Posts mit dem Label Methodologie der Ökonomie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Methodologie der Ökonomie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 26. Juli 2010

War Keynes ein Keynesianer?

Ähnlich wie Marx durch den Marxismus, so wurde Keynes durch den Keynesianismus so popularisiert wie vulgarisiert. Eine Simplifizierung findet statt, wenn Faktoren als Konstante gesetzt werden, die in der ursprünglichen Theorie als Variable gelten durften. Dies fällt insbesondere dann auf, wenn aus der Theorie politische Handlungsanweisungen abgeleitet wurden, für welche aufgrund der geschichtlichen Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft plötzlich nicht mehr das institutionelle Umfeld stimmt.(1) Es stellt sich daher zurecht die Frage

(A): Inwieweit stimmt die als "Keynesianismus" prominent gewordene Theorie und/oder offizielle Wirtschaftspolitik mit Keynes` ursprünglichem wirtschaftstheoretischen Ansatz überein?

Eine andere Frage ist

(B): Für welches eigentümliche historisch-institutionelle Umfeld war die als "Keynesianismus" prominent gewordene Theorie und/oder offizielle Wirtschaftspolitik speziell entwickelt und eingesetzt worden?

Während Matzner/Streeck (1991) die Frage (A) mit Absicht übergehen und sich nur noch mit der sozio-ökonomischen Frage (B) beschäftigen, hat sich Paul Davidson in seinem Keynes-Buch (2) speziell der Frage (A) gewidmet. Er stellt darin fest, dass Ökonomen wie Paul Samuelson und Hicks damals zwar die ökonomischen Ideen von Keynes zwar akademisch hoffähig gemacht haben, aber indem sie diesen einen neoklassischen mikroökonomischen Unterbau verpasst und so Keynes' originelle Ideen hoffnungslos verdunkelt und Inkonsistenzen im Theoriegebäude produziert haben.

Auf Wikipedia.en heißt es unter "Keynesianism" nicht sehr deutlich:

Keynesian economics (..., also called Keynesianism and Keynesian theory) is a macroeconomic theory based on the ideas of 20th century British economist John Maynard Keynes. Keynesian economics argues that private sector decisions sometimes lead to inefficient macroeconomic outcomes and therefore, advocates active policy responses by the public sector, including monetary policy actions by the central bank and fiscal policy actions by the government to stabilize output over the business cycle.[1] The theories forming the basis of Keynesian economics were first presented in The General Theory of Employment, Interest and Money, published in 1936; the interpretations of Keynes are contentious, and several schools of thought claim his legacy.


Es wird der Anschein erweckt, als ob die Wirtschaftspolitik des Keynesianismus nahtlos aus Keynes und dessen General Theory hervorgegangen sei. Wie historisch grotesk das in der Tat ist, zeigt Davidson, indem er darauf hinweist, dass offiziell als Keynesianer bekannte Ökonomen genau dasselbe Werk als hoffnungslos dunkel und theoretisch unbedeutend bezeichnet haben, was jedenfalls als Anzeichen dafür genommen werden muss, dass sie es, falls sie es überhaupt gelesen haben, dann jedenfalls nicht verstanden oder gar rezipiert.

Etwas vorsichtiger formuliert wikipedia.de sein Lemma für "Keynesianismus":

Unter Keynesianismus [keɪnz-] wird in den Wirtschaftswissenschaften ein Theoriegebäude verstanden, in dem die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die entscheidende Größe für Produktion und Beschäftigung ist. In diesem Sinne geht der Keynesianismus auf John Maynard Keynes' Allgemeiner Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 zurück. Die Interpretation von Keynes' Allgemeiner Theorie durch J.R. Hicks 1937 in Form des IS-LM-Modells (die neoklassische Synthese) war Grundlage der neokeynesianischen Schule, als deren bekannteste Vertreter Paul Samuelson und Franco Modigliani gelten. Der amerikanische Neokeynesianismus lieferte die bis etwa 1970 dominierenden ökonomischen Modelle. Keynes' Schüler lehnten diese Syntheseversuche stets ab, Joan Robinson nannte die neokeynesianische Schule nur verächtlich „bastard keynesianism“.


Ungenau ist hierbei der Verweis auf die "gesamtwirtschaftliche Nachfrage", da es Keynes um die "effektive Nachfrage" ging. Jedenfalls wird aber im Gegensatz zur englischen Version deutlich, dass die "neoklassische Synthese" nur zu einem gewissen Anteil auf den Ideen von Keynes fußt.

Mit anderen Worten: Keynes ist mitnichten ein "Keynesianer"!(3)

Wenn man ökonomische Ideen und Theorieansätze beurteilt, muss man seine Schriften und die derjenigen Autoren, die sich selbst als "Keynesianer" bezeichnen oder von anderen dafür gehalten werden, säuberlich auseinanderhalten.


(1) Egon Matzner, Wolfgang Streeck: Introduction: Towards a Socio-Economics of Employment in a Post-Keynesian Economy. In: Egon Matzner, Wolfgang Streeck, (Hrg.): Beyond Keynesianism. The Socio-Economics of Production and Full Employment. Edward Elgar : Aldershot 1991. ISBN 1-85278-424-5. S. 1 ff.

(2) Paul Davidson: John Maynard Keynes. Palgrave Macmillan. ISBN 13-978-1-4039-92623-7. ISBN 10-4039-9623-7.

Vgl. auch Paul Davidson: Keynes' Serious Monetary Theory.

(3) The search for Keynes - Was he a Keynesian? The Economist, 26.12.1992-8.1.1993, S. 106-108.

Freitag, 19. Dezember 2008

Methodologischer Individualismus

Methodologischer Individualismus bezeichnet innerhalb der Sozialwissenschaften nichts weiter als die Methode, bei der Beschreibung und Erklärung sozialer Vorgänge vom Handeln der einzelnen daran beteiligten Personen auszugehen.


Dieser Begriff wurde von Joseph Schumpeter (Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie. 2. Aufl. Berlin 1970, S. 90f.) genau so eingeführt, und es spricht etliches dafür, es bei seiner Begriffsbestimmung so zu belassen.

Denn diese hat eine klare Zielsetzung: Hiermit wollte Schumpeter die heillosen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Kontroversen umgehen, welche nichts direkt mit der Methode einer Beschreibung/Erklärung von wirtschaftlichen Vorgängen zu tun haben. Und somit das Feld frei machen für eine theoretische oder "reine" Ökonomie.

Diese Begriffsbildung ist also ausdrücklich gegen Werturteile in der empirischen Wissenschaft gerichtet sowie gegen Metaphysik/Philosophie in der Erfahrungswissenschaft. Beispiele gibt es zuhauf: Laissez faire Liberalismus, Individualismus, Atomismus, "Kathedersozialismus". Alles mögliche, was sich in dem deutschen "Methodenstreit" und "Werturteilsstreit" an Positionen so herumtrieb.

Wenn man so will, zeigt Schumpeter hiermit sich als Vorkämpfer für reine, exakte Wissenschaft und beweist eine fachspezifisch bornierte, positivistische Tendenz. Wenn man diese Position nicht überzieht und verabsolutiert, kann sie uns über die Präzisierung der Problemstellung durchaus weiter bringen.

Genau das ist aber in der Folge wieder eingetreten, was Schumpeter unbedingt verhütet wissen wollte: MI wurde genau wieder zu einer wissenschaftstheoretischen, gesellschaftspolitischen und (sozial-)philosophischen Position ausgebaut. Ungeachtet des Zusatzes "methdologischer ..." sind die alten Kontroversen auch mit der neuen Begriffsfassung flugs wiederum aufgeflammt. Und man muss sich fragen, was der wissenschaftlichen Frage damit geholfen ist. Denn die alten Unklarheiten sind damit auch wieder aufgetaucht, bzw. werden aufs Neue potenziert. Da es sich ja vordergründig zumindest nur um eine Frage der Methodologie handeln soll, ist gar nicht einzusehen, auf welche Weise diese methodologische Option mit Philosophie oder Politik zusammenhängen soll. Zumindest dürfte dies nicht eine so einfache Beziehung sein, wie das häufig in der hitzig geführten ideologischen Debatte einfach so unterstellt wird. Jedenfalls ist der so leicht gewonnene Vorteil der Einschränkung auf eine unschuldige methodologische Wahlentscheidung schnell wieder verspielt worden.

In Artikel der Stanford Enyzklopädie wird der Begriff "MI" Max Weber (Wirtschaft und Gesellschaft) zugeschrieben. Webers Soziologie geht jedoch vom sozialen Handeln aus; Schumpeter jedoch gründet das System der reinen Ökonomie auf ein Set mathematischer Funktionen, welche eine Art "Güterastronomie" darstellen. Menschliches Handeln kommt hierbei direkt nicht vor (vgl. die Kritik des Modellplatonismus innerhalb der Ökonomie durch Hans Alberts "Marktsoziologie").

Es macht wenig Sinn, Schumpeters Begriff MI mit Webers Position zu identifizieren. Etwa nur weil Max Weber für Soziologen vielleicht die größere Autorität bzw. bekannter wäre?! Einen ähnlichen Trick beschrieb schon Aulus Gellius: "Spätere Schriftsteller und Schwindler bringen zahlreiche unsinnige und anmaßende Erfindungen unter dem Namen eines so edlen Philosophen wie Democritus ans Licht, um Glaubwürdigkeit und hierdurch größeren Respekt zu erlangen." (zit. nach Robert K. Merton: Auf den Schultern von Riesen. Frankfurt/Main 1983, stw 426, S. 16)

Denn hat MI innerhalb Schumpeters Methodologie einen genau umrissene Funktion, so kann man das bei Positionen, die MI mit Max Weber, Hayek, Popper oder Rational Choice identifizieren, nicht behaupten.

So etwa die Kritik Schumpeters an der immer noch beliebten Sitte, einem wissenschaftlichen Werk umfangreiche Erörterungen über Grundbegriffe und Methoden voranzustellen, die aber für die eigentliche Abhandlung genau genommen funktionslos sind, oder sogar in Diskrepanz dazu stehen. Hans Albert sprach hier von der Diskrepanz zwischen deklarierter und praktizierter Methodologie.

Manche Wissenschaftler kommen vor lauter methodologischen Voruntersuchungen nie zum Anfang ihrer empirisch-theoretischen Analyse. So etwa ist auch die Entstehung von Poppers "Logik der Forschung" zu begreifen. Denn im Grunde hat Popper eine psychologische Lerntheorie, die er aber aus wohl mehr zufälligen Gründen heraus unter einer logischen Darstellung zu maskieren zu müssen glaubte (vgl. John R. Wettersten, The Roots of Critical Rationalism, Amsterdam Atlanta, GA 1992).

Andererseits hat man indes ebenso das kuriose Schauspiel, dass Schumpeter, der gerade selber ein bedeutendes Werk der ökonomischen Methodologie verfasst, noch in demselben Methodologie immer wieder polemisch abwertet und der "eigentlichen" Arbeit an fachökonomischen Problemen durchaus den Vorzug einräumt. Eine Frage der persönlichen Vorliebe, eine Frage des akademischen Prestiges,..?