Sonntag, 12. Juli 2009

Ist Popper ein Positivist?

Diese Streitfrage geriet einstmals zum dernier cri eines Happenings, zur Spektakelfreude der Jugend veranstaltet von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (Dahms 1994a:267ff). Der so genannte "Streit" kann bis heute zum Lehrbuchbeispiel degenerierter Kommunikationsbeziehungen zwischen Wissenschaftlern dienen.

Selbst Albert, ein Philosoph, der ganz woanders herkam, hatte aus der Ferne noch kaum Unterschiede zwischen Popper und dem Wiener Kreis auszumachen vermocht. Albert (1996a:32) hat jedenfalls historisch recht damit, dass er seine eigene Emanzipation vom Positivismus auf Popper zurückführen darf. Man kann Albert (1980a: VII) ebenfalls einräumen, dass Popper nicht ein Positivist reinsten Wassers zu nennen ist, dass dieser sogar den Neopositivismus des Wiener Kreises angegriffen hat. In der Tat erwies sich das durch Poppers immanente Kritik demonstrierte Scheitern des logischen Positivismus wirksamer als die Kritik von außen, welche Horkheimer und Adorno so beharrlich wie ineffektiv vorgetragen haben (Dahms 1994a). Doch gerade sein immanentes Vorgehen musste den Eindruck erwecken, dass Popper einfach dazu gehörte, da er mit Positivisten die Sprache der Positivisten zu reden verstand - und andere Sprachen entweder minder gut beherrschte oder sie anscheinend nicht für wichtig hielt.

Die Einsicht, dass Fakten ohne Theorie nicht existieren, ist Positivisten schon per Definition verschlossen. Erst diese Einsicht - eine reife Frucht Platons sowie des deutschen Idealismus, die Popper (1994b:45) über Kant beziehen konnte - hatte seiner Kritik des logischen Positivismus die volle Durchschlagskraft verliehen.

(vgl. Rickert (1929a:VIIff), welcher gegen Fries ausdrücklich auf Kant sowie auf Goethes Farbenlehre verweist. "Wir sehen nur, was wir zu sehen erwarten." (Ulrich Clewing, Erwartungsgeschichte. "Die Kunst, Bilder zum Sprechen zu bringen":
Der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich wird heute 85 Jahre alt, TAZ Nr. 4277, S. 13 vom 30.03.1994) -)

So wirft Lakatos (1970a:176, Anm.1) den Sozialpsychologen vor, statistische Techniken als Theorie-Ersatz misszuverstehen und zu missbrauchen.

Von welcher Position aus, genau besehen, hat aber Popper (1984a) den Neopositivismus kritisiert?

"Wenn man liest, dass P. über den Konventionalismus und den Positivismus, ja sogar auch über den Empirismus meist scharf ablehnend spricht, während z.B. Kant nicht so ablehnend behandelt wird und sogar die Metaphysik noch ziemlich gut wegkommt, so könnte man bei flüchtigem Lesen vielleicht glauben, P. sei, wenn nicht gar Metaphysiker, so doch wohl Apriorist und Anti-Empirist. Seine sachlichen Darlegungen zeigen dagegen, dass er Empirist und Gegner des Apriorismus ist. Seine Auffassung kann auch als konventionalistisch und positivistisch bezeichnet werden, wenn man diese Wörter in einem weiten Sinne versteht, wie wir es im Wiener Kreis zuweilen tun, um sie dann auf uns selbst anzuwenden. Den Auffassungen des Wiener Kreises steht P. ganz besonders nahe. In seiner Darstellung erscheinen die Differenzen viel größer als sie tatsächlich sind." (Carnap 1935a:293); vgl. dazu auch Keuth (1998b), Kraft (1950a).


 

Russell, Schlick, Frank, Carnap, Reichenbach. Wittgensteins "Tractatus Logico-Philosophicus" wird gemeinhin als die Bibel des logischen Positivismus betrachtet. "Popper never belonged to the Vienna Circle, never took part in its meetings, and yet cannot be thought of as outside it." (Kraft 1974a:185)


 

In seinem Exposee von 1933 sagt Popper (1994b) selbst, dass sein Buch durch Problemstellung und Methode dem modernen Positivismus nahe stünde und sich gerade deswegen mit diesem am kritischsten auseinandersetze, indem es den "Grundwiderspruch des Positivismus" aufzuweisen unternehme. Dieser bestehe darin, dass die positivistische Deutung dem tatsächlichen Verfahren der Wissenschaft widerspreche. Der strenge Positivismus deutet nämlich ein Naturgesetz lediglich als einen zusammenfassenden Bericht über einzelne Tatsachen (1994b:48). Wissenschaft erstrebe indessen theoretische Erklärungen, und die sind ohne Naturgesetze und Theorien nicht zu haben.

"Als radikal empiristisch kann man den strenge Positivismus deshalb bezeichnen, weil er nicht nur die empiristische Grundthese programmatisch voll anerkennt, sondern sogar noch weiter geht: Er lehrt nicht nur, dass allein Erfahrung über die Wahrheit und Falschheit eines Satzes entscheidet, sondern er behauptet (die charakteristische Behauptung jeder Form des Positivismus) dass alle Wissenschaftlich zulässigen (alle 'legitimen') Sätze, jede empirisch-wissenschaftliche Erkenntnis sich restlos auf Erfahrungen (auf Wahrnehmungserlebnisse) zurückführen lassen muss." (Popper 1994b:44)

Man kann fast sagen, Popper steht in dieser Hinsicht Hegels Position näher als der des Neopositivismus.

"Die oberflächliche Ansicht der philosophischen Streitigkeiten lässt nur die Differenzen der Systeme erblicken, aber schon die alte Regel
»contra negantes principia non est disputandum« gibt zu erkennen, dass, wenn philosophische Systeme miteinander streiten - ein anderes ist es freilich, wenn Philosophie mit UnPhilosophie streitet -, Einigkeit in den Prinzipien vorhanden ist, welche, über allen Erfolg und Schicksal erhaben, sich nicht aus dem, worüber gestritten wird, erkennen lassen und dem Gaffen entgehen, welches immer das Gegenteil von dem erblickt, was vor seinen Augen vorgeht." (Hegel, Aufsätze:59)


 

Zur Abhängigkeit der Wahrnehmungsskalierung einer wahrnehmenden Person von ihren Werthaltungen siehe Secord, Backman (1964a)


 

Die Differenzen innerhalb des Paradigmas, woran man sich orientiert, werden gerne größer dargestellt, als sie tatsächlich sind. Innerhalb gegnerischer Paradigmata werden sie hingegen vergleichsweise nivelliert oder verschwinden gar völlig aus dem Blickfeld.

"Wir können dieses uferlose Diskutieren zwischen metaphysischen Gegnern, die Möglichkeit, gegen jede These dauernd eine Antithese zu konstruieren und gegen diese wieder eine Replik, geradezu als Kennzeichen des metaphysischen Charakters einer Behauptung ansehen: Das Auftreten einer solchen Antinomie ist für uns kein Motiv, die Antinomie aufzulösen (wie noch Kant versuchte), sondern ein Motiv, die ganze Fragestellung als metaphysisch zurückzuweisen ..." (Popper 1994b:387)

Eben somit kleben aber Poppers "Logik der Forschung" (1984a) immer noch etliche positivistische - d.h. antimetaphysische - Eierschalen an den Ohren; wie denn so oft innerhalb einer Problemtradition, wenn bestimmte Annahmen kritisiert werden, unweigerlich dagegen andere Annahmen als Hintergrundwissen ungeprüft stehen bleiben und solchermaßen unbewusst mitübernommen werden.

"Wie die erste Kritik jeder Wissenschaft notwendig in Voraussetzungen der Wissenschaft, die sie bekämpft, befangen ist, ..." (Marx, Engels, Die heilige Familie, MEW 2:5) .


 

Lakatos (1970a:106) erörtert derlei Fragen, Popper nachfolgend, unter der Rubrik "background knowledge". Hintergrundwissen ist 1. unvermeidlich; 2. jedoch ist die Voraussetzung seiner Wahrheit im jeweiligen Diskussionszusammenhang im Grunde nichts weiter als Konvention. Denn es ist generell unserer eigenen Entscheidung anheimgestellt, was und wie viel an Tradition wir jeweils als wahre Voraussetzungen einsetzen möchten und was nicht. Besonders problematisch wird dergleichen Hintergrundwissen allerdings, falls es implizit zur Begründung von Thesen herangezogen wird, zu denen es offensichtlich inkompatibel ist, hätte man es nur sorgfältig expliziert.

In den meisten Fällen wird das Urteil Dritter um einiges objektiver auszufallen als die eigene Selbstdarstellung.

Den Nagel auf den Kopf trifft Wettersten: "... just as positivists may have trouble understanding Popper because of the degree to which he has rejected positivism, followers of Popper tend to neglect the lasting influence of positivism on his own thought and how slow the process out of this perspective was." (1992a:176, Anm.15)


 

Popper steht in der Problemtradition des Wiener Kreises sowie in derjenigen der Erkenntnistheorie und Psychologie der Würzburger Schule (Wettersten 1992a). "Wissenschaft" ist nicht als Mitgliedschaft in einer bestimmten Schule von Gelehrten zu begreifen, die bloß Rätsel aus dem Vorrat eines bestimmten Paradigmas löst, sondern als eine Ortsbestimmung innerhalb der Traditionslinie einer dialektisch fortlaufenden Kritik eines bestimmten Ausgangsproblems. Nicht wozu man sich bekennt, sondern woran man sich kritisch beteiligt, muss man unter den methodologischen Gesichtspunkten des Fallibilismus zugeordnet werden.

So erfolgt Poppers Einordnung in die "Wiener Tradition" (in der Linie Platon – Frege – Russell - Neopositivismus) wissenschaftshistorisch wohl begründet. Der Kritische Rationalismus ist so betrachtet die liberalste positivistische Methodologie, die wir besitzen (Feyerabend 1976a:239).

Es sind indessen verschiedene Problemtraditionen historisch rekonstruierbar, und zwar immer im Ausgang von den Problemen, mit welchen Popper sich jeweils auseinandergesetzt hat: 1) Positivismus des Wiener Kreises, 2) die Psychologie im Ausgang von Kant über Külpe hin zur Würzburger Schule, 3) der Empirismus und Induktivismus, ausgehend von Bacon und Hume. Denn zu jedem Problemkreis, zu welchem Popper seine Kritik beigetragen hat, darf und muss er mit Fug und Recht in die entsprechende wissenschaftlichen Tradition eingeordnet werden.

== Literaturverzeichnis ==

Hans-Joachim Dahms, Positivismusstreit. Die Auseinandersetzung der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus, Frankfurt 1994

Hans Albert, Mein Umweg in die Soziologie, in: Fleck 1996a, S. 7-16

Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, Tübingen 4. verb. Aufl. 1980

Karl R. Popper, Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930-1933, Tübingen 2. verbess. Auflage 1994

Imre Lakatos, Falsification and the Methodology of Scientific Research Programmes, in: Imre Lakatos, Alan Musgrave, Criticism and the Growth of Knowledge, Cambridge 1970, S. 91-196

Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 8. verb. u. verm. Aufl. 1984

Rudolf Carnap, Popper, Karl: Logik der Forschung, Erkenntnis, 5, 1935, S. 290f

Herbert Keuth, Einleitung, in: Herbert Keuth, Karl Popper. Logik der Forschung, Berlin 1998, S. 1-24

Viktor Kraft, Der Wiener Kreis, Wien 1950

Paul F. Secord, Carl W. Backman, Social psychology, New York St. Louis San Francisco London Mexico Sydney Toronto Tokyo 1964

John R. Wettersten, The Roots of Critical Rationalism, Amsterdam Atlanta, GA 1992

Paul K. Feyerabend, Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie, Frankfurt 1976 (zuerst: 1975)

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