Montag, 5. Januar 2009

Was kann ein Obama vom New Deal lernen?!

"Top of the political class's reading list on both sides of the Atlantic at Christmas was Cambridge historian Anthony Badger's slim, brilliant volume, FDR: The First Hundred Days. In Chicago, the impatient Barack Obama administration has made no secret of its determination to emulate Franklin D Roosevelt's 1933 blitzkrieg on Washington. Similarly, Gordon Brown has anointed Badger's history his book of the year."
Tristram Hunt: This New Deal is a far greater gamble than you might think.
The Observer, Sunday 4 January 2009

Ein Historiker sollte aus der Geschichte gelernt haben, dass die Menschen nichts aus der Geschichte lernen.
Dies machte auch überhaupt keinen Sinn, weil niemals dasselbe zweimal geschieht.

Gegner des New Deal diffamieren ihn ganz simpel, indem sie ihn in die Nähe von Totalitarismus rücken:

"Manche Autoren, etwa Anhänger wirtschaftsliberalistischer Auffassungen, weisen darauf hin, dass der New Deal zeitlich mit dem Staatssozialismus in der UdSSR und der Umgestaltung der Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland zusammenfiel.[1] Andere betonen, dass der New Deal mit diesen totalitären Staats- und Wirtschaftsverfassungen nichts zu tun hat. Staatlich induzierte Sozialversicherungen waren bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts vom deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck, einem erbitterten Gegner der Sozialdemokratie, eingeführt worden." (wikipedia.de)


Was ist aber "Freiheit", von der Liberalismus und Theoretiker, die den Freihandel befürworten, so gerne reden?

Die Freiheit des Kapitals ist eine dieser universellen Regeln, die angeblich für alle gleich sein soll, die aber dennoch nie für alle Seiten gleich angewandt worden ist.

Wenn man eine Norm als Kollektivgut betrachtet, so werden (nach Mancur Olson) immer individuelle Anreize benötigt, damit Individuen sich engagieren, diese Norm gesellschaftlich zu etablieren. Denn es wird nur derjenige sich für eine neue Normierung einsetzen, der persönlich etwas davon hat.

"Was ist unter dem heutigen Gesellschaftszustand der Freihandel? Die Freiheit des Kapitals.
...
Solange ihr das Verhältnis von Lohnarbeit zu Kapital fortbestehen laßt, mag der Austausch der Waren sich immerhin unter den günstigsten Bedingungen vollziehen, es wird stets eine Klasse geben, die ausbeutet, und eine, die ausgebeutet wird."
(Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels, MEW 4,455)

"Wenn die Freihändler nicht begreifen können, wie ein Land sich auf Kosten des anderen bereichern kann, so brauchen wir uns nicht darüber wundern, da dieselben Herren noch weniger begreifen wollen, wie innerhalb eines Landes eine Klasse sich auf Kosten einer anderen bereichern kann."
(Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels, MEW 4,457)

Schon immer begünstigt der Freihandel den wirtschaftlich Stärkeren.

Wenn man aus der Geschichte des New Deal praktische Konsequenzen für die heutige Krisenbewältigung ziehen wollte, so setzte dies eine theoretische Einsicht in die wirkenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge voraus.

Die ist aber unseren Akademikern und Politikern nicht gegeben: allein schon weil man sich von offizieller Seite aus nie dafür interessiert hat: weil es nicht geben kann, was es nicht geben darf.

So gibt es auch (zumindest in der offiziellen Darstellung) keinerlei Konjunkturpolitik, weil ja die Geldpolitik zur Krisenbewältigung völlig ausreiche (so damals der größte Ökonom aller Zeiten Milton Friedman - vgl. dazu aktuell wieder Paul Krugman: Fighting Off Depression. New York Times 4.1.2009 ).

"Fast zu jedem Zeitpunkt haben statistische Umrißlinien eine beängstigende Ähnlichkeit mit der Silhouette einer Stadt nach einem Erdbeben. Daher ist es ebenso unvernünftig, von einem Wirtschaftswissenschaftler die genaue Vorhersage tatsächlich eintretender Ereignisse zu erwarten, wie von einem Arzt eine Voraussage darüber zu verlangen, wann sein Patient das Opfer eines Eisenbahnunglücks werden und wie dieses seinen Gesundheitszustand beeinflussen wird."
Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses. Erster Band. Göttingen 1961. (engl. Business Cycles. New York, London 1939; übersetzt von Klaus Dockhorn), S. 19

Die Prognose-Möglichkeiten der marktüblichen Konjunkturforschungsinstitute sind notwendigerweise beschränkt, da sie immer nur empirisch bewährte Invarianzen innerhalb ein- und desselben Systems extrapolieren. Da dieses System das natürliche (und von Gott so gewollte) ist, braucht man sich keine Sorgen darüber zu machen, dass es immer so weiter geht ("der sichere Weg"; die "Politik der ruhigen Hand",...)

Da eine dynamische Systemtheorie fehlt, können auch keine Systembrüche bzw. Krisen vorhergesagt werden. Notorisch geworden ist diese Hilflosigkeit in der Transformationsforschung. Oder in dem Dilemma des Popperschen piece-meal engineering: Ohne Systemtheorie kann nicht angegeben werden, wann ein bestimmtes System aufgehört hat, zu bestehen bzw. wann eine Reform die Systemstruktur ändert. Allein schon um bestimmen zu können, was eine "systemimmanente Reform" wäre, müsste man zuvor bestimmt haben, wann ein Systemstruktur sich grundlegend gewandelt habe. Während Popper (für den Kapitalismus) prinzipiell kleine Reformschritte befürwortete, hat man in Osteuropa (für den Sprung des Realsozialismus in den Kapitalismus) praktisch die Schocktherapie ausprobiert.
So wenig theoretische Konsequenz, so wenig überhaupt Theorie. Wie sollte man aber eine Gesellschaftstheorie von Leuten erwarten, die die Existenz von Gesetzen in Gesellschaft, Wirtschaft und Geschichte überhaupt leugnen - allein schon aus der Angst heraus, es könnte jemand auf die Idee verfallen, dieselben in der praktischen Wirkung auch mal abändern zu wollen.

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