Sonntag, 12. Juli 2009

Dem Positivismus verwandt: Szientismus und Technokratismus

Der extensive, schlagwortartige Gebrauch des Positivismus-Begriffs hatte sich beim großen Publikum leicht durchgesetzt, nicht allein weil er schön platt ist, sondern auch deswegen, weil er in der an den offiziellen Vertretern der empirischen Sozialforschung erlebbaren Attitüde der Fetischisierung der Wissenschaftlichkeit ein fundamentum in re aufzuzeigen vermochte. Man nehme exemplarisch die mittlerweile schon zum Standardrepertoire der Massenmedien gehörende Demoskopie, einige der wenigen bemerkenswerten Fälle, wo universitäre und gar "soziologische" Information ggf. Marktwert zu erlangen vermochten.

Noch Mills (1963a:147) konnte leichterdings die Behauptung, dass ein Soziologe sich verkaufe, als unangebracht zurückweisen, "denn das kann nur der tun, der etwas zu verkaufen hat". Andererseits verursachen Datensammlung und -auswertung erhebliche Kosten, so dass schon durch die damit verbundenen "ökonomischen Sachzwänge" die Interessen derjenigen, die sich auf empirische Forschung verlegen möchten, sehr deutlich vorgegeben sind. Der erforderliche Apparat sowie der kostenmäßige Aufwand allein schon ergeben eine gewisse Affinität zu den sich an der Herrschaft befindlichen Bürokratien.

Der Weg zur "bürokratisch angewandten Soziologie"
(Mills 1963a:177) ist mit Dollars gepflastert.

"Social theory 'for its own sake', or 'pure' social theory, is always vulnerable and of challengeable legitimacy in a utilitarian culture. Insofar as 'theory' is regarded as the least practicable aspect of social science - that is, as 'mere' theory - the social science of a utilitarian culture always tends toward a theoryless empiricism, in which the conceptualization of problems is secondary and energies are instead given over to questions of measurement, research or experimental design, sampling or instrumentation. A conceptual vacuum is thus created, ready to be filled in by the common-sense concerns and practical interests of clients, sponsors, and research funders; in this way sociology is made useful to their interests." (Gouldner 1971a:82)

"To be 'bought' and to be 'paid for' are two different things - and this is a contradiction of the Welfare State not peculiar to its relations with sociologists." (Gouldner 1971a:439)

Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass längst auch in Deutschland die Soziologie den Schritt zur Professionalisierung und zu einer berufsständischen Organisation hinter sich gebracht hat und dadurch ein natürliches Interesse an der Vermarktung der eigenen Profession bezeugt (siehe dazu Alemann 1996a). Jede offene Kontroverse, die als eine öffentliche Bankrotterklärung der betreffenden Wissenschaft ausgelegt werden könnte, schadet dem Image (Baumgarten 1964a:519),
zumindest in den Kreisen der zahlungskräftigen Nachfrager, und ist daher im Interesse von marketing und public relations der Profession gefälligst zu unterlassen.

"(...) information-gathering systems or research methods always premise the existence and use of some system of social control." (Gouldner 1971a:50)


 

"Ein Mainzer Bürger muss für 3 Tage in Haft, weil er statistische Auskünfte nach dem Mikrozensusgesetz verweigert hat." (Trierischer Volksfreund 9.3.2001)

Im dialektischen Spannungsfeld von wissenschaftlicher Wahrheit und marketability des administrative research werden die positivistischen Rechtfertigungs-Slogans der "Geschäftsleute oder Werkkundigen der Gelehrsamkeit" (Kant XI:280) immer noch gerne für den multimedialen Wissenschafts-hype dankbar in Anspruch genommen, auch nachdem für deren philosophische Qualität kaum jemand mehr die Gewährleistung zu übernehmen bereit ist.

Der Stammvater des Wissenschafts-hype ist Bacon: "Not because of his philosophy of science and his theory of induction, but because he became the founder and prophet of a rationalist church - a kind of anti-church. The church was founded not on a rock but on the vision and the promise of a scientific and industrial society - a society based on man's mastery over nature. Bacon's promise is the promise of self-liberation of mankind through knowledge." (Popper 1994a:195f)

Schon die Aufklärung war ein Ende der Ideologien, das ist nach der wechselseitigen Abschlachtung der Gläubigen im Dreißigjährigen Krieg eine Ernüchterung über den Erkenntnis- und praktischen Wert von unterschiedlichen Theologien. Es wird heute leicht übersehen, dass die Einsichten, insbesondere aber die Selbstbescheidung der Philosophen in der Menschheitsgeschichte oft erst nach großen Blutopfern möglich wurden. Zu einer entsprechenden Interpretation der kantischen Philosophie siehe Delekat (1973a).

Positivismus verfährt so wie konservatives Denken generell: Es wird mehr gelebt denn theoretisch auf den Punkt gebracht, stellt es doch eine fundamentale Attitüde dar, die sich gegen vorgeblich spekulativ überzogenes Theoretisieren wendet.

Empirische Sozialforschung wird überhaupt gerne als ein treffliches Instrument zur Herbeiführung der ideologiefreien Endlösung gefeiert (Topitsch 1966a:48). Slogans wie "Ende der Ideologie", "Ende der Geschichte" (Fukuyama (1992a; vgl. auch Essbach 1995a, Schwengel 1999a),
"Ende der Moderne" bestechen als Phrasen dadurch, dass sie offenkundig absurd sind.


 

Schon die Aufklärung war ein Ende der Ideologien, das ist nach der wechselseitigen Abschlachtung der Gläubigen im Dreißigjährigen Krieg eine Ernüchterung über den Erkenntnis- und praktischen Wert von unterschiedlichen Theologien. Es wird heute leicht übersehen, dass die Einsichten, insbesondere aber die Selbstbescheidung der Philosophen in der Menschheitsgeschichte oft erst nach großen Blutopfern möglich wurden. Zu einer entsprechenden Interpretation der kantischen Philosophie siehe Delekat (1973a).


 

Wie soll man widerlegen, was derart mit seiner Falschheit hausieren geht? Was ist das für eine Gegenwart, die sich wesentlich als Vorbeisein einer Geschichte weiß? Die darob ihre eigene Geschichte zu machen, die von ihr zu gestaltende Zukunft verpennt! Der Liebhaber solcher Slogans beweist indes seine Fasziniertheit, indem er einen Sinn in diesem Unsinn zu erspüren hofft - verliehe ihm dies doch mindest die Aura des Eingeweihten. Was kommt nach der Postmoderne?

Der Terminus "Postmoderne" wurde laut Schwengel (1999a:51) zum ersten Male von Leslie A. Fiedler im Juni 1968 in einem Vortrag in Freiburg benutzt. Fiedlers Vortrag "Überquert die Grenze, schließt den Graben! Über die Postmoderne" erschien auf Deutsch erstmals in Welsch (1988a:57-74).


 

Ich schlage "Post-Postmoderne" vor.

"But, have postmodernists come through on their attempts to create a new and better emancipatory project. Have we seen a proliferation of radical new directions in science as a result of the tireless efforts of postmodernists to undo and redress the philosophical and political violence of the Enlightenment? Or, after developing a fin de siecle jingoism to replace Marxist radical banter, have postmodern theorists settled comfortably into the armchairs of the modernist theorists whom they set out to displace? Has orthodoxy replaced orthodoxy? Oppressor with oppresser? Arguably the answer is that nothing has changed." On the Postmodern Turning Away. A Special Issue of the Electronic Journal of Sociology.


 

Das Herbeiführen keimfrei gereinigter Vernunft oder einer "reinen" Erkenntnis ist ein utopistischer Spleen (Albert 1972c:351), wovor sich gerade Ideologie-Kritik als erste hüten sollte. Die Diagnose vom Ende der Ideologien (Waxman 1968a) zeugt eher von geistiger Inzucht der betreffenden Autoren. Wie kann Ende sein damit: das Geschehene zur aufgefassten, erzählten und verstandenen Geschichte zu machen und somit als in Raum und Zeit Geschichtetes (wobei Geschichtetes auch als ein in- und miteinander Verwobenes erzählt werden kann; siehe Burke (1999a)) nachzuerleben?!

Mit der Verkündung eines neuen Zeitalters, nämlich das der "Informationsgesellschaft", hat sich ein weiteres weites Problemfeld aufgetan und kommt heutzutage verstärkt zur Geltung: Das kulturelle Erbe - verwertbares Kapital im Zeitalter der Informationsgesellschaft? Europa ist für Schwengel (1999a:22) die Erste Union globaler Staaten, d.h. ein global exemplarischer Formwandel des Nationalstaats, ohne auf die stabilisierende Leistungen seines kulturellen Gedächtnisses verzichten zu müssen. Nun war Kultur aber noch nie auf politische Grenzen reduzierbar, auch nicht auf nationalstaatliche.

Man wird politische Identitäten nicht ändern können, ohne notgedrungen ebenfalls die Weisen der kulturellen Rückbesinnung wesentlich zu verändern. Themenkreis und Problematik spannen sich von der Internationalisierung von Wissenschaft, über nationale Kernkompetenzen zu den natürlichen Sprachen als Grenzen und kulturellen Sammelbecken sozialgeschichtlicher Erfahrungen bis hin zur Frage der economies of scale, wie sie die nationale Filmindustrie, Multimediaproduktionen sowie die Publikation, Archivierung und Retrodigitalisierung der literarischen Bestände eines bestimmten Staates betreffen.

== Literaturverzeichnis==

C. Wright Mills, Kritik der soziologischen Denkweise, Neuwied Berlin 1963

Alvin W. Gouldner, The Coming Crisis of Western Sociology, London 1971

Heine von Alemann, Brauchen wir eine charismatische Soziologie?, Sozialwissenschaften und Berufspraxis. Hg. vom Berufsverband Deutscher Soziologen e.V., Heft 2, Jg. 19, 1996, S. 135-140 <http://www.uni-koeln.de/kzfss/hvachari.htm>

Eduard Baumgarten, Max Weber. Werk und Person. Dokumente ausgewählt und kommentiert, Tübingen 1964

Friedrich Delekat, Immanuel Kant. Historisch-kritische Interpretation der Hauptschriften, Heidelberg 1963

Ernst Topitsch, Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft, Neuwied Berlin 2. Aufl. 1966

Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992

Funke 1974a

Wolfgang Eßbach, Ende und Wiederkehr intellektueller Vergangenheit. Fukuyama und Derrida über Marxismus, Vortrag zur Arbeitstagung "Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Politischen Soziologie" der Sektion 'Politische Soziologie' der DGS am 12./13. Oktober 1995 in Freiburg < http://www.soziologie.uni-freiburg.de/essbach/v-marxis.html >

Hermann Schwengel, Globalisierung mit europäischem Gesicht. Der Kampf um die politische Form der Zukunft, Berlin 1. Aufl. 1999

Wolfgang Welsch, (Hrg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, Weinheim 1988; vgl. dazu Helmut Böttiger, "Nachholend vorneweg. Zur Marbacher Ausstellung 'Protest! Literatur um 1968'"

Hans Albert, Konstruktion und Kritik. Aufsätze zur Philosophie des kritischen Rationalismus, Hamburg 1972

Chaim I. Waxman, The End of Ideology Debate. (Edited, with an Introduction), New York 1968

James Burke, Gutenbergs Irrtum und Einsteins Traum. Eine Zeitreise durch das Netzwerk menschlichen Wissens, München 1999

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