Dienstag, 12. Mai 2009

Metaphysik und Ökonomie

Mit der Philosophie ist es wie mit der Ideologie: Man bemerkt den Splitter im Auge des Andern, doch das eigene Brett vorm Kopf sieht man nicht.

Ein ganz besonderer Fall sind seit jeher die Ökonomen vom Fach. Denn die "reine Ökonomie" wurde ureigens zu dem Zweck erfunden, diesen Herren ein eigenes professionelles Betätigungsfeld zu eröffnen (was man getrost mit der Verhaltensforschung als Territorialverhalten kennzeichnen darf). Es ist die Fachideologie der Ökonomen, dass ihre ökonomischen Aussagen rein sachlich-objektiv seien und unabhängig nicht nur von jedweder anderen Wissenschaftsdisziplin, sondern insbesondere auch von Philosophie, Metaphysik oder Ideologie.

So wiederholt sich auch auf der Bühne bei dem Lehrstück "Arbeitswerttheorie" das gewöhnliche Schauspiel.

1965 schrieb Joan Robinson (1966:vii):

"The academics did not even pretend to understand Marx. It seemed to me, that, apart from prejudice, a barrier was created for them by his nineteenth-century metaphysical habits of thought, which are alien to a generation brought up it inquire into the meaning of meaning. I therefore tried to translate Marx's concepts into language that an academic could understand. This puzzled and angered the professed Marxists, to whom the metaphysics is precious for its own sake."

Demzufolge war es nicht schwierig für Wolfgang Müller (1969:40), Positivismus bei Robinson zu erkennen und eine entsprechende Retourkutsche zu fahren:

"Bereits das Einleitungskapitel dieser Arbeit läßt erkennen, daß der wesentliche Mangel der Robinson'schen Marx-Auffassung ihre naiv-positivistische Methode, oder besser Methodenlosigkeit, ist, mit der sie alles dem gesunden Menschenverstand nicht Verdauliche als 'Hegelian stuff and nonsense' eliminiert."

Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.

Hier "Metaphysik" und Vernarrtheit in Begriffe (Die Argumentation in Kapital, Bd. I beginne mit einer "rein dogmatischen Aussage"; Robinson 1966:12), dort "Positivismus" und Theorieverleugnung und methodenlose Reflexionsverweigerung.

Wenn man indes von der polemischen Rhetorik abstrahiert, muss man bei einem Theorievergleich erkennen, dass es sich hier weniger um Streit über Theoreme und diesen entsprechende Daten handelt, sondern zuvorderst einen um die jeweiligen metatheoretischen Standpunkte. Mit dem wesentlichen Unterschiede, dass Wolfgang Müller glaubt, eine so geforderte Metatheorie bei Marx ausweisen zu können, während Joan Robinson glaubt, dass der Ökonom vom Fach grundsätzlich bei seinem Geschäfte ohne eine solche Metatheorie auskommen zu können glaubt, solange es sich nur um die "Sache" der Ökonomie handele. Letzteres ist gewiss ein Irrglaube, der aber kennzeichnend ist für die Fachideologie der Fachökonomen und gewiss auf deren akademisch anerzogene Unfähigkeit zu lernen zurückgeführt werden darf. Um es ironisch auszudrücken: Was ein Ökonom vom Fach braucht, ist eben keine ökonomische Theorie, sondern eine mathematische Formelsammlung und das entsprechende statistische Handwerkszeug; alles weitere liefert sodann der Arbeitgeber. Einen gewissen Vorgeschmack auf diese Berufssituation gibt schon Schumpeter (1952).

Es liegt natürlich eine ungeheurliche Unverfrorenheit von Marxisten darin, von englischen Ökonomen zu erwarten, den Beitrag Hegels in "Das Kapital" zu würdigen, wenn schon die meisten deutschen Philosophen ebenso wie Karl Popper es vorgezogen haben, Hegel auch dann zu widerlegen, selbst wenn sie ihn eingestandenermaßen gar nicht verstanden haben. Andere noch verkehren Spinozas Ausspruch Ignoratio non est argumentum ins gerade Gegenteil. Eine Theorie, die man nicht kennt, muss deswegen aber nicht falsch sein. Wieder andere spielen uns das Lied vom "toten Hund", mit dem Fehlschluss von der fehlenden Akzeptanz auf die Falschheit einer Theorie. Es ist die Konsenstheorie der Wahrheit. Sie wurde von Jürgen Habermas vertreten und vom Kritischen Rationalismus strikt abgelehnt. Die Praxis in den Wissenschaften (peer review und andere Formen der Gläubigkeit an wissenschaftliche Autoritäten und den von ihnen verkörperten "Stand der Wissenschaft"; der allein selig machende main stream bzw. wie man in echten Priesterseminaren sagt: (extra ecclesiam nulla salus), etc.) kommt dieser Wahrheitstheorie indes recht nahe. Und es steht die Frage, ob Poppers Annäherungstheorie doch auch nichts anderes sei als eine religiöse Glaubenshoffnung, dass letzten Endes irgendwann die Wahrheit (bzw. das Wahrere) ans Tageslicht trete. Yes, we can! ist auch der Glaube der Wissenschaft.

Wolfgang Müller (1969:40) stellt schockiert fest, dass für Robinson Definitionen "beliebige Veranstaltungen des forschenden Subjekts" seien; selbst wenn es sich etwa um den Wertbegriff handeln sollte.

"Whatever inward meaning the conception of value may have for a student of Hegel, to a modern English reader it is purely a matter of definition. The value of a of a commodity consists of the labour-time required to produce it, including the labour-time required by subsidiary commodities which enter into its production." (Robinson 1966:13)

Robinson rechnet grundsätzlich in Preisen, wobei "Werte" für sie "Produktionspreise" darstellten (Wolfgang Müller 1969:41). Für Marxens Erkenntnistheorie sei aber die Dialektik von Wesen und Erscheinung grundlegend:

"Der innere Zusammenhang des 1. mit dem 3. Band, die Übergänge von der Ebene des Wertes und seiner quantitativen und qualitativen Analyse über verschiedene Stufen zu den Erscheinungsformen der Marktpreise, also die strukturell-genetische und dialektisch-materialistische 'Darstellung' des Kapital, sind von ihr in keiner Weise als Problem erkannt worden." (Wolfgang Müller 1969:40)

Robinson (1966:22) urteilt hingegen:

"... no point of substance in Marx's argument depends upon the labour theory of value."

Und noch Robinson (1966:xi) wiederholt:

"As a logical process, the ratio of profits to wages for each individual commodity, can be calculated when the rate of profit is known. The transformation is from prices into values, not the other way.
Therefore, in spite of the offence which it has given, I cannot withdraw the remark at the end of Chapter III. (s.o.) The concept of value seems to me to be a remarkable example of how a metaphysical notion can inspire original thought, though in itself it is quite devoid of operational meaning."

Der Haken beim Positivismus ist halt der, dass der Positivist eine implizite Metatheorie anwendet, welche er für Logik reinsten Wassers (oder mathematische Wahrheiten) hält, wenn sie ihm überhaupt bewusst wird. Marxens Metatheorie sei Metaphysik; wenn Robinson hingegen Werte aus Preisen ableitet, so folgt sie damit "nur" der Logik der Mathematik. Sodann hält sie es ebenso für völlig überflüssig, genauer auszuführen, was in ihren Augen (bzw. gemäß der von ihr implizit angewandten Metatheorie!) eine "operationale" Bedeutung von Begriffen sei. Und ob es überhaupt erforderlich sei, dass jedweder Begriff einer Theorie eine solche operationale Bedeutung aufzuweisen habe. Kurioserweise werden solche operationalistischen oder empiristischen Anforderungen gegen kaum eine ökonomische Theorie geltend gemacht, mit Ausnahme der Marxschen. Wenn sich Marxisten durch derlei hohe Erwartungen auch geehrt fühlen, so sollten sie doch nicht unrealistisch hoch sein.

Der Punkt ist also: Wenn Robinson den Wertbegriff ablehnt oder für überflüssig hält, dann liegt dies mehr an Robinsons eigentümlicher Metatheorie, bzw. was sie für eine fachökonomisch relevante Problemstellung und angemessene Methodologie hält als an besonderen ökonomischen "Fachargumenten". Die Marxsche Theorie ist demnach schon zugerichtet, bevor sie hingerichtet wird.


Joseph A. Schumpeter: Staatsreferendare und Staatsassessor. In: Aufsätze zur ökonomischen Theorie. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) : Tübingen 1952. S. 566 ff. (Aus: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Jg. 52, 1928, S. 703-720)

Joan Robinson: An Essay on Marxian Economics. London Basingstoke 2. Aufl. 1966

Wolfgang Müller: Habermas und die Anwendbarkeit der Arbeitswerttheorie. Sozialistische POLITIK, 1. Jg. Nr. 1 April 1969. S. 39ff.

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