Freitag, 9. Januar 2009

Technologischer Determinismus

Technologischer Determinismus (TD) besagt in einfachen, dürren Worten, dass die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft (bzw. nach Ogburn etwas neutraler formuliert, dass sozialer Wandel) vom technischen Fortschritt bestimmt werde.
In einem solchen einfachen (übervereinfacht: einem Ein-Faktor-Modell des sozialen Wandels) Modell ist technischer Fortschritt der alles bestimmende Kausalfaktor (mathematisch: die unabhängige Variable) und alles andere die sozialen Auswirkungen (abhängige Variablen, die das System von Wirtschaft und Gesellschaft charakterisieren).

TD ist Vulgärmarxismus. Und es darf füglich bezweifelt werden, dass Marx (von ein paar plakativen Formulierungen oder Aphorismen abgesehen, welche Literaturform Marx keineswegs verschmähte) seiner Theorie in dieser verkürzten Auffassungsweise zugestimmt hätte. Jedenfalls tut Schumpeter dies nicht, der doch in unseren Tagen für die Kapazität in Sachen innovativem Unternehmertum gilt. Schumpeter räumt unumwunden ein, dass er in diesem Punkt mit Marx völlig einer Meinung sei, dass nämlich "der technische Fortschritt zum innersten Wesen der kapitalistischen Unternehmertätigkeit" (Konjunkturzyklen, I, 16) gehört.

"Oder wir lesen die von einer großen Autorität unseres Faches getroffene Feststellung des Inhaltes, daß nicht 'kapitalistische Unternehmertätigkeit', sondern technischer Fortschritt (Erfindungen, Maschinen) für die Wachstumsrate der Gesamtproduktion im neunzehnten Jahrhundert verantwortlich ist. Es kann uns offenbar nicht gleichgültig sein, ob wir uns die dieser Feststellung zugrunde liegende Theorie zu eigen machen, daß nämlich die Mechnisierung der Industrie ein von der 'kapitalistische Unternehmertätigkeit' zu unterscheidendes und sie unabhängig beeinflussendes Phänomen sei - ein Phänomen also, das in ähnlicher Form hätte eintreten können und auch eingetreten wäre ohne Rücksicht auf die jeweilige Sozialstruktur - oder ob wir - wie das der Fall ist - die Meinung vertreten (worin wir völlig mit Marx übereinstimmen), daß der technische Fortschritt zum innersten Wesen der kapitalistischen Unternehmertätigkeit gehört und daher nicht von ihr getrennt werden kann." (S. 16)

Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses. Erster Band. Göttingen 1961. (engl. Business Cycles. New York, London 1939; übersetzt von Klaus Dockhorn

Man bedenke, dass Marx schon in der Frage der ökonomischen Rolle des Maschinenwesens ein Hühnchen mit Proudhon zu rupfen hatte, weil Proudhon die Fragen der Technik nicht auseinanderzuhalten wusste von den Fragen der sozio-ökonomischen Beziehungen.

Über diese Frage des TD bei Marx stolpert auch Christoph Henning bei seiner Analyse, warum Marx wieder so brennend aktuell im Globalisierungs-/Globalismus-Diskurs sei.

"Aktuell ist Marx hinsichtlich der Globalisierung paradoxerweise auch deswegen, weil die frühere Kritik am Marxismus in eine Kritik an der heutigen Apologie der wirtschaftlichen Globalisierung, also an dem „Globalismus“, gewendet werden kann. Meine erste These ist, dass sich die Kritik am Globalismus inhaltlich mit der früheren Kritik am Marxismus deckt. Die kritikwürdige Parallele von Marxismus-Leninismus und Globalismus ist ihr gemeinsam vorausgesetzter ökonomischer Determinismus. Meine zweite These dazu ist, dass der erst bei näherem Hinsehen deutlich werdende Unterschied dieser beiden Modelle die Frage der Handlung betrifft: War das Marxsche Modell handlungsermöglichend, so ist der Globalismus handlungsbeschränkend."

Christoph Henning, Narrative der Globalisierung: Zur Marxrenaissance in Globalismus und Globalisierungskritik. Vortrag vom 14. September 2005 im Studienzentrum Karl-Marx-Haus. Gesprächskreis Politik und Geschichte im Karl-Marx-Haus. Heft 5
http://library.fes.de/pdf-files/kmh/03524.pdf

Der Gipfel ist doch, dass Marx mit dem TD eine Vulgärtheorie vorgeworfen wird, die durchaus als Gemeingut der Theorie der Industriegesellschaft bezeichnet werden muss:

C. Kerr, J. T. Dunlop, F. Harbison, C. Myers, Industrialism and Industrial Man.
Massachusetts: Harvard University Press, 1962

T. Parsons, Structure and Process in Modern Societies, New York: Free Press, 1960

D. Bell, The End of Ideology. New York: Collier, 1961

R. Dahrendorf, Class and Class Conflict in Industrie Society, London: Routledge, 1959

M. Lipset, Political Man. London: Heinemann 1960

J. Curry, The Flexibility Fetish: A Review Essay on Flexibility Specialisation, Capital and Class, No. 50, 1993

A. Giddens, Sociology: A Brief but Critical Introduction, London: Mac Millan 1982

Es ist aber auch genau diese "industrial society" Theorie, an die Amoore beim neueren Globalisierungs-Diskurs zurückerinnert wird.

Louise Amoore, Globalisation, the Industrial Society, and Labour Flexibility. A Sense of Déjà Vu?, Global Society, 12, 1, 1998:

50
The optimistic vision of a progressive future presented by the industrial society theorists had at root a particular mode of change which, we can demonstrate, has been resuscitated by the contemporary globalisation debate.
...
Paradoxically, despite the conceptual 'fuzziness' generated by general use and lack of definition, globalization has become a core dictum for academics, public policy makers, and corporate managers alike. One key effect of the reification of the term is the emergence of a totalising univocal discourse. This discourse becomes a powerful instrument which decisively shapes the policy agendas of states and firms. The assumption is that the state itself is compelled to adopt new policy instruments, the firm operates in a qualitatively new competitive environment and therefore seeks to restructure the organization of production and work; and society must accept the uncertainty of the global era and absorb the imperatives to abandon embedded practices and 'make the leap'.
The tacit acceptance of such 'imperatives' approaches to global restructuring is beginning to be challenged by a more critical agenda. Definitional issues and the clarification of terms have become 'first order' issues in the globalization debate.

52
For the industrial society theorists technological advance was the driving force of change.
...
The causality here is unilinear. Society is the dependent variable. Changes in science, technology,, and production methods essentially determine the future for workers, managers, the state, and their interrelationships. Thus, technology is viewed as disembedded from its social context. Social relations and values merge out of technological change and this 'logic' is never reversed.
...
Technological forces are presented as exogenous determinants of change in two principal ways. First, they are argued to 'globalize' social interaction through a process of 'time-space compression'. Second, technology is held to play a fundamental role in defining the parameters within which states and firms formulate their strategies.

53 - ["Modernisierungs"theorie]
Hence, social change is characterized by periods or epochs as 'external' dynamics demand 'internal' shifts in social practices.

This perspective cuts society loose from its contingent institutions and practices, viewing it as inherently malleable and adaptable. The assumption is that embedded traditions and institutions represent 'rigidities' or 'impurities' which 'obscure the pure logic of the industrialisation process' in a potentially flexible and dynamic system. For the industrial society theorists diversity and 'impure' institutions among societies will persist during the adjustment phase. Strategies will remain, and industry-society relations will remain salient. Ultimately, however, the imperative of transformation will leave one clear route: history will homogenise.

Die Ironie will, dass man bei Marx den Splitter sieht, aber nicht den Balken im eigenen Auge.
Etwas gnädiger formuliert: Das Marx-Verständnis dieser Theoretiker sieht sich zurückgeworfen auf die Grenzen des eigenen Theorieverständnisses.
Konstruierten sich die Menschen einstens Gott nach ihrem eigenen Bilde, so diese Marx-Kritiker ihren Marx.

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