the shared vocabulary. It should offer a conceptual foundation for a range of anticipated tasks, and the representation should be crafted so that one can extend and specialize the ontology monotonically. In other words, one should be able to define new terms for special uses based on the existing vocabulary, in a way that does not require the revision of the existing definitions.
4. Minimal encoding bias: The conceptualization should be specified at the knowledge level without depending on a particular symbol-level encoding. An encoding bias results when a representation choices are made purely for the convenience of notation or implementation. Encoding bias should be minimized, because knowledge-sharing agents may be implemented in different representation systems and styles of representation.
5. Minimal ontological commitment: An ontology should require the minimal ontological commitment sufficient to support the intended knowledge sharing activities. An ontology should make as few claims as possible about the world being modeled, allowing the parties committed to the ontology freedom to specialize and instantiate the ontology as needed. Since ontological commitment is based on consistent use of vocabulary, ontological commitment can be minimized by specifying the weakest theory (allowing the most models) and defining only those terms that are essential to the communication of knowledge consistent with that theory."
(Gruber 1993a)


 

Zwischen diesen Zielen gibt es beim Design einer Ontologie (deren Ausgestaltung grundsätzlich von dem Zweck der ganzen Übung, d.h. dem knowledge sharing abhängt, nicht aber von den a priori-Vorstellungen einer absolut wahren Kosmologie) zuweilen einen trade off, - aber weitaus seltener, als man denkt.

Dabei ist Ontologisieren oft Analogisieren. Informatik kann aber auf diese Weise in der Anwendung der philosophischen Rede von Ontologie demonstrieren, wieviel an dieser klar und deutlich ist. Man kann die gesamte aristotelische Metaphysik, worin Popper (1992b:12f) in seinem jugendlichen Leichtsinn nur unfruchtbare Wortmacherei und trockenes Systematisieren gesehen hat, als ein derartiges Projekt lesen. Noch nicht einmal in der Metaphysik des von ihm selbst vertretenen Realismus fand Popper (1964a:85) einen Nutzen, außer dass sie vielleicht Intuitionen auf die Sprünge helfen könnte.

"Aber wir können die Dinge nur sehen, wie wir sie sehen, und kennen, wie wir sie kennen. Es ist sinnlos zu fragen, wie sich der unbesehene, nicht erkannte Gegenstand zu dem unserer Erfahrung verhält. So trägt die unserem Erkennen gegebene phänomenale Welt die Züge der Erfassungsweise und Begriffsbildung des erkennenden Subjektes. Zugleich muss man aber der Versuchung widerstehen, logische Schwierigkeiten und eine letztliche Undurchsichtigkeit durch die Annahme zu vermeiden, der Geist spinne die Welt aus sich heraus, oder mit einer anderen Wendung, die Begriffsbildung sei völlig konventionell und willkürlich." (Rickman 1974a:106)

Dass eine Ontologie eine notwendige Voraussetzung zum Aufbau einer sinnvollen theoretischen Kommunikation darstelle, kam ihm gar nicht in den Sinn. Hier wäre auch zu überdenken, ob Poppers und Alberts (1954a:43, Anm.45) häufig geübte Kritik an der Ontologisierung methodologischer Fragen (z.B. Kausalprinzip) in der geübten Schärfe jeweils berechtigt ist, oder nicht ebenfalls ein Schuss darstellt, der nach hinten losgegangen ist. Ockhams metaphysik-kritische Maxime ist gegen die vorschnelle Verdinglichung von Begriffen und von Sprache gerichtet sowie auf den Vorrang der Methode innerhalb von Wissenschaft (Imbach 1981a:238f). Wird aber alle Ontologie auf Methode reduziert, bleibt völlig unklar, worauf sich diese Regeln denn beziehen, ja über welches Universum überhaupt gesprochen wird. Und wir können gewisse Probleme überhaupt nicht mehr formulieren.

"We must beware of solving, or dissolving, factual problems linguistically; that is, by the all too simple method of refusing to talk about them." (Popper 1973a:294)


 

== Literaturverzeichnis==

Gruber 1993a: Thomas R. Gruber, Toward Principles for the Design of Ontologies Used für Knowledge Sharing, Technical Report KSL 93-04, Knowledge Systems Laboratory, Stanford University 1993

Gruber 1993b: Thomas R. Gruber, A Translation Approach to Portable Ontology Specifications, Technical Report KSL 92-71, Knowledge Systems Laboratory, Stanford University 1993

Walter Benjamin, Einbahnstraße, Berlin Frankfurt 1955 (zuerst: 1928)

John T. Blackmore, Philosophy as Part of Internal History of Science, Philosophy of the Social Sciences, 13, 1983, pp. 17-45

Paul K. Feyerabend, Consolations for the Specialist, in: Imre Lakatos, Alan Musgrave, Criticism and the Growth of Knowledge, Cambridge 1970 1970a, pp. 197-230

Emil Lask, Fichtes Idealismus und die Geschichte, Tübingen 1914 (zuerst: 1902)

Otfried Höffe, Aristoteles: in: Otfried Höffe, Klassiker der Philosophie, Erster Band: Von den Vorsokratikern bis David Hume, München 1981, S. 63ff

Karl R. Popper, Objective Knowledge. An Evolutionary Approach, Oxford 1973 (zuerst: 1972)

H. P. Rickman, Discours de la méthode, Zeitschrift für philosophische Forschung, 28, 1, 1974, S. 105-113

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