Dienstag, 12. Mai 2009

„Hier fehlt die historische Distanz und eine kritische Auseinandersetzung“

So Stauffen betreffend die Arbeitswerttheorie in der diesbezüglichen Diskussion.

Bevor man sich auf die Sache einlässt, wird auf diese Weise schon eine Theorie nicht erledigt, sondern abgefertigt, bevor man sie überhaupt zur Kenntnis genommen hat bzw. den Versuch dazu für wert hält. Dazu hat schon Joseph A. Schumpeter, dieser Altmeister der Geschichtschreibung der ökonomischen Theorien, alles Notwendige gesagt:

„Jeder wirklich durchdachte Gedankengang hat einen Anspruch darauf, in allen seinen Einzelheiten nachgedacht zu werden. Nicht allein, um ihn kritisch zu prüfen und weiterzubauen, ist das nötig, sondern auch, um ihn bloß wirklich zu verstehen. Mit der bloßen Lektüre ist es nicht getan, und ein Gedankengang, dem nicht mehr wird als das, muß steril bleiben für jedermann mit Ausnahme seines Schöpfers. Nur eine auf den Grund gehende Analyse läßt uns seinen Inhalt und dessen Bedeutung vollständig verstehen; nur wenn wir das Gefühl haben, zu wissen, was seinen Autor zu gerade seiner Stellungnahme in jedem Detail veranlaßte, haben wir uns ihn zu eigen gemacht; nur dann können wir wirklichen Nutzen aus ihm ziehen und ihn beurteilen.“ (Schumpeter 1952:266)

Schumpeter zieht dann den Vergleich mit einem Bridgespieler: Einem Beobachter erschließt sich nur dann den vollen Sinn seines Vorgehens, wenn er sowohl die Spielregeln als auch seine Strategie kennt.

„Fast könnte man dasselbe von einem theoretischen Gedankengange sagen: Was will sein Schöpfer mit jedem seiner Glieder? Erreicht er, was er will und wieso? Ist ein bestimmtes dieser Glieder Resultat von Beobachtungen oder eine Annahme? Ist es eine Aussage über Tatsachen oder lediglich eine methodologische Maßregel? Alle diese Fragen muß man beantworten können; kann man das nicht, so ist man der betreffenden Theorie nicht gewachsen.“ (Schumpeter 1952:266)

Wer eine Theorie kritisieren möchte, der muss sie erst kennen (ihre Problemstellung sowie ihre Lösungsversuche, außerdem bekannte Alternativen hierzu, vgl. Theorievergleich). Dass diese Kenntnis bei der Arbeitswerttheorie überhaupt nicht gegeben ist, zeigt nicht nur die genannte Diskussionsseite, sondern auch der Blick in die sog. „Fachliteratur“.

„Und wer für solche Dinge keinen Sinn hat, keinen Geschmack daran findet, wird niemals die Faszination verstehen, die die trockenste Materie für den Theoretiker haben kann, ganz unabhängig von irgend welcher praktischen Bedeutung – die Faszination theoretischer Arbeit selbst ohne Rücksicht auf ihr konkretes Substrat; er wird der Tätigkeit des Theoretikers ebenso verständnislos gegenüberstehen, wie einem Sporte, den er nicht selbst ausübt.“ (Schumpeter 1952:266)

Die Angewohnheit, eine Theorie oder Wissenschaft nach dem (voraussichtlichen) Nährwert für sich selbst bzw. für den eigenen Geschmack abzuurteilen, ist weit verbreitet und altbekannt, wie folgender Kurzdialog [CLAUDIUS (1775) 1, 207) aus Grimms Wörterbuch] beweist:

Hinz. bist auch für die philosophei?
Kunz. was ist sie denn? so sags dabei.
Hinz. sie ist die lehr, dasz Hinz nicht Kunz und Kunz nicht Hinze sei.
Kunz. bin nicht für die philosophei.

Auch Schumpeter bemerkt, dass seine Empfehlung insbesondere auf dem Gebiet der Nationalökonomie wenig Beachtung geschenkt wird- ganz im Gegenteil. Man kümmert sich in der Regel kaum um die präsentierte Theorie an sich.

„Der Vorgang ist meist ein anderer: man späht in einer Theorie nach ihren praktischen, womöglich politischen, Spitzen und urteilt über sie, je nachdem man dieselben billigt oder verwirft. Höchstens fällt dem Leser noch irgend eine scharf formulierte Grundannahme, ein blinkender Satz, ein wohlbekanntes Schlagwort oder sonst ein besonders hervorstechender Zug auf. Und aus diesen Einzelheiten wählt man sich einen Zankapfel aus, um den dann erbittert gestritten wird, mit aprioristischen Obersätzen, Philosophien jeder Art, mit Analogien und Metaphern – obgleich so gar nie Klarheit erlangt werden kann und obgleich jener Zankapfel möglicherweise ganz nebensächlich ist.“ (Schumpeter 1952:267)

Schumpeter leitete mit diesen seinen Bemerkungen seine Analyse der Zurechnungstheorie von Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser ein. Sie sind jedoch allgemeiner Natur, indem sie auf die Unsitten der wissenschaftlichen Kommunikation zwischen Ökonomen sowie dem interessierten Laienpublikum hinweisen. Und sie werfen gewiss ein erhellendes Schlaglicht gerade auch auf den öffentlichen Umgang mit der Arbeitswerttheorie, wie er seit Jahrzehnten eingerissen ist. Mittlerweile existieren über ihre Problemstellung wie ihren angebbaren Inhalt so viele Lesarten und Legenden, Kritiken und Widerlegungen, wie Marx-Kritiker und Marx-Verteidiger.

Fast könnte man meinen, dass das Marxsche KAPITAL genauso wie die Bibel ein Buch ist, über das jeder mitreden und eine feste Meinung haben kann, ohne es je gelesen zu haben. Auf diesem Hintergrunde kann man nachvollziehen, dass Joan Robinson, nachdem auch sie das Buch einmal zur Hand genommen hatte, ganz überrascht war, was sie tatsächlich darin gefunden hatte.

„I began to read Capital, just as one reads any book, to see what was in it; I found a great deal that neither its followers nor its opponents had prepared me to expect.” (Robinson 1966:vi)

Freilich ist Joan Robinson bei ihrem ersten Versuch, dem Marxschen Opus gerecht zu werden, auch nicht weit gekommen. Aber immerhin, in Gegensatz zu vielen anderen Akademikern, die Marx (oder Hegel) amtspflichtsgemäß en passant in einer Fußnote „erledigen“, hat sie nicht nur selbst den Versuch unternommen, sondern ihn auch sogar veröffentlicht.

Joseph A. Schumpeter: Bemerkungen über das Zurechnungsproblem. In: Aufsätze zur ökonomischen Theorie. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) : Tübingen 1952. S. 266 ff. (Aus: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. 18, 1909, S. 79-132)

Joan Robinson: An Essay on Marxian Economics. London Basingstoke 2. Aufl. 1966

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