Freitag, 24. Dezember 2010

Triangulation - alter Wein in neuen Schläuchen

Wie geht US-Präsident mit den Republikanern um, die bei den letzten Wahlen die Oberhand gewonnen haben? In Folge einer strategischen Neuausrichtung will er seinen politischen Beraterstab reorganisieren. Dabei will er von seinen Vorgängern im Amte lernen, ohne jedoch Bill Clintons Auswegsversuche zu kopieren. Insbesondere "triangulation" sei ein Ansatz Clintons, der Obama nicht ins Konzept passe.

"Despite all his time studying the Clinton administration, Mr. Obama told his aides that he had no intention of following the precise path of Mr. Clinton, who after the Democratic midterm election defeats of 1994 ordered a clearing of the decks inside the White House, installed competing teams of advisers and employed a centrist policy of triangulation. In fact, several advisers confirmed, the word “triangulation” has been banned by Mr. Obama because he does not believe it accurately describes his approach."

JEFF ZELENY: Obama Is Set to Shuffle His Staff. NYT, 23.12.2010.

Was versteht man indes unter "triangulation" innerhalb der US-amerikanischen Politik?

"Triangulation is the name given to the act of a political candidate presenting his or her ideology as being "above" and "between" the "left" and "right" sides (or "wings") of a traditional (e.g. UK or US) democratic "political spectrum". It involves adopting for oneself some of the ideas of one's political opponent (or apparent opponent). The logic behind it is that it both takes credit for the opponent's ideas, and insulates the triangulator from attacks on that particular issue. Opponents of triangulation[who?], who believe in a fundamental "left" and "right", consider the dynamic a deviation from its "reality" and dismiss those that strive for it as whimsical."

Derlei Versuche, über den politischen und idelogischen Fronten zu stehen, hat es schon früher gegeben. Proudhons Philosophie des Elends war ein solcher Versuch, zwischen der bürgerlichen politischen Ökonomie und dem Kommunismus zu vermitteln. Marx hat in seiner Widerlegungsschrift Proudhon eine ungangbare Methode nachgewiesen.

"Unter einer dialektischen Abfolge versteht Proudhon eine Anordnung ökonomischer Kategorien (worunter er auch "Maschinen" fasst, was Marx als unökonomische Kategorie ablehnt[6]), wobei eine gute Seite einer schlechten Seite widerspricht und schließlich beide in einer Synthese versöhnt werden. Das ist für Marx weder (Hegelsche) Dialektik, noch eine befriedigende Vorgehensweise, da statt einer Erklärung lediglich moralische Wertungen zum Tragen kommen."

Oder in Marxens Original:

"Proudhon die Dialektik Hegels unterwirft, sobald er sie auf die politische Ökonomie anwendet.

Für Herrn Proudhon hat jede ökonomische Kategorie zwei Seiten, eine gute und eine schlechte. Er betrachtet die Kategorien, wie der Spießbürger die großen Männer der Geschichte betrachtet: Napoleon ist ein großer Mann, er hat viel Gutes getan, er hat auch viel Schlechtes getan.

Die gute Seite und die schlechte Seite, der Vorteil und der Nachteil zusammengenommen bilden für Herrn Proudhon den Widerspruch in jeder ökonomischen Kategorie.
Zu lösendes Problem: Die gute Seite bewahren und die schlechte beseitigen."

[Marx: Das Elend der Philosophie, S. 160. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2467 (vgl. MEW Bd. 4, S. 131)]

Der Begriff "Triangulation" hat neuerdings auch in der Methodologie der empirischen Wissenschaften eine gewisse Karriere hinter sich gebracht.

Triangulation ist eine Forschungsstrategie in der empirischen Sozialforschung, bei der verschiedene Methoden oder Sichtweisen auf das gleiche Phänomen angewendet werden oder verschiedenartige Daten zur Erforschung eines Phänomens herangezogen werden, um mit den Stärken der jeweils einen Vorgehensweise die Schwächen der jeweils anderen auszugleichen. Ziel ist es zumeist, eine höhere Validität der Forschungsergebnisse zu erreichen und systematische Fehler zu verringern.

Man könnte hieraus entnehmen, dass "Triangulation" eine Fortführung methodischer Ideen und Überlegungen ist, die zu Hochzeiten des Kritischen Rationalismus als Theorienpluralismus bzw. Methodenpluralismus diskutiert wurden.

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