Donnerstag, 12. August 2010

Rheinischer Kapitalismus kontra Kasino-Kapitalismus

Michel Albert: Capitalisme contre capitalisme. Éd. du Seuil Paris VIe 1991. ISBN 2-02-013207-9.

Michel Albert war Commisaire général au Plan und Präsident der Assurances générales de France (AGF) und vergleicht in seinem Buch den rheinischen Kapitalismus mit dem neo-amerikanischen Kasino-Kapitalismus [l’économie-casino].

Die Konkurrenz dieser beiden Kapitalismusmodelle sei historisch gesehen die Ablösung der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Der Kasino-Kapitalismus sei dabei, den rheinischen Kapitalismus weltweit zu überrunden, obwohl der rheinische Kapitalismus der ökonomisch effizientere und sozial verträglichere sei.

Wikipedia.de spricht anstatt von “Kasino-Kapitalismus” bzw. "l’économie-casino" von einem “neo-liberalen Modell”. Diese Wortwahl ist bei Albert nicht zu finden und daher nicht authentisch.

Auch unter dem Stichwort “Rheinischer Kapitalismus” ist auf Wikipedia.de eine ideologische Herleitung herausgestellt:

"dem „neo-amerikanischen“ Modell der kapitalistischen Marktwirtschaft gegenüber, das von den Regierungen Ronald Reagans und Margaret Thatchers umgesetzt wurde. Während diese mehr vom Gedankengut Friedrich von Hayeks und Milton Friedmans geprägt sei, besitze laut Albert der Rheinische Kapitalismus, insbesondere in seiner deutschen Version der Sozialen Marktwirtschaft, sozialstaatliche Einrichtungen."


Bei Albert lassen sich zwar gewiss auch Anspielungen auf die betreffenden Ideologien finden. Die historische Entstehung der Kapitalismusmodelle selbst wird von ihm jedoch nicht durch regierungsseitig planmäßig umgesetzte Ideologien erklärt. Die Erklärung von gesellschaftlichem Wandel durch den Wandel von Ideen bzw. Ideologien blieb deutschem Idealismus vorbehalten und wäre etwa gemäß Pareto als Ein-Faktor-Theorie zu verdammen.

"Depuis cette époque, on a de plus en plus sacrifié l’avenir au présent, le long terme au court terme. Il est plaisant de voir que même un homme comme Carl Icahn est forcé d’en convenir. Carl Icahn, le pionnier des raiders qui a racheté TWA, condamne en effet l’atmosphère de casino de l`économie américaine qui vit au-dessus de ses moyens. “L’infrastructure tombe en ruine, dit-il, on ne construit plus, on n’entretient plus.” Et Icahn de comparer les États-Unis à une ferme où la première génération a planté, la deuxième a récolté et la troisième voit arriver l’huissier qui vient saisir la ferme. Ce qui commence se passer pour l’Amérique avec les Japonais. La qualité de production et du savoir-faire, elle aussi, est en régression relative." (S. 65f)


Der Kasino-Kapitalismus setzt auf kurzfristige Profite und opfert dafür die Zukunft auf, d.h. er ist nicht nachhaltig, was die Infrastruktur, ... usw. angeht.

"D’une facon générale, la fascination pour la Bourse, l’économié spéculative et les profits miracles qui a marqué les années quatre-vingt a donc joué contre l’industrie. Il est vrai qu’à l’époque des jeunes golden boys multimillionaires, à l’heure de l’économie-casino, les jeunes diplomés américains arrivant sur le marché de travail n’étaient guère incités à choisir la voie rude, fatigante et austère de la production industrielle. La caricature boursière de capitalisme s'est donc bel et bien retourné contre le capitalisme lui-même. Et, pendant que la finance occupait tous les esprits, l’industrie périclait."
(S. 68)

Die Börse hat die Industrie abgelöst. Der Kasino-Kapitalismus ist somit gegen den Industrie-Kapitalismus der alten Sorte gerichtet, richtet ihn geradezu zugrunde.

"En économie comme ailleurs, les caricatures se retiennent mieux que les portraits fouillés; les outrances forcent mieux l’attention que les nuances. En un mot, les paillettes et les empoignades boursières de l’économie-casino sont plus célèbres à travers le monde que le subtils équilibres de la Sozialmarktwirtschaft (économie sociale de marché) allemande." (S. 117)"


Da sich Karikaturen mit ihren idealtypischen Verzerrungen stets besser einprägen, bestimmen weltweit die Auswüchse des Kasino-Kapitalismus das Bild des zeitgenössischen Kapitalismus. Der Rheinische Kapitalismus hingegen steht kaum im Rampenlicht oder gilt dabei gar eher als Abweichung vom mustergültigen Modell des Kapitalismus.

"Ich kann auch Michel Albert nur empfehlen, weil es der Ständige Sekretär der französischen Akademie der Moral- und Politikwissenschaften ist. Die hat insofern Bedeutung als ich da Mitglied bin und der Papst auch."


Jean-Claude Juncker, Discours à l'occasion de la Petersberger Convention, Bonn. 12.03.2010.

'nudge theory'

"Behavioral Economics" gewinnt in den USA und in Großbritannien gegenüber der Mainstream Economics stärker an politischem Einfluss, d. h. Zugang zur Regierungsebene.

So der Bericht von
Guy Adams: First Obama, now Cameron embraces 'nudge theory'. Andy McSmith reports on the doctrine sweeping Downing Street. The Independent, 12. August 2010.

Die Nudge Theorie wird zurückgeführt auf dieses Buch:

Richard H. Thaler, Cass R. Sunstein: Nudge: improving decisions about health, wealth, and happiness. Yale University Press, 2008.

Montag, 9. August 2010

Selbstzensur

Wo eine "gut funktionierende" kulturelle Hegemonie der Herrschenden besteht, ist Zensur durch die Herrschenden nicht mehr nötig. In der Regel kann man sich auf den vorauseilenden Gehorsam der "Kritiker" verlassen.

Nach 30 Jahren hat der Westdeutsche Rundfunk (WDR) die Sperre für einen 30 Jahre alten Film des Journalisten Günter Wallraff (67) über die "Bild"-Zeitung aufgehoben.

Der "Springer"-Verlag beteuert, er habe zu keiner Zeit rechtliche Schritte gegen die Veröffentlichung des Films erwogen.

WDR gibt Wallraff-Film über "Bild" frei. newsroom.de, 09.08.2010.

Sonntag, 8. August 2010

Konjunkturprognose

DIW-Zimmermann hat seinen Prognoseverzicht zu Beginn der aktuellen Wirtschaftskrise erneut verteidigt.

"Wir ordnen uns den Medien unter" Er wollte auf Konjunkturprognosen verzichten. Jetzt sagt Klaus Zimmermann uns wieder die Zukunft voraus. Warum? Von Marc Brost, Mark Schieritz DIE ZEIT, 5. August 2010.

Insofern zu recht, als eine Prognose in ihrer Qualität immer abhängig ist von dem zugrunde gelegten Prognose-Modell. Und Konjunkturforscher im Allgemeinen wie das DIW im Besonderen sind nicht bekannt dafür, in ihren Modellen Krisen-Szenarien vorzusehen. So häufig solche auch in der Wirklichkeit sich ereignen mögen. Insofern zieht der Ökonom vor, Philosoph zu bleiben und zu schweigen.

Er bleibt dadurch auch Politiker. Denn Zimmermann beruft sich auch noch auf die krisenverschärfende Wirkung einer Prognose, die der Wirklichkeit zu nahe komme. Vielleicht könnte hinterher jemand behaupten, dass die Krise erst durch die DIW-Prognose hervorgerufen worden sei.

Das weist auf die grundlegende Krux der herrschenden Ökonomie hin: Erklärungen werden post factum gemacht. Die Modellannahmen liegen a priori fest. Nachdem der Fakt passiert ist, wird hinterher die passende Erklärung zurecht geschustert, gerade wie sie zu den festliegenden Hintergrunds-Annahmen passend erscheint. Insofern ist Paretos Theorie der Residuen und der ihnen entsprechenden Rationalisierungen zwar sehr vage, aber immer noch wirklichkeitsadäquater als jedweder ökonomisch-mathematische Formalismus.

Die wahre wissenschaftliche Methode bestünde aber darin, Modellannahmen zuvor unabhängig von ihren Deduktionen an der Wirklichkeit zu überprüfen. Und insbesondere unterschiedliche Modellierungen miteinander zu konfrontieren, inwieweit sie den wirklichen Tatsachen entsprechen.

Und dann ist natürlich auch der sozialstrukturelle und institutionelle Datenkranz eines ökonomischen Modells explizit anzugeben. Nur so kann man nicht nur konjunkturelle Extrapolationen, die auf einer historischen Fortschreibung einer als dauerhaft unterstellten Struktur beruhen, ersetzen durch Modelle des sozio-ökonomischen Wandels, die auch Strukturbrüche ("Transformationen" ?!) vorsehen.

---

Samstag, 7. August 2010

Basarökonomie

Droht Deutschland die Deindustrialisierung?

"Basarökonomie" soll heißen, dass
"deutsche Industrieunternehmen zu Handelsvertretungen verkämen. Der in Deutschland erstellte Mehrwert würde sich auf das Aufkleben der Markenschilder beschränken, während die eigentliche Produktion außerhalb der Landesgrenzen stattfände. Die Exporte blieben zwar hoch, die Importe aber würden steigen." (Gornig/Kritikos)


Das Schlagwort "Basarökonomie" geht auf Hans-Werner Sinn zurück.

Gornig/Kritikos halten diese These aufgrund der aktuell beobachtbaren Entwicklung widerlegt. Denn:

"Vielmehr war die Entscheidung gefragt, entweder die Produktion in einem Industriezweig in Deutschland ganz aufzugeben oder sie hier mit allen wesentlichen Komponenten fortzuführen. Die Folge war ein intensiver sektoraler Strukturwandel."


Martin Gornig, Alexander Kritikos: Totgesagte leben länger: Zu den Perspektiven des Industriestandortes Deutschland. DIW-Wochenbericht Nr. 31/2010 vom 4. August 2010.

Wie dem auch sei: Der Industriestandort wie auch die Wissensgesellschaft Deutschland bzw. Europa hängen ab von ihrer Infrastruktur sowie der Qualifikation der Menschen. Wer aufgrund angeblicher Sparzwänge in der politischen Rhetorik einen Austeritäts-Diskurs forciert und realpolitisch Investitionen im eigenen Lande zurückfährt oder gar ganz zum Versiegen bringt, wie das in den letzten Jahrzehnten in Europa zu beobachten ist, sägt auf kurz oder lang den eigenen Ast ab, auf dem man noch sicher zu sitzen glaubt.

Donnerstag, 5. August 2010

Krugman über Steuerschwindelpolitiker

Paul Krugman befasst sich in seiner Kolumne vom 5. August 2010 mit dem republikanischen Abgeordneten Paul Ryan und seinem “Roadmap for America’s Future”, der derzeit von den US-Medien hochgejubelt worden ist.

The Flimflam Man, The New York Times, 05.08.2010

Er stellt fest, dass die von Ryan hinausposaunten Einsparungen am Staatshaushalt auf einer Milchmädchenrechnung beruhen, auf heroischen Annahmen und Außerachtlassen von realistischen Prognosen. Im Grunde wird von Ryan trotz widriger Wirtschaftssituation wiederholt, was Republikaner in den letzten Jahrzehnten immer wieder versucht haben: Steuerermäßigungen für die obersten Zehntausend durchzudrücken und Kürzungen an Leistungen samt Steuererhöhungen für die mittleren und unteren Einkommensgruppen.

Das aktuelle Medienspektakel zeigt lediglich, nicht dass die US-Republikaner politisch weiser geworden seien, sondern dass sie die US-Medien noch immer fest im Griff haben.

Die funktionalistische Schichtungstheorie

(1) Talcott Parsons (1940): Ansatz zu einer analytischen Theorie der sozialen Schichtung

„soziale Schichtung“: die differentielle Rangordnung, nach welcher Individuen in einem gegebenen sozialen System eingestuft werden und die es bedingt, dass sie in bestimmten, sozial bedeutsamen Zusammenhängen als einander über- und untergeordnet behandelt werden

Dieses Rangordnungssystem beruht also auf den in dem jeweiligen sozialen System vorherrschenden Maßstäben moralischer Wertung („Schichtungsskala“), bei Parsons ein Hauptaspekt der „normativen Orientierung“ des sozialen Handelns (diese stellt eine analytische Kategorie dar aus seiner „Theorie des Handelns“ [action theory]).

(2) Kingsley Davis (1942)

„Schichtung“: die ungleiche Bewertung verschiedener Positionen

„Position“: ein Platz in einer jeweils gegebenen Sozialstruktur

„Wert“: die Einstellung, welche ein Objekt als wünschenswert oder nicht wünschenswert definiert und somit die Auswahl zwischen verschiedenen Zielen erklärt

Die allgemeinen Werte bestimmen das Prestige-System einer Gesellschaft und dienen als Basis für Bewertungen und Solidaritätsgefühle innerhalb der gleichen Schicht.
Wenn das Wertesystem und dessen Erhaltung bereits ein notwendiges Ziel darstellt, so beinhaltet es außerdem ein besonderes System von Zielen, die ihrerseits spezifische Bedürfnisse hervorrufen, welche zu erfüllen die sozialen Positionen geschaffen sind. Die Rangordnung der Werte einer Gesellschaft führt demnach zu einer Rangordnung der Bedürfnisse, und diese wiederum strukturiert eine dementsprechende Rangfolge der sozialen Positionen.

Eine Position wird desto höher bewertet, je bedeutender und wichtiger das gesellschaftliche Bedürfnis ist, dem sie dient, gemessen an der jeweiligen allgemeinen gesellschaftlichen Rangordnung der Werte. Es wird also nichts anderes bewertet als der „funktionale“ Beitrag, den eine soziale Position für das gesamte System leistet: „die Bedeutung seiner Funktion“.

Daneben gibt es noch zwei weitere Faktoren, die modifizierend in die Bewertung eingreifen, nämlich die „Seltenheit der Mittel“ zur Erfüllung einer bestimmten Funktion, sowie die Anzahl der Personen, die vom Inhaber einer bestimmten sozialen Position kontrolliert werden müssen, sowie das Ausmaß dieser Kontrolle.

(3) Davis/Moore (1945)
Ausgehend von der These, dass keine Gesellschaft klassenlos oder ungeschichtet sei, wird der Versuch unternommen, mit funktionalistischen Kategorien die universelle (d. h. für alle Gesellschaften wirksame!) Notwendigkeit zu erklären, die in allen Gesellschaftssystemen Schichtung hervorrufe.

Die Problemstellung wird in zweierlei Aspekte aufgegliedert:
a) Warum erlangen verschiedene soziale Positionen unterschiedliche Grade an Prestige?
b) Wie gelangen die verschiedenen Individuen in diese unterschiedlichen sozialen Positionen?

Um als soziales System funktionieren zu können, muss eine Gesellschaft ihre menschlichen Glieder 1. mit irgendeinem wirksamen Mechanismus auf die erforderlichen und entsprechend vorhandenen Positionen verteilen und 2. jene dazu bringen, diese Positionen mit deren spezifischen Handlungserwartungen pflichtgemäß auszufüllen.
Wenn die mit den verschiedenen Positionen verknüpften Pflichten alle gleichermaßen angenehm wären für die betreffenden Menschen sowie in gleichem Maße wichtig für das Überleben der betreffenden Gesellschaft und sämtlich dieselben Fähigkeiten und Talente beanspruchten, machte es keinen Unterschied, wer welche Positionen besetzt. Die Frage der sozialen Schichtung wäre dann von geringer Bedeutung, da das Problem der sozialen Platzierung für die Gesellschaft irrelevant wäre. Tatsächlich besteht jedoch ein großer Unterschied in dem Ausmaß, in dem bestimmte Positionen angenehmer zu erfüllen sind als andere, einige besondere Ausbildung oder Talente erfordern sowie für die Gesellschaft insgesamt funktional wichtiger sind.

Die Konsequenz hieraus ist folgende: Notwendigerweise muss eine Gesellschaft 1. über irgendeine eine Art von Belohnung verfügen, die sie als Anreiz einsetzt, und 2. ein Verfahren, um diese Belohnungen entsprechend den Positionen unterschiedlich zu verteilen. Die Belohnungen und ihre Verteilung werden zu einem Teil der sozialen Ordnung und lassen in dieser Weise ein System sozialer Schichtung entstehen.
Soziale Ungleichheit ist demzufolge ein unbewusst entworfener Plan, durch den Gesellschaften gewährleisten, dass die wichtigsten Positionen gewissenhaft von den qualifiziertesten Personen ausgefüllt werden.

Daher heimsen im Allgemeinen solche Positionen die besten Belohnungen ein und erhalten den höchsten Rang zuerkannt, die
a) die größte Bedeutung für die Gesellschaft haben,
b) die meiste Ausbildung oder das größte Talent erfordern.

Einschränkend kann man jedoch hinzufügen, dass eine Gesellschaft die sozialen Positionen nicht im genauen Verhältnis zu ihrer funktionalen Bedeutung belohnen muss. Es reicht in der Regel völlig aus, dass die Belohnungen genügend reichlich sind, dass dabei gesichert wird, dass die sozialen Positionen mit angemessener Kompetenz ausgeübt werden.

(4) M. J. Levy (1950; 1952)
In jeder Gesellschaft gibt es eine Anzahl von Aktivitäten, die regelmäßig ausgeführt werden müssen, damit die Gesellschaft dauerhaft bestehen kann. Diese Aktivitäten müssen unterteilt und entsprechend ausgebildeten und motivierten Individuen zugeordnet werden. Die universellen Probleme des Mangels und der Ordnung sind unlösbar ohne legitimierte Zuordnung von Eigentumsrechten sowie Autorität. Und diese wiederum sind unerreichbar ohne eine vernünftig integrierte Rollendifferenzierung.
„Schichtung“: der besondere Typ von Rollendifferenzierung, welcher unterscheidet zwischen höheren und tieferen Standorten vermöge eines oder mehrerer Kriterien
Insofern die Universalität des Mangels gegeben ist, ist wesentlich ein System differentieller Zuordnung der seltenen Werte der Gesellschaft (Reichtum, Macht, Magie, Frauen, zeremonieller Vorrang, usw.). Sanktionen und Initiative müssen an bestimmte Statuspositionen in unterschiedlichem Maße vergeben werden.

(5) Tumin (1953)
Tumin liefert eine Kritik an Davis/Moore.
Dabei gesteht er Davis/Moore Folgendes zu: Es seien zwei Arten von Ungleichheiten universell gegeben, d. h. in jeder Gesellschaft existent:
a) die Ungleichheit zwischen den Normkonformen und den Abweichlern von sozial vorgegebenen Normen;
b) die Ungleichheit zwischen voll sozialisierten und den nicht oder unvollständig sozialisierten Mitgliedern einer Gesellschaft.

Er bestreitet jedoch sodann, dass soziale Schichtung aus der notwendig unterschiedlichen Belohnung erklärt werden könne. Dabei stellen für ihn die spezifische Verantwortung und damit einhergehenden Vorrechte einer bestimmten sozialen Position nur Mittel zum Funktionieren des sozialen Systems dar, nicht jedoch eine unterschiedliche gesellschaftliche Wertung von Positionen.
Entgegen Davis/Moore sieht Tumin ganz andere Funktionen, besser gesagt: soziale Wirkungen von sozialer Schichtung.

a) Soziale Schichtung schränkt die Möglichkeiten zur Entdeckung von verfügbaren Talenten in der Gesellschaft ein. Dies resultiert aus der Tatsache des ungleichen Zugangs zu angemessener Motivation, zu Rekrutierungskanälen und Ausbildungszentren.

b) System sozialer Schichtung versorgen Eliten mit der politischen Macht, die sie benötigen, um die Akzeptanz und Dominanz ihrer konservativen Ideologien zu erlangen, die den Status quo als „natürlich“ und „moralisch gerechtfertigt“ legitimieren.

c) Soziale Schichtung verteilt günstige Selbstbilder (von der eigenen Person) bzw. das Selbstwertgefühl ungleich unter der Bevölkerung.

d) Insofern die Ungleichheiten im Hinblick auf die sozialen Belohnungen für die weniger Privilegierten in der Gesellschaft nicht voll akzeptabel gemacht werden kann, erzeugt soziale Schichtung Feindseligkeit, Argwohn und Misstrauen zwischen den unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft und schränkt daher die Möglichkeiten einer höheren sozialen Integration ein.

e) Insofern Sinn und Bedeutung signifikanter Mitgliedschaft vom Platz eines Individuums auf der Prestige-Leiter einer Gesellschaft abhängen, bewirkt soziale Schichtung, dass signifikante Mitgliedschaften in der Gesellschaft ungleich verteilt werden. Daraus folgen Ungleichheit in der Loyalität zum Gesamtsystem sowie in Motivation bzw. Apathie.

An weiteren Kritikpunkten führt Tumin an:

Daraus, dass ein soziales Element überall anzutreffen sei, kann logisch nicht zwingend geschlussfolgert werden, dass es eine positive Funktionalität aufweise oder seine Existenz unvermeidlich sei.

Die Gewissenhaftigkeit, mit der eine soziale Position ausgefüllt werde, hängt nicht allein von der Höhe der Belohnung ab, sondern auch
a) wie gut verfügbare Talente identifiziert werden,
b) wie gut sie ausgebildet werden,
c) wie angemessen sie platziert werden, und
d) wie stark die Handelnden motiviert sind, gewissenhaft zu sein.
Maximale Ausschöpfung von Talent erfordert somit die Chancengleichheit im Wettbewerb um die vorhandenen Stellen.

Zudem besteht in jedem hierarchischen System mit formal differenzierten und unterschiedlich bewerteten Positionen (Bürokratie) ein beständiger Druck zur Neudefinition bestehender Belohnungen und Bewertungen durch die davon Betroffenen (relative Deprivation, soziale Vergleichsprozesse mit relevant gehaltenen Bezugsgruppen). Es steht zu vermuten, dass Ungleichheiten der Belohnung für einen ähnlichen Grad an Gewissenhaftigkeit oder Leistung eher eine Abnahme als eine Zunahme derselben bewirken.


Kingsley Davis, Wilbert E. Moore: Some Principles of Stratification. ASR 1945, S. 243-249. Dt.: Einige Prinzipien der Sozialen Schichtung (1945). In: Hans Hartmann, Hrsg.: Moderne amerikanische Soziologie. Stuttgart 1973, S. 396-410.

Melvin M. Tumin: Some Principles of Stratification. A Critical Analysis. ASR 1953, 18, S. 387-394.

Kingsley Davis: Reply. ASR 1953, S. 394-397.

George A. Huaco: A Logical Analysis of the Davis-Moore Theory of Stratification. ASR, 1963, 28, S. 801-804.

Arthur L. Stinchcombe: Some Empirical Consequences of the Davis-Moore Theory of Stratification. ASR, 1963, 28, S. 805-808.

Renate Mayntz: Kritische Bemerkungen zur funktionalistischen Schichtungstheorie. In: D. W. Glass, René König, Hrg.: Soziale Schichtung und soziale Mobilität. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 5. Köln 1965, S. 10-28.

Ralf Dahrendorf: Die gegenwärtige Lage der Theorie sozialer Schichtung. Sowie ders.: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen. In: ders.: Pfade aus Utopia. München 1967.

Erhard Wiehn: Theorien der sozialen Schichtung. München 1968.