Freitag, 10. Juli 2009

Von Positivisten und Metaphysikern

Die Aversion des empirischen Forschers gegen methodologische Diskussionen ist erst einmal menschlich verständlich: Noch selten ist durch methodologische Diskussion eine inhaltliche Einsicht erlangt worden! Es ist wahr: Wer eine methodologische Debatte anzettelt, hat noch schwerlich im selben Anlauf  auch schon eine inhaltliche Einsicht gewonnen. Gerade Ökonomen sperren sich oft gegen methodologische Reflexionen wie spielende Kinder vor dem Badewasser. Dies gilt insbesondere auch für Deutschland, wo mit einem perennierenden Methodenstreit die Tradition besteht, alternative gesellschaftspolitische Positionen in der Form methodologischer Divergenzen aneinander- und damit vielleicht auch irgendwann einmal aufzureiben. Ermüdung der Diskussionsgegner ist eine in der Politik oft angetroffene Strategie, Probleme klein zu kriegen. Es verhält sich also mit methodologischer Diskussion wie mit Geschäftsordnungs-Debatten in einer Gruppensitzung. Zugegeben, noch nie ist auf diese Weise direkt ein inhaltliches Ergebnis erreicht worden. Im Gegenteil geht die für das eine aufgewandte Zeit dem anderen scheinbar notwendig verloren. Dennoch wird kein komplizierteres Projekt ein brauchbares inhaltliches Ergebnis erzielen können, solange man sich nicht zuvor auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt hat. Insofern hängen Regeln und zu erlangende Erkenntnisresultate, wenn auch beide keineswegs identisch sind, unabdingbar voneinander ab.
 

"If you stay with me, things will get worse, I promise." (Agassi 1993a:228)


 

Konfusion ist der normale Zustand, bevor ein Problem vernünftig definiert worden ist. Probleme bilden aber den Motor der Wissenschaft. Denn es ist häufig besser, eine anständige Konfusion zu hinterlassen als eine Ordnung, die nicht trügt.

Sollte es nicht nur Wissenschaft, sondern auch Philosophie nicht aber um Wahrheit (Stegmüller 1968a) gehen, und zwar in einer ganz anderen Weise vielleicht als bei dem zuvor genannten rheinland-pfälzischen Exportschlager ?!

"Erfreut das Bier des Menschen Herz ebenso wie der Wein? Steht etwas vom Biere in der heiligen Schrift? Oder hat vielleicht wirklich schon der gelehrte, theologische Aberwitz der Neuzeit aus den Rippen Adams oder den Lenden Noahs den Gambrinus herausgeschnitten, den biblischen und christlichen Ursprung, natürlich vor Allem des Bieres par excellence, des bayrischen Bieres nachgewiesen?"
(Feuerbach, Zur Moralphilosophie, 1874a:284)

Bleibt zur Wahrheit von Philosophien lediglich zu sagen, dass man sie kritisch zu beurteilen habe (bis zu diesem Punkt geht Popper 1994a:190)?

Zu kritisieren ist nicht an Habermas sein Rekurs auf Hegel, sondern wie Habermas Hegel gelesen hat. Gemäß Habermas (1975a:12) habe Hegel mit seiner Kritik an Kant die Stellung zur Wissenschaft preisgegeben:

"Gegenüber einem absoluten Wissen muss wissenschaftliche Erkenntnis notwendig als borniert erscheinen; einzige Aufgabe bleibt dann die kritische Auflösung der Schranken positiven Wissens."

Damit macht Habermas nur offenkundig, dass er mit dem Hegelschen Wissenschaftsbegriff im Grunde nichts anzufangen weiß.

"Die philosophische, spekulative Kritik, die den Nachweis führt, dass jedes Unmittelbare, Positiv-Gegenständliche in sich vermittelt ist, zieht auch das Verhältnis zwischen Philosophie und Einzelwissenschaft in den dialektischen Vermittlungszusammenhang hinein." (Negt 1964a:17)


 

Das heißt, Habermas unterstellt Hegel wie schon Horkheimer u. Adorno (1998a:30) und viele andere vor und nach ihnen den voll platten Anspruch, seine eigene Philosophie als die absolut wahre zu behaupten:


 

"Indem er freilich das gewusste Resultat des gesamten Prozesses der Negation: die Totalität in System und Geschichte, schließlich doch zum Absoluten machte, verstieß er gegen das Verbot und verfiel selbst der Mythologie."


 

Meiner Auffassung nach ist aber, Hegel als das absolute Wissen zu lesen, selbst schon der ganze Mythos und Irrtum. Eine Philosophie ist nicht schon deswegen mit dem Anspruch auf rundherum absolute Wahrheit verbunden, weil in ihr der Begriff des Absoluten als Problem gestellt wird. Auch hier darf man die mögliche dogmatische Rezeptionsweise einer Philosophie nicht mit ihrem eigentlichen Gehalt verwechseln. Hegel (1930b:3)hoffte zwar von seiner Methode, dass sie als "die einzig wahrhafte, mit dem Inhalt identische" anerkannt werden möchte. Noch die meisten Autoren haben sich jedoch mit der Meinung schmeicheln müssen, dass ihr Buch vom gebildeten Publikum dereinst als der Quell der Wahrheit angenommen werden würde – vielleicht oft, so hart es klingt, ein psychisch notwendiger Selbstbetrug! Dies einzusehen, bringt uns jedoch kein Schrittchen in dem uns aufgegebenen Geschäft der Bewertung einer Philosophie weiter.

Das Problem des Absoluten führt weit in die Geschichte von Theologie und Philosophie zurück:

"Da schon die zeitgenössischen Kritiker von Descartes darauf hinwiesen, dass dieser Anselms Gottesbeweis wiederaufgegriffen hatte, wurde das für die gesamte Problemstellung der neuzeitlichen Philosophie grundlegende Problem des 'ontologischen' Arguments bewusst im Hinblick auf Anselm erörtert. So äußerte Leibniz die Absicht, Anselm zu verbessern. Doch da Descartes, Spinoza, Leibniz und die Wolff'sche Schulphilosophie das anselmianische Argument umgewandelt weitergegeben hatten, war, auch ohne dass Anselms Name fallen musste, Anselms Proslogion überall mitgegenwärtig, wo zwischen Kant, Fichte, Hegel und Schelling ein philosophischer Begriff des Absoluten entwickelt wurde."  (Flach 1981a:197)


 

Auch Popper (1994a:47) macht sich in der gewohnten Manier die Hegelkritik zu einfach: Für Hegel sei seine eigene Philosophie absolut wahr, alles andere genieße relative Wahrheit. Dass dies eine Diffamierung und keine sinnvolle Interpretation darstellt, lässt sich schon daraus entnehmen, dass Hegel (1962a) von einer einzigen, einheitlichen Philosophie ausgeht, an welcher jedes historisch eigentümlich bestimmte philosophische System durch seinen Begriff des Absoluten teilhabe.

Empirische Theorie sagt uns die Wahrheit über die Wirklichkeit. Philosophie aber kann uns erst sagen, was "Wahrheit" ist:

"Die innere Notwendigkeit, dass das Wissen Wissenschaft sei, liegt in seiner Natur, und die befriedigende Erklärung hierüber ist allein die Darstellung der Philosophie selbst." (Hegel 1988a:6)    


 

Popper folgte der Korrespondenztheorie der Wahrheit, nachdem Tarski (1956a) ihm dieselbe befriedigend expliziert habe.

"We can now say that what Tarski did was to discover that in order to speak about the correspondence between a statement S and a fact F, we need a language (a metalanguage) in which we can speak about the statement S and state the fact F." (Popper 1973a:316)


 

Popper war dies jedoch keine Explikation bzw. Definition, sondern die Rehabilitation einer hergebrachten Sprechweise. Indes: Besteht der Ausweg aus "Wortklauberei" lediglich in noch größerer Wortklauberei?!


 

"Wir nennen eine Aussage 'wahr', wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt oder den Tatsachen entspricht oder wenn die Dinge so sind, wie die Aussage sie darstellt. Das ist der sogenannte absolute oder objektive Wahrheitsbegriff, den jeder von uns dauernd verwendet. Eines der wichtigsten Ergebnisse der modernen Logik besteht darin, dass sie diesen absoluten Wahrheitsbegriff mit durchschlagendem Erfolg rehabilitiert hat."  (Popper 1969b:117; vgl. 1973a:60; 1992b:460ff)


 

Dagegen wird traditionsgemäß und neuerdings gerade auch von Seiten des Pragmatismus immer wieder das sog. "Vergleichsargument" vorgetragen: es könne nicht gelingen, die Korrespondenz befriedigend zu formulieren (McDermid 1998a). Wenn man aber einmal voraussetzte, die Frage der empirischen Wahrheit sei zufriedenstellend gelöst, so wäre es vielleicht denkbar, dass man metaphysischen Systemen zumindest im derivativen Sinne eine Wahrheit zuspräche, eine Art von philosophischer Wahrheit, die sich evtl. rückbezieht auf die Wahrheit der empirischen Theorien, die aus ihnen zwar nicht logisch deduziert werden können, aber dazu in geistigen Verwandtschaftsbeziehungen stehen. Vielleicht kann die Rolle der Philosophie im Hinblick auf Wahrheit analog der von Definitionen, Terminologien, Modellen und Ontologien gesehen werden: Sie sind sprachliche Mittel, um wahre Aussagen zu formulieren, können aber selbst, an und für sich, nicht wahr sein. Ihre empirische Prüfung bzw. Kritik erfolgen indirekt, vermittelt über die empirischen Hypothesen, welche sie zu formulieren helfen, nach dem bewährten Motto: Mitgehangen, mitgefangen!

Nach Schumpeter (1987a:28) hingegen sind empirische Wissenschaft und Philosophie völlig unabhängig und getrennt voneinander, eine Position, die nicht nur neoklassische Ökonomen, sondern Theologen wie veritable Marxisten-Leninisten (Kopnin 1970:67) recht angenehm befunden haben.

"They mean not to defend science from metaphysics but to prevent science from conflicting with the speculations which are part-and-parcel of their religion (...) The positivism of most scientific positivists, then, is an aggressive pro-science anti-metaphysics attitude, whereas that of religious scientists is their way of separating science and religion so as to keep the peace between them. This clearly does not work, but at least it is not aggressive."(Agassi 1993a:25)

Demgegenüber ist Popper (1984a:XIX) zuzustimmen:

"... ich kann nichts Gutes an dem willkürlichen Vorschlag finden, das Wort 'Philosophie' so zu definieren, dass es einen Philosophen daran hindert, in seiner Eigenschaft als Philosoph auch nur einen bescheidenen Beitrag zu unserem Wissen von der Welt zu machen."


 

Die Kehrseite dieser Chance zur Kooperation zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften besteht natürlich darin, dass damit umgekehrt den Einzelwissenschaftlern das Tor zur Kritik an Philosophen und Theologen sperrangelweit aufgestoßen wird. In dieser Problemsituation gründet auch Lenins (1947a) Kritik der Affinität des Positivismus zu reaktionärer, d.h. subjektiv-idealistischer Philosophie: Wer freiwillig, d.h. mit agnostischer Begründung auf mögliche wissenschaftliche Erkenntnis verzichtet, gibt die Bahn frei für irrationales Engagement. Popper und Albert sind über dieses Argument meist auch nicht viel weiter hinausgekommen.

« Il y a vingt ans, alors que je commençais l'étude systématique de l'épistémologie de Popper, j'étais encore marxiste. Au fur et à mesure que j'avançais dans la lecture, se découvraient des affinités avec l'oeuvre de Lénine. L'attaque sur le fond contre la ligne Berkeley-Mach. La revendication de la valeur objective de la science, c'est-à-dire de sa portée cognitive. L'idée que la réalité peut être sondée à l'infini (un point sur lequel Lénine insiste beaucoup) et, de là, que les théories scientifiques ne sont jamais conclusives. Et encore : la commune aversion pour le phénoménisme, tellement marquée chez Popper qu'elle le conduit à accepter pour sa propre philosophie la dénomination "d'essentialisme modifié". Non seulement la profession réalisme toujours plus appuyée. Enfin la forte revendication de la théorie de la "vérité comme correspondance" après le célèbre essai de Tarski et l'interprétation (discutable) que Popper en a donnée. » (Lucio Colletti, Lénine et Popper, http://perso.wanadoo.fr/denis.collin/lenine.htm)


 

Es blieb jedoch Horkheimer und Adorno überlassen, in demagogischer Manier eine politische Verbindung zwischen Positivismus und Faschismus zu behaupten. Der Vergeltungsschlag erfolgte mit Poppers "Open Society". Wen wundert's noch:
der Totalitarismusvorwurf als Kampfmittel philosophischer Schulen. Er ist auch heute noch so beliebt wie die Atmosphäre vergiftend, obwohl auch hier die zu häufige Benutzung zum Verschleiß geführt hat.

Das Problem wurde gestellt, ob es für die Aussagen der Philosophie ein Analogon zu der Wahrheit der Aussagen der empirischen Wissenschaft geben könne. In einem abgeschwächten Sinn wird man dies annehmen dürfen. Metaphysische und empirische Aussagensysteme stehen in einer dialektischen Beziehung wechselseitig möglicher Kritik zueinander. Man wird sagen können, dass ein bestimmtes philosophisches System der Wahrheit vergleichsweise zu konkurrierenden metaphysischen Systemen dann näher kommt, wenn es

1. in der größeren Übereinstimmung (d.h. Nichtwiderspruch) mit den am besten bewährten empirischen Theorien steht und deren Gehalt fruchtbar zu erweitern erlaubt;
2. in der größeren Nichtübereinstimmung mit konkurrierenden metaphysischen Systemen steht, die mit den unter (1) angeführten empirischen Theorien nicht übereinstimmen.


 

Übereinstimmung einer Metaphysik mit dem erreichten Stand der empirischen Wissenschaften reicht nicht aus und sagt allein genommen sehr wenig. In Richtung auf die Förderung des größtmöglichen Erkenntnisfortschritts kommt es auf die Proliferation von Metaphysik und empirischer Theorie an. Zu diesem Zwecke wäre die Nichtübereinstimmung metaphysischer Programme sogar zu maximieren.


 

"The greater the gap, the more fruitful the discussion" (Popper 1994a:36)
"And in such a case we should say that the discussion was fruitful if the clash of opinion led the participants to produce new and interesting arguments, even though these arguments are inconclusive."(37)

== Literaturverzeichnis==

Agassi 1993a: Joseph Agassi, A Philosopher's Apprentice. In Karl Popper's Workshop, Amsterdam Atlanta, GA 1993

Feuerbach, Zur Moralphilosophie, 1874a: Ludwig Feuerbach's Briefwechsel und Nachlaß. 1850-1872, dargestellt von Karl Grün, Leipzig Heidelberg 1874

Habermas 1975a: Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse. Mit einem neuen Nachwort, Frankfurt 3. Aufl. 1975

Negt 1964a: Oskar Negt, Strukturbeziehungen zwischen den Gesellschaftslehren Comtes und Hegels, Frankfurt 1964

Horkheimer u. Adorno 1998a: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt 1998 (zuerst: 1947). LE PRIX DU PROGRESS (Auszug): http://www.theory.org.uk/ctr-ador.htm

Hegel 1930b: G. W. F. Hegel, Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, neu hrg. von Georg Lasson, (Werke, Bd. V), 4. Auflage, Leipzig 1930

Hegel 1962a: G. W. F. Hegel, Differenz des Fichte'schen und Schelling'schen System der Philosophie, Hamburg 1962

Hegel 1988a:G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1988

Flach 1981a: Werner Flach, Hegels dialektische Methode, in: Hans-Georg Gadamer, Heidelberger Hegel-Tage 1962, Bonn 1964

Popper 1973a: Karl R. Popper, Objective Knowledge. An Evolutionary Approach, Oxford 1973 (zuerst: 1972)

Popper 1969b: Karl R. Popper, Die Logik der Sozialwissenschaften, in: Theodor W. Adorno, Hans Albert, Ralf Dahrendorf, Jürgen Habermas, Harald Pilot, Karl R. Popper, Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Neuwied Berlin 1969 , S. 103-124

Popper 1984a: Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 8. verb. u. verm. Aufl. 1984

Popper 1992b: Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944)

Popper 1994a: Karl R. Popper, (ed. by M.A. Notturno), The Myth of the Framework. In defence of science and rationality, London New York 1994

Tarski 1956a: Alfred Tarski, Logic, Semantics, Metamathematics, Oxford 1956 (zuerst:1933)

McDermid 1998a: Douglas McDermid, Pragmatism and Truth. The Comparison Objection to Correspondence, The Review of Metaphysics, 51, 1998, pp. 775-811

Schumpeter 1987a: Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1942)

Kopnin 1970: P. V. Kopnin, Dialektik - Logik - Erkenntnistheorie. Lenins philosophisches Denken - Erbe und Aktualität, Berlin 1978

Lenins 1947a: W. I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie, Moskau 1947
 

 


 

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