Donnerstag, 9. Juli 2009
Mittwoch, 8. Juli 2009
Die Dialektik von Extension und Intension
Was Hans Alberts „milden Positivismus“ im Umgang mit Max Weber betrifft, so ziele ich hiermit darauf: ALBERT (1971:206) stellt so ziemlich beiläufig fest, dass Weber nicht auf der Höhe der Zeit, d.h. von Poppers Wissenschaftslogik, sei, und dass sich dies zwanglos daraus erklären lasse, Weber habe sich hierbei durch die traditionelle Logik täuschen lassen.
Ganz gewiss steckt in Alberts Anmerkung ein rationaler Kern, insofern nämlich bei Weber, an heutigen logischen Maßstäben gemessen, nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Es muss aber dennoch verwundern, dass Albert Webers zu Popper differierende Metatheorie nicht sofort dort aufnimmt, wo sie völlig klar und deutlich an den Tag tritt, nämlich auf den ersten Seiten der Gesammelten Aufsätze zur Wissenschaftslehre, wo die Gegenüberstellung von Naturwissenschaften und Geschichte auf WINDELBAND (1894) zurückgeführt wird und in Fragen der Wissenschaftslogik auf RICKERT (2007) verwiesen wird. SCHLUCHTER (1979)wie MERZ-BENZ (2008) geben sich redliche Mühe, nachzuweisen, was für jeden unvoreingenommenen Leser der Weber-Aufsätze klar und deutlich vor Augen liegt: Weber folgt der neukantianischen Erkenntnistheorie und Begriffslogik. Der Umweg ist also völlig unnötig, über Fragen der Begriffsbildung einen „milden Historismus“ bei Max Weber diagnostizieren oder erklären zu wollen. Zuerst kommt bei Max Weber der „Historismus“ (wenn er wirklich einer sein sollte; was ist das überhaupt?! Es geht Weber hier zentral zuerst um die Erkenntnisabsichten von Geschichte und Gesetzeswissenschaften, also entweder die konkret-historische oder die nomologische Erklärungsweise!). Danach erst, d.h. abgeleitet davon!, kommen für ihn die Fragen der Begriffsbildung und der Kausalerklärung.
Voilà, hier sind alle wissenschaftslogischen Missverständnisse Webers an einem Ort versammelt. Und dennoch will ich behaupten, dass kein einziger dieser Fehler Webers Methodologiewahl hinreichend logisch begründet; noch glaube ich, dass dieselben die von ihm gewählte Option grundsätzlich logisch gefährden bzw. absurd machen.
1. „so müssen ihre Begriffe potentielle Urteile von genereller Gültigkeit in sich enthalten,..“ Unklar ist der genaue logische Sinn der These, dass Begriffe potentiell Urteile in sich enthalten. Hier mag Albert zurecht einen Salto mortale von Begriff zu Aussage reklamieren.
2. Im Extremfall werden quantitative Beziehungen absolut qualitätslos gedacht. Weber übersieht hierbei wohl die Grenzziehung zwischen „empirischen“ und „analytischen Aussagen. Also: Wer ausschließlich Beziehungen zwischen Zahlen betrachtet, betreibt Arithmetik, aber keine empirische Wissenschaft. Eine Binsenwahrheit, die gewiss noch heutige Ökonomen gerne mal aus dem Auge verlieren.
3. „Relationsbegriffe von genereller Geltung (Gesetze).“ Anscheinend ist Albert dieser kuriose Gesetzesbegriff nicht aufgefallen. Weber spricht anstatt von nomologischen Aussagen von Gesetzen als einem „Relationsbegriff von genereller Geltung“. Diese Art von Relationslogik zu klären, kann vermutlich nur die Lektüre von Heinrich Rickert helfen. Aber bevor man „altertümliche Logik“ schreit, sollte man sie erst einmal zu klären versuchen!
4. Das „gattungsmäßig“ für uns Wissenswerte deutet auf die aristotelische Definitionslehre hin, die man freilich für heutige wissenschaftliche Zwecke als wenig brauchbar bezeichnen muss.
5. Zuguterletzt: „Ihr spezifisches logisches Mittel ist die Verwendung von Begriffen mit stets größerem Umfang und deshalb stets kleinerem Inhalt,..“
Auch hier kommt, wie von Albert avisiert, die traditionelle Logik ins Spiel, die seit 1662 (Port Royal) behauptet: Jede Vermehrung der Intension eines Begriffes vermindert dessen Extension; und umgekehrt. Tatsächlich hat diese These eine nur sehr beschränkte Bedeutung (etwa bei Klassifikationen in der Art des von Aristoteles beschriebenen Verfahrens); wenn man sie verabsolutiert, wird sie hingegen falsch (KLAUS 1972:190ff.). Zugrunde liegt dieser These eine bestimmte Vorstellung des Abstraktionsprozesses: Abstrahieren heißt demnach das Weglassen von Merkmalsbestimmungen (Intensionen). Es kommt jedoch der Wahrheit näher, wenn man Abstrahieren als das Variabelmachen von Merkmalen begreift (KLAUS 1972:190ff.).
Man kann also Webers Wissenschaftslogik aus heutiger Sicht viel am logischen Zeug flicken. Diese Kritik betrifft aber mehr die logische Einkleidung als die erkenntnistheoretisch und methodologische Wahlentscheidung, die er getroffen hat. Diese zu kritisieren, müssen brauchbare Alternativen herangezogen werden. Ein Vergleich der Metatheorien ist hierzu gefordert, nicht aber genügt eine logische Kritik der logischen Mittel (umso weniger, wenn die zu kritisierende Logik gar nicht ausreichend dargestellt ist).
== Literatur ==
Hans Albert: THEORIE UND PRAXIS. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1971. ISBN 3-534-04161-5. S. 200-236 (Aus: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geburtstag. Anton Hain : Meisenheim 1966. S. 246-272)
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst:1922)
Wolfgang Schluchter: Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) :Tübingen 1979. ISBN 3-16-541532-3.
Georg Klaus: Moderne Logik. Abriß der formalen Logik. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften : 6. erw. Aufl. 1972 Berlin.
Peter-Ulrich Merz-Benz: Max Weber und Heinrich Rickert. Die erkenntnistheoretischen Grundlagen der verstehenden Soziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008.
Heinrich Rickert: Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Olms-Weidmann, 2007. ISBN3487131471, 9783487131474. (zuerst: 1921)
Wilhelm Windelband: Geschichte und Naturwissenschaft. Rektoratsreden der Universität Straßburg, 1894.
Ganz gewiss steckt in Alberts Anmerkung ein rationaler Kern, insofern nämlich bei Weber, an heutigen logischen Maßstäben gemessen, nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Es muss aber dennoch verwundern, dass Albert Webers zu Popper differierende Metatheorie nicht sofort dort aufnimmt, wo sie völlig klar und deutlich an den Tag tritt, nämlich auf den ersten Seiten der Gesammelten Aufsätze zur Wissenschaftslehre, wo die Gegenüberstellung von Naturwissenschaften und Geschichte auf WINDELBAND (1894) zurückgeführt wird und in Fragen der Wissenschaftslogik auf RICKERT (2007) verwiesen wird. SCHLUCHTER (1979)wie MERZ-BENZ (2008) geben sich redliche Mühe, nachzuweisen, was für jeden unvoreingenommenen Leser der Weber-Aufsätze klar und deutlich vor Augen liegt: Weber folgt der neukantianischen Erkenntnistheorie und Begriffslogik. Der Umweg ist also völlig unnötig, über Fragen der Begriffsbildung einen „milden Historismus“ bei Max Weber diagnostizieren oder erklären zu wollen. Zuerst kommt bei Max Weber der „Historismus“ (wenn er wirklich einer sein sollte; was ist das überhaupt?! Es geht Weber hier zentral zuerst um die Erkenntnisabsichten von Geschichte und Gesetzeswissenschaften, also entweder die konkret-historische oder die nomologische Erklärungsweise!). Danach erst, d.h. abgeleitet davon!, kommen für ihn die Fragen der Begriffsbildung und der Kausalerklärung.
„Auf der einen Seite Wissenschaften mit dem Bestreben, durch ein System möglichst unbedingt allgemeingültiger Begriffe und Gesetze die extensiv und intensiv unendliche Mannigfaltigkeit zu ordnen. Ihr logisches Ideal – wie sie am vollkommensten die reine Mechanik erreicht – zwingt sie, um ihren Begriffen die notwendig erstrebte Bestimmtheit des Inhalts geben zu können, die vorstellungsmäßig uns gegebenen ‚Dinge‘ und Vorgänge in stets fortschreitendem Maße der individuellen ‚Zufälligkeiten‘ des Anschaulichen zu entkleiden. Der nie ruhende logische Zwang zur systematisierenden Unterordnung der so gewonnenen Allgemeinbegriffe unter andere, noch allgemeinere, in Verbindung mit dem Streben nach Strenge und Eindeutigkeit, drängt sie zur möglichsten Reduktion der qualitativen Differenzierung der Wirklichkeit auf exakt meßbare Quantitäten. Wollen sie endlich über die bloße Klassifikation der Erscheinungen grundsätzlich hinausgehen, so müssen ihre Begriffe potentielle Urteile von genereller Gültigkeit in sich enthalten, und sollen diese absolut streng und von mathematischer Evidenz sein, so müssen sie in Kausalgleichungen darstellbar sein.
Das alles bedeutet aber zunehmende Entfernung von der ausnahmslos und überall nur konkret, individuell und in qualitativer Besonderung gegebenen und vorstellbaren empirischen Wirklichkeit, in letzter Konsequenz bis zur Schaffung von absolut qualitätslos, daher absolut unwirklich, gedachten Trägern rein quantitativ differenzierter Bewegungsvorgänge, deren Gesetze sich in Kausalgleichungen ausdrücken lassen. Ihr spezifisches logisches Mittel ist die Verwendung von Begriffen mit stets größerem Umfang und deshalb stets kleinerem Inhalt, ihr spezifisches logisches Produkt sind Relationsbegriffe von genereller Geltung (Gesetze). Ihr Arbeitsgebiet ist überall da gegeben, wo das für uns Wesentliche (Wissenswerte) der Erscheinungen mit dem, was an ihnen gattungsmäßig ist, zusammenfällt, wo also unser wissenschaftliches Interesse an dem empirisch allein gegebenen Einzelfall erlischt, sobald es gelungen ist, ihn einem Gattungsbegriff als Exemplar unterzuordnen.“ (WEBER 1988:5)
Voilà, hier sind alle wissenschaftslogischen Missverständnisse Webers an einem Ort versammelt. Und dennoch will ich behaupten, dass kein einziger dieser Fehler Webers Methodologiewahl hinreichend logisch begründet; noch glaube ich, dass dieselben die von ihm gewählte Option grundsätzlich logisch gefährden bzw. absurd machen.
1. „so müssen ihre Begriffe potentielle Urteile von genereller Gültigkeit in sich enthalten,..“ Unklar ist der genaue logische Sinn der These, dass Begriffe potentiell Urteile in sich enthalten. Hier mag Albert zurecht einen Salto mortale von Begriff zu Aussage reklamieren.
2. Im Extremfall werden quantitative Beziehungen absolut qualitätslos gedacht. Weber übersieht hierbei wohl die Grenzziehung zwischen „empirischen“ und „analytischen Aussagen. Also: Wer ausschließlich Beziehungen zwischen Zahlen betrachtet, betreibt Arithmetik, aber keine empirische Wissenschaft. Eine Binsenwahrheit, die gewiss noch heutige Ökonomen gerne mal aus dem Auge verlieren.
3. „Relationsbegriffe von genereller Geltung (Gesetze).“ Anscheinend ist Albert dieser kuriose Gesetzesbegriff nicht aufgefallen. Weber spricht anstatt von nomologischen Aussagen von Gesetzen als einem „Relationsbegriff von genereller Geltung“. Diese Art von Relationslogik zu klären, kann vermutlich nur die Lektüre von Heinrich Rickert helfen. Aber bevor man „altertümliche Logik“ schreit, sollte man sie erst einmal zu klären versuchen!
4. Das „gattungsmäßig“ für uns Wissenswerte deutet auf die aristotelische Definitionslehre hin, die man freilich für heutige wissenschaftliche Zwecke als wenig brauchbar bezeichnen muss.
5. Zuguterletzt: „Ihr spezifisches logisches Mittel ist die Verwendung von Begriffen mit stets größerem Umfang und deshalb stets kleinerem Inhalt,..“
Auch hier kommt, wie von Albert avisiert, die traditionelle Logik ins Spiel, die seit 1662 (Port Royal) behauptet: Jede Vermehrung der Intension eines Begriffes vermindert dessen Extension; und umgekehrt. Tatsächlich hat diese These eine nur sehr beschränkte Bedeutung (etwa bei Klassifikationen in der Art des von Aristoteles beschriebenen Verfahrens); wenn man sie verabsolutiert, wird sie hingegen falsch (KLAUS 1972:190ff.). Zugrunde liegt dieser These eine bestimmte Vorstellung des Abstraktionsprozesses: Abstrahieren heißt demnach das Weglassen von Merkmalsbestimmungen (Intensionen). Es kommt jedoch der Wahrheit näher, wenn man Abstrahieren als das Variabelmachen von Merkmalen begreift (KLAUS 1972:190ff.).
Man kann also Webers Wissenschaftslogik aus heutiger Sicht viel am logischen Zeug flicken. Diese Kritik betrifft aber mehr die logische Einkleidung als die erkenntnistheoretisch und methodologische Wahlentscheidung, die er getroffen hat. Diese zu kritisieren, müssen brauchbare Alternativen herangezogen werden. Ein Vergleich der Metatheorien ist hierzu gefordert, nicht aber genügt eine logische Kritik der logischen Mittel (umso weniger, wenn die zu kritisierende Logik gar nicht ausreichend dargestellt ist).
== Literatur ==
Hans Albert: THEORIE UND PRAXIS. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1971. ISBN 3-534-04161-5. S. 200-236 (Aus: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geburtstag. Anton Hain : Meisenheim 1966. S. 246-272)
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst:1922)
Wolfgang Schluchter: Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) :Tübingen 1979. ISBN 3-16-541532-3.
Georg Klaus: Moderne Logik. Abriß der formalen Logik. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften : 6. erw. Aufl. 1972 Berlin.
Peter-Ulrich Merz-Benz: Max Weber und Heinrich Rickert. Die erkenntnistheoretischen Grundlagen der verstehenden Soziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008.
Heinrich Rickert: Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Olms-Weidmann, 2007. ISBN3487131471, 9783487131474. (zuerst: 1921)
Wilhelm Windelband: Geschichte und Naturwissenschaft. Rektoratsreden der Universität Straßburg, 1894.
Milde und extreme Positivisten gegenüber der Philosophiegeschichte
In der Behandlung Max Webers durch Hans Albert (vgl. Begriff und Gesetz bei Max Weber – ein milder methodologischer Historismus? ) spiegelt sich eine milde Form des Positivismus wieder.
Um die idealtypische Form dieser Art von „Positivismus“ (bzw. des positivistischen Umgangs mit Philosophiegeschichte) kennenzulernen, ist es instruktiv, sich Hans Reichenbach zu Gemüte zu führen. Zwar erlegt er sich (ähnlich wie Karl Poppers „deklarierte“ Methodologie!) auf:
Doch reklamiert er gegenüber der Philosophen-Sippschaft insgesamt eine Bringschuld, eine Position der Vorwurfshaltung, was wohl auch die von Helmut Spinner an Popper und Albert als kritikimmune Lern- und Rezeptionsschwäche kritisierte „Kannitverstan“-Verteidigungsstellung zu verstehen hilft ("verstehen" im Sinne Max Webers) :
Die moderne Physik ist aber dem Laien nicht verständlicher als Platon oder Hegel. Und wenn dem Physiker eine Fachsprache zugestanden wird, warum nicht auch dem Philosophen?!
Man fragt sich allerdings, wie sich Reichenbach einen Zugang zur hergebrachten Philosophie verschaffen möchte. Denn Untersuchungen der Philosophiegeschichte deuchen ihm eher auf dem Wege zum Erkenntnisfortschritt ein Hindernis darzustellen.
Diese unverhüllte Aversion gegen die Spekulation der Philosophen ist im Falle Reichenbachs gepaart mit einem Glauben an die Wissenschaftlichkeit der induktiven Logik.
Reichenbach vernachlässigt natürlich den entscheidenden Punkt: Woher weiß er denn schon im Voraus, was „wesentlich“ ist?! Also bevor er noch ein Gesetz kennt! Er wird doch nicht spekulieren wollen?!
Genauso geht sein Angriff gegen die Analogieschlüsse der Philosophie ins Leere. Denn auch hierbei erweist sich immer erst hinterher, welcher Schluss „bösartig“ sei. Man beachte, wie bei Popper, die moralische Verdammung von Erkenntnisfehlern, hier ist wohl genauer gemeint: „Sünden“.
REICHENBACH (1968:13) hat ein Hegel-Zitat an den Beginn gestellt. Wobei Hegel betreffend Reichenbachs Attacke gegen den Analogieschluss oder die Spekulation zurecht sagen könnte: Die Gefahr zu irren ist bereits der Irrtum! Denn wer zu guten Theorien kommen will, muss mit irgendwelchen, wenn auch vielleicht absolut gesehen schlechten, anfangen.
Wie vielfach Popper hält es Reichenbach aber nicht für notwendig, das herausgegriffene Zitat mit der Quellenangabe zu belegen. Worin besteht dann aber seine „wissenschaftliche Philosophie“?! Den von ihm ungenannten Hegel wirft er vor, die ihm seinerzeit möglicherweise zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Resultate ignoriert zu haben (zu Hegel aus Sicht der heutigen Naturwissenschaft siehe WAHSNER 1996).
Reichenbach selbst jedoch will eine philosophischen Kritik Hegels liefern, ohne den ihm möglicherweise verfügbaren Stand der philosophischen Forschung überhaupt in Betracht zu ziehen. Diese selbst auferlegte Rezeptions- bzw. Lernschwäche kann man nur als Ausdruck von Dogmatismus kennzeichnen, der auf eine kommunikationslose Kommunikationsstruktur hinweist.
Diese Haltung eines „wissenschaftlichen Philosophen“ lässt sich soziologisch erklären als Verteidigung des Status als Wissenschaftler (KHEFIF 2007). Dazu auch kinderpsychologisch: Die logischen Positivisten haben die moderne Logik als wissenschaftliches Instrument entdeckt. Und für einen Jungen, der einen Hammer in der Hand hat, ist alles in der Welt ein zu „behämmerndes“. Was dem Stand der modernen Logik nicht entspricht, ist nicht nur „veraltet“, sondern auch „unwissenschaftlich“, wenn nicht „irrational“ oder „bösartiger Unsinn“ und „Scharlatanerie“. Eine derartige Einstellung trägt wenig dazu bei, sich einen Zugang zu einer fremden Philosophie zu verschaffen. Sie ist aber äußerst denkökonomisch, wenn man derlei Philosophien abhalftern will, weil man deren Thesen sowieso nicht ernsthaft zur Kenntnis nehmen möchte.
== Literatur ==
Hans Reichenbach: Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie. Friedrich Vieweg & Sohn Verlag, Braunschweig 2. Aufl. 1968 (The Rise of Scientific Philosophy. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1951).
Renate Wahsner: Zur Kritik der Hegelschen Naturphilosophie. Über ihren Sinn im Lichte der heutigen Naturerkenntnis. Frankfurt 1996.
Nadji Aïssa Khefif: The Scientific Status. Theory & Science (2007). ISSN: 1527-5558
Um die idealtypische Form dieser Art von „Positivismus“ (bzw. des positivistischen Umgangs mit Philosophiegeschichte) kennenzulernen, ist es instruktiv, sich Hans Reichenbach zu Gemüte zu führen. Zwar erlegt er sich (ähnlich wie Karl Poppers „deklarierte“ Methodologie!) auf:
„Philosophische Begriffe und Lehren werden immer erst erklärt, ehe sie zum Gegenstand einer Kritik gemacht werden.“ (REICHENBACH 1968:7)
Doch reklamiert er gegenüber der Philosophen-Sippschaft insgesamt eine Bringschuld, eine Position der Vorwurfshaltung, was wohl auch die von Helmut Spinner an Popper und Albert als kritikimmune Lern- und Rezeptionsschwäche kritisierte „Kannitverstan“-Verteidigungsstellung zu verstehen hilft ("verstehen" im Sinne Max Webers) :
„Wenn aber die Philosophie dem unvoreingenommenen Leser unverständlich bleibt und mit der modernen Wissenschaft nicht in Einklang zu bringen ist, dann muß die Schuld beim Philosophen liegen.“ (REICHENBACH 1968:8)
Die moderne Physik ist aber dem Laien nicht verständlicher als Platon oder Hegel. Und wenn dem Physiker eine Fachsprache zugestanden wird, warum nicht auch dem Philosophen?!
Man fragt sich allerdings, wie sich Reichenbach einen Zugang zur hergebrachten Philosophie verschaffen möchte. Denn Untersuchungen der Philosophiegeschichte deuchen ihm eher auf dem Wege zum Erkenntnisfortschritt ein Hindernis darzustellen.
„Eine allzu rücksichtsvolle und nachsichtige Interpretation hilft uns nicht, über tiefeingewurzelte Fehler in der Philosophie hinwegzukommen. Philosophische Erkenntnis wird nicht dadurch gefördert, wenn man den Irrtümern großer Männer derart entstellte Bedeutungen beilegt, daß sie wie geniale Prophezeiungen von Gesetzen aussehen, die erst in viel späterer Zeit mit Hilfe der modernen Wissenschaft bewiesen werden konnten. Die Geschichte der Philosophie hätte sich viel schneller entwickelt, wenn sie nicht immer von Männern aufgehalten worden wäre, die sich gerade die Geschichte der Philosophie zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht haben.“ (REICHENBACH 1968:8)
Diese unverhüllte Aversion gegen die Spekulation der Philosophen ist im Falle Reichenbachs gepaart mit einem Glauben an die Wissenschaftlichkeit der induktiven Logik.
„Die Grundlage der Erkenntnis ist Verallgemeinerung.
...
Das Geheimnis der Entdeckung ist das Geheimnis der richtigen Verallgemeinerung. Unwesentliche Eigenschaften,..., werden bei den Verallgemeinerungen außer acht gelassen; aber wesentliche Eigenschaften, ..., sind einzuschließen. Auf diese Weise kann man den Ausdruck 'wesentlich' definieren: wesentlich ist, was in einer gültigen Verallgemeinerung genannt werden muß. Die Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Faktoren ist der Anfang der Erkenntnis.“ (REICHENBACH 1968:15)
Reichenbach vernachlässigt natürlich den entscheidenden Punkt: Woher weiß er denn schon im Voraus, was „wesentlich“ ist?! Also bevor er noch ein Gesetz kennt! Er wird doch nicht spekulieren wollen?!
Genauso geht sein Angriff gegen die Analogieschlüsse der Philosophie ins Leere. Denn auch hierbei erweist sich immer erst hinterher, welcher Schluss „bösartig“ sei. Man beachte, wie bei Popper, die moralische Verdammung von Erkenntnisfehlern, hier ist wohl genauer gemeint: „Sünden“.
„Das philosophische Zitat in der Einleitung kann als ein Beispiel einer bösartigen Verallgemeinerung angesehen werden, da es eine oberflächliche Analogie dazu benutzt, um ein allgemeines Gesetz aufzustellen.“ (REICHENBACH 1968:21)
REICHENBACH (1968:13) hat ein Hegel-Zitat an den Beginn gestellt. Wobei Hegel betreffend Reichenbachs Attacke gegen den Analogieschluss oder die Spekulation zurecht sagen könnte: Die Gefahr zu irren ist bereits der Irrtum! Denn wer zu guten Theorien kommen will, muss mit irgendwelchen, wenn auch vielleicht absolut gesehen schlechten, anfangen.
Wie vielfach Popper hält es Reichenbach aber nicht für notwendig, das herausgegriffene Zitat mit der Quellenangabe zu belegen. Worin besteht dann aber seine „wissenschaftliche Philosophie“?! Den von ihm ungenannten Hegel wirft er vor, die ihm seinerzeit möglicherweise zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Resultate ignoriert zu haben (zu Hegel aus Sicht der heutigen Naturwissenschaft siehe WAHSNER 1996).
„Der Philosoph spricht eine unwissenschaftliche Sprache, weil er Probleme zu einer Zeit zu lösen versucht, zu der die Mittel zu einer wissenschaftlichen Lösung noch nicht vorhanden sind. Diese historische Erklärung hat aber nur beschränkte Gültigkeit, denn es gibt Philosophen, die diese Bildersprache auch noch sprechen, wenn die Mittel für eine wissenschaftliche Antwort auf ihre Fragen schon längst vorhanden sind. Während die historische Erklärung auf Plato paßt, kann man sie nicht auf den Verfasser des Zitates anwenden, der von der Vernunft als der Substanz alle Dinge spricht und dem die Resultate von 2000 Jahren wissenschaftlicher Forschung nach Plato zu Gebote standen - der aber keinen Gebrauch davon gemacht hat.“ (REICHENBACH 1968:37)
Reichenbach selbst jedoch will eine philosophischen Kritik Hegels liefern, ohne den ihm möglicherweise verfügbaren Stand der philosophischen Forschung überhaupt in Betracht zu ziehen. Diese selbst auferlegte Rezeptions- bzw. Lernschwäche kann man nur als Ausdruck von Dogmatismus kennzeichnen, der auf eine kommunikationslose Kommunikationsstruktur hinweist.
Diese Haltung eines „wissenschaftlichen Philosophen“ lässt sich soziologisch erklären als Verteidigung des Status als Wissenschaftler (KHEFIF 2007). Dazu auch kinderpsychologisch: Die logischen Positivisten haben die moderne Logik als wissenschaftliches Instrument entdeckt. Und für einen Jungen, der einen Hammer in der Hand hat, ist alles in der Welt ein zu „behämmerndes“. Was dem Stand der modernen Logik nicht entspricht, ist nicht nur „veraltet“, sondern auch „unwissenschaftlich“, wenn nicht „irrational“ oder „bösartiger Unsinn“ und „Scharlatanerie“. Eine derartige Einstellung trägt wenig dazu bei, sich einen Zugang zu einer fremden Philosophie zu verschaffen. Sie ist aber äußerst denkökonomisch, wenn man derlei Philosophien abhalftern will, weil man deren Thesen sowieso nicht ernsthaft zur Kenntnis nehmen möchte.
== Literatur ==
Hans Reichenbach: Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie. Friedrich Vieweg & Sohn Verlag, Braunschweig 2. Aufl. 1968 (The Rise of Scientific Philosophy. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1951).
Renate Wahsner: Zur Kritik der Hegelschen Naturphilosophie. Über ihren Sinn im Lichte der heutigen Naturerkenntnis. Frankfurt 1996.
Nadji Aïssa Khefif: The Scientific Status. Theory & Science (2007). ISSN: 1527-5558
Montag, 6. Juli 2009
Begriff und Gesetz bei Max Weber – ein milder methodologischer Historismus?
Die allgemeinsten Gesetze seien für den Historiker auch die wertlosesten. So sagt Max Weber. Für Hans Albert kommt darin ein abgemilderter methodologischer Historismus zum Ausdruck - der in diesem Punkte in diametralem Gegensatz zu Poppers Einsicht steht, dass die allgemeinsten Gesetzesaussagen auch die informativsten und empirisch gehaltvollsten sind. Er sei vermutlich darauf zurückzuführen, dass Max Webers Wissenschaftslogik unvermittelt von der Begriffslogik zur deduktiven Theorie der Aussagenlogik springe.
In der Tat geht die überkommene Auffassung der Syllogistik mit ihrer Subjekt-Prädikat-Struktur des Urteils und ihrer Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem an der deduktiven Struktur der Aussagenlogik völlig vorbei.
Es ist somit nicht ohne Weiteres möglich, die wissenschaftslogischen Gedankengänge Max Webers in logisch eindeutiger Weise zu übersetzen in die heutige übliche wissenschaftslogische Struktur, etwa die von Popper. Hinzu kommen noch viele weitere metatheoretische Differenzen, indem etwa Popper in Gegensatz zu Weber erkenntnistheoretisch den Realismus vertritt samt der Korrespondenztheorie der Wahrheit.
Dennoch kann man nicht einfach Webers Insistieren auf das andersgeartete Erkenntnisinteresse des Historikers zur Seite schieben. Es ist, selbst bei Wegräumen aller logischen und erkenntnistheoretischen Differenzen, immer noch möglich, dass das spezifische Interesse an konkreter Verursachung eine unterschiedliche Methodologie geschichtswissenschaftlicher Erklärung und Begriffsbildung verlangt.
Man kann wie heutige Soziologen (PRZEWORSKI/TEUNE 1970) Gesellschaften vergleichen, um möglichst generelle Aussagen über sie zu machen (auch über deren Entwicklungstendenzen, selbst wenn Popper dies dagegen wissenschaftlich verdächtig erscheint).
Man kann aber auch als Historiker sich hauptsächlich (wie ein Detektiv um den Tathergang) in erster Linie um die Ursachenerforschung bemühen. Dann kommt es nicht darauf an, warum Äpfel von Bäumen fallen, sondern darum, welcher Apfel auf wessen Kopf fallen konnte, und mit welchen Nachwirkungen.
Wenn sich aus diesen unterschiedlichen Zielen auch andere Methoden, d.h. Wege zum Ziele ergeben, dann auch unterschiedliche Methodologien bzw. Strategien.
== Literaturangaben ==
Hans Albert: THEORIE UND PRAXIS. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1971. ISBN 3-534-04161-5. S. 200-236 (Aus: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geburtstag. Anton Hain : Meisenheim 1966. S. 246-272)
V. N. Sadovskij: Die deduktive Methode als Problem der Wissenschaftslogik. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964). S. 191-247.
Adam Przeworski, Henry Teune: The Logic of Comparative Social Inquiry. New York, London, Toronto, Sydney 1970
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst:1922). ISBN 3-16-845369-2.
„Weber wollte hier offenbar darauf hinaus, daß uns unter gewissen Gesichtspunkten vielfach nicht allgemeine Gesetzmäßigkeiten, sondern individuelle historische Tatbestände interessieren, die allerdings dann Gegenstand kausaler Erklärung werden, wobei nomologisches Wissen vorausgesetzt werden müsse. Hinsichtlich der Beschaffenheit dieses nomologischen Wissens machte er dabei einen Unterschied zwischen den beiden Bereichen, der heute kaum mehr akzeptabel sein dürfte.
Anm. 15: A. a. O. S. 178 ff. Charakteristisch ist die These, daß zwar für die exakte Naturwissenschaft die Gesetze je allgemeingültiger, um so wichtiger seien, für die Erkenntnis historischer Erscheinungen aber die allgemeinsten Gesetze, weil die inhaltsleersten, regelmäßig auch die wertlosesten. In dieser These kommt wohl ein, wenn auch sehr abgemilderter methodologischer Historismus zum Ausdruck, der im Gesamtkontext der Weberschen Wissenschaftslehre plausibel erscheinen mag, aber nach dem heutigen Stand der wissenschaftstheoretischen Diskussion problematisch ist. Vgl. dazu z. B. die relevanten Passagen in Karl Poppers: Logik der Forschung. Wien 1935, 2. Aufl., Tübingen 1966, und seinem Buch: Das Elend des Historizismus, Tübingen 1965; vgl. auch meinen Einleitungsaufsatz zu: Theorie und Realität, Tübingen 1964, a. a. O., S. 22 ff. und 38 ff. Der folgende Satz Max Webers (a. a. O., S. 180 oben) gibt mit seinem für die ältere geisteswissenschaftliche Methodologie charakteristischen unvermittelten Übergang von der Allgemeinheit von Gesetzen zum Umfang von Begriffen einen Anhaltspunkt für die Lokalisierung des Weberschen Mißverständnisses.“ (ALBERT 1971: 206)
In der Tat geht die überkommene Auffassung der Syllogistik mit ihrer Subjekt-Prädikat-Struktur des Urteils und ihrer Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem an der deduktiven Struktur der Aussagenlogik völlig vorbei.
„Auf aussagenlogische Schlüsse sind die Charakteristika 'Allgemeines' und 'Besonderes' überhaupt nicht anwendbar. Die Aussagen werden hier nur unter dem Aspekt ihres Wahrheitswertes betrachtet, d.h. unter dem Aspekt, ob sie wahr oder falsch sind. Alle ihre übrigen Eigenschaften (ihr konkreter Inhalt, ihr Allgemeinheitsgrad etc.) haben im Rahmen dieser Theorie keinerlei Bedeutung. Gleichzeitig bildet gerade dieser logische Kalkül (zuweilen wird er Deduktionstheorie genannt) die Grundlage der von der mathematischen Logik geschaffenen Theorie des Schließens, und mit seiner Hilfe kann insbesondere die Aristotelische Syllogistik aufgebaut werden.
...
Die Beweise und Schlüsse, deren man sich in jenen wissenschaftlichen Theorien bedient, die seit jeher als deduktive gelten (mathematische, physikalische u. a.), sind längst nicht immer Schlüsse vom Allgemeinen auf Besonderes.“ (SADOVSKIJ 1967: 199)
Es ist somit nicht ohne Weiteres möglich, die wissenschaftslogischen Gedankengänge Max Webers in logisch eindeutiger Weise zu übersetzen in die heutige übliche wissenschaftslogische Struktur, etwa die von Popper. Hinzu kommen noch viele weitere metatheoretische Differenzen, indem etwa Popper in Gegensatz zu Weber erkenntnistheoretisch den Realismus vertritt samt der Korrespondenztheorie der Wahrheit.
Dennoch kann man nicht einfach Webers Insistieren auf das andersgeartete Erkenntnisinteresse des Historikers zur Seite schieben. Es ist, selbst bei Wegräumen aller logischen und erkenntnistheoretischen Differenzen, immer noch möglich, dass das spezifische Interesse an konkreter Verursachung eine unterschiedliche Methodologie geschichtswissenschaftlicher Erklärung und Begriffsbildung verlangt.
„Was folgt nun aus alledem?
Natürlich nicht etwa, daß auf dem Gebiet der Kulturwissenschaften die Erkenntnis des Generellen, die Bildung abstrakter Gattungsbegriffe, die Erkenntnis von Regelmäßigkeiten und der Versuch der Formulierung von ‚gesetzlichen‘ Zusammenhängen keine wissenschaftliche Berechtigung hätte. Im geraden Gegenteil: wenn die kausale Erkenntnis des Historikers Zurechnung konkreter Erfolge zu konkreten Ursachen ist, so ist eine gültige Zurechnung irgend eines individuellen Erfolges ohne die Verwendung ‚nomologischer‘ Kenntnis – Kenntnis der Regelmäßigkeiten der kausalen Zusammenhänge – überhaupt nicht möglich.
…
Nur ist eben die Aufstellung solcher Regelmäßigkeiten nicht Ziel, sondern Mittel der Erkenntnis, und ob es Sinn hat, eine aus der Alltagserfahrung bekannte Regelmäßigkeit ursächlicher Verknüpfung als ‚Gesetz‘ in eine Formel zu bringen, ist in jedem einzelnen Fall eine Zweckmäßigkeitsfrage. Für die exakte Naturwissenschaft sind die ‚Gesetze‘ um so wichtiger und wertvoller, je allgemeingültiger sie sind; für die Erkenntnis der historischen Erscheinungen in ihrer konkreten Voraussetzung sind die allgemeinsten Gesetze, weil die inhaltleersten, regelmäßig auch die wertlosesten. Denn je umfassender die Geltung eines Gattungsbegriffes – sein Umfang – ist, desto mehr führt er uns von der Fülle der Wirklichkeit ab, da er ja, um das Gemeinsame möglichst vieler Erscheinungen zu enthalten, möglichst abstrakt, also inhaltsarm sein muß. Die Erkenntnis des Generellen ist uns in den Kulturwissenschaften nie um ihrer selbst willen wertvoll.“ (WEBER 1988:178ff.)
Man kann wie heutige Soziologen (PRZEWORSKI/TEUNE 1970) Gesellschaften vergleichen, um möglichst generelle Aussagen über sie zu machen (auch über deren Entwicklungstendenzen, selbst wenn Popper dies dagegen wissenschaftlich verdächtig erscheint).
Man kann aber auch als Historiker sich hauptsächlich (wie ein Detektiv um den Tathergang) in erster Linie um die Ursachenerforschung bemühen. Dann kommt es nicht darauf an, warum Äpfel von Bäumen fallen, sondern darum, welcher Apfel auf wessen Kopf fallen konnte, und mit welchen Nachwirkungen.
Wenn sich aus diesen unterschiedlichen Zielen auch andere Methoden, d.h. Wege zum Ziele ergeben, dann auch unterschiedliche Methodologien bzw. Strategien.
== Literaturangaben ==
Hans Albert: THEORIE UND PRAXIS. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1971. ISBN 3-534-04161-5. S. 200-236 (Aus: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geburtstag. Anton Hain : Meisenheim 1966. S. 246-272)
V. N. Sadovskij: Die deduktive Methode als Problem der Wissenschaftslogik. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964). S. 191-247.
Adam Przeworski, Henry Teune: The Logic of Comparative Social Inquiry. New York, London, Toronto, Sydney 1970
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst:1922). ISBN 3-16-845369-2.
Freitag, 3. Juli 2009
Wie begründet Marx seine Arbeitswerttheorie?
"Beginnen wir mit einer Frage, die uns sofort vor die Hauptsache führt: auf welchem Wege ist Marx zum theoretischen Fundamentalsatz seiner Lehre gelangt, zum Satze, daß aller Wert einzig und allein auf verkörperten Arbeitsmengen beruhe?"
(BÖHM-BAWERK 1973:78)
BB fragt nach der Begründung der Arbeitswerttheorie in Das Kapital, Band I. Was ihm dort geboten wird, erscheint ihm nichts anderes als eine Art „dialektischer Beweis“ zu sein, den er analog zur Logik eines aprioristischen Begründungsversuchs (Beispiel: MISES) zu analysieren versucht.
"Statt nun seine These aus der Erfahrung oder aus ihren wirkenden Motiven empirisch oder psychologisch zu begründen, zieht Marx es vor, einen dritten, für einen derartigen Stoff gewiß etwas seltsamen Beweisgang einzuschlagen: den Weg eines rein logischen Beweises, einer dialektischen Deduktion aus dem Wesen des Tausches heraus." (BÖHM-BAWERK 1973:81)
Das Ergebnis ist dermaßen verheerend, dass er letztlich Marxens Darbietung nur noch psychologisch als eine Abweichung des Autors vom normalen Menschenverstand zu begreifen vermag.
"Was ich aber behaupten möchte, ist, daß wohl niemals sonst ein so denkgewaltiger Kopf, wie Marx es war, eine so schwer, so kontinuierlich und so handgreiflich falsche Logik zum besten gegeben hat, als Marx es in der systematischen Begründung seiner Fundamentalthese tut." (BÖHM-BAWERK 1973:92)
Man hätte aber auch überlegen können, dass bei einem solch abartigen Ergebnis eines Interpretationsversuchs auch die Interpretation selbst die Ursache des Übels sein könnte. Und tatsächlich scheint mir hier der Hase im Pfeffer zu legen!
BB glaubt, dass Marx Beweisgang demonstrieren wollte, dass das Gemeinsame von Waren als Arbeitsprodukten die Entstehung aus Arbeit sei; dabei lasse der Beweisgang offensichtlich völlig außer Acht, dass es auch nicht durch Arbeit produzierte Waren gebe.
"Hätte Marx an der entscheidenden Stelle die Untersuchung nicht auf die Arbeitsprodukte eingeengt, sondern auch bei den tauschwerten Naturgaben nach dem Gemeinsamen gesucht, so wäre es handgreiflich gewesen, daß die Arbeit das Gemeinsame nicht sein kann." (BÖHM-BAWERK 1973:78)
Der Konfusion von BB liegt zugrunde, natürlich neben der völligen Unklarheit über Marxens „Dialektik“, insgesamt eine grundsätzliche Unklarheit über die Methodologie ökonomischen Modellierens. Denn inwiefern kann man in der Wirtschaftswissenschaft überhaupt von einem Beweis“ sprechen?
"Was uns anbetrifft, so können wir diese Dinge (Lehrsätze), die wir voraussetzen, wahllos als Hypothesen oder Axiome, Postulate oder Annahmen oder gar Prinzipien bezeichnen; diejenigen Lehrsätze dagegen, für die wir glauben, mit Hilfe von zulässigen Methoden den Beweis erbracht zu haben, nennen wir Theoreme. Nun werden Hypothesen dieser Art auch von den Fakten angeregt - d. h. es liegt ihnen eine bestimmte Beobachtung zugrunde -, streng logisch genommen sind sie aber willkürliche Schöpfungen des Analytikers. Sie unterscheiden sich darin von den Hypothesen der ersteren Kategorie, daß sie nicht selbst endgültige Forschungsergebnisse darstellen, die um ihrer selbst willen interessant sein sollen, sondern daß sie bloße Instrumente oder Werkzeuge sind, eigens zu dem Zweck geschaffen, um interessante Resultate erst zu erzielen.
...
Die Gesamtheit solcher Hilfskonstruktionen, einschließlich aller strategisch nützlichen Annahmen, konstituiert die ökonomische Theorie. In Mrs. Robinsons unübertrefflich prägnanter Formulierung ist die ökonomische Theorie ein großer 'Werkzeugkasten'." (SCHUMPETER 1965:46)
Eine aprioristische Letztbegründung geben zu wollen, ist aber ein Begründungsprogramm, das a priori zum Scheitern verurteilt ist.
„Kein einziges Axiom einer bestimmten Theorie kann aber durch Theoreme derselben Theorie logisch begründet werden; das ergibt sich schon aus dem Begriff "Axiom": ‚die innerhalb einer Theorie T logisch nicht-ableitbare Ableitungsbasis der Theoreme von T‘.“(BOUDON (1971:9f).
Eine „logische Ableitung“ kann lediglich eine logisch richtige Schlussfolgerung aus irgendwelchen vorausgesetzten Axiomen ziehen. Unter einem „deduktiven Schluss“ ist ein zuverlässiger Schluss zu verstehen, in dem die Konklusion logisch aus den Prämissen erfolgt (SADOVSKIJ 1967:200). Die Richtigkeit eines bestimmten Schlusses ist immer nur relativ gegeben zu einem bestimmten logischen System.
„Die Relativität des deduktiven Schlusses bedeutet, daß ein Schluß, der in einem logischen System richtig ist, in einem anderen System falsch sein kann.“ (SADOVSKIJ 1967:200)
Eine logische Analyse des Marxschen Vorgehens setzte also eine Identifizierung des von ihm angewandten logischen Systems sowie eine Rekonstruktion seiner speziellen deduktiven Theorie voraus, in ihren syntaktischen Hinsichten sowie deren semantische Interpretation durch die Behauptungen der Arbeitswerttheorie.
Dass Marx selbst die an ihn gestellte Forderung nach einem (aprioristischen ?!) „Beweis“ für völlig absurd und auch ganz in Widerspruch zu der in der klassischen Nationalökonomie geübten wissenschaftliche Methode empfunden hat, zeigt dieser nachfolgende Auszug aus einem Brief an Kugelmann aus London vom 11. Juli 1868 ganz deutlich:
„Was das "Zentralblatt" angeht, so macht der Mann die größtmöglichste Konzession, indem er zugibt, daß, wenn man unter Wert sich überhaupt etwas denkt, man meine Schlußfolgerungen zugeben muß. Der Unglückliche sieht nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den 'Wert' stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiedenen Bedürfnissen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.
Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt. Wollte man also von vornherein alle dem Gesetz scheinbar widersprechenden Phänomene 'erklären', so müßte die Wissenschaft vor der Wissenschaft liefern. Es ist gerade der Fehler Ricardos, daß er in seinem ersten Kapitel über den Wert alle möglichen Kategorien, die uns entwickelt werden sollen, als gegeben voraussetzt, um ihr Adäquatsein mit dem Wertgesetz nachzuweisen.
Allerdings beweist andererseits, wie Sie richtig unterstellt haben, die Geschichte der Theorie, daß die Auffassung des Wertverhältnisses stets dieselbe war, klarer oder unklarer, mit Illusionen verbrämter oder wissenschaftlich bestimmter. Da der Denkprozeß selbst aus den Verhältnissen herauswächst, selbst ein Naturprozeß ist, so kann das wirklich begreifende Denken immer nur dasselbe sein, und nur graduell, nach der Reife der Entwicklung, also auch des Organs, womit gedacht wird, sich unterscheiden. Alles andere ist Faselei.
Der Vulgärökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirklichen, täglichen Austauschverhältnisse und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. Der Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß a priori keine bewußte, gesellschaftliche Regelung der Produktion stattfindet. Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch. Und dann glaubt der Vulgäre eine große Entdeckung zu machen, wenn der Enthüllung des inneren Zusammenhanges gegenüber darauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Scheine festhält und ihn als letztes nimmt. Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?
Aber die Sache hat hier noch einen anderen Hintergrund. Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt vor dem praktischen Zusammensturz aller theoretische Glaube in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände. Es ist hier also absolutes Interesse der herrschenden Klassen, die gedankenlose Konfusion zu verewigen. Und wozu anders werden die sykophantischen Schwätzer bezahlt, die keinen anderen wissenschaftlichen Trumpf auszuspielen wissen, als daß man in der politischen Ökonomie überhaupt nicht denken darf?
Jedoch satis superque. Jedenfalls zeigt es, wie sehr diese Pfaffen der Bourgeoisie verkommen sind, daß Arbeiter und selbst Fabrikanten und Kaufleute mein Buch verstanden und sich darin zurechtgefunden haben, während diese 'Schriftgelehrten' (!) klagen, daß ich ihrem Verstand gar Ungebührliches zumute.“
Man muss also davon ausgehen, dass Marx 1. Ergebnisse Hegelscher Dialektik materialistisch angewandt hat, d. h. um empirisch gehaltvolle Aussagen zu produzieren, 2. was BB als aprioristisch-deduktiver Beweisgang anmutet, nichts weiter ist als die "dialektische" (systematische) Entfaltung der Kategorien der Marxschen Arbeitswerttheorie, die den qualitativen (strukturell-genetischen; vgl. ZELENÝ 1970) Widerpart abgibt zu der quantitativen Modellierung (wie zum Beispiel durch ROBINSON 1966).
Wenn Karl Popper von "Tiefenerklärung" nach dem Modell der Zwiebel oder russischen Puppe (MUSGRAVE 1998:98) spricht, allerdings ohne Letztbegründung, so ist daran zu erinnern, dass Hegels philosophisches System als ein Kreis von Kreisen strukturiert ist (GRUJIĆ 1969:19). Es wäre in Analogie hierzu nicht verkehrt, Marxens Analyse der kapitalistischen Gesellschaftsformation als einer Totalität als "Modelle in einem Modell" zu begreifen. Das wird geradezu methodisch gefordert, wenn man seine "Methode vom Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten" ernst nimmt.
Nur auf diesem Hintergrund sind Konsistenzprobleme wie etwa das Transformationsproblem zu lösen. Und man sollte sich den Weg hierzu nicht durch vorschnelles Parallelziehen zum Walrasschen generellen Gleichgewichtssystem verstellen. Nicht nur Joseph A. Schumpeter war von letzterem so entzückt, dass er es ökonomisch als den Stein der Weisen hochgeschätzt hat. Er hat sich dadurch aber manch besseren alternativen Lösungsweg zu einer dynamischen und realistischen Analyse des "kapitalistischen Prozesses" verbaut.
== Literaturverzeichnis ==
Eugen von Böhm-Bawerk: Zum Abschluß des Marxschen Systems. In: Friedrich Eberle, (Hrg.): Aspekte der Marxschen Theorie 1. Zur methodologischen Bedeutung des 3. Bandes des ‘Kapital'. Frankfurt 1973. S. 25ff
Ludwig von Mises: Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens. München 1. Aufl. 1980, ISBN 3-88405-010-9. (Genf 1940).
Raymond Boudon: La logique du social. Introduction à l'analyse sociologique. Hachette Littérature. 1979.
Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965.
V. N. Sadovskij: Die deduktive Methode als Problem der Wissenschaftslogik. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964). S. 191-247.
Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Verlag JHW Dietz Nachf. Berlin.
Jindrich Zelený: Die Wissenschaftslogik bei Marx und ‘Das Kapital’. Frankfurt Wien 1970
Joan Robinson, An Essay on Marxian Economics, London Basingstoke 2nd ed. 1966
(ROBINSON 1966)
Alan E. Musgrave: ''Explanation, Description and Scientific Realism.'' In: Herbert Keuth, (Hg.): ''Logik der Forschung.'' Akademie Verlag Berlin 1998. ISBN 3-05-003021-6.
Predrag Grujić: Hegel und die Sowjetphilosophie der Gegenwart. Francke Verlag Bern und München 1969.
Donnerstag, 25. Juni 2009
Marx-Exegese
Man konnte zweifellos und man sollte auch Jürgen Habermas nicht zwingen, Marx richtig zu interpretieren.
Schließlich kann man jeden "Klassiker" zumindest auf zweierlei Weise behandeln:
(1) als historische Erscheinung, die möglichst geschichtsgetreu zu interpretieren ist;
(2) als Baustelle für die aktuell vorzunehmende Theoriekonstruktion in einer bestimmten Wissenschaft.
Dabei ist zuerst einmal nicht mehr verlangt, als dass man tunlichst (1) und (2) auseinanderhalten soll. Also unterscheidet man zwischen (1) Karl Marx als geschichtlicher Autor und (2) Habermarx, die Rolle und Funktion, in welcher Marxsche Versatzstücke bzw. dessen Umdeutungen bei Habermas fungieren.
Aus Gründen, die SEIFFERT (1972:7f) nicht verrät, glaubt dieser den Umgang mit Marxtexten als wissenschaftstheoretischen Sonderfall einordnen zu müssen, der nur der im Historismus gepflegten exegetischen Herangehensweise offen sei.
Diese Art von "Historismus", wie sie Helmut Seiffert den marxistischen Klassikern angedeihen lassen will, kann aber nur zur "Vergreisung der geisteswissenschaftlichen Arbeit" (HEINRICHS 1986:4) führen:
Die ausschließlich exegetische, also "dogmengeschichtliche" (diese Bezeichnung ist in der Nationalökonomie wie in der Kirchengeschichte verbreitet und beweist, dass Max Weber nicht so ganz so falsch lag, als er bei dieser akademischen Profession die Gefahr eines "Priesterseminars" sah) Umgang mit Klassikern macht sie erst zu dem, was man ihnen hernach vorzuwerfen gewillt ist: einer Sammlung von Dogmen. Die Art und Weise des Umgangs garantiert das klägliche Resultat bzw. ist schon der Prozess der Dogmatisierung selbst.
Keine Theorie und keine Aussage ist an und für sich "kritisch" oder "dogmatisch", "empirisch" oder "metaphysisch", "analytisch" oder "synthetisch", "deskriptiv" oder "normativ", "theoretisch" oder "praktisch", "Leerformel" (TOPITSCH 1967:24) oder "empirisch gehaltvoll". All diese Prädikate kennzeichnen in Wirklichkeit nicht die logischen Eigenschaften von Aussagen, sondern sind Unterscheidungen in der pragmatischen Dimension von Aussagen. Denn sie bezeichnen tatsächlich die Einstellungen und Verfahrensweisen, wie bestimmte Gruppen von Benutzern mit bestimmten Aussagetypen umzugehen bereit sind.
Demnach kommt es bei diesen Unterscheidungen in Wirklichkeit stets darauf an, in welcher Weise jeweils die Sprachnutzer die betreffenden Aussagen in ihre Argumentations- und Handlungszusammenhänge einbeziehen, welche Funktionen sie darinnen zu erfüllen gedacht sind. Kurz gesagt: Ob die marxsche AWT dogmatisch sei, hängt weder von Marx noch von dieser Theorie selber ab, sondern wie die Theoriebenutzer damit umzugehen gedenken. Wenn Habermas es nicht für fähig oder wünschenswert hält, diese Theorie empirisch zu überprüfen, dann ist sie - für Habermas und in dessen Argumentationskontext! - nicht empirisch. Das schließt jedoch keineswegs aus, dass ein Ökonometriker diese Theorie hernimmt und empirischen Tests unterwirft (zugegebenermaßen wiederum auf eine andersartige Weise zugerichtet als durch Habermas).
Wem es um die kritische Fortentwicklung der Erkenntnis geht, dem wird (1) höchstens Vorbedingung für (2) sein. Oder er wird von vornherein auf (2) setzen, und sich um eine historisch getreue Interpretation die geringsten Sorgen machen.
Einerseits sollte auch nicht übersehen werden, dass die Rezeption von Ideen, die aus der Wissenschaftsgeschichte zu entnehmen sind, oftmals kaum möglich sind ohne die hermeneutischen Vorarbeiten von Interpretatoren. Andererseits gibt es bei vielen Interpretationen nicht nur Grauzonen des Verständnisses, wo theoretische Leistungen des historischen Autors und des Interpreten ineinander verschwimmen oder übergehen. Jede Interpretation stellt eine mehrstellige Relation dar, insbesondere zwischen dem Text und der spezifischen Perspektive des aktuellen Lesers. Das führt auch dazu, dass ein Klassiker niemals interpretatorisch erschöpft sein kann. Der Interpretationsmöglichkeiten sind immer so viele, wie es unterschiedliche Perspektiven von unterschiedlichen Lesern gibt.
So wurde der Welt nicht nur ein Haber-Marx, sondern auch ein Popper-Marx beschert.
Die eklatante Verwechslung oder Vermischung von (1) und (2) wirkt besonders im Falle Poppers besonders fatal. Denn einerseits verkündet POPPER (1987:VIII) seine dezidierte Absicht, die Marxsche bzw. marxistische Geschichtsphilosophie zu kritisieren: Andererseits kreiert Popper ein Konstrukt, das er "Historizismus" nennt, und das sich so nirgends in der Geistesgeschichte 100%ig wiederfindet. Bei einer Theoriekritik setzt man jedoch gemeinhin voraus, dass zuvor die Theorie rekonstruiert bwz. gekennzeichnet sei, die gemeint wird. POPPER (1987) bringt es in seinem Anti-Marx bei insgesamt 132 Seiten auf die erstaunliche Zahl von 4 Marx-Zitaten; Zitate anderer marxistischer Autoren = 0. Honny soit qui mal y pense.
== Literaturverzeichnis ==
Helmut Seiffert: Einführung in die Wissenschaftstheorie, Bd. 2: Geisteswissenschaftliche Methoden: Phänomenologie/Hermeneutik und historische Methode/Dialektik, München 6. Aufl. 1975
Johannes Heinrichs: Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in ihrer aktuellen Bedeutung. Eine Einführung. Francke Verlag Tübingen 1986 (UTB 1412). ISBN 3-7720-1726-6.
P. V. Tavanec, V. S. Švyrjev: Die Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964)
Takashi Negishi: Economic theories in a non-Walrasian tradition, Cambridge New York New Rochelle Melbourne Sydney 1985
Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957)
Franz Schupp: Poppers Methodologie der Geschichtswissenschaft, Bonn 1975
Ernst Topitsch: Sprachlogische Probleme der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung, in: Topitsch 1967, S. 17-36
Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften, Köln Berlin 4. Aufl.1967
Schließlich kann man jeden "Klassiker" zumindest auf zweierlei Weise behandeln:
(1) als historische Erscheinung, die möglichst geschichtsgetreu zu interpretieren ist;
(2) als Baustelle für die aktuell vorzunehmende Theoriekonstruktion in einer bestimmten Wissenschaft.
Dabei ist zuerst einmal nicht mehr verlangt, als dass man tunlichst (1) und (2) auseinanderhalten soll. Also unterscheidet man zwischen (1) Karl Marx als geschichtlicher Autor und (2) Habermarx, die Rolle und Funktion, in welcher Marxsche Versatzstücke bzw. dessen Umdeutungen bei Habermas fungieren.
Aus Gründen, die SEIFFERT (1972:7f) nicht verrät, glaubt dieser den Umgang mit Marxtexten als wissenschaftstheoretischen Sonderfall einordnen zu müssen, der nur der im Historismus gepflegten exegetischen Herangehensweise offen sei.
"Wie aktuell Fragen der philologisch-historischen Methode gerade auch angesichts der Diskussion innerhalb des und mit dem Marxismus sein können, zeigt schon die Tatsache, daß der Marxismus - mehr als alle anderen bedeutsamen Bewegungen in der Geschichte, das Christentum und ähnliche Religionen ausgenommen - auf den 'kanonischen' Schriften bestimmter 'Klassiker' - Marx, Engels, Lenin und nunmehr auch Mao - fußt, deren 'Exegese' sich eben der Mittel bedienen muß und bedient, die von einer 'bürgerlichen' Geisteswissenschaft längst entwickelt worden sind - unbeschadet der Frage, ob der Marxismus unter 'Geschichte' etwas anderes versteht als der Historismus." (...) "Es macht die Eigenart - und gleichzeitig Fragwürdigkeit - dieser Methode aus, daß sie an die Schriften bestimmter Autoren, nämlich Hegels und Marx/Engels', gebunden ist und daher nur anhand dieser Schriften dargestellt werden kann."
Diese Art von "Historismus", wie sie Helmut Seiffert den marxistischen Klassikern angedeihen lassen will, kann aber nur zur "Vergreisung der geisteswissenschaftlichen Arbeit" (HEINRICHS 1986:4) führen:
"Der Historismus besteht in der resignativ 'aufgeklärten Einsicht', daß Sammeln und Sortieren des geistesgeschichtichen Materials der eigentlich angemessene Umgang mit Gedanken sei."
Die ausschließlich exegetische, also "dogmengeschichtliche" (diese Bezeichnung ist in der Nationalökonomie wie in der Kirchengeschichte verbreitet und beweist, dass Max Weber nicht so ganz so falsch lag, als er bei dieser akademischen Profession die Gefahr eines "Priesterseminars" sah) Umgang mit Klassikern macht sie erst zu dem, was man ihnen hernach vorzuwerfen gewillt ist: einer Sammlung von Dogmen. Die Art und Weise des Umgangs garantiert das klägliche Resultat bzw. ist schon der Prozess der Dogmatisierung selbst.
Keine Theorie und keine Aussage ist an und für sich "kritisch" oder "dogmatisch", "empirisch" oder "metaphysisch", "analytisch" oder "synthetisch", "deskriptiv" oder "normativ", "theoretisch" oder "praktisch", "Leerformel" (TOPITSCH 1967:24) oder "empirisch gehaltvoll". All diese Prädikate kennzeichnen in Wirklichkeit nicht die logischen Eigenschaften von Aussagen, sondern sind Unterscheidungen in der pragmatischen Dimension von Aussagen. Denn sie bezeichnen tatsächlich die Einstellungen und Verfahrensweisen, wie bestimmte Gruppen von Benutzern mit bestimmten Aussagetypen umzugehen bereit sind.
"Die pragmatische Problematik, die Voraussetzung für die logische Analyse ist, umfaßt alle diese Fragen nach den Handlungen, die das Subjekt ausführen muß, um diese Wahrheit festzustellen." (TAVANEC/ŠVYRJEV 1967:28)
Demnach kommt es bei diesen Unterscheidungen in Wirklichkeit stets darauf an, in welcher Weise jeweils die Sprachnutzer die betreffenden Aussagen in ihre Argumentations- und Handlungszusammenhänge einbeziehen, welche Funktionen sie darinnen zu erfüllen gedacht sind. Kurz gesagt: Ob die marxsche AWT dogmatisch sei, hängt weder von Marx noch von dieser Theorie selber ab, sondern wie die Theoriebenutzer damit umzugehen gedenken. Wenn Habermas es nicht für fähig oder wünschenswert hält, diese Theorie empirisch zu überprüfen, dann ist sie - für Habermas und in dessen Argumentationskontext! - nicht empirisch. Das schließt jedoch keineswegs aus, dass ein Ökonometriker diese Theorie hernimmt und empirischen Tests unterwirft (zugegebenermaßen wiederum auf eine andersartige Weise zugerichtet als durch Habermas).
Wem es um die kritische Fortentwicklung der Erkenntnis geht, dem wird (1) höchstens Vorbedingung für (2) sein. Oder er wird von vornherein auf (2) setzen, und sich um eine historisch getreue Interpretation die geringsten Sorgen machen.
"What is important is not whether a particular interpretation of a past theory is correct, but whether it is useful in developing a new theory in the present." (NEGISHI 1985:2)
Einerseits sollte auch nicht übersehen werden, dass die Rezeption von Ideen, die aus der Wissenschaftsgeschichte zu entnehmen sind, oftmals kaum möglich sind ohne die hermeneutischen Vorarbeiten von Interpretatoren. Andererseits gibt es bei vielen Interpretationen nicht nur Grauzonen des Verständnisses, wo theoretische Leistungen des historischen Autors und des Interpreten ineinander verschwimmen oder übergehen. Jede Interpretation stellt eine mehrstellige Relation dar, insbesondere zwischen dem Text und der spezifischen Perspektive des aktuellen Lesers. Das führt auch dazu, dass ein Klassiker niemals interpretatorisch erschöpft sein kann. Der Interpretationsmöglichkeiten sind immer so viele, wie es unterschiedliche Perspektiven von unterschiedlichen Lesern gibt.
"A great classic often has many different aspects that permits many different and mutually inconsistent interpretations by later scholars." (NEGISHI 1985:11)
So wurde der Welt nicht nur ein Haber-Marx, sondern auch ein Popper-Marx beschert.
"Auch bei der abschließenden Modellanalyse der Marxkritik soll nicht diskutiert werden, ob Popper Marx authentisch interpretiert, sondern nur gezeigt werden, in welcher Weise Popper Marx - so wie Popper ihn sieht - kritisiert." (SCHUPP 1975:85)
Die eklatante Verwechslung oder Vermischung von (1) und (2) wirkt besonders im Falle Poppers besonders fatal. Denn einerseits verkündet POPPER (1987:VIII) seine dezidierte Absicht, die Marxsche bzw. marxistische Geschichtsphilosophie zu kritisieren: Andererseits kreiert Popper ein Konstrukt, das er "Historizismus" nennt, und das sich so nirgends in der Geistesgeschichte 100%ig wiederfindet. Bei einer Theoriekritik setzt man jedoch gemeinhin voraus, dass zuvor die Theorie rekonstruiert bwz. gekennzeichnet sei, die gemeint wird. POPPER (1987) bringt es in seinem Anti-Marx bei insgesamt 132 Seiten auf die erstaunliche Zahl von 4 Marx-Zitaten; Zitate anderer marxistischer Autoren = 0. Honny soit qui mal y pense.
== Literaturverzeichnis ==
Helmut Seiffert: Einführung in die Wissenschaftstheorie, Bd. 2: Geisteswissenschaftliche Methoden: Phänomenologie/Hermeneutik und historische Methode/Dialektik, München 6. Aufl. 1975
Johannes Heinrichs: Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in ihrer aktuellen Bedeutung. Eine Einführung. Francke Verlag Tübingen 1986 (UTB 1412). ISBN 3-7720-1726-6.
P. V. Tavanec, V. S. Švyrjev: Die Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964)
Takashi Negishi: Economic theories in a non-Walrasian tradition, Cambridge New York New Rochelle Melbourne Sydney 1985
Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957)
Franz Schupp: Poppers Methodologie der Geschichtswissenschaft, Bonn 1975
Ernst Topitsch: Sprachlogische Probleme der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung, in: Topitsch 1967, S. 17-36
Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften, Köln Berlin 4. Aufl.1967
Arbeit: Marx vs. Habermas
"Arbeit" bezieht Marx sowohl auf das Verhältnis Mensch - Natur: biologische Reproduktion menschichen Lebens als auch auf das Verhältnis Mensch - Mensch: spontane und bewusste Koordination individuellen handelns innerhalb der menschlichen Gattung.
HABERMAS (1975:58f) indessen verkürzt "Arbeit" auf "instrumentales Handeln" und stellt dieser dann "Interaktion" und "Kommunikation" zur Seite.
In ähnlicher Weise hat ISRAEL (1980) die Einteilung vorgenommen in
(1) Economische instituties en processen;
(2) Macht;
(3) Taal en communicatie.
Hierbei geht indes die Pointe des marxschen Ansatzes verloren. Marx setzt eben nicht "Arbeit" gleich "zweckrationales Handeln", womit Habermas Max Weber auf den Leim gegangen ist. Für Marx kann Arbeit=zweckrationales Handeln nicht gleichrangig soziale Interaktion, Kommunikation und Macht nebeneinander gestellt werden (MÜLLER 1969; DAMUS (1970).
Marx betrachtet "Arbeit" vielmehr als ein Handlungssystem, das alle diese Aspekte übergreifend in sich fasst.
Die Kritik von Habermas an Marx, dem Marxschen Arbeitsbegriff gingen daher bewusstseinsmäßige Aspekte ab, ist seiner eigenen beschränkten Marx-Lektüre zuzuschreiben.
HABERMAS (1975:381) sagt schließlich in einem Nachwort, er könne mit der Kritik, dass er Marx nicht richtig interpretiert habe, im Hinblick auf sein Erkenntnisziel nichts anfangen. Diese Klarstellung wäre freilich etwas früher erfolgt günstiger aufgenommen worden. Es wäre stattdessen empfehlenswert, daß jeder Autor 1. vorher sagt, was er will, und 2. sodann das tut, was er gesagt hat.
Wenn aber Habermas seine Erkenntnistheorie unter die Zielsetzung Letztbegründung stellt, dann hat dies mit dem Marxschen Philosophieverständnis nichts zu schaffen. Man darf gewiss davon ausgehen, dass für Marx Dialektik kein Instrument für philosophische Begründungen abgeben kann oder soll. Insofern wirft Habermas Beschränktheiten vor, welche Marx im Hinblick auf seine eigene Problemstellung als abwegig zurückweisen muss.
"Eine Soziologie, die sich in die Sache verliert, ist genau so auf einem Abweg wie diejenige, die vor Selbstreflexion nicht zur Sache kommt." (SCHELSKY 1967:8)
== Literaturverzeichnis ==
Karl Marx: Das Kapital, S. 260-262. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3569-3571 (vgl. MEW Bd. 23, S. 192-193)
Jürgen Habermas: Theorie und Praxis. Mit einem neuen Nachwort. Sozialphilosophische Studien, Neuwied Berlin 1963.
Wolfgang Müller: Habermas und die Anwendbarkeit der Arbeitswerttheorie, Sozialistische Politik, 1, 1, 1969, S.39-53
Renate Damus: Ökonomische Kategorien in der Soziologie der Frankfurter Schule, (hektgr.) Karlsruhe 1970
Joachim Israel: Sociaal Handelen en sociaal system. Rotterdam 1980
Helmut Schelsky: Ortbestimmung der deutschen Soziologie. 3. Aufl. Düsseldorf Köln 1967
"Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt.
Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel." (MEW 23:192f)
HABERMAS (1975:58f) indessen verkürzt "Arbeit" auf "instrumentales Handeln" und stellt dieser dann "Interaktion" und "Kommunikation" zur Seite.
"Der materialistische Begriff einer Synthesis durch gesellschaftliche Arbeit bezeichnet die Stellung, die Marxens Konzeption der Gattungsgeschichte in der von Kant ausgehenden Bewegung des Gedankens systematisch einnimmt. In einer eigentümlichen durch Fichte bestimmten Wendung nimmt Matx die Intention des Hegelschen Einwandes am kantischen Ansatz der Erkenntniskritik auf; dabei ist er gegen eine Identitätsphilosophie gefeit, die der Erkenntnistheorie als solcher den Boden entzieht. Gleichwohl erweist sich die philosophische Grundlage dieses Materialsmus als ungenügend, um eine vorbehaltlose phänomenologische Selbstreflexion der Erkenntnis zu etablieren und so der positivistischen Verkümmerung der Erkenntnistheorie vorzubeugen. Den Grund dafür sehe ich, immanent betrachtet, in der Reduktion des Selbsterzeugungsaktes der Menschengattung auf Arbeit. Die Marxsche Gesellschaftstheorie nimmt in ihren Ansatz neben den Produktivkräften, in denen sich das instrumentale Handeln sedimentiert, auch den institutionellen Rahmen auf, die Produktionsverhältnisse; sie unterschlägt an Praxis nicht den Zusammenhang symbolisch vermittelter Interaktion und die Rolle kultureller Überlieferung, aus denen Herrschaft und Ideologie allein zu begreifen sind. Aber in das philosophische Bezugssystem geht diese Seite der Praxis nicht ein. Gerade in dieser Dimension, die sich mit den Abmessungen instrumentalen Handelns nicht deckt, bewegt sich aber die phänomenologische Erfahrung - in ihr treten die Gestalten des erscheinenden Bewußtseins auf, die Marx Ideologien nennt; in ihr lösen sich Verdinglichungen unter der lautlosen Gewalt einer Reflexion auf, welcher Marx den Kantischen Namen der Kritik zurückgibt.
So entsteht im Werke von Marx ein eigentümliches Mißverhältnis zwischen der Forschungspraxis und dem eingeschränkten philosophischen Selbstverstädnis dieser Forschung. In seinen inhaltlichen Analysen begreift Marx die Gattungsgeschichte unter Kategorien der materiellen Tätigkeit und der kritischen Aufhebung von Ideologien, des instrumentalen Handelns und der umwälzenden Praxis, der Arbeit und der Reflexion in einem; aber Marx interpretiert, was er tut, in dem beschränkten Konzept einer Selbstkonstitution der Gattung allein durch Arbeit. Der materialistische Begriff der synthesis ist nicht weit genug gefaßt, um die Hinsicht zu exdplizieren, in der Marx der Intention einer im wohlverstandenen Sinne radikalisierten Erkenntniskritik entgegenkommt. Ja, er hat Marx selbst daran gehindert, seine Verfahrensweise unter diesem Gesichtspunkt zu verstehen."
In ähnlicher Weise hat ISRAEL (1980) die Einteilung vorgenommen in
(1) Economische instituties en processen;
(2) Macht;
(3) Taal en communicatie.
Hierbei geht indes die Pointe des marxschen Ansatzes verloren. Marx setzt eben nicht "Arbeit" gleich "zweckrationales Handeln", womit Habermas Max Weber auf den Leim gegangen ist. Für Marx kann Arbeit=zweckrationales Handeln nicht gleichrangig soziale Interaktion, Kommunikation und Macht nebeneinander gestellt werden (MÜLLER 1969; DAMUS (1970).
Marx betrachtet "Arbeit" vielmehr als ein Handlungssystem, das alle diese Aspekte übergreifend in sich fasst.
Die Kritik von Habermas an Marx, dem Marxschen Arbeitsbegriff gingen daher bewusstseinsmäßige Aspekte ab, ist seiner eigenen beschränkten Marx-Lektüre zuzuschreiben.
HABERMAS (1975:381) sagt schließlich in einem Nachwort, er könne mit der Kritik, dass er Marx nicht richtig interpretiert habe, im Hinblick auf sein Erkenntnisziel nichts anfangen. Diese Klarstellung wäre freilich etwas früher erfolgt günstiger aufgenommen worden. Es wäre stattdessen empfehlenswert, daß jeder Autor 1. vorher sagt, was er will, und 2. sodann das tut, was er gesagt hat.
Wenn aber Habermas seine Erkenntnistheorie unter die Zielsetzung Letztbegründung stellt, dann hat dies mit dem Marxschen Philosophieverständnis nichts zu schaffen. Man darf gewiss davon ausgehen, dass für Marx Dialektik kein Instrument für philosophische Begründungen abgeben kann oder soll. Insofern wirft Habermas Beschränktheiten vor, welche Marx im Hinblick auf seine eigene Problemstellung als abwegig zurückweisen muss.
"Eine Soziologie, die sich in die Sache verliert, ist genau so auf einem Abweg wie diejenige, die vor Selbstreflexion nicht zur Sache kommt." (SCHELSKY 1967:8)
== Literaturverzeichnis ==
Karl Marx: Das Kapital, S. 260-262. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3569-3571 (vgl. MEW Bd. 23, S. 192-193)
Jürgen Habermas: Theorie und Praxis. Mit einem neuen Nachwort. Sozialphilosophische Studien, Neuwied Berlin 1963.
Wolfgang Müller: Habermas und die Anwendbarkeit der Arbeitswerttheorie, Sozialistische Politik, 1, 1, 1969, S.39-53
Renate Damus: Ökonomische Kategorien in der Soziologie der Frankfurter Schule, (hektgr.) Karlsruhe 1970
Joachim Israel: Sociaal Handelen en sociaal system. Rotterdam 1980
Helmut Schelsky: Ortbestimmung der deutschen Soziologie. 3. Aufl. Düsseldorf Köln 1967
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