Dienstag, 3. August 2010

Enzyklosklerose

Johannes Heinrichs nannte es "Historismus".

"Der Historismus besteht in der resignativ 'aufgeklärten Einsicht', daß Sammeln und Sortieren des geistesgeschichtlichen Materials der eigentlich angemessene Umgang mit Gedanken sei."
Johannes Heinrichs: Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in ihrer aktuellen Bedeutung. Eine Einführung. UTB 1412. Francke Verlag : Tübingen 1986. ISBN 3-7720-1726-6. S. 4.

Lexikokraten, die Herrscher über die toten Gedanken, sie schalten und walten auf wikipedia.de.

Mit der so pauschal abwertenden wie scheinbaren Begründung "unrettbar, wie schon früher gesagt" hatte Ca$e am 13. Juli 2010 ein "Überarbeiten"-Baustein über das Stichwort "Pseudo-Erklärung" gesetzt. "Denn" am 6. April 2009 hatte derselbe ehrenwerte Wikipedianer bereits schon (vermutlich in weiser Voraussicht der darauffolgenden Überarbeitungen) kritisch angemerkt: "(WP:NPOV, WP:TF, WP:Q. einzelnachweise via references bitte nur für seitenbelege, nicht für inhaltliche feinabstimmungen)".

Autor Meffo hat jedoch den Überarbeiten-Baustein entfernt, weil dieser trotz des expliziten Hinweises auf die entsprechende Diskussionsseite keinerlei Begründung (weder pauschal, noch konkret) auf derselben mitbrachte. Dieselbe wurde von Ca$e erst dann nachgeliefert, nachdem Meffo aufgrund der Vandalismusmeldung von Ca$e durch den Administrator NebMaatRe mit Entzug der Sichterrechte und der Auflage, verschiedene Stichworte wunschgemäß zu überarbeiten, belegt worden war. Nach kurzer Zeit der Überlegung hat Meffo daraufhin sein Wikipedia-Benutzerkonto sperren lassen. Denn er findet es letztendlich zu dumm, dass man für mühevolle Mitarbeit nicht nur kein Lob, sondern dazu ausschließlich böse Stimmungsmache einstecken darf. Nicht jeder ist zum Masochisten geboren.

„... ein Grund, warum Wikipedia so erfolgreich ist, besteht darin, dass ich von Anfang an einen gewissen Ton gesetzt habe: Intelligente Leute arbeiten nicht freiwillig in einer Atmosphäre von Missachtung und Beschimpfungen.“ - Spiegel-Online-Interview mit Jimmy Wales, 7.1.2005
(zitiert aus der Sammlung von Orakelsprüchen auf Benutzer:Ca$e)

Was zeigt uns dieser kaum untypische Vorgang indes? Trotz des gegenteiligen Anscheins und gewisser naiver Vorstellungen über liberale und kritische Öffentlichkeit, die einem vielleicht anerzogen sind: die meisten Formen sozialer Kooperation im Internet stellen nichts anderes dar als Möglichkeiten, dass Autoren sich freiwillig selbst ausbeuten dürfen. Was gesagt werden darf, steht nicht nur unter dem wirtschaftlichen Verwertungszwang, sondern auch unter der selbstherrlichen Zensur einer Clique oder Oligarchie, die die Regeln stets nach ihrem eigenen Gutdünken auslegt. Wer sich gutgläubig auf das ominös aufgezeigte Regelwerk beruft, kommt sich dann vor wie der Hase, der mit dem Igel wettläuft.

So ist typisch für das Verhalten des Administrators, dass er ob der Vandalismusmeldung sich nicht mit Meffos Entfernung des unbegründeten Bausteins beschäftigt hat, sondern mit den erst später nachgeschobenen Vorwürfen gegenüber Meffos Arbeitsweise, die zu dem betreffenden Zeitpunkt von dem Beschwerdeführer noch gar nicht formuliert und demzufolge überhaupt diskutierbar waren. Denn letzterer versteifte sich schon immer auf die Position, nach der eine beiderseitige Diskussion von konkreten Argumenten stets für unmöglich deklariert worden ist (siehe Werturteil/Diskussion).

Sichtbar wird hierdurch ein Mechanismus der Stigmatisierung, wodurch ein Bild eines Benutzers konstruiert wird, wobei er aufgrund bestimmter Anhaltspunkte aus der Historie durch andere Benutzer in seinem Lexikographen-Dasein diskreditiert wird. Der Administrator sanktioniert dann nicht mehr äußerlich beobachtbare Verhaltensweisen, sondern die (von ihm unterstellten) Gesinnungen.

"Gesetze, die nicht die Handlung als solche, sondern die Gesinnung des Handelnden zu ihren Hauptkriterien machen, sind nichts als positive Sanktionen der Gesetzlosigkeit."
So geschrieben von Karl Marx 1842 in seinen "Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion". (MEW 1,14).

Montag, 2. August 2010

Deutscher Neo-Merkantilismus versenkt Europa

Die deutsche Regierung zwingt den anderen EU-Regierungen ihre pro-zyklische Austeritätspolitik auf und geht hiermit tatkräftig dagegen an, dass die Eurokrise glimpflich überwunden werde.

"Durch Senkung seines Haushaltsdefizits und Widerstand gegen Lohnerhöhungen, die den Rückgang der Kaufkraft des Euro ausgleichen, erschwert Deutschland es anderen Ländern tatsächlich, ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen." (George Soros)


Die Geburtsfehler der gemeinsamen Euro-Währung sei "das Fehlen einer gemeinsamen Fiskalpolitik". Des Weiteren: "dass nur die Gefahr der Inflation bedacht und die Möglichkeit einer Deflation ignoriert wurde." Es gibt keinen Mechanismus zur Durchsetzung der Maastricht-Kriterien.

"... jetzt, da mehrere Länder meilenweit von den Maastricht-Kriterien entfernt sind, gibt es weder einen Anpassungs- noch einen Ausstiegsmechanismus. Von diesen Ländern wird nun erwartet, dass sie zu den Maastricht-Kriterien zurückkehren, selbst wenn ein solcher Schritt eine Deflationsspirale in Gang setzen würde." (George Soros)


De facto bestimmt Deutschland die Wirtschaftspolitik der EU. Dabei geht die deutsche Regierung jedoch von der altbekannten kurzfristig angelegten, national-egoistischen neo-merkantilistischen Strategie aus ("Deutschland der Exportweltmeister"), die für Europa insgesamt genommen jedoch nur tödlich wirken kann.

"Aber man muss einen Weg finden, der es den Krisenländern erlaubt, ihre Schwierigkeiten durch Wachstum zu überwinden. Die betroffenen Länder müssen den größten Teil der Lasten tragen, indem sie Strukturreformen einleiten, doch sie brauchen Hilfe von außen, um sie in die Lage zu versetzen, ihre Volkswirtschaften zu stimulieren. Durch Senkung seines Haushaltsdefizits und Widerstand gegen Lohnerhöhungen, die den Rückgang der Kaufkraft des Euro ausgleichen, erschwert Deutschland es anderen Ländern tatsächlich, ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen." (George Soros)


George Soros: Deutschland schadet Europa. DIE ZEIT 1. August 2010. (Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den Soros an der Humboldt-Universität in Berlin gehalten hat.)

"Den neo-merkantilistischen Überschussländern müssen Defizitländer gegenüberstehen, welche die Exportüberschüsse aufnehmen. So stehen sich im EU-Rahmen Länder mit hohen Überschüssen, vor allem Deutschland, und chronische Defizitländer gegenüber." (Joachim Becker, Werner Raza)


Joachim Becker, Werner Raza: Zur Einführung: Was ist Neo-Merkantilismus heute

Montag, 26. Juli 2010

War Keynes ein Keynesianer?

Ähnlich wie Marx durch den Marxismus, so wurde Keynes durch den Keynesianismus so popularisiert wie vulgarisiert. Eine Simplifizierung findet statt, wenn Faktoren als Konstante gesetzt werden, die in der ursprünglichen Theorie als Variable gelten durften. Dies fällt insbesondere dann auf, wenn aus der Theorie politische Handlungsanweisungen abgeleitet wurden, für welche aufgrund der geschichtlichen Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft plötzlich nicht mehr das institutionelle Umfeld stimmt.(1) Es stellt sich daher zurecht die Frage

(A): Inwieweit stimmt die als "Keynesianismus" prominent gewordene Theorie und/oder offizielle Wirtschaftspolitik mit Keynes` ursprünglichem wirtschaftstheoretischen Ansatz überein?

Eine andere Frage ist

(B): Für welches eigentümliche historisch-institutionelle Umfeld war die als "Keynesianismus" prominent gewordene Theorie und/oder offizielle Wirtschaftspolitik speziell entwickelt und eingesetzt worden?

Während Matzner/Streeck (1991) die Frage (A) mit Absicht übergehen und sich nur noch mit der sozio-ökonomischen Frage (B) beschäftigen, hat sich Paul Davidson in seinem Keynes-Buch (2) speziell der Frage (A) gewidmet. Er stellt darin fest, dass Ökonomen wie Paul Samuelson und Hicks damals zwar die ökonomischen Ideen von Keynes zwar akademisch hoffähig gemacht haben, aber indem sie diesen einen neoklassischen mikroökonomischen Unterbau verpasst und so Keynes' originelle Ideen hoffnungslos verdunkelt und Inkonsistenzen im Theoriegebäude produziert haben.

Auf Wikipedia.en heißt es unter "Keynesianism" nicht sehr deutlich:

Keynesian economics (..., also called Keynesianism and Keynesian theory) is a macroeconomic theory based on the ideas of 20th century British economist John Maynard Keynes. Keynesian economics argues that private sector decisions sometimes lead to inefficient macroeconomic outcomes and therefore, advocates active policy responses by the public sector, including monetary policy actions by the central bank and fiscal policy actions by the government to stabilize output over the business cycle.[1] The theories forming the basis of Keynesian economics were first presented in The General Theory of Employment, Interest and Money, published in 1936; the interpretations of Keynes are contentious, and several schools of thought claim his legacy.


Es wird der Anschein erweckt, als ob die Wirtschaftspolitik des Keynesianismus nahtlos aus Keynes und dessen General Theory hervorgegangen sei. Wie historisch grotesk das in der Tat ist, zeigt Davidson, indem er darauf hinweist, dass offiziell als Keynesianer bekannte Ökonomen genau dasselbe Werk als hoffnungslos dunkel und theoretisch unbedeutend bezeichnet haben, was jedenfalls als Anzeichen dafür genommen werden muss, dass sie es, falls sie es überhaupt gelesen haben, dann jedenfalls nicht verstanden oder gar rezipiert.

Etwas vorsichtiger formuliert wikipedia.de sein Lemma für "Keynesianismus":

Unter Keynesianismus [keɪnz-] wird in den Wirtschaftswissenschaften ein Theoriegebäude verstanden, in dem die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die entscheidende Größe für Produktion und Beschäftigung ist. In diesem Sinne geht der Keynesianismus auf John Maynard Keynes' Allgemeiner Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 zurück. Die Interpretation von Keynes' Allgemeiner Theorie durch J.R. Hicks 1937 in Form des IS-LM-Modells (die neoklassische Synthese) war Grundlage der neokeynesianischen Schule, als deren bekannteste Vertreter Paul Samuelson und Franco Modigliani gelten. Der amerikanische Neokeynesianismus lieferte die bis etwa 1970 dominierenden ökonomischen Modelle. Keynes' Schüler lehnten diese Syntheseversuche stets ab, Joan Robinson nannte die neokeynesianische Schule nur verächtlich „bastard keynesianism“.


Ungenau ist hierbei der Verweis auf die "gesamtwirtschaftliche Nachfrage", da es Keynes um die "effektive Nachfrage" ging. Jedenfalls wird aber im Gegensatz zur englischen Version deutlich, dass die "neoklassische Synthese" nur zu einem gewissen Anteil auf den Ideen von Keynes fußt.

Mit anderen Worten: Keynes ist mitnichten ein "Keynesianer"!(3)

Wenn man ökonomische Ideen und Theorieansätze beurteilt, muss man seine Schriften und die derjenigen Autoren, die sich selbst als "Keynesianer" bezeichnen oder von anderen dafür gehalten werden, säuberlich auseinanderhalten.


(1) Egon Matzner, Wolfgang Streeck: Introduction: Towards a Socio-Economics of Employment in a Post-Keynesian Economy. In: Egon Matzner, Wolfgang Streeck, (Hrg.): Beyond Keynesianism. The Socio-Economics of Production and Full Employment. Edward Elgar : Aldershot 1991. ISBN 1-85278-424-5. S. 1 ff.

(2) Paul Davidson: John Maynard Keynes. Palgrave Macmillan. ISBN 13-978-1-4039-92623-7. ISBN 10-4039-9623-7.

Vgl. auch Paul Davidson: Keynes' Serious Monetary Theory.

(3) The search for Keynes - Was he a Keynesian? The Economist, 26.12.1992-8.1.1993, S. 106-108.

Montag, 19. Juli 2010

Keynes, Marx: Apriorismus vs. Dialektik

Marx (Briefe, 1. Februar 1858; MEW 29, S. 274.) über Ferdinand Lassalle: "Die Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesos" (Bd.1,2. Berlin 1858) zu Engels:

"Er [d.h. Lassalle] wird zu seinem Schaden kennenlernen, daß es ein ganz andres Ding ist, durch Kritik eine Wisssenschaft erst auf den Punkt bringen, um sie dialektisch darstellen zu können, oder ein abstraktes, fertiges System der Logik auf Ahnungen eben eines solchen Systems anzuwenden."


Man muss also im Hinblick auf Marxens "Dialektik" die kritische Forschungsweise und die Darstellungsweise voneinander trennen, obwohl beide einander jeweils in besonderer Weise wechselseitig bedingen. Wer das nicht vor Augen hat, dem mutet Marxens Darstellung im "Kapital" wie ein aprioristisches Vorgehen an, obwohl dies genau das Gegenteil dessen ist, was beabsichtigt ist. {vgl. hierzu Böhm-Bawerks grundlegendes Missverständnis}

Ernest Mandel weist dies in seiner "Marxistische Wirtschaftstheorie" (1. Band. edition suhrkamp (es 595) Frankfurt am Main 2. Aufl. 1972. S. 14ff.) richtig nach.

Mandel gerät aber im Hinblick darauf ins Schwimmen, was den "empirischen Beweis" einer ökonomischen Theorie anbelangt. Letztlich rekurriert er auf die relativ vage Auskunft:
"Dieses Ziel ["die erstaunliche Aktualität des lebendigen Marxismus aufzeigen"] wird durch die gemeinschaftliche Synthese der empirischen Daten der universellen Wissenschaft viel eher erreicht als durch Auslegungen und Verteidigungen." (S. 17f)
Hier würde eine kritisch-dialektische Rezeption der methodologischen Überlegungen Karl Poppers und Paul Feyerabends zum Verhältnis von Theorie und Empirie wohl etliche Schritte voranbringen.

In diesem Aspekt des Verhältnisses von abstraktem Denken und konkreter Wirklichkeit sind Hegel und Ricardo eher Verwandte. Über das Verhältnis von abstraktem Modelldenken zu empirischer Erkenntnis in der Ökonomie kann im Gegensatz dazu eher auf die kritische Reflektion von J. M. Keynes rekurriert werden:

"It seems to me that economics is a branch of logic: a way of thinking. (...) One can make some quite worthwile progress merely by using axioms and maxims. But one cannot get very far except by devising new and improved models. this requires (...) vigilant observation of the actual working of our system. Progress in economics consists almost entirely in a progressive movement in the choice of models." (zit. nach Paul Davidson: John Maynard Keynes. Palgrave Macmillan. ISBN 13-978-1-4039-92623-7. ISBN 10-4039-9623-7. S. 18.).


Mit gewissem Recht könnte man diese Kritik von Keynes am formalen Modelldenken der Ökonomen als eine Paraphrase zu Marxens Methode des "Aufstiegs vom Abstrakten zum Konkreten" auffassen.

Sonntag, 4. Juli 2010

Kasino-Kapitalismus

„Wien huet eigentleech an eisen demokratesch legitiméierte Staten mat hirer sozialer Maartwirtschaft dat lescht Wuert – muss ee sech schlöussendlech froen -: Ass dat d’Politik oder sinn dat d’Bourssen? (…) Wat ass eigentlech d’Aufgab vu Banken? Sinn et Kasinoen oder hu se d’Aufgab, Kapital anzesammelen an et dann den Entreprisen oder de Privatpersoune fir Investitioune bereetzestellen? Dénge se der Realekonomie oder dénge se der renger Geldspekulation?“ [Lucien Lux (LSAP)] (1)

„… l’avidité des opérateurs financiers, qui se sont laissés entraîner par leur soif de l‘argent vite gagné à démultiplier les valeurs artificielles de plus en plus déconnectées de la réalité économique; en fait ces golden boys vendaient tout simplement de l’air chaud à prix d’or à leurs clients en se remplissant les poches de commissions et de bonus; …“ [Lucien Thiel (CSV) in seinem Budgetbericht unter dem Titel: „Les péchés du capitalisme-casino“; zitiert von Alex Bodry (LSAP)], (2)

„Mäi Plädoyer, deen internationalen, ass sécher kee géint méi Regulatioun. Et ass e Plädoyer fir eng besser Regulatioun. Et ass awer och e Plädoyer, deen dhinner geet, datt et definitiv muss esou sinn, datt mer de Kasino mussen zoumaachen, datt mer net kënne weiderfueren – op ville Plaze vun der Welt -, alles an egal wat ze erlaben, well de Kasino huet sech net hei zu Lëtzebuerg ofgespillt, an déi grouss Risikogeschäfter sinn net hei zu Lëtzebuerg ofgewéckelt ginn.“ [Jean-Louis Schiltz (CSV)] (3)

Der Begriff „Kasino-Kapitalismus“ hat durch die Finanzkrise seit 2007 wieder Konjunktur Er ist aber kein inhaltsleeres Schlagwort, das etwa bloß zur stigmatisierenden (4) Kennzeichnung von Spekulanten dient, welche an der Börse zockend ihrer Geldgier frönen. Er entstammt der Internationalen Politischen Ökonomie(5) und geht auf ein Buch(6) gleichen Namens von Susan Strange (London School of Economics, LSE) zurück, das 1986 erschienen ist. Sie kennzeichnete hiermit das durch Globalisierung und Liberalisierung neu entstandene System internationaler Finanzmärkte, welches integriert durch die genannten Prozesse in wachsendem Maße dadurch instabil wird.(7)

Susan Strange(8) wie auch Hans-Werner Sinn (Ifo-Institut München), der unter gleichem Titel 2010 sein Taschenbuch(9) über die gegenwärtige Finanzkrise herausgebracht hat, beziehen sich mit dem Ausdruck „Kasino“ auf das klassische Werk von John Maynard Keynes mit dem Titel: The General Theory of Employment, Interest and Money.(10) Aufschlussreich in dieser Hinsicht ist vor allem die folgende Passage:

„Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblasen auf einem steten Strom der Unternehmungslust. Aber die Lage wird ernsthaft, wenn die Unternehmungslust die Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird. Wenn die Kapitalentwicklung eines Landes zum Nebenerzeugnis der Tätigkeit eines Spielkasinos wird, wird die Arbeit voraussichtlich schlecht getan werden. Wall Street, als Einrichtung betrachtet, deren eigentlicher sozialer Zweck die Leitung neuer Investitionen in die einträglichsten Kanäle ... ist, kann nicht Anspruch darauf erheben, daß der von ihr erreichte Erfolgsgrad ein hervorstechender Triumph des laissez-faire Kapitalismus ist - was nicht überraschen kann, daß die besten Köpfe von Wall Street in der Tat auf eine andere Aufgabe gerichtet sind." (11)

Es wäre jedoch zu simpel oder geradezu falsch, aus dieser neuerlichen Prominenz von Keynes auf eine Wiederkunft des Keynesianismus zu schließen, der somit etwa Revanche am Monetarismus und Neoliberalismus nähme, welche für die übermäßige Deregulierung und Marktfundamentalismus verantwortlich gemacht werden könnten. Doch derjenige Keynesianismus, der einstens wirtschaftspolitische Vorherrschaft ausgeübt hatte, basierte seinerzeit auf einer Anpassung keynesscher Theoriestücke an die neoklassischen Ökonomie (bzw. dem Allgemeinen Gleichgewichtsansatz von Léon Walras). Mit der sog. „neo-klassische Synthese“ von Paul Samuelson wurde Keynes in der US-Ökonomie akademisch salonfähig gemacht; grundlegende Ideen des oben genannten keynesschen Werkes wurden dabei jedoch einfach ignoriert, sei es, dass sie gegenüber der überkommenen Orthodoxie zu häretisch erschienen, sei es, dass sie im Dunstkreis überlieferter Überzeugungen überhaupt nicht adäquat begriffen wurden.(12)
Zu diesen neuartigen Gedanken zählt insbesondere Keynes‘ Ablehnung der gewöhnlichen Voraussetzung der neoklassischen Ökonomie, nämlich die des nach feststehenden Präferenzen die Aktionsweisen zweckmäßig auswählenden, vollständig informierten rationalen Akteurs. Keynes weist demgegenüber auf das Problem der Ungewissheit hin, dass nämlich die Zukunft grundsätzlich nicht gewusst wird, noch nicht einmal im Hinblick auf eine Wahrscheinlichkeitsverteilung bestimmter Risiken. Paul Davidson spricht hier von „Ergodizität“.(13) Hier schließt sich der Kreis, wo wir zum von Susan Strange aufgeworfenen Problem der zunehmenden Ungewissheit in der Evolution global integrierter Finanzmärkte zurückkehren.

Keynes spricht jedoch nicht einfach vom Glücksspiel an der Börse, sondern er analysiert solche soziologischen Aspekte wie den Herdentrieb:

"Es ergibt sich aber, daß die Tatkraft und Geschicklichkeit des beruflichen Investors und Spekulanten in der Hauptsache anderweitig angewendet wird. Tatsächlich befassen sich nämlich die meisten dieser Menschen nicht mit überwiegend überlegenen langfristigen Voraussagen des wahrscheinlichen Erträgnisses einer Investition während ihrer ganzen Lebensdauer, sondern damit, die Änderungen in der konventionellen Grundlage der Bewertung mit einem kurzen Vorsprung vor dem allgemeinen Publikum vorauszusehen. Sie befassen sich nicht damit, welchen Wert eine Investition wirklich für einen Menschen hat, der sie als Daueranlage kauft, sondern damit, wie sie der Markt, unter dem Einfluß der Massenpsychologie, nach drei Monaten oder nach einem Jahr bewerten wird. Dieses Verhalten ist überdies nicht das Ergebnis eines verschrobenen Hanges. Es ist das unvermeidliche Ergebnis eines nach den beschriebenen Grundlinien aufgebauten Investitionsmarktes. Denn es hat keinen Sinn, für eine Investition 25 zu bezahlen, von der man glaubt, daß ihr voraussichtliches Erträgnis einen Wert von 30 rechtfertigt, wenn man gleichzeitig glaubt, daß der Markt sie nach drei Monaten mit 20 bewerten wird. Der berufliche Investor ist somit gezwungen, sich mit der Vorwegnahme bevorstehender Änderungen solcher Art in den Ereignissen oder in der Umwelt zu befassen, durch welche die Massenpsychologie des Marktes erfahrungsgemäß am meisten beeinflußt wird." (14)

Und seine Analogie geht überhaupt nicht darauf, dass Börsenspekulation eine Art Roulette sei (dessen Risikoverteilung unter Umständen mittels der Wahrscheinlichkeitsrechnung rational zu handhaben wäre), viel eher wie das Schwarze Peter-Spiel oder Schneeballsystem (ponzi scheme) funktioniert:

"Der tatsächliche private Zweck der geschicktesten Investition von heute ist, 'der Kugel vorauszueilen', 'to beat the gun', wie die Amerikaner es so trefflich ausdrücken - schlauer zu sein als die Masse, und das schlechte oder sich entwertende Geldstück an den Nächsten abzustoßen. Für diesen Wettkampf der Gerissenheit, die Grundlage der konventionellen Bewertung für ein paar Monate vorauszusehen, statt das voraussichtliche Erträgnis einer Investition während einer langen Reihe von Jahren, sind nicht einmal Tölpel unter der Masse nötig, um den Wanst des Berufsmenschen zu füllen; - die Berufsgenossen können ihn unter sich selbst ausfechten. Auch ist es nicht notwendig, daß jemand einen schlichten Glauben an eine wahrhaft langfristige Gültigkeit der konventionellen Grundlage der Bewertung haben müßte. Denn es ist sozusagen eine Partie Schnippschnapp, Schwarzer Peter oder Sesseltanz - ein Zeitvertreib, bei dem derjenige Sieger ist, der schnapp weder zu früh noch zu spät sagt, der den Schwarzen Peter an seinen Nachbarn weitergibt, bevor die Partie aus ist, der sich einen Stuhl sichert, wenn die Musik aufhört. Diese Spiele können mit Spannung und Genuß gespielt werden, obschon alle Spieler wissen, daß es der Schwarze Peter ist, der herumgeht, oder daß beim Aufhören der Musik einige der Spieler ohne Stühle sein werden." (15)

Die Auffassung Keynes' vom Wesen der Spekulation steht in Gegensatz zur bis heute in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschenden. Die Instabilität der Geldnachfrage stellt das Kernargument der keynesschen wie der der marxschen Geldtheorie dar gegen die monetaristische These eines rational finanzmarktgesteuerten Kapitalismus.(16)

In der Endphase des Systems von Bretton Woods vertraten führende Ökonomen wie Milton Friedman(17) und H. G. Johnson(18) die Meinung, dass ein System flexibler Wechselkurse einem System institutionell fixierter Kurse eindeutig überlegen sei, da sie die wirtschaftspolitische Autonomie der einzelnen Staaten erhöhten und außenwirtschaftliche Anpassungen erleichterten.(19) Kernthese dieser Argumentation war die Annahme, dass Spekulation grundsätzlich eine stabilisierende Funktion erfülle, da sie lediglich Anpassungsprozesse beschleunige. Die Liberalisierung der Kapitalmärkte bewirke demzufolge eine größere Stabilität der Weltwirtschaft im Hinblick auf das Währungssystem. So sagte Friedman 1998 angesichts der Asienkrise:

"Spekulanten wie George Soros üben eine extrem nützliche Funktion aus, sie stabilisieren die Märkte... Wer spekuliert, beschränkt sich also nur darauf, die extremen Auswirkungen instabiler Wirtschaftssysteme vorwegzunehmen."(20)

Nach Hayeks bekannter Theorie fungieren Märkte effizient als Mittler von verstreutem Wissen. Keynes-Biograf Robert Skidelsky hingegen sieht in dem bekannten Buch von George Soros über Kreditkrise Hinweise darauf, dass die Finanzmärkte sich eher gemäß der keynesschen Auffassung denn gemäß der Theorie von Friedrich von Hayek entwickelten.(21)

Hinzutreten weitere Aspekte, wie die als „Finanzialisierung“ (22) angesprochene wachsende Vorherrschaft der Finanzmärkte gegenüber der Realökonomie, welche wir auch schon bei Keynes ausgesprochen finden. Sinn sieht als Hauptursache der Krise nicht irrationales Handeln der Spekulanten, sondern dass Bankiers durch ein vollkommen rationales Geschäftsmodell, das indes auf perversen Anreizen basiert, zu Handlungsweisen angereizt wurden, die gesamtwirtschaftlich zu katastrophalen Auswirkungen führen.(23) Als ein Vertreter des Ordo-Liberalismus sieht Sinn die Lösung in der Ordnungspolitik; letztlich wird damit der Politik die Verantwortung für das Versagen der Märkte zuerkannt. Es verbleibt jedoch in diesem Modelldenken das bekannte Problem des rational handelnden Akteurs (sowohl was die einzelne Regierung wie auch den einzelnen Finanzhändler betrifft) zu lösen, wie dieser bei Aufrechterhaltung seiner auf kurzfristige Nutzenmaximierung zielenden Handlungsorientierung zu einer kollektiven Vereinbarung mit anderen gleichfalls so konstruierten Individuen gelangen soll, welche zwar hinterher allen gemeinsam nutzt, indessen kurzfristig aber auf Kosten der eigenen Zielerreichung geht.(24)

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(1) Chambre des Députés, 31. Sitzung, 1. Juni 2010. Compte rendu des séances publiques No. 13. Session ordinaire 2009-2010. S. 417
(2) 31. Sitzung, 1. Juni 2010. Compte rendu des séances publiques No. 13. Session ordinaire 2009-2010. S. 419
(3) 31. Sitzung, 1. Juni 2010. Compte rendu des séances publiques No. 13. Session ordinaire 2009-2010. S. 426
(4) Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt 1974
(5) "casino capitalism". In: R. J. Barry Jones: Routledge Encyclopedia of International Political Economy. Seite 139
(6) Susan Stange: Casino Capitalism. Blackwell Publishers, Oxford 1986 (Reprint: Manchester University Press, Manchester 1997 ISBN 0719052351
(7) "In addition to the fact that not all economists believe that the wave of capital liberalization is the only source of destabilization of the financial markets, many scholars (particularly those linked to the study of IPE) point out that the process of integration, or GLOBALIZATION, of financial markets has created a very unstable monetary environment, which has even be conceptualized as CASINO CAPITALISM" (capital, control on R. J. Barry Jones: Routledge Encyclopedia of International Political Economy. S. 121.)
(8) "(...) as one important exception to this critique, Susan Stange offered a more Keynesian-derived view, particularly in her discussion of 'casino capitalism'. Her treatment of capital markets as driven less by the efficient analysis of material fundamentals than by self-fulfilling expectations of rising or falling values accords well with Keynes' stress on the social bases of speculative manias. Susan Strange, Casino Capitalism (Manchester: Manchester University Press, 1986)." Wesley Widmaier: The Keynesian Bases of a Constructivist Theory of the International Political Economy. Millennium - Journal of International Studies, Vol. 32, No. 1, 87-107 (2003) DOI: 10.1177/03058298030320010401. S. 90, Anm. 7. / Wesley Widmaier: The Keynesian Bases of a Constructivist Theory of the International Political Economy.
(9) Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Ullstein, vollständig aktualisierte 1. Auflage Juni 2010. ISBN 978-3-548-37303-4. Vgl. im Vorwort: "Der Titel dieses Buches erinnert an die Terminologie von Keynes, der von der Gefahr sprach, dass der Kapitalmarkt zum Nebenprodukt eines Kasinos werden könne."
(10) J. M. Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Duncker & Humblot, München/Leipzig 1936; 10. verbesserte Auflage ebd. Berlin 2000, ISBN 3-428-07985-X.
(11) Keynes, Die Allg. Theorie..., Berlin 1974, S. 134
(12) Paul Davidson: Keynes' Serious Monetary Theory
(13) Douglas Vickers: The market: The tyranny of a theoretic construct. In: Philip Arestis, (Hrg.): Employment, Economic Growth and the Tyranny of the Market. Essays in Honour of Paul Davidson: Volume Two. Edgar Elgar Cheltenham, UK, Brookfield, US1996. ISBN 1-85898-313-4. S. 1ff.
(14) Keynes 1936, S. 130f., zit. nach Exkurs 6: Destabilisierende Spekulation und die spezifische Instabilität flexibler Wechselkurse. In: Hansjörg Herr, Klaus Voy: Währungskonkurrenz und Deregulierung der Weltwirtschaft. Entwicklungen und Alternativen der Währungspolitik der Bundesrepublik und der Europäischen Gemeinschaften (EWS). Metropolis : Marburg 1989. ISBN 3-926570-14-8, S. 74, Anm. 71
(15) Keynes 1936, S. 131. zit. nach Herr/Voy, S. 75, Anm. 72
(16) Robert Pollin: Roots of Capitalist Stability and Instability.
(17) Milton Friedman: The Case for Flexible Exchange Rates. In: Milton Friedman: Essays in Positive Economics. Chicago 1953.
(18) H. G. Johnson: The Case for Flexible Exchange Rates. In: Further Essays in Monetary Economics. London 1972.
(19) Exkurs 6: Destabilisierende Spekulation und die spezifische Instabilität flexibler Wechselkurse. In: Hansjörg Herr, Klaus Voy: Währungskonkurrenz und Deregulierung der Weltwirtschaft. Entwicklungen und Alternativen der Währungspolitik der Bundesrepublik und der Europäischen Gemeinschaften (EWS). Metropolis : Marburg 1989. ISBN 3-926570-14-8. S. 73 ff.
(20) Sind Spekulanten Störenfriede? In: Der Spiegel, Nr. 42, 12. Oktober 1998. S. 128.
(21) Robert Skidelsky: The Big Bank Fix. 19. Februar 2010
(22) Luiz Carlos Bresser-Pereira: The Global Financial Crisis and a New Capitalism? Levy Economics Institute Working Paper No. 592. Mai 2010
(23) "Da Menschen vergesslich sind und Politiker nur für kurze Laufzeiten gewählt sind, werden die Lobbys der Banken durchsetzen können, dass ihr Geschäftsmodell, das aus Leverage, Haftungsbeschränkung und Risiko Gewinn erzeugt, nicht angetastet wird. Aus politischen Gründen lassen sich die langfristig richtigen Reformen des Bankensystems nur heute, mitten in der Krise, umsetzen. Wer diese Möglichkeit nicht nutzt, vergeudet die Chance, den Kasino-Kapitalismus zu bändigen." Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Ullstein, vollständig aktualisierte 1. Auflage Juni 2010. ISBN 978-3-548-37303-4. S. 387
(24) Mancur Lloyd Olson, Jr.: Die Logik des kollektiven Handelns: Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. 5. Aufl. Mohr Siebeck, Tübingen 2004. (Originalausgabe: The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups 1965) ISBN 3-16-148504-1

Donnerstag, 7. Januar 2010

Klassische Nationalökonomie

Die klassische Nationalökonomie (auch ''Klassik'', ''klassische Ökonomie'' oder ''politische Ökonomie'') bezeichnet in der Geschichte der Volkswirtschaftslehre die Theorien und die Epoche der Begründer der Ökonomie als einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin. Karl Marx hat den Begriff "Klassische Nationalökonomie" geprägt.

Paradigmatische Geltung für die Klassische Nationalökonomie wird dem Werk ''Der Wohlstand der Nationen'' von Adam Smith aus dem Jahre 1776 zugesprochen. Um 1870 herum wird durch die marginalistische Revolution als vorherrschende Lehre die klassische Ökonomie von der Neoklassik abgelöst.

== Merkantilismus - Physiokraten - Klassik ==

Das ökonomische Denken des Merkantilismus analysiert ökonomische Vorgänge unter dem Gesichtspunkt, wie der Reichtum des Fürsten bzw. der von ihm kontrollierten Staatskasse gefördert werden kann. Physiokraten gehen sodann dazu über, ökonomische Prozesse unter dem Gesichtspunkt der Förderung des Wohlstands eines gesamten Volkes zu betrachten.


Klassische Ökonomen wie Jean-Baptiste Say, David Ricardo, Thomas Malthus und John Stuart Mill gingen in Fortentwicklung des System- und Kreislaufgedankens von Quesnay daran, die Marktwirtschaft als ein sich selbst regulierendes System zu analysieren, das vom Eigennutz des Individuums angetrieben zum Wohle aller wirkt.



== Ökonomische Analyse vs. Wirtschaftsliberalismus ==

Die kausale Analyse der ökonomischen Beziehungen ging oft unmerklich Hand in Hand mit der Propagierung normativer Vorstellungen. Diese wirtschaftspolitischen Vorstellungen, die gemeinhin als "Wirtschaftsliberalismus" bezeichnet werden, entsprachen grundsätzlich den Interessen des aufkommenden Bürgertums im Zuge der Ablösung der feudalen Gesellschaftsstrukturen. Doch haben Klassiker wie Adam Smith auch nicht an Kritik gegenüber den Kapitalisten selbst gespart, wenn es etwa um Fragen der Preisabsprache oder der Bildung von Monopolen ging. Zudem wird neuerdings von Autoren wie etwa Thomas Sowell bestritten, dass klassische Ökonomen wie Adam Smith tatsächlich diese Apologeten des Kapitalismus gewesen seien, wie sie im gängigen Klischeebild, etwa der "unsichtbaren Hand", heutzutage oft vorgestellt werden.

In methodologischer Hinsicht hat Joseph A. Schumpeter in Übereinstimmung mit Max Webers Postulat der Wertfreiheit entschieden darauf bestanden, dass es in der Geschichte der ökonomischen Analyse nicht nur stets möglich, sondern auch unerlässlich sei, von der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Auffassung eines Ökonomen dessen theoretische und empirisch-wissenschaftliche Analyse im eigentlichen Sinne logisch scharf zu trennen. Schumpeter vermerkte die Verquickung der im Grunde wertneutralen ökonomischen Analyse mit den ideologischen Präokkupationen von Autoren insbesondere im Falle der Arbeitswerttheorie als auffällig, sah aber auch auf der Gegenseite die Vertreter der Grenznutzentheorie gegen derartige ideologische Aufladung an sich wertneutraler Begrifflichkeiten als keineswegs gefeit an.

== Erkenntnisprogramm ==
 
Das Erkenntnisprogramm der klassischen Ökonomie charakterisiert Hans Albert wie folgt:


#Durch die Annahme sozialer Gesetzmäßigkeiten.


#Soziale Tatsachen können durch das Zusammenwirken von individuellen Handlungen und deren Situationsbedingungen erklärt werden.


#Wesentliche Handlungsbedingung ist die Knappheit der Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.


#Das Selbstinteresse ist wichtige Orientierungsbasis für rationales Handeln.


#Das Handeln wird mitbestimmt durch das institutionelle Umfeld.

== Wachstum und Verteilung ==

Für die klassischen Ökonomen stand das langfristige Wachstum einer Volkswirtschaft im Mittelpunkt des theoretischen Interesses.

Hingegen geht es der Neoklassik um die Allokation von Ressourcen in einer jeweils gegebenen Situation.  Dieses Problem des optimalen Mitteleinsatzes wird vorwiegend auf der mikroökonomischen Ebene betrachtet, wobei eine Substitution der Produktionsfaktoren als möglich angesehen wird. Die Erkenntnisse der neoklassischen Theorie wurden zum ersten Mal von Alfred Marshall zusammengefasst.

Der Unterschied zwischen der Klassischen Nationalökonomie und der Neoklassik ist besonders groß bei der theoretischen Behandlung der Preise. Der Ökonomiehistoriker Bertram Schefold sagt hierzu:

"An der Denkweise der klassischen Theoretiker ist wichtig, daß für die Preisbestimmung in der langen Periode die Produktionsmengen grundsätzlich als gegeben gedacht sind: Dem Preissystem kommt unter anderem die Funktion zu, Austauschverhältnisse zu bestimmen, die technisch und gesellschaftlich die Reproduktion ermöglichen. Die grundlegende Fragestellung war nicht, ein Marktgleichgewicht von Angebot und Nachfrage für einen gegebenen Zeitabschnitt zu finden, sondern Bedingungen für die Akkumulation des Kapitals und der Profitmaximierung ohne gegebenes Ende des zeitlichen Horizonts zu ermitteln. Die Untersuchung der Marktpreise der kurzen Periode betraf demgemäß die zufälligen Störungen der Reproduktion durch natürlich oder historisch verursachte Einzelereignisse, wie sie die Entsprechung von Nachfrage und Zufuhr unaufhörlich aufheben und dadurch Gegenkräfte einer Wiederannäherung auslösen. Für den Marktpreis gab es, dem Wesen des Zufälligen entsprechend, kein allgemeines Gesetz."

Von der Physiokratie unterscheidet die klassische Schule vor allem die Antwort auf die Frage nach der Quelle des Wohlstandes. Während die Physiokraten die Landwirtschaft als einzige Quelle des Wohlstandes ansehen, stellt Smith an deren Stelle die Arbeitskraft als solche – unabhängig vom Sektor. Wie schon Quesnay in seinem Tableau économique, so hat Adam Smith und daran anschließend David Ricardo mit rücksichtsloser Deutlichkeit die Aufteilung der Gesellschaft in unterschiedliche ökonomisch definierte Klassen zum Ausgangspunkt ihrer Entwicklungstheorie und Verteilungstheorie genommen.
 
== Kontroverse theoriegeschichtliche Einordnung ==

Eine besondere Stellung zur Klassischen Nationalökonomie nimmt Karl Marx und die auf ihn bauende Marxistische Wirtschaftstheorie ein. Einerseits schließt Marx an Adam Smith und Ricardo zum Teil direkt an und stellt diese ausdrücklich als "Klassische Nationalökonomen" den "Vulgärökonomen" gegenüber. Andererseits kritisiert er selbst an ihnen oberflächliche Sichtweisen und Inkonsequenzen, die einer Vulgärökonomie im Sinne von Say und Malthus den Weg frei machen. Marx setzte den Beginn dieser Tradition mit William Petty an. Er grenzte "klassische politische Ökonomie" ab zur "Vulgärökonomie", womit er die Periode nach Ricardo und Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi meinte.

Michio Morishima kommt indes zu einer neuen, differenzierteren Ansicht von den theoretischen Differenzen zwischen Klassik, Marx und der Neoklassik.

Die Neoricardianer bemerken ebenfalls wie Marx eine Diskontinuität zwischen Klassischer Nationalökonomie und den darauffolgenden Ökonomen.

In Gegensatz dazu stellt  Samuel Hollander die Kontinuität zwischen klassischer und der neoklassischen Nationalökonomie heraus. Dieser theoriegeschichtlichen Perspektive wird vorgeworfen, den Standpunkt der derzeit vorherrschenden Neoklassik zum Ausgangspunkt zu wählen und so die seinerzeitig geschichtlich vorherrschenden Problemstellungen aus dem Blick  zu verlieren.

Umstritten hierbei ist nach wie vor insbesondere die theoriegeschichtliche Relevanz und Einordnung der Arbeitswerttheorie. Während man bei Smith Erklärungsansätze in voneinander verschiedene Richtungen, darunter auch der Marxschen, angedeutet sehen kann, wird in Ricardo häufig ein Vertreter der "Produktionskostentheorie des Wertes" erblickt.

== Weblinks ==

* The History of Economic Thought Website. The New School of Social Research. 6. Februar 2006.
* Gonçalo L. Fonseca: History of Economic Thought.
* European Society for the History of Economic Thought.



"Wie Sch. darlegt, hat der Begriff 'klassisch' in dieser Arbeit drei Bedeutungen, die auseinanderzuhalten sind. Ursprünglich bezog er sich auf die ökonomische Literatur der Epoche von Adam Smith bis J. S. Mill. "In dieser Bedeutung wurde er gebraucht bis zu einem Zeitpunkt, als das Wort klassisch seinen eulogistischen Gehalt verlor und den Beigeschmack von veraltet annahm; damals war es Lord Keynes, er das Wort verwandte, um die Lehre von A. Marshal und seiner unmittelbaren Nachfolger (kurz gesagt, die vor-Keynesianische Wirtschaftswissenschaft) zu charakterisieren." Sch. selbst verwendet den Ausdruck Klassische Situation, um eine Situation zu kennzeichnen, in der nach einer langen Periode von Kampf und Kontroverse eine grundsätzliche Übereinstimmung erzielt wird: die Konsolidierung der neuartigen, schöpferischen Arbeit, die ihr vorausging." (Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): ''Geschichte der ökonomischen Analyse.'' Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965. S. 89, Anm. 1 (der Herausgeberin))

Karl Marx: ''Das Kapital.'' MEW 23:95, Anm. 32. / Thomas Sowell: ''On classical economics.'' Yale University Press, 2006. ISBN 0300113161, 9780300113167. S. 2. [google Books]
Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): ''Geschichte der ökonomischen Analyse.'' Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965.
"Der Unterschied zwischen älterer Wert- und neuerer Preislehre ist so groß, daß sich nicht einmal ein gemeinsamer übergreifender Obertitel für beide findet. Die ältere Theorie fragt nach den allgemeinen Ordnungsgesetzen der Märkte; und diese Frage steht in mannigfachem Zusammenhang mit anderen Seiten des Wirtschaftsprozesses: Die vorklassische, merkantilistische Lehre (und noch die der Frühklassik, unter Einschluß von Smith) kreist um die große Frage nach den Quellen jenes "Reichtums der Nationen", worin sich zugleich die Bedingungen der Akkumulation des geschichtlich sich entfaltenden Privatkapitals zusammenfassen. Als die letzte Quelle des "Volkswohlstandes" aber erscheint die produktive menschliche Arbeit. Und die so sich ausbildende Arbeitswerttheorie ist ihrem Wesen nach nicht Lehre von der Einzelpreisbildung, sondern vielmehr Lehre von der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung. In der Hochklassik wird diese Wertschöpfung - so unklar und mangelhaft die Vorstellung von ihr zunächst noch ist - zum Ausgangspunkt auch der Verteilungslehre. Bei Marx schließlich spinnt sich aus der Lehre von der wertbildenden Kraft der Arbeit die gesamte Theorie des volkswirtschaftlichen Verteilungs- und Reproduktionsprozessses heraus." (Werner Hofmann: ''Wert- und Preislehre.'' Duncker & Humblot Berlin 1964. S. 17.)
Niklas Luhmann: ''Die Wirtschaft der Gesellschaft.'' Suhrkamp . Frankfurt am Main 1. Aufl. 1988. ISBN 3-518-57883-9. S. 78 ff. / „Zu den unvergänglichen Verdiensten Marxens um die theoretische Nationalökonomie gehört seine Stellung des Problems der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Bezeichnenderweise begegnen wir in der Geschichte der Nationalökonomie nur zwei Versuchen einer exakten Darstellung des Problems: an ihrer Schwelle, bei dem Vater der Physiokratenschule, Quesnay, und an ihrem Ausgang, bei Karl Marx. In der Zwischenzeit hört das Problem nicht auf, die bürgerliche Nationalökonomie zu quälen, doch hat sie es nie bewußt und nie in seiner reinen Form, losgelöst von verwandten und durchkreuzenden Nebenproblemen, auch nur zu stellen, geschweige denn zu lösen gewußt. Bei der fundamentalen Bedeutung dieses Problems jedoch kann man bis zu einem gewissen Grad an der Hand dieser Versuche die Schicksale der wissenschaftlichen Ökonomie überhaupt verfolgen.“ (Rosa Luxemburg: ''Die Akkumulation des Kapitals.'' In: ''Die Freiheit ist immer nur Freiheit des Andersdenkenden.'' Voltmedia Paderborn. ISBN 3-938478-73-X S. 104).

Jochen Nielen: ''Das Leitbild des Laisser-faire in der Politischen Ökonomie von Smith bis Keynes, dargestellt anhand der Hauptwerke von Smith, Malthus, Ricardo, Mill, Marshall und Keynes.'' Diss. Bonn 2000. S. 163.


„(1) Zu allen Zeiten, auch in der Gegenwart, ist die Leistung der Wirtschaftstheorie, gemessen an den Anforderungen der jeweiligen Zeit (wobei wir den Stand der Theorie zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht mit dem Maßstab späterer Zeiten messen dürfen), hinter den begründeten Erwartungen zurückgeblieben und hat sie zu stichhaltiger Kritik Anlaß gegeben.

(2) Unzureichende Leistung ging und geht immer Hand in Hand mit übersteigerten Ansprüchen, besonders aber mit verantwortungsloser Anwendung auf Probleme, die die Leistungsfähigkeit des analytischen Apparates ihrer Zeit überstiegen und noch übersteigen.

(3) Während nun die Wirtschaftstheorie niemals den an sie gestellten Anforderungen genügte, d. h. niemals das leistete, was sie hätte leisten können, überstieg sie doch zugleich die Auffassungsgabe der meisten daran interessierten Personen, denen es an Verständnis dafür fehlte und die sich jedem Versuch einer analytischen Verfeinerung widersetzten. (...)

(4) Die Feindseligkeit, die aus diesen Quellen herrührte, wurde häufig noch durch die Feindseligkeit gegen die politischen Bündnisse verstärkt, die einzugehen die Mehrzahl der Theoretiker hartnäckig fortfuhr."
(Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): ''Geschichte der ökonomischen Analyse.'' Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965. S. 50.)

"Adam Smith who stood out as the great pioneering advocate of competitive capitalism, free trade, and the price mechanism, and whose Wealth of Nations was destined to become the Bible of the liberal bourgeosie. Smith's great message of good cheer - that competitive capitalism is, of not the best of all economic systems, at any rate the best of all possible systems - is echoed, with a greater or lesser degree of academic qualification, in almost every chapter of the ''Wealth of Nations''. Do away with most, if not all, monopolies and restrictions on internal and external trade; allow each man to do as he wants to with his own (and in particular with his own capital), give 'the obvious and simple system of natural liberty' its head, and the famous invisible hand will automatically maximize the rate of growth of the national product and promote the diffusion of the increasing opulence among the populace. No fears here, apparently, that free competition might sooner or later breed a new type of monopoly; not much fear that the process of development might eventually come to an end; no worries that a more or less unfettered capitalism might generate chronic unemployment, or severe inflation, or gross disparities in income, or war; and no hint at all, of course, that capitalism might at some time or other be replaced by a different type of economic system."(Ronald L. Meek: ''Smith, Marx & after. Ten Essays in the Development of Economic Thought.'' Chapman & Hall : London 1977. ISBN 0-412-14360-7. S. 3f.

Stefan Hopp: Die unsichtbare Hand – und vier Versuche, sie sichtbar zu machen. Eine kritische Analyse der allgemeinen Gleichgewichtstheorie und ausgewählter ideengeschichtlicher Vorläufer. Diss. Bamberg 2004.
"Rather than asserting the benefits of laissez-faire based on the existence of a "natural harmony of interests" the classical economist are portrayed as seeking to dismantle a politicized disharmony of interests that greatly favored wealth and power. These themes have found considerable favor since the 1970's as a long list of scholars have sought to undermine the conservative outer works hastily erected around Smith's work during the 1790's. Indeed it would be very interesting to have Sowell's reaction to the works of, say, Donald Winch, Emma Rothschild or Richard Teichgraeber, whose attempts to disassociate Smith from conservatism post date Smith's Reagan-era embrace." (John Berdell: Review of Thomas Sowell, On Classical Economics. EH.Net Economic History Services, 2. Februar 2007.

"Meines Erachtens läßt sich das philosophische Gewand auch immer von der Wirtschaftswissenschaft abstreifen; die Wirtschaftsanalyse ist zu keiner Zeit von den philosophischen Anschauungen der Wirtschaftswissenschaftler geprägt worden, obgleich sie häufig genug durch deren politische Einstellung entstellt wurde. Der Beweis als solcher wird in den folgenden Teilen erbracht, in denen wir auch aufzeigen werden, daß sogar Wirtschaftswissenschaftler, die sehr stark ausgeprägte philosophische Anschauungen vertraten, wie Locke, Hume, Quesnay und vor allem Marx, sich tatsächlich in ihrer analytischen Arbeit nicht von ihnen beeinflussen ließen. Der Grund, warum ich die These mit so viel Nachdruck vertrete, daß die Philosophie im technischen Sinne des Wortes schon ihrer Beschaffenheit nach die Wirtschaftsanalyse gar nicht beeinflussen kann und praktisch auch nicht beeinflußt hat, liegt darin, daß die Gegenthese zu einer der Hauptquellen von Scheinerklärungen über die Entwicklungsgeschichte der Wirtschaftsanalyse geworden ist. Diese Scheinerklärungen sprechen besonders solche Historiker der Wirtschaftswissenschaft an, die sich in erster Linie für philosophische Gesichtspunkte interessieren und daher übermäßigen Wert auf Hinweise auf solche Zusammenhänge legen, von denen es ja in der Fachliteratur mehr als genug gibt, und die oft nicht als das erkannt werden, was sie sind - nämlich Verbrämungen, die trotz ihrer Fadenscheinigkeit die Filiation wissenschaftlicher Ideen verschleiern." (Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): ''Geschichte der ökonomischen Analyse.'' Erster Teilband. Vandenhoeck & Ruprecht : Göttingen 1965. S. 64f.)

"Es gibt zwar Instrumente oder Theorien, deren ideologische Neutralität erwiesen ist, die aber dennoch eine vermeintliche ideologische Bedeutung gewinnen können, und zwar dadurch, daß irrtümlicherweise von jemandem angenommen wird, daß sie für seine eigene Ideologie relevant seien. Wir haben soeben die unbestrittene Tatsache festgestellt, daß der Übergang von der Grenznutzentheorie zu einer Werttheorie, die sich auf den Begriff der Grenzrate der Substitution stützt, insofern ideologisch neutral war, als beide Begriffe nachweislich mit jeder beliebigen Ideologie vereinbar sind. Dies war jedoch nicht der Fall bei der vorangegangenen Entwicklungsphase der Werttheorie. Unter den Gegnern der Grenznutzentheorie des Wertes befanden sich die marxistischen Vertreter einer Arbeitswerttheorie; sie - wie auch eine Reihe von Grenznutzentheoretikern - waren der Ansicht, daß die Wahl zwischen Arbeits- und Grenznutzen-'Erklärungen' für den ökonomischen Wert von unserer Vision des Wirtschaftsablaufs abhinge und daß diese Wahl ideologisch relevant sei. Besonders die marxistische Vorstellung vom Wert als geronnener Arbeit stellt das erste Glied in der marxistischen Beweisführung für die Annahme dar, daß die Quelle aller Einkommen mit Ausnahme der Löhne die Ausbeutung ist." (Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): ''Geschichte der ökonomischen Analyse.'' Erster Teilband. Vandenhoeck & Ruprecht : Göttingen 1965. S. 81)

Hans Albert: Die Idee rationaler Praxis und die ökonomische Tradition.


Ernesto Screpanti, Stefano Zamagni: An Outline of the History of Economic Thought. Oxford 1993. S. 147.

Peter D. Groenewegen: A soaring eagle: Alfred Marshall, 1842-1924. Cheltenham Northampton 1995. S. 1.

Werner Hofmann: Wert- und Preislehre. Duncker & Humblot Berlin 1964. S. 17.

Bertram Schefold: ''Nachfrage und Zufuhr in der klassischen Ökonomie.'' S. 243 ff. In: Bertram Schefold, (Hg.): Ökonomische Klassik im Umbruch. Theoretische Aufsätze von David Ricardo, Alfred Marshall, Vladimir K. Dmitriev und Piero Sraffa. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 627. Frankfurt/Main 1986. ISBN 3-518-28227-1. S. 196.


Karl Marx: ''Das Kapital.'' MEW 23:95, Anm. 32.

Ronald L. Meek: ''Smith, Marx & after. Ten Essays in the Development of Economic Thought.'' Chapman & Hall : London 1977. ISBN 0-412-14360-7. S. 4f.

"There is a popular and conventional view that marginalism emerged in opposition to classical economics. This view, however, is entirely wrong because Ricardian economics, in which the classical school is considered to have culminated, is indeed an economics based on marginalism. (...) Of course it is true that, with no idea of marginal utilities, both Ricardo and Marx used the labour theory of value. It is also true that analysis was mainly made, in their economics, in terms of prices, wages and profits, rather than labour values. They both believed that prices are not equal (or proportional) to values, unless a stringent condition - that the composition of capital, that is the ratio of the capital to support labour to the capital invested in tools, machinery and the buildings, is the same throughout all processes of production - is fulfilled.

"Wie kann Kapital entstehn bei der Regelung der Preise durch den Durchschnittspreis, d.h. in letzter Instanz durch den Wert der Ware? Ich sage "in letzter Instanz", weil die Durchschnittspreise nicht direkt mit den Wertgrößen zusammenfallen, wie A. Smith, Ricardo usw. glauben." (Marx, ''Kapital'', I, S. 180f, Anm. 37)

It is interesting to notice in this quotation that even Marx was affected by the popular view and considered that Ricardo accepted the proposition of proportionality between prices and values; it will be seen later that Chapter 1 of Ricardo's Principles gives clear evidence that he believed the opposite, that is, that there was a disproportionality.

Still, it is true that the two economists analysed the economy in terms of value too. Their economics makes dual-standard valuation in terms of values and prices, respectively, while Walras who totally rejected the labour value theory, adopted an approach of mono-standard valuation (in terms of prices, of course)." (Michio Morishima: ''Ricardo's Economics. A general equilibrium theory of distribution and growth.'' Cambridge University Press 1989. ISBN 0-521-36630-5. S. 8f'.)

Samuel Hollander (2000), Sraffa and the Interpretation of Ricardo: The Marxian Dimension, History of Political Economy, V. 32, N. 2: 187-232 (2000).

Einer retrograden Art der Geschichtsschreibung, deren Erfindung Theodor Geiger Goethe zugeschrieben hat: „Geschichts-"Wissenschaft" soll die Betrachtung des Jetzt im Spiegel der Vergangenheit sein, oder die Interpretation der Vergangenheit in der Perspektive des Jetzt. Daraus folgt dann, daß die Geschichte vergangener Epochen immer aufs neue wiedergeschrieben werden muß - ein wahrscheinlich von Goethe zum ersten Male ausgesprochener Gedanke.“ (Theodor Geiger: ''Ideologie und Wahrheit. Eine soziologische Kritik des Denkens.'' Luchterhand : Neuwied und Berlin 2. Aufl. 1968. S. 33.)

Montag, 4. Januar 2010

The China Bubble

China hat die Bänker-Welt verändert. Hat es?

"Asien statt USA, Rohstoffe statt Internet". Marc Faber auf ALFI-Frühjahrskonferenz.


 

Luxemburg, 12/03/2005.

Der Schweizer Investment-Guru Marc Faber, Herausgeber von "Gloom, Boom Doom Report", hat auf Kirchberg zu einer langfristige Anlagestrategie in Asien geraten. Nicht aber jedoch die Risiken verschwiegen.

Chinas Export lebt wie einstens derjenige Japans und Europas von Amerika und dessen Verschuldungsfähigkeit.
Andererseits führt eine ungebrochene Wachstumstendenz in Asien zu einer spürbaren Verknappung der Rohstoffe auf den Weltmärkten.

Hierdurch angeregt, bringen wir nachstehend eine mehr grundsätzliche Betrachtung über

Spekulation, flexible Wechselkurse, instabile Weltwirtschaft

In der Endphase des Systems von Bretton Woods dominierten Friedman (1953) und Johnson (1972) die Ökonomen-Meinung: Ein System flexibler Wechselkurse sei einem System institutionell fixierter Kurse eindeutig überlegen.
Flexible Kurse sollten die wirtschaftspolitische Autonomie der einzelnen Staaten erhöhen und außenwirtschaftliche Anpassungen erleichtern.
So ging damals die Mär.

Hauptargument dabei war, dass die Spekulation das System nur stabilisieren könne, da sie Anpassungsprozesse beschleunige und vorwegnehme.
Dies beruhte hinwieder auf folgenden Annahmen:
Die Spekulanten haben einen langfristigen Horizont und antizipieren korrekt den langfristigen Kurs.

Schon Keynes (1936) hatte hingegen herausgestellt:
Bei Bestandsmärkten wie einer Börse ist der Zeithorizont notwendigerweise kurzfristig.
Es macht in dieser Situation für einen Investor überhaupt keinen Sinn, sich an Fundamentals zu orientieren. Denn bei erfolgreicher kurzfristiger Spekulation erzielt ein Investor eine ungleich höhere Rentabilität als bei einer langfristigen Anlage.
Und selbst bei langfristiger Anlagestrategie kann ein Investor nicht davon ausgehen, dass sich die zwar richtig erkannten Fundamentals tatsächlich jemals durchsetzen. Denn die Spekulation kann das Erreichen auch eines langfristigen Gleichgewichtskurses verhindern – oder es zumindest sehr unsicher machen.

Der Investor ist daher gezwungen, die Launen und Irrationalitäten seiner Mitspekulanten mitzumachen, da diese den tatsächlichen Kurswert bestimmen. Erfolgreich als Investor ist daher nicht ein weit vorausschauender Volkswirt, sondern eher ein geübter Massenpsychologe.

Die kurzfristige Spekulation beinhaltet kumulative Effekte, die den Kurswert eines Bestands auf Höhen treiben kann, die selbst der überwältigenden Mehrheit der Spekulanten als zu hoch erscheinen. Dennoch ist es für einen Spekulanten rational und womöglich profitierlich, einen Bestand zu solchen Preisen zu kaufen, solange er nur glauben darf, dass der Preis vor seinem unvermeidlichen Absturz noch eine Zeit lang weiterhin ansteigen wird.
Er muss nur glauben, dass er seine Bestände noch rechtzeitig vor dem bevorstehenden Kurseinbruch verkaufen kann. Also dass er noch zumindest eine winzige Idee schneller als die gesamte Herde ist.


 

(pley), "China verändert alles", Luxemburger Wort 9.3.2005

Hanjörg Herr, Klaus Voy, "Währungskonkurrenz und Deregulierung der Weltwirtschaft. Entwicklungen und Alternativen der Währungspolitik der Bundesrepublik und der Europäischen Gemeinschaften (EWS)", Metropolis Verlag , Marburg 1989


 


 

Truth and consequences of offshoring. Recent studies overstate the benefits and ignore the costs to American workers, by L. Josh Bivens

Wie die Europäer nach der Osterweiterung, so reiben sich immer mehr Amerikaner nach der Bildung der Freihandelszone mit Mexiko und Kanada enttäuscht die Augen. Taugt die Freihandelsdoktrin nur noch zu Propagandazwecken?

NAFTA's cautionary tale. Recent history suggests CAFTA could lead to further U.S. job displacement

China liefert in die Vereinigten Staaten längst nicht mehr nur arbeitsintensive Massenware, sondern einen immer höheren Anteil von HiTec-Produkten.

U.S.-China Advanced Technology Trade. An Analysis For U.S.-China Economic and Security Review Commission. By Pat Choate & Edward A. Miller Manufacturing Policy Project, Washington, Virginia April 2005

Japan und China halten weltweit die größten Devisenreserven und halten damit ihre und die US-Wirtschaft am Laufen.

Foreign liabilities are rapidly increasing, especially to foreign central banks, Snapshot for June 30, 2005

Welche Ziele werden damit verfolgt? Welche politischen Auswirkungen hat dies? Wie lange können diese Ungleichgewichte noch weiterhin anwachsen?

Reserve Accumulation: Implications for Global Capital Flows and Financial Markets. Matthew Higgins and Thomas Klitgaard, Vol. 10, Nr. 10 Sept./Oct. 2004, FEDERAL RESERVE BANK OF NEW YORK

Während die U.S.-China Economic and Security Review Commission ein Experten Hearing nach dem anderen veranstaltet, tut der SPIEGEL das Seine in seiner gewohnten Infotainment Manier und startet ein Dossier, gespickt mit Herz ergreifenden und kuriosen Halb- und Binsenwahrheiten, mit dem Motto "China gegen USA. Kampf um die Welt von morgen".