Mittwoch, 8. Juli 2009

Milde und extreme Positivisten gegenüber der Philosophiegeschichte

In der Behandlung Max Webers durch Hans Albert (vgl. Begriff und Gesetz bei Max Weber – ein milder methodologischer Historismus? ) spiegelt sich eine milde Form des Positivismus wieder.

Um die idealtypische Form dieser Art von „Positivismus“ (bzw. des positivistischen Umgangs mit Philosophiegeschichte) kennenzulernen, ist es instruktiv, sich Hans Reichenbach zu Gemüte zu führen. Zwar erlegt er sich (ähnlich wie Karl Poppers „deklarierte“ Methodologie!) auf:
„Philosophische Begriffe und Lehren werden immer erst erklärt, ehe sie zum Gegenstand einer Kritik gemacht werden.“ (REICHENBACH 1968:7)

Doch reklamiert er gegenüber der Philosophen-Sippschaft insgesamt eine Bringschuld, eine Position der Vorwurfshaltung, was wohl auch die von Helmut Spinner an Popper und Albert als kritikimmune Lern- und Rezeptionsschwäche kritisierte „Kannitverstan“-Verteidigungsstellung zu verstehen hilft ("verstehen" im Sinne Max Webers) :
„Wenn aber die Philosophie dem unvoreingenommenen Leser unverständlich bleibt und mit der modernen Wissenschaft nicht in Einklang zu bringen ist, dann muß die Schuld beim Philosophen liegen.“ (REICHENBACH 1968:8)

Die moderne Physik ist aber dem Laien nicht verständlicher als Platon oder Hegel. Und wenn dem Physiker eine Fachsprache zugestanden wird, warum nicht auch dem Philosophen?!
Man fragt sich allerdings, wie sich Reichenbach einen Zugang zur hergebrachten Philosophie verschaffen möchte. Denn Untersuchungen der Philosophiegeschichte deuchen ihm eher auf dem Wege zum Erkenntnisfortschritt ein Hindernis darzustellen.
„Eine allzu rücksichtsvolle und nachsichtige Interpretation hilft uns nicht, über tiefeingewurzelte Fehler in der Philosophie hinwegzukommen. Philosophische Erkenntnis wird nicht dadurch gefördert, wenn man den Irrtümern großer Männer derart entstellte Bedeutungen beilegt, daß sie wie geniale Prophezeiungen von Gesetzen aussehen, die erst in viel späterer Zeit mit Hilfe der modernen Wissenschaft bewiesen werden konnten. Die Geschichte der Philosophie hätte sich viel schneller entwickelt, wenn sie nicht immer von Männern aufgehalten worden wäre, die sich gerade die Geschichte der Philosophie zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht haben.“ (REICHENBACH 1968:8)

Diese unverhüllte Aversion gegen die Spekulation der Philosophen ist im Falle Reichenbachs gepaart mit einem Glauben an die Wissenschaftlichkeit der induktiven Logik.
„Die Grundlage der Erkenntnis ist Verallgemeinerung.
...
Das Geheimnis der Entdeckung ist das Geheimnis der richtigen Verallgemeinerung. Unwesentliche Eigenschaften,..., werden bei den Verallgemeinerungen außer acht gelassen; aber wesentliche Eigenschaften, ..., sind einzuschließen. Auf diese Weise kann man den Ausdruck 'wesentlich' definieren: wesentlich ist, was in einer gültigen Verallgemeinerung genannt werden muß. Die Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Faktoren ist der Anfang der Erkenntnis.“ (REICHENBACH 1968:15)

Reichenbach vernachlässigt natürlich den entscheidenden Punkt: Woher weiß er denn schon im Voraus, was „wesentlich“ ist?! Also bevor er noch ein Gesetz kennt! Er wird doch nicht spekulieren wollen?!
Genauso geht sein Angriff gegen die Analogieschlüsse der Philosophie ins Leere. Denn auch hierbei erweist sich immer erst hinterher, welcher Schluss „bösartig“ sei. Man beachte, wie bei Popper, die moralische Verdammung von Erkenntnisfehlern, hier ist wohl genauer gemeint: „Sünden“.
„Das philosophische Zitat in der Einleitung kann als ein Beispiel einer bösartigen Verallgemeinerung angesehen werden, da es eine oberflächliche Analogie dazu benutzt, um ein allgemeines Gesetz aufzustellen.“ (REICHENBACH 1968:21)

REICHENBACH (1968:13) hat ein Hegel-Zitat an den Beginn gestellt. Wobei Hegel betreffend Reichenbachs Attacke gegen den Analogieschluss oder die Spekulation zurecht sagen könnte: Die Gefahr zu irren ist bereits der Irrtum! Denn wer zu guten Theorien kommen will, muss mit irgendwelchen, wenn auch vielleicht absolut gesehen schlechten, anfangen.
Wie vielfach Popper hält es Reichenbach aber nicht für notwendig, das herausgegriffene Zitat mit der Quellenangabe zu belegen. Worin besteht dann aber seine „wissenschaftliche Philosophie“?! Den von ihm ungenannten Hegel wirft er vor, die ihm seinerzeit möglicherweise zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Resultate ignoriert zu haben (zu Hegel aus Sicht der heutigen Naturwissenschaft siehe WAHSNER 1996).
„Der Philosoph spricht eine unwissenschaftliche Sprache, weil er Probleme zu einer Zeit zu lösen versucht, zu der die Mittel zu einer wissenschaftlichen Lösung noch nicht vorhanden sind. Diese historische Erklärung hat aber nur beschränkte Gültigkeit, denn es gibt Philosophen, die diese Bildersprache auch noch sprechen, wenn die Mittel für eine wissenschaftliche Antwort auf ihre Fragen schon längst vorhanden sind. Während die historische Erklärung auf Plato paßt, kann man sie nicht auf den Verfasser des Zitates anwenden, der von der Vernunft als der Substanz alle Dinge spricht und dem die Resultate von 2000 Jahren wissenschaftlicher Forschung nach Plato zu Gebote standen - der aber keinen Gebrauch davon gemacht hat.“ (REICHENBACH 1968:37)

Reichenbach selbst jedoch will eine philosophischen Kritik Hegels liefern, ohne den ihm möglicherweise verfügbaren Stand der philosophischen Forschung überhaupt in Betracht zu ziehen. Diese selbst auferlegte Rezeptions- bzw. Lernschwäche kann man nur als Ausdruck von Dogmatismus kennzeichnen, der auf eine kommunikationslose Kommunikationsstruktur hinweist.
Diese Haltung eines „wissenschaftlichen Philosophen“ lässt sich soziologisch erklären als Verteidigung des Status als Wissenschaftler (KHEFIF 2007). Dazu auch kinderpsychologisch: Die logischen Positivisten haben die moderne Logik als wissenschaftliches Instrument entdeckt. Und für einen Jungen, der einen Hammer in der Hand hat, ist alles in der Welt ein zu „behämmerndes“. Was dem Stand der modernen Logik nicht entspricht, ist nicht nur „veraltet“, sondern auch „unwissenschaftlich“, wenn nicht „irrational“ oder „bösartiger Unsinn“ und „Scharlatanerie“. Eine derartige Einstellung trägt wenig dazu bei, sich einen Zugang zu einer fremden Philosophie zu verschaffen. Sie ist aber äußerst denkökonomisch, wenn man derlei Philosophien abhalftern will, weil man deren Thesen sowieso nicht ernsthaft zur Kenntnis nehmen möchte.

== Literatur ==
Hans Reichenbach: Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie. Friedrich Vieweg & Sohn Verlag, Braunschweig 2. Aufl. 1968 (The Rise of Scientific Philosophy. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1951).
Renate Wahsner: Zur Kritik der Hegelschen Naturphilosophie. Über ihren Sinn im Lichte der heutigen Naturerkenntnis. Frankfurt 1996.
Nadji Aïssa Khefif: The Scientific Status. Theory & Science (2007). ISSN: 1527-5558

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