Mittwoch, 22. April 2009

Der Erklärungsanspruch der Marxschen Arbeitswerttheorie

„Ökonomische Theorien sterben nicht, sie werden vergessen.“ (Niehans 1989:15)

Doch: “Wer zwingt uns eigentlich, das pseudo-kausale Denken der Neoklassik als die einzig mögliche Form theoretischer Analyse zu deklarieren?” (Albert, 1959:32)

Und wer denkt hier nicht sofort an neoklassische Ökonomen:
„So haben wir es bis zur Gegenwart häufig mit Soziallehren zu tun, in denen Handlungsanweisungen und Werturteile im Gewande von Aussagen über objektive Tatsachen auftreten und Aussagen über die empirische Realität den Anspruch auf den Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis erheben, ohne das Risiko der Widerlegung auf sich zu nehmen, das bei der Erwerbung von Informationen unumgänglich ist. Diese Theorien – oder Pseudotheorien – wollen absolute Wertbegründung, Unwiderlegbarkeit und wissenschaftliche Wahrheit in sich vereinigen.“ (Topitsch 1967b:24)

Als ich 1972 bei Hans Albert meine Diplomarbeit über methodologische Aspekte der Arbeitswerttheorie von Karl Marx schrieb, suchte ich darin nachzuweisen, dass die Arbeitswerttheorie (die ich fortan mit “AWT” abkürzen werde) durchaus als eine empirische Theorie aufgefasst werden könne. Das damals wie vielerorts noch heute vernichtende Urteil der Fachökonomen über die AWT ward etwa von Joan Robinson (1966:22) so auf den Punkt gebracht:

„As I see it, the conflict between Volume I and Volume III is a conflict between mysticism and common sense. In volume III common sense triumphs but must still pay lip-service to mysticism in its verbal formulations.” - “I hope that it will become clear, in the following pages, that no point of substance in Marx’s argument depends upon the labour theory of value. Voltaire remarked that it is possible to kill a flock of sheep by witchcraft if you give them plenty of arsenic at the same time. The sheep, in this figure, may well stand for the complacent insight and bitter hatred of oppression supply the arsenic, while the labour theory of value provide the incantations.”
[Zu Habermas und seiner Gewährsfrau Robinson siehe die Kritik von Wolfgang Müller: Habermas und die Anwendbarkeit der Arbeitswerttheorie. Sozialistische POLITIK, 1. Jg. Nr. 1 April 1969]

Karl R. Popper (1980b:209) verfehlte nicht, sich einer so verbreiteten Ansicht anzuschließen und daraus sogar einen wohlmeinenden Ratschlag für Marxisten abzuleiten:
„Ich halte die Werttheorie Marxens, die gewöhnlich bei den Marxisten sowie bei den Gegnern des Marxismus als ein Eckstein des marxistischen Gebäudes gilt, für einen ziemlich unwichtigen Bestandteil (…) … würde sich die Position des Marxismus nur verbessern, wenn man zeigen könnte, daß sich seine entscheidenden historisch-politischen Lehren völlig unabhängig von einer so umstrittenen Theorie entwickeln lassen.“
M.a.W.: Marxisten sollten aufhören, zu behaupten, was Nicht Marxisten nicht akzeptieren können! (Vielleicht am besten völlig auf ihre „marxistischen Lehren“ bzw. Ketzereien verzichten?!) Im vorliegenden Falle hält Kritischer Rationalist Popper anscheinend die Umstrittenheit einer Theorie für ein Negativkennzeichen, den wissenschaftlichen Fachkonsens hingegen für ein offenkundiges Indiz der Wahrheit einer Theorie. Max Weber [GAWisslehre, UTB 1492, S. 496] indes sprach im Falle solch eines Mainstream-Denkens von einem „Priesterseminar“.

Jürgen Habermas (1968:9f) schloss sich in seiner Ablehnung der AWT der positivistischen Kritik Joan Robinsons an und verwies auf fehlende empirische Forschung:
„Marx hatte seine Krisentheorie aus Grundannahmen der Arbeitswerttheorie abgeleitet. Ich kenne keine empirische Untersuchung des gegenwärtigen Wirtschaftssystems, die auf einer Anwendung der Arbeitswerttheorie beruht. Deren Geltung müssen wir dahingestellt sein lassen.“

Solch breite Ablehnungsfront hat auch neuere Marxisten dazu gebracht, den erfahrungswissenschaftlichen Erklärungsanspruch Marxens anzuzweifeln – im Übrigen ein bekanntes Vorgehen in der Volkswirtschaftslehre, eine Theorie beizubehalten , selbst wenn hierzu der empirische Informationsgehalt vollends verloren geht.
„Neuerdings scheint sich gerade bei methodisch reflektierten Marxisten die Meinung zu verbreiten, daß es in Marx‘ Intention nicht gelegen habe, empirische Phänomene aus seiner Theorie kausal zu erklären.“ (Eberle, 1973c:363)

Charakteristisch aber für das Vorherrschen konventionalistischer Strategien bis hin zum völligen Aufgeben empirischer Erklärungsabsichten im ökonomischen Mainstream-Denken (die nur Habermas fordert, allerdings gegenüber der AWT!) ist die wissenschaftstheoretische Vorlage von Joachim Weimann (1989:260), der aus der Unbestimmtheit des ökonomischen Untersuchungsgegenstandes einerseits und aus der sozialen Verbindlichkeit heraus von veranstalteter Wissenschaft andererseits wundersamer Weise das neoklassische Paradigma als die erkenntnistheoretisch geforderte Norm für nationalökonomisches Denken sich gebären lässt und somit offen und frei von der Leber weg ausplaudert, was für Mainstream Ökonomen theoretischer business as usual bedeutet:
„Offensichtlich muß die durch spezielle Eigenschaften des Erkenntnisobjekts provozierte Unbestimmtheit von Forschungsgegenstand und –methode durch ein wissenschaftsintern definiertes Regulativ korrigiert werden, und dieses notwendige Regulativ besteht in der Festschreibung eines für die ökonomische Theorie verbindlichen Theoriebegriffs.“ (254)
„Das Kriterium der Wissenschaftlichkeit nicht-empirischer Theorien besteht darin, daß eine solche Theorie eine zulässige Anwendung der paradigmatischen Theorie sein muß.“ (255)
„Gegeben die Voraussetzung, daß es eine wissenschaftliche Gemeinschaft neoklassischer Ökonomen gibt und daß diese mit der allgemeinen Gleichgewichtstheorie über eine paradigmatische Theorie T verfügt, bedarf es als letztes der Unterstellung eines bestimmten Erkenntnisinteresses, bezüglich dessen die in T fixierten Annahmen über Motive rationalen Handelns funktional sind. Ein solches Erkenntnisinteresse könnte darin bestehen, die grundsätzliche Funktionsfähigkeit und die Optimalität dezentraler Allokationssysteme nachzuweisen.“ (260)
[Zur Krypto-Normativität von „Rationalität“ vgl. Gunnar Myrdal und Hans Albert! Entscheidungslogik oder empirische Theorie? Oder Ideologie (vgl. Theodor Geiger)?!]

Weimann entwickelt keine Wissenschaftstheorie, sondern eine Vereinssatzung. Gemäß deutschem Vereinsgesetz könnten sich daneben auch Vereine von marxistischen Ökonomen oder Keynes-Anhängern bilden … Alles zur Pflege des Brauchtums und der Förderung des auserkorenen Theorieparadigmas. Was hat all das aber bloß mit „Wissenschaft“ zu tun?!

„Ökonomische Theorien sterben nicht, sie werden vergessen.“ (Niehans 1989:15)
Jürgen Niehans (1989:4) korrigiert sich aber sofort insofern, dass im Falle der AWT noch nicht einmal vom Sterben einer Theorie gesprochen werden könne. Denn:
„Daß die klassische Nationalökonomie die Arbeitswerttheorie gelehrt habe, gehört ins Reich der Mythologie.“
Denn „klassisch“ ist ja das, was Niehans bzw. der „heutige Stand der Wirtschaftswissenschaft“ dafür hält. So vertritt Niehans nicht nur eine subjektive Ökonomie, sondern auch eine subjektive Erkenntnistheorie: esse est percipi. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Darauf antwortete schon der unverbesserliche Rationalist Spinoza: ignoratio non est argumentum.

Der Definitionstrick ist so einfach wie wirkungsvoll. Niehans‘ Kurzgeschichte der Nationalökonomie enthüllt sich als retrospektive Nabelschau.

Eine retrospektive Theoriengeschichtsschreibung haben sich viele heutige Autoren angewöhnt; zur Kritik These der J. S. Mills einer Kontinuität der klassischen Tradition siehe Bharadwaj 1989, Kap. III; zur Vorgehensweise von S. Hollander, welcher David Ricardo für die Neoklassik zu annektieren versuchte, siehe Bharadwaj 1989, Kap. IV.

„Geschichts-‚Wissenschaft‘ soll die Betrachtung des Jetzt im Spiegel der Vergangenheit sein, oder die Interpretation der Vergangenheit in der Perspektive des Jetzt. Daraus folgt dann, daß die Geschichte vergangener Epochen immer aufs neue wiedergeschrieben werden muß - ein wahrscheinlich von Goethe zum ersten Male ausgesprochener Gedanke.“ [Theodor Geiger: Ideologie und Wahrheit.
Eine soziologische Kritik des Denkens. Luchterhand : Neuwied und Berlin 2. Aufl. 1968. S. 33]

Diese Art retrospektiver Theoriengeschichtsschreibung lässt die „modernen“ (siehe Goethe!) gegenüber der Tatsache blind werden (die zu sehen womöglich eine alternative Theorie erforderlich ist!), dass die klassische Nationalökonomie, wozu die AWT zu rechnen ist, eine völlig andere Problemperspektive sich gestellt hat als die neoklassische Preistheorie (und allgemeine Gleichgewichtstheorie in der Nachfolge von Léon Walras; Negishi 1985:1; Bharadwaj, 1989:1 nennt letztere „DS“ = „demand-and-supply-based equilibrium theories“). Laut Skourtos, 1985: Wie hoch ist der Surplus, der in dem sich reproduzierenden kapitalistischen Wirtschaftssystem geschaffen wird, und wie verteilt er sich zwischen Lohnarbeit, Kapitaleigentümern und Grundbesitzern?

Es ist grundlegend, dass eine Theorie zuvörderst immer als Lösungsversuch auf die Fragen bzw. die Problemstellung hin gelesen werden muss, die sie sich selbst gestellt hat. Das sagt selbst Popper; wenn er das auch bei seinen problematischen Interpretationsversuchen kaum beachtet.

„The classical theory we here refer to had its beginnings in the works of William Petty in England and the Physiocrats in France. It advanced significantly through the contribution of Adam Smith and David Ricardo and found its comprehensive developments through radical reconstructions in Karl Marx. The DSE theories emerged in the third quarter of the nineteenth century, around the 1870s, spearheaded by the writings of Jevons, Menger and Walras. They rose to dominance eclipsing the classical approach not only for reasons of the logical and analytical hurdles the latter theory met with, but also because of the unacceptability of its sharp theoretical positions stressing the conflict-ridden dynamics of capitalist distribution and accumulation. The approach was prematurely abandoned and was superseded even while the logical problems remained insufficiently explored and hence unresolved.” (Bharadwaj, 1989:1)

Daraus erhellt, dass die Rationierung des nationalökonomischen Theorienangebots, wie es die Vertreter von DSE wie etwa Weimann und Niehans nahezulegen scheinen, weder für sehr verbraucherfreundlich noch für eine überzeugende Strategie des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts gehalten werden kann. Ein solcher Erkenntnisfortschritt lässt sich am ehesten erhoffen auf Grundlage einer Methodologie, die sich von den Prinzipien des Fallibilismus und des Theorienpluralismus, d.h. miteinander konkurrierende Theorienalternativen, leiten lässt. Meiner Auffassung nach besteht nämlich die „wissenschaftliche“ Methode darin, dass Theorien durch theoretische und empirische Argumente widerlegt werden, und nicht darin, dass eine Gruppe von wissenschaftlichen Autoritäten darüber befindet, welche Theorien oder Probleme wissenschaftlich „interessieren“ und/oder „modern“ sind.

„… the history of science is studied to develop new theories that are heretical to the current ones.“ (Negishi, 1985:1)

„Modern economics, as practiced by professional scholars, embodies confusions that are fundamental methodological. These have their historical foundations in the failure of economists to establish an effective synthesis between the objective and the subjective theories of value.” (Buchanan, 1987:49)

Albert 1959: Hans Albert: Der logische Charakter der theoretischen Nationalökonomie. Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, 171, 1959
Albert 1980: Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft. 4. Aufl. Tübingen 1980
Bharadwaj 1989: Krishna Bharadwaj: Themes in Value and Distribution. Classical Theory Reappraised. London 1989
Buchanan 1987: James M. Buchanan: Economics. Between Predictive Science and Moral Philosophy. Texas 1987
Eberle 1973c: Friedrich Eberle: Bemerkungen zum Erklärungsanspruch der Marxschen Theorie. In: Friedrich Eberle, (Hg.): Aspekte der Marxschen Theorie 1. Zur methodologischen Bedeutung des 3. Bandes des ‚Kapital‘. Frankfurt/M. 1973
Habermas 1968: Jürgen Habermas: Die Linke antwortet Jürgen Habermas. Frankfurt/Main 1968
Myrdal 1965: Gunnar Myrdal: Das Wertproblem in der Sozialwissenschaft. Hannover 1965
Negishi 1985: Takashi Negishi: Economic theories in a non-Walrasian tradition. Cambridge New York New Rochelle Melbourne Sydney 1985
Niehans 1989: Jürgen Niehans: Thünen-Vorlesung. Klassik als nationalökonomischer Mythos. Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. 109, 1989, S. 1-17
Popper 1980b: Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. II: Falsche Propheten – Hegel, Marx und die Folgen. 6. Aufl. München 1980 (zuerst: 1944)
Robinson 1966: Joan Robinson: An Essay on Marxian Economics. 2. Aufl. London, Basingstoke 1966 (zuerst: 1942)
Skourtos 1985: Michalis Skourtos: Der ‘Neoricardianismus’. V. K. Dmitriev und die Kontinuität in der klassischen Tradition. Pfaffenweiler 1985
Spinner 1974: Helmut F. Spinner: Pluralismus als Erkenntnismodell. Frankfurt/M. 1974
Topitsch 1967b: Ernst Topitsch: Sprachlogische Probleme der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung. In: Ernst Topitsch, (Hg.): Logik der Sozialwissenschaften. 4. Aufl. Köln Berlin 1967, S. 17-36
Weimann 1989: Joachim Weimann: Überlegungen zum Theoriebegriff der Wirtschaftswissenschaften. Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. 109(2), 1989, S. 233-264

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