Montag, 5. März 2012

Mein Krampf

Das Urheberrecht dient am allerwenigsten dem Schutz der Rechte eines Urhebers. In der Regel dient es den Monopolansprüchen eines Unternehmens im Hinblick auf die Verwertung geistigen Eigentums, das andere produziert haben. Nebenwirkung davon kann sein, dass damit auch wirksam die Rechte auf freien Zugang zu Informationen beschnitten werden kann.

Der mehr oder minder offen geführte Streit um die Publikation von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ist hierfür ein Paradebeispiel.

Vergessen ist heute die „Affäre Wolffsohn“. Georg Geismann, Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Bundeswehr-Hochschule in München, hatte für seine Studenten drei Veranstaltungsabende angesetzt, um Auszüge aus Hitlers „Mein Kampf“ öffentlich zu lesen und zu diskutieren.

Sein damaliger Kollege Michael Wolffsohn hatte nun dies zum Anlass genommen, bei den Universitätsorganen sowie in den Medien eine Verleumdungskampagne gegen Geismann anzustrengen. Die Rhetorik und der scheinargumentative Schlagabtausch dieser Kampagne sind heute noch studierenswert, zumal sich in Deutschland diesbezüglich noch immer wenig geändert hat.

Da es hier auch noch um die Frage der Freiheit von Wissenschaft und Forschung handelt, ist hier noch folgende anekdotische Anmerkung Geismanns beachtenswert, dass ihm nämlich seinerzeit von Erwin K. Scheuch auch noch vorgeworfen wurde, Geismann mache an der Bundeswehr-Hochschule Propaganda für Kriegsdienstverweigerung. Dieser Vorwurf übertraf Scheuch noch durch seine Behauptung, eine Bundeswehr-Universität sei ein „Tendenzunternehmen“, was mit sich bringe, dass deren Beschäftigten die politischen Grundüberzeugungen ihres Dienstherrens öffentlich vertreten müssten.

Letzterer Fall erinnert in vieler Hinsicht an den Fall des Mathematikers Emil Julius Gumbel, der ab 1930 außerordentlicher Professor für mathematische Statistik an der Universität Heidelberg gewesen war.

„Als Gumbel auf einer internen Sitzung der Heidelberger Sozialistischen Studentenschaft in Erinnerung an die Hungertoten des Kohlrübenwinters 1917/18 davon sprach, dass eine Kohlrübe sich besser als Kriegerdenkmal eigne als eine leichtbekleidete Jungfrau, wurde ihm im Sommer 1932 die Lehrberechtigung entzogen.“ (Emil Julius Gumbel)

Georg Geismann, (1994): Die Affäre Wolffsohn oder Die Nachwehen der deutschen Vergangenheit. UNSPECIFIED. (Unpublished)

Christian Peters, Arno Weckbecker: Auf dem Weg zur Macht. Zur Geschichte der NS-Bewegung in Heidelberg 1920–1934. Dokumente und Analysen. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Hartmut Soell. Zeitsprung Heidelberg. ISBN: 3-924085-00-5.

Freitag, 2. März 2012

Iwan Petrowitsch Pawlow

„Der Artikel beginnt sehr gut, doch nach 1877 kam gar nichts mehr, nur noch der Nobelpreis. Da hatte der Schreiber dann keine Lust mehr?“
So ein Leser auf der betreffenden Diskussionsseite.

Tatsächlich hat der Autor keine Lust mehr gehabt; zumindest innegehalten, um als nicht in Physiologie bewanderter Laie die vielfältigen Experimente und Forschungsresultate von Iwan Petrowitsch Pawlow nach 1877 auch noch zu resümieren. Nachdem Benutzer:Meffo allerdings gesperrt worden ist, hat sowieso die Frage nach dessen Motivation jegliche praktische Relevanz eingebüßt.

Tatsächlich verdiente aber dieser Artikel allerdings den Vermerk „unvollständig“.

Die Leserfrage zeigt jedoch auch exemplarisch, welche Erwartungshaltung an Wiki-Autoren gerichtet wird: möglichst alles perfekt, sofort und natürlich umsonst.

Den minimalen Rechten des Autors steht, wie er sogleich merken wird, ein Maximum an Pflichten gegenüber. Der Autor muss sich mit der Zeit wie ein nützlicher Idiot vorkommen. Genau wie der Lohnabhängige an seinem Arbeitsplatz: Er darf nicht so dumm sein, dass er seine Arbeit nicht erledigen kann, aber dumm genug, sie überhaupt auf sich zu nehmen. Warum soll man sich aber so etwas freiwillig antun?!

Charles Kindleberger

Mit Manias, Panics and Crashes (1978) hat Charles Kindleberger eine umfassende Wirtschaftsgeschichte der Finanzkrisen geschrieben, die bis auf die Zeiten des South Sea Bubble zurückgeht.

Finanzblasen sind typischer Weise immer dann aufgetreten, wenn unerwartete gute Nachrichten die Märkte erreicht haben. Es wird in die neuen Profitgelegenheiten angelegt, und sogleich mehr, als diese realistischer Weise hergeben können.

Kindlebergers nur allzu vernünftige, aber nicht gerade originell erscheinende These befindet sich aber in eklatantem Widerspruch zu der Theorie der rationalen Märkte, an die die Schulökonomen so gerne glauben.

Falsch verlinkt

Der Artikel Charles Kindleberger auf wikipedia.de ist eine ziemlich getreue Übersetzung der englischsprachigen Fassung von Charles Kindleberger auf en.wikipedia.org. Geradezu irreführend ist hierbei jedoch die folgende Wiedergabe:
„Bekannt wurde er unter anderem für seine hegemonische Stabilitätstheorie.“
In der englischsprachigen Fassung steht hingegen:
“He is well known for hegemonic stability theory.“
Nun ist die “hegemonic stability theory“ eine These auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen; die Stabilitätstheorie jedoch eine Theorie auf dem Gebiet der Mathematik.

Die eine Theorie hat mit der anderen nichts zu tun.

Economics focus: Of Manias, Panics and Crashes. The Economist, 19. Juli 2003. S. 66.

Sonntag, 26. Februar 2012

Qualitätsfundamentalismus

„Es ist Zeit, von dem zu schweigen, was mich selbst betrifft; man gewinnt niemals dabei, wenn man von sich selbst redet, und das Publikum verzeiht diese Unbesonnenheit nur selten, selbst dann nicht, wenn man dazu gezwungen ist. Die Wahrheit selbst ist so unabhängig von denen, die sie bestreiten, wie von denen, die sie verteidigen, daß die Schriftsteller, die darüber streiten, sich gegenseitig ganz vergessen sollten, man würde viel Papier und Tinte sparen. Allein, diese Regel, welche mit mir so leicht zu befolgen ist, ist dies keineswegs gegenüber meinem Gegner, und dieser Unterschied ist für meine Erwiderung keineswegs ein Vorteil.“ (J.-J. Rousseau, S. 4)
Von „Qualität“ wird heutzutage hierzulande überall da gesprochen, wo aufgrund von Kosten oder Mühe herkömmliche Anforderungen über Bord geworfen werden, wie etwa beim „Qualitätsjournalismus“ oder bei den zertifizierten Herkunftslabeln bei Lebensmitteln. Eine professionelle, gewinnwirtschaftliche Basis erhält solch systematisches Bemühen im Beruf des „Qualitätsmanagers“, wozu selbstverständlich auch fach- und sachgemäße EU-Normen existieren.

Benutzer:Meffo hat neulich nun dem Benutzer:Ca$e vorgeworfen, auf wikipedia.de einen heiligen Krieg für den Qualitätsfundamentalismus zu führen.

„Wenn eine Lemmaformulierung überarbeitet ist, so ist diese auch in Übereinstimmung mit der angegebenen Literaturstelle vorzunehmen. Alles andere wäre dem Autor eine Aussage zu unterstellen, die er nicht gemacht hat. Der von mir zitierte Lexikonautor bezieht sich auf Sumner; dieser hat gewiss nicht an die ideologischen Agenda gedacht, die für viele heute auf der Tagesordnung stehen. Es geht hier aber um einen soziologischen Fachbegriff.- Das "Hinterherrennen" von ca$e zeigt sich mir gegenüber als persönliches Stalking, neuerdings auch auf Stichworten wie [[Ethnozentrismus]] oder [[Konstruktivismus (Internationale Beziehungen)]], die gewiss nicht zum Gebiet der Philosophie zählen. Auch hier zeichnet sich Ca$e durch unflätige Globalurteile aus ("Murx" usw.), die im Einzelnen nicht belegt sind, sowie persönliche Angriffe, von denen ich nur ahnen kann, inwiefern diese gerechtfertigt sind (es sei denn, dass auf eine spezielle History zurückgegriffen wird, deren Beginn mir keineswegs bewusst ist). Es wird hier durchgehend ein Qualitätsfundamentalismus zelebriert, mit dem alles andere niedergemacht wird und nur das eigene Urteil gilt. Das Resultat für die nachfolgenden Bearbeiter der entsprechenden Stichworte ist feststellbar: Wo Ca$e einmal gewütet hat, ist jede produktive Tätigkeit eingestellt. Ich würde jemanden vorziehen, der sich nicht als Besserwisser (qua Amt?!) aufspielt, sondern nachweislich auch wie alle anderen auch Verbesserungen am Text einbringt. Dass dieser User mir Ärger macht, ist seine ganz spezifische Besonderheit. Und ich bin nicht dafür, die ihm eigentümliche Urteilskraft zum Maß aller Dinge hier zu machen. Wie es aber hier explizit herausgestellt wird, hat dieser es sich von Anfang an zum Ziel erhoben, mich hinauszuekeln, was sicherlich seinem elitären Anspruch gemäß wäre. --[[Benutzer:Meffo|meffo]] 10:56, 29. Jan. 2012 (CET)“
Da erstgenannter Nutzer in der Regel sachliche Gründe für seine Werturteile vorweisen kann, stellt sich die Frage, was hierunter zu verstehen sei. Hinweise ergeben sich aus Einschätzungen von dritter Seite, etwa von der New York Times:
“In August 2009, Wikipedia announced that it planned a move that many saw as a step away from its freewheeling ethos of anyone can edit. The plan, called "flagged revisions," would be limited to articles about living people, and would require that material be signed off on by an experienced editor before it would be seen by the general reader. In essence, there would be a layer of review that would prevent some "edits" from appearing immediately. To supporters of the plan, this was not much of an intrusion on the normal course of things, since many articles are "protected" already, meaning casual users cannot edit them at all. Under flagged revisions, the thinking goes, at least anyone can make a change, even if those changes won't appear immediately.” (Noam Cohen, Wikipedia)
„Fundamentalismus“ tritt als Begriff mit Familienähnlichkeiten von Bedeutungen auf. Bevor er in der öffentlichen Debatte als Kampfbegriff aufgenommen wurde, wurde er in philosophischen, ideologiekritischen und sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen benutzt. Kurt Salamun schlägt vier Bestimmungsmerkmale vor, um den Begriff auf religiöse und politische Weltanschauungen anzuwenden: „absoluter und ausschließlicher Wahrheitsanspruch, elitär-autoritäres Erkenntnisideal, monistisches Totalitätsstreben, starke Tendenz zum Alternativ-Radikalismus“.

„Qualitätsfundamentalismus“ ist dann die Reduktion der Beurteilung von Textbeiträgen im Hinblick auf die Übereinstimmung mit einem fundamentalistisch verstandenen Kriterium der Qualität, das sich vorwiegend an der Befolgung formaler Kriterien ausrichtete. So wird etwa von Alfred Kieser im heutzutage zum Brauch erhobenen Wissenschaftler-Ranking das Zählen von Veröffentlichungen in Mainstream-Zeitschriften als eine „Tonnen-Ideologie“ gebrandmarkt, wie sie man aus fehlgeschlagenen planwirtschaftlichen Experimenten kennt.

Die besagte Ideologie gründet jedoch nicht bloß auf einem vereinfachten oder rigiden Weltbild, sondern dient auch als Instrument in der machtpolitischen Auseinandersetzung mit ausgewählten Gegnern. Vorbedingung dafür ist sicherlich, dass dieselben rigiden Regeln nur als elitäres Totschlag-Argument gegenüber anderen Teilnehmern eingesetzt werden, deren Anwendung auf das eigene Handeln jedoch strikt abgewiesen wird.

Der deutsche Wikipedia-Forscher Christof Kerkmann kommt zu einer vergleichbaren Diagnose wie die New York Times. In einem Forschungsprojekt stellte er fest, dass die Legende vom egalitären Mitmach-Lexikon nicht mehr stimmt. Es habe sich eine «Herrschaft der Administratoren» etabliert - einem kleinen Kreis von Mitarbeitern, die sich durch Engagement bewährt und von der Community besondere Rechte bekommen haben. In Deutschland halten ein paar Tausend Aktivisten die Wikipedia am Laufen. Dieser Zirkel hat strenge Regeln für Mitarbeiter formuliert - Stegbauer nennt dies eine «Produktideologie». In Deutschland ist vor allem die Relevanz immer wieder ein Streitthema. Die Liste mit Relevanzkriterien ist umgerechnet rund 30 DIN-A4-Seiten lang und formuliert Regeln für Hunderassen, Pornostars und Brauereien. Viele Neulinge blicken nicht mehr durch - und steigen aus. «Man will Leute, die keine Ahnung haben, draußen halten», sagt Stegbauer. Als Endstadium ist Enzyklosklerose vorprammiert.

Auf der Wikipedia, so sollte man meinen, ist alles geregelt. Doch Anomie kann nicht nur durch Normlosigkeit (normlessness), sondern auch durch eine Überzahl geltender Regeln verursacht werden, die damit notwendigerweise in Widerspruch zueinander geraten müssen.

Zur Anwendung einer allgemeinen Regel bedarf es stets eines konkreten Anwenders. Und wenn Anwender in Streit über die „richtige“ Anwendung eintreten, so entscheidet stets der Machtkampf zwischen diesen, welche Regelanwendung denn die im Einzelfall die „adäquate“ sei. So wie der französische Soziologe Michel Crozier die Frage der Regelanwendung innerhalb einer Organisation als Bestandteil einer Strategie der handelnden Individuen in ihren "Machtspielchen" ansieht. In unserem Fall, und kurz gesagt: „Der Administrator hat immer Recht.“ Wie bei Rousseau der Allgemeinwille kein Allgemeinwille mehr ist, wenn er nicht dem Gesamtinteresse aller entspricht, so ist auf der deutschen Wikipedia ein Administrator kein Administrator mehr, wenn er nicht immer Recht hat.

Und damit sich ein einfacher Nutzer wie mit seinen Diffamierungen anderer Benutzer durchsetzt, benötigt er lediglich einen ganz kurzen Draht zu einem derart beschaffenen Administrator.

Auch gegen derlei Administrator-Beschlüsse gibt es selbstverständlich einen Weg, förmlichen Einspruch einzulegen. Das ergibt aber in einer derlei gestalteten Situation so viel Sinn, als sich selbst bei einem Psychiater zu melden, um sich seine „Normalität“ bescheinigen zu lassen.

Einleitung, zu: Kurt Salamun, (Hrg.): Fundamentalismus „interdisziplinär“. LIT Verlag Wien 2005. ISBN 3-8258-7621-7. S. 10 / Kurt Salamun: „Fundamentalismus“ – Versuch einer Begriffsklärung und Begriffsbestimmung. S. 21-46

Bemerkungen von J. J. Rousseau aus Genf über die Antwort des Königs von Polen auf seine Abhändlung. In: Jean-Jacques Rousseau: Schriften, hrg. Henning Ritter. Band I, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 1988. ISBN 3-596-26567-3

Christof Kerkmann, dpa: Der unerwartete Siegeszug der Wikipedia

Freitag, 10. Juni 2011

Dienstag, 7. Juni 2011

Historizismus


Im Jahre 1913 notierte W. I. Lenin, dass J. Segond,(1) in einer Rezension eines Werkes von Antonio Aliotta (2) die Philosophen Rickert, Croce, Münsterberg und Royce zur Richtung des „Historizismus“ zusammengefasst hatte.(3) Außerhalb Deutschlands werden „Historismus“ und „Historizismus“ oft nicht unterschieden, in der deutschen Tradition sehr wohl.(4)

Hans Albert zum Beispiel reservierte mit guten geistesgeschichtlichen Gründen den Begriff „Historismus“ für die Richtung, die in Gegensatz zu den sog. „nomothetischen“ (5) Wissenschaften in der Geschichtswissenschaft keinerlei theoretische Erkenntnis suchte. Während „Historismus“ bei Albert also einen Verzicht auf theoretische Erklärung kennzeichnet, so ist der Begriff des „Historizismus“ von Karl Popper gerade im Gegenteil gegen die Zielsetzung nomologischer Erkenntnis über den Geschichtsprozess gerichtet.
„Die Grundsätze des Historizismus – daß es die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist, historische Prophetien hervorzubringen, und daß diese historischen Prophetien für jede rationale Theorie erforderlich sind – sind heute aktuell, da sie einen sehr wichtigen Bestandteil jener Philosophie bilden, die sich selbst gern als ‚Wissenschaftlichen Sozialismus‘ oder ‚Marxismus‘ zu bezeichnen beliebt.“ (6)
Karl Popper will demzufolge den Historizismus und dabei gleichzeitig den Marxismus kritisieren, weil sie seiner Auffassung nach Prophezeiungen für nötig hielten und diese auch zu liefern anstrebten. Dabei behauptet Popper, er wolle seriös vorgehen, treibt aber sogleich mit dem Leser ein Verwechslungsspiel in der Art von Shakespeares Sommernachtstraum, indem er sich bei seiner Kritik nicht auf bestimmte Autoren mit sorgfältig belegten Textstellen bezieht, sondern einen Ismus samt dazugehörigen Neologismus konstruiert. Dem Leser bleibt überlassen, für sich selbst herauszufinden, was dieser Ismus eigentlich bedeute und ob das, was Popper über diesen Ismus behauptet, konsistent sei oder vielmehr in sich inkonsistent sowie dann mit dem übereinstimme, was Popper bei anderen Autoren behauptet gefunden zu haben.

Es ist daher im ersten Schritt einmal zu inventarisieren, was uns an Thesen über Poppers Historizismus in seinem Vortrag aus dem Jahre 1949 alles so begegnet, dem Jahre, da die Menschheit wieder einmal in eine „tödliche Gefahr“ „hineingetaumelt“ sei und Popper sich verantwortungsvoll dem „Gebot der Stunde“ stellt, so salbungsvoll wie unheilsschwanger der Original-Orakelton Popper.(7) (Der Redner hat noch selten eine weltpolitische Katastrophe verschmäht, um auf die Aktualität seines eigenen schicksalhaften Kampfes mit dem Marxismus hinzuweisen. Wer selbst keine Werbung für sich macht, wer dann?)

(a) Eine zentrale Idee des Historizismus sei, dass „die Voraussage von Revolutionen ebenso gut möglich sein müsse wie die Voraussage von Sonnenfinsternissen“. (8)
(b) Die Aufgabe der Sozialwissenschaften besteht ebenso wie der Naturwissenschaften darin, Prognosen aufzustellen; insbesondere Prognosen über die soziale und politische Entwicklung der Menschheit.
(c) „Sobald solche Prognosen einmal aufgestellt sind, kann man die Aufgabe der Politik festlegen.“ (9)
(d) Der Weltgeschichte liege ein göttlicher Plan (Vorsehung) zugrunde; es gebe zur Mitwirkung hierzu ein auserwähltes Volk.
(e) Die enge Verbindung zwischen Astronomie und Historizismus werde in der Astrologie sichtbar. (10)
(f) Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Prognose, die stets bedingt sei, sei eine Prophezeiung (im Sinne des Historizismus) (notwendigerweise) unbedingt.

Ein kurzer Blick über die Thesen (a) bis (f) zeigt, dass sie zwar vielerlei Berührungspunkte untereinander aufzuweisen scheinen, dass sie sich aber dennoch auf grundsätzlich verschiedene Dinge oder Sachgebiete beziehen, nämlich auf Astronomie, auf Sozialgeschichte, auf politische Gestaltungsaufgaben, auf Heilslehren sowie auf Astrologie. Schließlich soll u. a. hier auch noch (außer dem Alten Testament mit seinen Propheten) die Theorien von Platon, Hegel, Comte, Marx und John Stuart Mill im Bunde sein. Popper mag mit seinem Begriff von „Historizismus“ vielleicht Plan und Absicht verfolgen, selbst eine allumfassende Geschichtsphilosophie zu liefern; den zwischen den genannten Aspekten existenten gemeinsamen Begriffsinhalt aufzuzeigen ist ihm aber mit einer solchen Aufreihung noch keinesfalls gelungen. Wie denn auch, da er sich nur auf Unterstellungen angibt, nicht aber Nachweise der Sache bei den genannten Autoren. Es reicht insbesondere nicht aus, rhetorisch eine Äquivokation zu benutzen und etwa beim Marxismus wie im Alten Testament von „Prophezeiung“ oder von „Astrologie“ zu reden.

Popper bezieht sich hilfsweise dann noch auf die anderen zwei von ihm bekannten „sozialphilosophischen“ Schriften. Folgende Fragestellungen werden aber von Popper in der „Problemexposition“ seines Vortrags ziemlich wirr durcheinander geworfen:
1. eine philosophische Deutung von Geschichte
2. Annahme von Gesetzmäßigkeit in der Geschichte (11)
3. der Begriff der "Entwicklung" (Organismus-Analogie; bei Aristoteles „Entelechie“)
4. die Zielsetzung der Voraussage
5. die Ableitung politischer Handlungsanleitungen.

Schon bei der begrifflichen Bestimmung der Standpunkte, die Popper zu widerlegen unter-nimmt, fällt auf, dass sein Begriff für seine Erkenntnisabsichten nicht trennscharf genug ist, sondern eher eine Äquivokation darstellt, d. h. ein und dasselbe Wort wird mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Dies erlaubt es auf unmerkliche Weise, zwischen verschiedenen Fragen hin- und herzuwechseln, und dabei das, was an einer Stelle bewiesen zu sein scheint, auf andere Stellen zu beziehen, wo dies alles andere als bewiesen ist. Ein solches Begriffsragout mag agitatorisch äußerst zweckmäßig sein, aber nicht dazu, uns auf dem sichersten Weg in der Erkenntnis voranzubringen. Popper ist natürlich listig genug, diesen grundlegenden Einwand gegen seine rhetorische Methode vorauszusehen, und wehrt ihn ab. Das heißt aber nicht, dass sein wirkliches Vorgehen genau darauf aufbaut – was selbst einige Popper-Schüler später, meist nach dem Ende Schülerschaft, nicht anstanden zu beanstanden.

Poppers Abhandlung von „Prognose“ und „Prophezeiung“ erfüllt eine Doppelfunktion: 1. geht es ihm um wissenschaftliche Methodologie,(12) 2. um Ideologiekritik im Sinne von „Aufklärung“.(13) Diese doppelte Art von Zielsetzung ist jedoch alles andere als frei von einem Zielkonflikt.

Denn die Ideologiekritik erfolgt keineswegs ergebnisoffen, sondern ist von vornherein darauf festgelegt, den Marxismus zu desavouieren. Nur so ist es zu verstehen, dass Popper nicht den gewöhnlichen Gang einschlägt, zuerst die Theorie mit ihrer Problemstellung zu rekonstruieren und sodann zu prüfen, was haltbar und nicht haltbar ist. Er geht vielmehr anders vor: Er konstatiert, dass der rationale Kern des Marxismus in seiner Irrationalität liege; wenn jedoch der historizistische Kern des Marxismus zerstört sei, sei auch der wissenschaftliche Anspruch des Marxismus vernichtet.(14) Poppers Ausgangspunkt hierbei ist damit aber selbst höchst irrational, denn der rationale Kern einer Theorie kann nicht in deren Irrationalität liegen. Hier hat sich Popper selbst in den Holzwegen des von ihm verdammten absoluten Idealismus vergaloppiert: wo die Vernunft aufhört, wird als Grenzbegriff das Absolute als das Irrationale postuliert und zur Grundlage des Rationalen gemacht.

Die Exposition der Methodologie von „Prognose“ ist keinesfalls unabhängig vom Ziel der Ideologiekritik. Denn mit seiner Definition von „Wissenschaft“ grenzt Popper alternative Wissenschaftskonzeptionen per fiat aus (etwa eine „Revolutionswissenschaft“). So ist auch die Gegenüberstellung von „Prognose“ und „Prophezeiung“ nicht aus reiner Methodologie heraus zu rechtfertigen. Aus Poppers Methodologie ergibt sich lediglich eine rationale Rekonstruktion der logischen Grundlage des Verfahrens einer wissenschaftlichen Prognose und darin negativ impliziert der Ausschluss von Verfahren, die diese Kriterien gar nicht oder nur unvollständig erfüllen. Keineswegs ist die Residualkategorie „Nicht-Prognose“ begriffslogisch damit identisch, was Popper oder andere bislang (mit Sicherheit unabhängig davon) unter „Prophezeiung“ verstanden haben. „Prophezeiung“ ist ein religionsgeschichtlicher Begriff, der gemeinhin auf das Alte Testament zurückgeführt wird. Später wurde es üblich, diesen Begriff in polemisch abwertender Weise und in ideologiekritischer Absicht zu verwenden, was jedoch keineswegs die Ableitung hergibt, dass dieser polemisch-ideologiekritische Begriff der „Prophezeiung“ von Umfang und Bedeutungsinhalt identisch sei mit dem logischen Gegenteil des popperschen Begriffs von „Prognose“. Da diese ideologisch instrumentalisierte Ideologiekritik Poppers methodologische Analyse unnötig einschränkt, aber zudem mit dem positiven Bekenntnis zu einem historischen Individuum, nämlich zur „offenen Gesellschaft des Westens“,(15) verbunden auftritt, muss bei Popper auf eine „Gegenideologie“ geschlossen werden. Methodologie wird so bei Popper zu einer Identität von geglaubter und praktisch angewandter Ideologie, welche sich in der Tat vor allem gegen alternative Positionen in Politik und Wissenschaftstheorie kehrt.

Auf Grundlage einer derart popperschen Dämonologie des Historizismus erscheint es indes psychologisch nachvollziehbar, dass Poppers Leitfaden nicht die Theoriekritik und Theoriekonstruktion ist, sondern dass er der Reihe nach die unterschiedlichsten, wenn auch disparaten Argumente zu finden sucht, um den Feind einzukreisen und möglichst wissenschaftlich und/oder ideologisch zu treffen. Nachdem er anfänglich geglaubt hatte, ihm sei dies zur Zufriedenheit gelungen, hat er schließlich im Vorwort zu seiner eigenen „wissenschaftlichen“ Schrift „Das Elend des Historizismus“ noch einen „definitiven Beweis“ nachgeschoben. Wenn dieser Beweis gelungen wäre, so könnten wir uns also viel Mühe und Zeit sparen und bräuchten Poppers andere Argumente nicht mehr so genau zur Kenntnis zu nehmen. Es sei daher mit diesem Beweis zuerst begonnen. Die anderen mit Poppers Argumenten angeschnittenen Themenkomplexe folgen daran im Anschluss.


(1) Wir wissen nicht, was wir noch wissen werden

(2) Prognose

(3) Utopismus

(3) Vorsehungsglaube und Teleologie

(4) self-fulfilling prophecy

(5) Revolutionsprognosen

Anmerkungen

(1) J. Segond: Review in Revue Philosophique, Ribot, Paris 1912, Nr. 12, S. 644-646.
(2) Antonio Aliotta: La reazione idealistica contro la sicenzia. Casa editrice Optima, Palermo 1912.
(3) W. I. Lenin, Werke, Bd. 38. Philosophical Notebooks. Foreign Languages Publishing House, Moskau 1961. S. 401.
(4) Manfred Riedel: Historizismus und Kritizismus. Kants Streit mit Georg Forster und Johann Gottfried Herder. http://www.deepdyve.com/lp/de-gruyter/historizismus-und-kritizismus-kants-streit-mit-g-forster-und-j-g-f8mOh502rN
(5) Wilhelm Windelband: Geschichte und Naturwissenschaft. Straßburg: Heitz, 3. Auflage 1904. / Max Weber: Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst: 1922). S. 3ff.
(6) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 113.
(7) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 114.
(8) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 115.
(9) „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist - und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen -, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Karl Marx: MEW 23:15f.)
(10) Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 116.
(11) „Für die holistische Sozialplanung der Utopie müßten Voraussetzungen historischer Gesetzmäßigkeit erfüllt sein, die einer rationalen Kritik nicht standzuhalten vermögen. Die Antizipation einer offenen Zukunft ist durch keine vernünftige Methode zu leisten.“ (Eberhard Döring: Karl R. Popper: ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘. UTB 1920. Paderborn 1996. ISBN 3-8252-1920-8. S. 87.)
(12) „Fragen der Methodologie richten sich darauf, wie solche Sprachspiele beschaffen sein müssen, um für ihren Zweck brauchbar zu sein.“ (Hans Albert: Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften (zuerst: 1957). In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln Berlin 4. Aufl.1967. S. 126.)
(13) „Die Funktion der Ideologien besteht nicht in der Erklärung bestimmter Vorgänge, sondern in ihrer Rechtfertigung, nicht in der Vorhersage bestimmter Handlungskonsequenzen, sondern in der Vorentscheidung von Handlungen, nicht in der Beschreibung von Ereignissen, sondern in ihrer Bewertung.“ (Hans Albert: Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften (zuerst: 1957). In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln Berlin 4. Aufl.1967. S. 127.)
(14) „Die Aufgabe der historizistischen Doktrin zerstört den Marxismus vollständig, soweit es um seine wissenschaftlichen Ansprüche geht.“ (Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hrg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch, Köln Berlin 1965. S. 113ff. (Prediction and prophecy in the social sciences. Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Bd. I, Amsterdam 1949, S. 82ff. Wiederabgedruckt in Karl R. Popper: Conjecture and Refutations. Routledge and Kegan Paul, London 1963; übersetzt von Johanna und Gottfried Frenzel). S. 121.)
(15) Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 1: Der Zauber Platons. München 6. Aufl. 1980 (zuerst: 1944). S. XIV.

Prognose

Wir wissen nicht, was wir noch wissen werden


Ob praktisch brauchbare Prognosen faktisch möglich sind, ist eine Frage, die zusammen von empirischer Wissenschaft und technischer Praxis beantwortet werden muss. Methodologische Betrachtungen allein reichen zur Beantwortung dieser Frage nicht aus. Vor allem existiert kein gültiger logischer Beweis, dass bestimmte zukünftige Ereignisse, z.B. das Eintreten prognostizierter Resultate, nicht eintreten können. Genau dies hatte Karl Popper aber zu beweisen unternommen.
Otto Neurath hat die folgende grundlegende Grenze für Prognose darin gesehen:
"Prognostizieren, was Einstein für Berechnungen machen werde, hieße selbst Einstein sein. (...) Hier ist eine wesentliche Grenze aller soziologischen Prognosen gegeben. Es ist die Grenze der persönlichen Erfindungskraft gegenüber der Erfindungschance der jeweils beschriebenen Gruppe." (1)
Unter anderem dienten Max Horkheimer diese Ausführungen Neuraths als Angriffsfläche für seine Positivismuskritik.(2) Eben dasselbe Argument hat später Popper neuerdings systematisch ausgebaut:
„Mittlerweile ist es mir gelungen, eine strenge Widerlegung des Historizismus anzugeben: Ich habe gezeigt, dass es uns aus streng logischen Gründen unmöglich ist, den zukünftigen Verlauf der Geschichte mit rationalen Methoden vorherzusagen. (...) Mein Gedankengang lässt sich in den folgenden fünf Sätzen zusammenfassen:

(1) Der Ablauf der menschlichen Geschichte wird durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflusst. (...)

(2) Wir kön¬nen mit rational-wissenschaftlichen Methoden das zukünftige Anwachsen unse¬rer wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht vorhersagen. (...)

(3) Daher können wir den zukünftigen Verlauf der menschlichen Geschichte nicht vorhersagen.

(4) Das heißt, dass wir die Möglichkeit einer theoretischen Geschichts¬wissen-schaft verneinen müssen, also die Möglichkeit einer historischen Sozialwissenschaft, die der theoretischen Physik oder der Astronomie des Sonnensystems entsprechen würde. Eine wissenschaftliche Theorie der geschichtlichen Entwicklung als Grundlage historischer Prognosen ist unmöglich.

(5) Das Hauptziel der historizistischen Methoden (...) ist daher falsch gewählt und damit ist der Historizismus widerlegt." (3)
Hiermit vertritt Popper die These, dass die Zukunft neues menschliches Wissen bringen wird, das die bisher bekannten Gesetze gesellschaftlicher Entwicklung hinfällig machen wird. Unseren zukünftigen Wissensstand können aber heute nicht voraussagen, weil er dann schon heute zu unserem Wissensbestand rechnen würde. Dabei überschreitet Popper jedoch das Gebiet logischen Analysierens und Beweisens und sucht, eine empirische Frage durch den ausschließlichen Einsatz logischer Mittel zu lösen bzw. als empirisch beantwortbare zu beseitigen.

Dieses Argument setzt nämlich voraus, dass Wissen von Wissen immer total, 100%-ig identisch sein muss.(3) Nur in dieser trivialisierenden Interpretation (4) ist Prämisse (2) logischerweise wahr. Doch kein Historizist hat je behauptet, dass wir heute schon wissen, was wir erst morgen wissen werden, noch ist es denknotwendig, über dieses Wissen insgesamt zu verfügen, um brauchbare Prognosen über wissensmäßig beeinflusste zukünftige Entwicklungen abgeben zu können. Unser Wissen über das zukünftige Wissen der Menschheit muss keinesfalls total sein, um Prognosen zu ermöglichen. Eine Prognose muss nicht die logische Identität oder Informationsgleichheit von Aussagenmengen voraussetzen, um partielle Beschreibungen zukünftig möglicher Erkenntnisleistungen zu erlauben. Auch hier gilt, dass nicht die konkret-reale Totalität der Weltgeschichte prognostiziert, sondern nur theoretisch selektierte Trends wissenschaftlicher Analyse zugänglich gemacht werden sollen.

Wie bei Problemstellung (c) liegt hier ebenfalls ein Fehlschluss der misplaced concreteness (6) vor; denn Wissens¬be¬stände werden behandelt, als ob sie durch eine einzige abstrakte Beschreibung hinreichend gekennzeichnet seien und keine andere Aussagen darüber hinaus mehr möglich seien. Dies ist jedoch mit Sicherheit abwegig. Wenn sich über zukünftige Leistungen der Wissenschaft keine praktisch brauchbaren Voraussagen treffen ließen, so wäre bereits ein jeder Forschungsantrag nur vertane Liebesmüh. Es ist hier grundsätzlich zwischen "Wissen" als einem kognitiv-psychischen Tatbestand einerseits und andererseits den verschiedenen Möglichkeiten zu unterscheiden, derlei Wissensbestände zu beschreiben. Was im Hinblick auf eine bestimmte Art, Wissen zu beschreiben, bewiesen werden kann, gilt nicht für alle Wissens-Tatbestände schlechthin. Popper ist bei seinem "Beweis" unmerklich von Logik zu Psychologie hinüber- und herübergewechselt, was die Schlüssigkeit seiner Argumentation zerstört.

Über die Frage der mehr oder weniger vollständigen oder konkreten Beschreibung eines Wissensbestandes hinaus stellt sich insbesondere für den Fallibilisten Popper die Frage, inwieweit ein derart substanzieller Wissensbegriff (7) in Übereinstimmung gebracht werden könne mit demjenigen seiner Wissenschaftslogik, handele es sich nun um „Wissen" als ein System falsifizierbarer oder empirisch bewährter Aussagen. Es ist noch nicht einmal völlig ausgeschlossen, dass es sich hierbei auch um kontradiktorische Aussagensysteme handelt. Wie dem auch sei, Popper vermochte kein praktikables Verfahren angeben, wie ein so verstandenes Wissen in seinem Informationsgehalt exakt zu messen, kaum wie es zu vergleichen sei:
„... although the measure functions of content, truth content and falsity content are in principle comparable (because probabilities are in principle comparable) we have in general no means to com¬pare them other than by way of comparing the unmeasured contents of competing theories, possibly just intuitively." (8)
Hinzu kommt, dass Popper im Lichte seiner 3-Welten-Theorie auch noch zwischen subjektivem und objektivem Wissen unterscheidet. So ergibt sich, dass die geradezu triviale Überzeugungskraft seiner Argumentation nur oberflächlich bestechen kann, da sie letztlich auf einer Konfusion zwischen logischer und empirischer Analyse sowie zwischen subjektivem und objektivem Wissen beruht:
„If there is growth of knowledge in this sense, then it cannot be predictable by scientific means. For he who could so predict today by scientific means our discoveries of tomorrow could make them today; which would mean that there would be an end to the growth of knowledge." (9)
Es ist frappierend, wie Popper alle die wichtigen Begriffsunterscheidungen im Hinblick auf „Wissen", die er selbst so gewinnbringend geltend gemacht hat, bei seinem „Beweis" einfach über Bord wirft oder zumindest ignoriert.(10) Die Frage, inwieweit Popper in seinen persönlichen Ansichten über Wissen konsistent ist, ist hier allerdings uninteressant. Wichtiger ist, dass dieses ein fundamentaleres Problem zu signalisieren scheint: Es ist eines, „Wissen" so zu fassen, dass es für einen logischen Beweis adäquat ist; etwas anderes, mit demselben Begriff vollständig alle möglichen Begriffsvarianten von „Wissen" abzudecken, die in relevanten empirischen Prognosen vorkommen mögen. Wie soll der Beweislogiker im Voraus wissen, welche empirisch relevanten „Wissen"-Begriffe noch alle erfunden werden mögen? M. a. W.: Der Versuch, eine empirische Fragestellung durch einen logischen Beweis abzuschneiden, scheitert schon daran, dass dem Logiker nicht a priori alle denkbaren Bedeutungen empirischer Begriffe zur Verfügung stehen.
Vielleicht sind über bestimmte Aspekte der zukünftigen Entwicklung eines so verstandenen Wissens falsifizierbare Prognosen möglich, die sich evtl. sogar bewähren. Logisch unmöglich erscheint vielmehr der Beweis seiner Nichtprognistizierbarkeit, weil es sich hier grundsätzlich um empirisch kontingente Zusammenhänge handelt. Vielmehr ist Poppers These der „unpredictability in principle" (11) sogar selbstwidersprüchlich, weil diese eine Prognose darstellt, die ihre eigene Nichtprognostizierbarkeit behauptet. Im Grunde hat sich Popper mit diesem Beweis in dieselbe Grube manövriert, in die Bacon saß:(12) Eine Entdeckung muss zufällig sein, sonst kann sie keine Entdeckung sein, ging des letzteren Argument. Und ebenso nun Popper: Neues Wissen kann nicht vorausgesagt werden, sonst ist es nicht neu. Man kann aber nur etwas finden, was man (zumindest so ungefähr) gesucht hat. Einem völlig unvorbereiteten Geiste wird überhaupt niemals was Neues zustoßen, schon weil dieser den Unterschied zwischen Alt und Neu nicht kennt.

Wie es sich für einen echten Fallibilisten gehört, liefert Popper auch selbst noch ein Gegenargument:
„Widerlegt ist nur die Möglichkeit der Vorhersage geschichtlicher Entwicklungen, insofern diese durch das Anwachsen unseres Wissens beeinflusst werden können." (13)
Wie auch Werner Habermehl feststellt, ist schon damit die Beweiskette von der Prognose des Wissensfortschritts hin zum gesamten Geschichtsablauf abgerissen:
„... um die Unmöglichkeit einer theoretischen Geschichtswissenschaft beweisen zu können, genügt es nicht, wenn wir zu zeigen vermögen, dass wir den zukünftigen Verlauf der Geschichte, soweit er durch das Wachstum unseres Wissens beeinflusst wird, nicht vorhersagen können. Wir müssten vielmehr entweder dartun können, dass es unmöglich ist, den zukünftigen Verlauf der Geschichte vorherzusagen, unabhängig davon, ob er vom Wachstum unseres Wissens beeinflusst wird oder nicht, oder, dass alle geschichtlichen Abläufe dem Einfluss unseres Wissens unterliegen." (14)

Anmerkungen

(1) Otto Neurath: Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie, Wien 1931. S. 129f.
(2) Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit. Die Auseinandersetzung der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus. Frankfurt 1994 . S. 101.
(3) Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957). S. XIf.
(4) „Als ich ihn dann fragte, woher es komme, daß auf diese Weise doch oft Künftiges richtig vorausgesagt werde, antwortete er, so gut er konnte, das bringe wohl das Ahnungsvermögen so mit sich, das überall in der Natur anzutreffen sei. Geschehe es doch oft, daß jemand, der Rat suche, das Buch eines Dichters aufschlage, der ganz etwas anderes singe und sage, und ihm dann doch ein Vers in die Augenspringe, der wunderbar zu seinem Anliegen stimme.“ (Aurelius Augustinus: Bekenntnisse. Eingeleitet und übertragen von Wilhelm Thimme. Editions Rencontre, Lausanne Köln 1970. S. 92.)
(5) Werner Habermehl: Historizismus und Kritischer Rationalismus. Einwände gegen Poppers Kritik an Comte, Marx und Platon. Freiburg München 1980. S. 56ff.
(6) The Whiteheadian fallacy of misplaced concreteness: „the fallacy of assuming that the particular concepts we employ to examine the flow of events capture their entire content." (Robert K. Merton, (ed. and with an Introduction by Norman W. Storer): The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations. Chicago London 1973. S. 131.)
(7) Popper (Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972) S. 62.) kennzeichnet damit gerade eine der Grundthesen der irreführenden common sense theory of knowledge (Locke, Berkeley, Hume): „Knowledge is conceived of as consisting of things, or thing-like entities in our bucket ..." Dieser empiristische Wissensbegriff spielt auch im Zusammenhang von Hume Induktivismuskritik eine maßgebliche Rolle: "Der unendliche Regress ('Induktionsregress') präzisiert Humes Argument gegen die Zulässigkeit der Induktion. Er besagt, dass der reine Induktionsschluss sich logisch nicht rechtfertigen lässt, dass aus besonderen Beobachtungen niemals allgemeine Sätze abgeleitet werden können, kurz, er besagt etwas (mindestens für jeden Empiristen) ganz Selbstverständliches: dass man nicht mehr wissen kann, als man weiß." "Klarer formuliert: dass man nicht mehr weiß, als man weiß." (Karl R. Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930-1933. Tübingen 2. verbess. Auflage 1994. S. 39. Anm.*11) Aber wir wissen ständig mehr, als wir wissen, d.h. als uns bewusst ist. Schon dadurch, dass unsere Wissenselemente untereinander verknüpft sind und immer schon auf andere verweisen, die nicht aktuell in unserem Kurzzeitgedächtnis verfügbar sind, ist unser Wissen potentiell unendlich (was von Allwissenheit zu unterscheiden ist).
(8) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 52, Anm. 29.
(9) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 298.
(10) Was gewissermaßen auch verständlich ist: einmal diese Begriffskomplikationen zugegeben, sinkt die Plausibilität des Beweises bzw. schon eines Beweisversuchs rasch gegen Null.
(11) Karl R. Popper: Objective Knowledge. An Evolutionary Approach. Oxford 1973 (zuerst: 1972). S. 298.
(12) Joseph Agassi: Science in Flux, Dordrecht Boston 1975. S. 76.
(13) Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1957). S. XII.
(14) Werner Habermehl: Historizismus und Kritischer Rationalismus. Einwände gegen Poppers Kritik an Comte, Marx und Platon. Freiburg München 1980. S. 25.

Vorsehungsglaube und Teleologie

Mittwoch, 4. Mai 2011

Saysches Theorem




Jean Baptiste Say schrieb 1803:
„Wenn der Produzent die Arbeit an seinem Produkt beendet hat, ist er höchst bestrebt es sofort zu verkaufen, damit der Produktwert nicht sinkt. Nicht weniger bestrebt ist er, das daraus eingesetzte Geld zu verwenden, denn dessen Wert sinkt möglicherweise ebenfalls. Da die einzige Einsatzmöglichkeit für das Geld der Kauf anderer Produkte ist, öffnen die Umstände der Erschaffung eines Produktes einen Weg für andere Produkte.“ (1)
Oder in der Formulierung von James Mill: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst. (2)

In der Sichtweise des Sayschen Theorems wird also nur der Austausch von Waren (also die sog. „realwirtschaftliche“ Seite) gesehen; die Dazwischenkunft von Geld im Warenaustausch wird als bloße Verhüllung der realwirtschaftlichen Beziehungen, als sog. „Geldschleier“ angenommen. Hinter dem Sayschen Theorem verbirgt sich demnach die These der Neutralität des Geldes. (3)

Karl Marx setzt sich im Zuge der Durcharbeitung der Theorie von David Ricardo auch mit dem Sayschen Theorem auseinander und bemängelt, dass Say seine Modellvoraussetzungen so gewählt habe, dass Krisen logisch unmöglich seien. (4) Er kritisierte des Weiteren, dass Say das Kapitalverhältnis bloß als Naturaltauschverhältnis deutet und damit die inneren Widersprüche der kapitalmäßigen Verwertungsprozesse bei Überproduktion ignoriere. Marx zählte Says Ansatz gerade deswegen zur Vulgärökonomie.

Hingegen lobte Marx Ricardo für seine wissenschaftliche Objektivität in dessen nachgeschaltetem Kapitel über das Maschinenwesen. Marx übersah dabei nach Ansicht von Michio Morishima folgende Inkonsistenz: Ricardos Theorie insgesamt unterstelle das Saysche Theorem. Danach sei Arbeitslosigkeit auch bei Neueinführung von Maschinen theoretisch ausgeschlossen.(5) Warum kann jedoch nicht einfach der Fall sein, dass Marx es lieber gewesen war, dass Ricardo in seinen Schlussfolgerungen seiner Theorie entgegenstehende Tatsachen letztendlich anerkannt hatte, auch wenn Ricardo damit seinen Grundannahmen nicht mehr treu blieb.

Keynes hat das Saysche Axiom und die damit verbundene These der Neutralität des Geldes abgelehnt und einen eigenen geldtheoretischen Ansatz entwickelt. Der „Bastard-Keynesianismus“ hat darauf jedoch seinen Keynes missdeutet, insbesondere seine Kritik der Grundlagen der klassischen Ökonomie, und ist mehr oder minder offen wieder bei den Axiomen der klassischen Ökonomie angelangt oder hat sie nie verlassen. (6)

Keynes selbst jedoch hat anscheinend die Marxsche Kritik an Ricardo nicht gekannt oder verstanden. Denn er glaubte anscheinend, dass seine Kritik der Klassik auch die angeblichen Ricardianischen Grundlagen der Marxschen Theorie hinwegfegen würde. (7)

Noch heute ist Marxens Kritik an der Vulgärökonomie, respektive Say, scheinbar nicht durchgedrungen, bzw. nicht allgemein bekannt. Im „Elend der Philosophie“ konnte sich Marx noch weitgehend darauf beschränken, gegenüber den Verdrehungen und Konfusionen Proudhonscher Phrasendrescherei das Hegelsche und Ricardosche Original zur Geltung zu bringen. Dass Marx hernach seinerseits an Hegel ebenso wie auch an Ricardo Kritik geübt und deren Theorien und Methoden kritisch rezipiert hat, ist demgegenüber immer noch nicht von Autoren, die sich zu diesem Thema äußern, richtig erfasst. (8)

Das Saysche Gesetz oder Theorem ist genau gesagt kein Axiom einer ökonomischen Theorie, sondern ein Dogma. Nach Hilbert ist „Axiom“ eine Voraussetzung eines deduktiv abgeleiteten Systems von Sätzen, die innerhalb dieses Systems selbst nicht abgeleitet ist. Somit ist jedes Axiom unbegründet (genauer: relativ zum System, zu dem es benutzt wird). Das Saysche Theorem ist aber nicht bloß in diesem relativ harmlosen Sinn unbegründet, sondern es wird von Vulgärökonomen wie eine selbst-evidente Wahrheit verwendet, um daraus kontra-faktische Behauptungen über die ökonomische Wirklichkeit abzuleiten. Dahinter darf man mit Marx ein apologetisches Interesse vermuten, das harmonische Wirken des Marktes als ökonomische Grundwahrheit zu behaupten.

Wenn also jemand arbeitslos wird, dann könne es dieser Weltanschauung nach nicht am Marktmechanismus liegen, sondern am einzelnen Lohnabhängigen, dessen Leistung nicht marktgerecht angeboten werde, und/oder am Intervenieren des Staates und der Gewerkschaften (Arbeitsrecht, Sozialrecht usw.), die zu „Rigiditäten“ am Markte führten und damit dessen effiziente Selbstregulation behinderten. Ein Ökonom, der diese Konsequenzen nicht aufgeben möchte, wird nicht bereit sein, die logischen Voraussetzungen für diese Konsequenzen aufzugeben, wenn sie auch noch so weltfremd sein mögen.

Es kann sich also hier nicht darum drehen, das Saysche Theorem zu „widerlegen“, sondern nichts weiter als darum, Dogmatiker mit Ökonomenstatus zu bewegen, sich als Wissenschaftler und nicht als Ideologen zu betragen.

(1) Jean Baptiste Say: A treatise on political economy: or The production distribution and consumption of wealth. Translated from the fourth edition of the French. Batoche Books Kitchener 2001, S. 57.
(2) Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X. S. 18f.
(3) “Under Say’s Law, goods always exchange for goods. Money is only a ‘veil’ behind which the real economy operates unhampered by financial considerations. The notion that money is merely used as an intermediary in the exchange of goods for goods is encompassed, in the lexicon of economists, by the classical neutral money axiom. If money is neutral, then there is no inherent obstacle in a competitive economic system to prevent output and employment from being at the maximum flow possible given the size of the population and the technology available to producers.” (Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X. S. 19f.)
(4) Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. Bd. II, MEW 26.2. S. 495ff.
(5) Michio Morishima: Ricardo's Economics. A general equilibrium theory of distribution and growth. Cambridge University Press 1989. ISBN 0-521-36630-5. S. 11.
(6) Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X.
(7) „When my new theory has been duly assimilated and mixed with politics and feelings and passions, I cannot predict what the final upshot will be in its effect on actions and affairs, but there will be a great change and in particular the Ricardian Foundations of Marxism will be knocked away.” (J. M. Keynes, The Collected Writings. Bd. 13, 1973, S. 492-3, zit. nach Davidson, S. 4.)
(8) „Proudhons Ansatz, die ‚Macht des Geldes‘ als Quelle der Ausbeutung zu benennen, war für Marx und Engels nicht nachvollziehbar: in der klassischen Lehre verhaftet, war der monetäre Sektor für sie ökonomisch blutleer, nur als juristische Konstruktion begreifbar. Die Rendite des Realkapitals (Mehrwert) entsteht nach Proudhon aus dem mittelbaren Wirken des Geld- und Kapitalmarktes, wobei es die Zwänge des monetären Systems sind, die den Standard für den ‚internen Zinsfuß‘ des Realkapitals festlegen. Geht man in der Geschichte des Sozialismus weiter, wird man auf das Werk Rudolf Hilferdings (1877-1941) „Das Finanzkapital“ (Wien 1910) stoßen. Mit Marx’schen Grundtermini durchaus auf einer Linie definierte Hilferding das Finanzkapital als ‚Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industriellen‘. Die Denkergebnisse Hilferdings waren natürlich nicht deckungsgleich mit jenen Proudhons, angezeigt war aber damit, daß auch im Lager des Marxismus ein Festhalten man der ‚klassischen Dichotomie‘ (das ist die Vorstellung einer strikten Trennung der Wirtschaft in einen realwirtschaftlichen Sektor und in den geldsektor) nicht durchhaltbar gewesen ist.“ (Pierre-Joseph Proudhon und die moderne Nationalökonomie. In: Pierre-Joseph Proudhon : System der ökonomischen Widersprüche oder: Philosophie des Elends. Hrg. Lutz Roemheld, Gerhard Senft. Karin Kramer Verlag Berlin 1. Aufl. 2003.ISBN 3-87956-281-4. S. 17.)

Versuch und Irrtum. Poppers Lerntheorie

Montag, 2. Mai 2011

Dienstag, 26. April 2011

Dialektik bei Marx



Bekannt ist, dass Marx seine eigene Metatheorie mit den Begriffen „dialektisch“, „materialistisch“ und „historisch“ beschrieben hat. Nicht bekannt ist, was er damit genau gemeint hat.

Eine ausführliche Exposition dessen, was er als „Dialektik“ praktiziert hat, wurde von Marx selbst nicht mehr geliefert. Wir haben also dazu nur seine verstreuten kursorischen Anmerkungen zu seiner Methode sowie seine Methode, wie er sie als „Logik in Aktion“, etwa im „Kapital“, angewandt hat.

Man mag von Georg Lukács halten, was man will; zweifellos zählt es aber zu seinem Verdienst, die Frage nach der Marxschen Methode der Wissenschaft seinerzeit als Problem wieder neu gestellt zu haben. So sagt Lukács in seinem Vorwort zu ‚Geschichte und Klassenbewußtsein‘ aus dem Jahre 1922:
„Es ist allgemein bekannt, daß sich Marx selbst mit dem Gedanken trug, eine Dialektik zu schreiben. ‚Die rechten Gesetze der Dialektik,‘ schrieb er an Dietzgen, ‚sind schon im Hegel enthalten; allerdings in mystischer Form. Es gilt, diese Form abzustreifen.‘ Diese Blätter – dies muß hoffentlich nicht eigenst betont werden – erheben keinen Augenblick den Anspruch, selbst die Skizze zu einer solchen Dialektik zu bieten. Wohl aber ist es ihre Absicht, eine Diskussion in dieser Richtung anzuregen; diese Frage – methodisch – wieder auf die Tagesordnung zu stellen. Darum wurde jede Gelegenheit benutzt, auf diese methodischen Zusammenhänge hinzuweisen, um sowohl die Punkte, wo Kategorien der Hegelschen Methode für den historischen Materialismus ausschlaggebend geworden sind, wie jene, wo die Wege von Hegel und Marx sich scharf scheiden, möglichst konkret aufzeigen zu können, um damit Material und – wenn möglich – Richtung für die sehr notwendige Diskussion dieser Frage zu liefern. Diese Absicht hat teilweise die ausführliche Behandlung der klassischen Philosophie im zweiten Abschnitt des Aufsatzes über die Verdinglichung bestimmt.“ (1)
Es wird damit also nicht nur das Verhältnis von Marx zu Hegel (und zu Feuerbach und anderen deutschen und französischen Philosophen), sondern auch zur klassischen Nationalökonomie, etwa eines David Ricardo, sowie zu den französischen Materialisten und Historikern als Problem neu aufgeworfen.

Diese Aufgabe ist aber nicht einfach im herkömmlichen Sinn von Textexegese zu verstehen, also dass man bestimmte Texte kennenlernen muss, um die darin von den betreffenden Autoren gebrauchten und von Marx in einer bestimmten Weise entlehnten Begriffe und deren Bedeutungen zu erlernen. Es ist vielmehr so, dass die von Marx kritisierten Texte von Marx so zu einer Synthese verarbeitet worden sind, dass diese als Bestandteil dieser Synthese mit zum Resultat der Marxschen Theorie gehören.

Damit ist nämlich auch das wesentliche Merkmal des dialektischen Verfahrens gekennzeichnet, das vielen Hegel- und Marxkritikern entgangen ist, obwohl es so klar und deutlich vor ihren Augen praktiziert worden ist. Es entzieht sich ihren Blicken, weil es kontra-intuitiv zur gewohnten analytischen Denkweise ist, wie sie von den meisten Marxkritikern auf die eine oder andere Weise selber verwendet wird. So hat zum Beispiel Karl Popper die Eigenart des dialektischen Denkens nicht deutlich genug erfasst, obwohl er sich selber mit fast ähnlichen Argumenten gegen fixe Definitionen in den Wissenschaften ausgesprochen hat.

Lukács schließt sein Vorwort mit dem Hinweis auf das Mangelhafte seines eigenen Lösungsversuchs bzw. seiner Problemdarstellung. Was er allerdings als die grundlegende „Schwierigkeit“ beim Verständnis der Dialektik angibt, läuft indes auf die Wesensbestimmung der Dialektik hinaus (was er wohl nicht deutlich genug herausstellt):
„Bei der Erwähnung solcher Mängel sei der – dialektisch unbewanderte – Leser nur noch auf eine, allerdings unvermeidliche, im Wesen der dialektischen Methode liegende Schwierigkeit hingewiesen. Auf die Frage der Begriffsbestimmungen und der Terminologie. Es gehört zum Wesen der dialektischen Methode, daß in ihr die – in ihrer abstrakten Einseitigkeit – falschen Begriffe zur Aufhebung gelangen. Dieser Prozeß des Aufhebens macht aber zugleich notwendig, daß dennoch ununterbrochen mit diesen – einseitigen, abstrakten und falschen – Begriffen operiert wird; daß die Begriffe weniger durch eine Definition, als durch die methodische Funktion, die sie als aufgehobene Momente in der Totalität erhalten, zu ihrer richtigen Bedeutung gebracht werden. Dieser Bedeutungswandel ist aber in der von Marx korrigierten Dialektik noch weniger terminologisch fixierbar als in der Hegelschen selbst. Denn wenn die Begriffe nur gedankliche Gestalten geschichtlicher Wirklichkeiten sind, so gehört ihre – einseitige, abstrakte und falsche – Gestalt als Moment der wahren Einheit eben mit zu dieser wahren Einheit selbst. Die Ausführungen Hegels über diese terminologische Schwierigkeiten in der Vorrede zur ‚Phänomenologie‘ sind also noch richtiger, als es Hegel dort selbst meint, wenn er sagt: ‚So wie der Ausdruck der Einheit des Subjekts und Objekts, des Endlichen und Unendlichen, des Seins und Denkens usf. das bedeuten, was sie außer ihrer Einheit sind, in der Einheit also nicht als das gemeint sind, was ihr Ausdruck sagt: ebenso ist das Falsche nicht mehr als Falsches ein Moment der Wahrheit.‘ In dem rein Geschichtlichwerden der Dialektik wird diese Feststellung noch einmal dialektisch: das ‚Falsche‘ ist zugleich als ‚Falsches‘ und als ‚Nicht-Falsches‘ ein Moment des ‚Wahren‘.“ (2)
Es ist also die Eigenart von Marx und des von ihm von Hegel übernommenen Verfahrens, zur Kritik einer Theorie deren Begriffe zu verwenden, aber auf eine solche Weise, dass deren Falschheit bzw. Nichtangemessenheit deutlich zu Bewusstsein gebracht wird. Wer diese Verfahrensweise nicht durchschaut, sondern ständig nach festen Begriffsbestimmungen bei Hegel oder Marx äugt, wird sich ständig verladen vorkommen (Popper: „Scharlatanerie“). Denn er kommt sich vor wie der Hase beim Wettlauf mit dem Igel. Dabei tun sowohl Hegel wie Marx nichts anderes, als was Popper immer wieder gefordert hat: sie kritisieren Begriffe und Theorien.

Dabei inspiriert Hegels Dialektik aber nicht nur Marxens Metatheorie. Über Marxens Menschenbild (was heutzutage in der soziologischen Theorie als das „Akteursmodell“ firmiert) bis zu den Fragen der Entfremdung und Verdinglichung, den ideologischen Formen der Alltagstheorien der Handelnden wird dialektisches Denken von Marx dazu benutzt, um theoretische Aussagen und empirische Aussagen über die gesellschaftliche Wirklichkeit und deren geschichtlichen Abläufe zu gewinnen. Lukács verstrickt sich bei der Erörterung dieser Fragen in die Schwierigkeiten, die sich bei der Exposition einer empirischen Theorie ergeben, wenn dieselbe mit zweierlei Metatheorien konfrontiert wird (objektiver Idealismus bei Hegel; historischer Materialismus bei Marx). Eine weitere metatheoretische Alternative zu Hegel und Marx bieten Max Weber oder Georg Simmel an.(3) Diese Konfrontation von Metatheorien ist gewiss mühselig und oft unerquicklich. Wer aber Fallibilismus und Theorienpluralismus ernst nimmt, kommt um diese Mühsal nicht herum. Die Alternative hierzu wäre nämlich Dogmatismus und Theoriemon(opol)ismus.

Die Dialektik ist aber nicht damit zu erledigen, dass man sie dogmatisch oder irrational schimpft. Dazu braucht es etwas mehr, nämlich Argumente, die auf deren Problemstellung und vorgeschlagene Lösungsansätze eingehen.

(1) Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Sonderausgabe der Sammlung Luchterhand. November 1970. (Neuwied Berlin 1968). S. 55.
(2) Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Sonderausgabe der Sammlung Luchterhand. November 1970. (Neuwied Berlin 1968). S. 56.
(3) Georg Simmel: Philosophie des Geldes. (hrg. Von David P. Frisby, Klaus Christian Köhnke). Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1. Aufl. 2000. ISBN 3-51858298-4.

Donnerstag, 21. April 2011

Asylum ignorantiae

“Die Scholastiker haben ein Axiom: Ein Philosoph darf sich nicht auf Gott berufen, ‘Non est philosophi recurrere ad Deum’; sie nennen einen solchen Rückgriff ‘das Asyl der Unwissenheit’. In der Tat, was kann absurder sein, als in einem naturwissenschaftlichen Werk zu sagen, ‘Die Steine sind hart, das Feuer heiß, die Kälte läßt die Flüsse zufrieren, weil Gott es so gewollt hat.’”

Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch. Zweiter Teil der Auswahl. Übersetzt und herausgegeben von Günter Gawlick und Lothar Kreimendahl. Felix Meiner Verlag Hamburg 2006. ISBN 13-978-3-7873-1786-8. S. 98.

Die Situationslogik ist ähnlich wie im Theater, wo schlechten Schauspieldichtern nichts Besseres einfällt, als die dramatischen Verwirrungen durch die Erscheinungen eines Gottes von hoch dadroben (deus ex machina) zu einem Happy End aufzulösen. Dieses Faible für einen Deus ex machina gibt es auch bei obrigkeitsgläubigen Wählern.

Methodologisch gesehen handelt es sich beim asylum ignorantiae um eine Pseudo-Erklärung. Abstrakt genommen wird hier zu Erklärungszwecken ein undefiniertes Konzept eingesetzt ("Gott"), und zwar "ad hoc". Wir bekommen also in diesem untauglichen Erklärungsversuch nichts weiter geliefert als ein bloßes Wort (das man genauso gut durch ein anderes Wort ersetzen könnte, zum Beispiel: "Teufel", "die Welt", "Wallstreet", die "Juden", die Bolschewisten", das "Finanzkapital", "der "Weltmarkt", ...). Der Hauptfehler besteht darin, dass mit diesem Wort eher eine erklärende Theorie angedeutet wird, die aber nicht ausgeführt wird, so dass man den Wahrheitsgehalt von deren Behauptungen unabhängig vom fraglichen Anwendungsfall auch in anderen Fällen nachprüfen könnte. Der Begriff des "asylum ignorantiae" beweist, dass die Kritik an Wortemacherei nicht erst seit logischem Positivismus und Popper in der Welt ist, sondern dass auch Scholastiker kritisch genug waren. Freilich durffte man nicht offen die religiöse Hegemonie der Kirche in Frage stellen, wenn man nicht seine Bücher oder sich selbst verbrannt sehen wollte.(1)

Dieser allgemein wissenschaftstheoretische Hintergrund ist allerdings nicht das ganze Spiel. Mit dem Begriff "asylum ignorantiae" wurde geistesgeschichtlich gesehen als Kritikargument die Trennung zwischen Philosophie und Theologie ins Spiel gebracht. Gemäß Hans Alberts Kritik am Territorialverhalten von Wissenschaftlern geht es beim wissenschaftlichen Erklären aber um die betreffenden Problemstellungen, nicht jedoch um die Fachgrenzen, die sich wissenschaftsgeschichtlich gesehen herausgebildet haben, oder die angebliche Autonomie von Fachwissenschaften. Disziplingrenzen sollten per se nicht als Gegenargument zuzulassen sein; es sei denn, es handele sich dabei um einen Nachweisversuch, dass es sich in der jeweils vorliegenden Frage um Unterschiede in der Problemauffassung selbst handele, d.h. mit anderen Worten, um sachlich verschiedene Probleme (Etwa in der Theologie und in der Naturwissenschaft. Offensichtlich differieren diese beiden "Wissenszweige" zumindest in den von ihnen üblicherweise angewandten Methoden. Während die Naturwissenschaften stark auf Experimente vertrauen, so setzen die Theologen, wenn sie nicht ausgesprochene Magier sind, die Geister beschwören, eher auf die geheiligte Routine von Ritualen.).

(1) „Was die gelegentlich recht weit getriebenen philosophischen Reflexionen betrifft, so glaube ich nicht, daß eine Entschuldigung für sie erforderlich ist. Denn da sie nur die Absicht haben, den Menschen davon zu überzeugen, daß der beste Gebrauch, den er von seiner Vernunft machen kann, darin besteht, seinen Verstand unter den Gehorsam des Glaubens gefangen zu nehmen, dürften sie eine Danksagung der theologischen Fakultäten verdienen.“ (Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch. Zweiter Teil der Auswahl. Übersetzt und herausgegeben von Günter Gawlick und Lothar Kreimendahl. Felix Meiner Verlag Hamburg 2006. ISBN 13-978-3-7873-1786-8. S. 45.)

Bayles Formulierungen liefern insofern auch interessante Belege für die Sklavensprache, der sich zu allen Zeiten auch kritische Geister befleißigen mussten, um nicht unter die Räder der Zensur zu kommen. (Nur) die Gedanken (des Lesers) sind frei!

Heute ist das die "öffentliche Meinung" in Form von Gatekeepern und Verlegern, die insbesondere unter der Aufsicht der Werbeindustrie agieren. Die scheinbare Freiheit im Internet hängt ökonomisch stark von den Einnahmen aus Werbung ab. Eine Gegenkultur wurde kommerzialisiert.