Samstag, 29. November 2008

Kapitalismus?

1.)
Wikipedia.de:
"Unter Kapitalismus wird eine Wirtschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum und Marktwirtschaft beruht. In der deutschen Wirtschaftswissenschaft wird statt des oft wertend gebrauchten Wortes weitgehend die Bezeichnung Marktwirtschaft synonym verwendet."

Wer sagt denn, dass "Marktwirtschaft" wertfrei sei?! Hängt die Wertung nicht von der Einstellung des jeweiligen Sprachbenutzers ab, also auf welche Weise dieser sich eines Begriffes bedient? (Dann dürfte man z.B. auch nicht von "Kriminalsoziologie" sprechen, denn "Verbrechen" ist sicherlich ein wertgeladener Begriff!)

Was hier vertuscht werden soll: Der Begriff ist insbesondere in Deutschland im politischen Diskurs einfach verpönt, nämlich ein "Unwort" (so etwa wie "Rezession" oder gar "Krise"). Ein um Ansehen bemühter "Wissenschaftler" benutzt derart marxistisch angehauchte Vokabeln einfach nicht. So zeigt sich wieder einmal die spezifische Provinzialität bzw. Borniertheit der "modernen" deutschen Sozialwissenschaft! Symptomatisch nur, dass das Wikipedia-Lemma sich auf ein Lexikon (Gabler) für Betriebswirte stützt.

Mein Vorschlag:

'''Kapitalismus''' bezeichnet eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform sowie die ihr zuzuordnende Geschichtsepoche, die wesentlich durch Kapitalrechnung (Max Weber) geprägt bzw. durch das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital (Marxismus) bestimmt ist.

2.)
Wikipedia.de:
"Die Charakteristiken des Kapitalismus als historischem Begriff werden unterschiedlich gesehen: Marxisten kennzeichnen diese historische Phase über die am Eigentum an den Produktionsmitteln ausgedrückten gesellschaftlichen Verhältnisse,..."

Das suggeriert, als ob Marxismus nichts weiter wäre als eine Art Geschichtsbetrachtung (demnach bestenfalls "materialistische Geschichtsauffassung").
Unterschlagen wird hierdurch der eminente Anspruch so gut wie fast aller Marxisten hin auf theoretische Erklärung, d.h. die Suche nach Gesetzmäßigkeiten, für eine bestimmte "Gesellschaftsformation". Was eine Art von Determinismus unumgänglich macht, welchen z. B. Karl Popper letztendlich, "Logik der Forschung" bzw. "empirische Wissenschaft" hin oder her, anscheinend nicht mehr gar für so entscheidend gehalten hatte!
[vgl. Herbert Keuth, Die Philosophie Karl Poppers, Tübingen 2000, UTB 2156, S. 309 ff.].

"Die kapitalistische Produktionsweise z. B. beruht darauf, daß die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, während die Masse nur Eigentümer der persönlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist."
(Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. II, Berlin 1968, S. 18)

"Das Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis."
(nicht bloß eine Ansammlung materieller Dinge oder aufgehäufte konkrete Arbeit,
sondern eine Summe von Tauschwerten, also gesellschaftlichen Größen!)
[Marx, Lohnarbeit und Kapital, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. I, Berlin 1968, S. 80f]

"Die einfache Warenproduktion der Handwerker und Bauern unterscheidet sich von der kapitalistischen Produktion dadurch, daß sie auf der persönlichen Arbeit des Warenproduzenten beruht."
[Politische Ökonomie. Ein Lehrbuch, (Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Institut für Ökonomie, aus dem Russ.), Düsseldorf 1955, S. 81]

3.)
Wikipedia.de:
"Die neoliberale Ordnungstheorie Walter Euckens sucht die Einteilung von Wirtschaftssystemen in sozialistisch und kapitalistisch entbehrlich zu machen, indem sie die Ordnungsformen Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft unterscheidet."

Eucken selbst hat die Bezeichnung "neoliberal" abgelehnt (siehe Anhang zu seiner "Wirtschaftspolitik"). Wer in Wikipedia.de nachschlägt, wird feststellen, dass diese Bezeichnung so konfus wie umstritten ist. Wenn schon, dann besser: "Ordo-Liberalismus".

Eucken hält seine "Morphologie" der Wirtschaftsformen und -ordnungen für "wissenschaftlich genauer" als die Rede von "Kapitalismus" vs. "Sozialismus":

"Durch Anwendung des morphologischen Systems, das aus der realen Wirtschaft, also ihren Betrieben und Haushalten gewonnen ist, läßt sich alle reale Wirtschaft in ihrem Ordnungsaufbau erkennen. Dadurch kommt die Wissenschaft über so ungenaue Bezeichnungen wie "stadtwirtschaftlich", "kapitalistisch", "sozialistisch" usw. weit hinaus."
[Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen 6. Aufl. 1990 (UTB1572), S. 23]

4.)
Was im gesamten wikipedia-Artikel bislang fehlt, sind die neueren Ansätze in der Sozialforschung auf diesem Gebiet:

Hier wurden die unterschiedlichen Formen des Kapitalismus thematisiert [Peter A. Hall, Dacid Soskice, Varieties of Capitalism; Bruno Amable, The Diversity of Capitalism], so wie schon Eucken die Gegenüberstellung Kapitalismus/Sozialismus für viel zu grobschlächtig hielt, da in der Realität unterschiedliche Formen koexistieren. Dabei gibt es jedoch einen fundamental wirksamen Widerspruch zwischen zentralem Plan und Marktpreisen als Lenkungsprinzipien.

Während die Konvergenztheorie annimmt, dass sich alle historischen Formen auf ein einziges (Erfolgs)Modell hinentwickelten (etwa "Amerikanisierung"), gibt es Analysen gemäß Modellen der Pfadabhängigkeit, die offen sind für divergierende Veränderungspfade.
Wenn aber einzelne Pfadanalytiker annehmen, dass die Entscheidung zwischen verschiedenen Pfaden kontingent sei, dann kann sich dies genau genommen nur auf das von ihnen benutzte Erklärungsmodell beziehen. Was in einem bestimmten Erklärungsmodell unerklärt außenvor bleibt, ist nicht auch überhaupt oder der Sache nach unerklärbar (wenn man nicht durch solche Hintertür wieder Wunder in die Wissenschaft einschmuggeln möchte!)

Auch der Historische Materialismus reduziert sich hauptsächlich auf diese beiden Grundideen:

1. (Kausal-)Geschichte ist wesentlich zur Erklärung von Entwicklung.

2. "Materialistisch" heißt oft nichts anderes als:
Es gilt eine grundsätzliche ("durch materielle Kausalzusammenhänge bedingte") "Budgetrestriktion" für mögliches menschliches Handeln.

Vgl. dazu die div. Aufsätze in:
Glenn Morgan, Richard Whitley, Eli Moen, (Hrg.),
Changing Capitalisms? Internationalization, Instututional Change, and Systems of Economic Organization, Oxford University Press, New York 2005


In den letzten Jahren hat das Interesse an den real existierenden Unterschieden zwischen Marktwirtschaften stark zugenommen, insbesondere wie diese Unterschiede durch unterschiedliche institutionelle Gegebenheiten bedingt seien. Diese Analysen finden sich unter so verschiedenen Titeln wieder wie "business systems", "social systems of production", "forms of regulation" or "varieties of capitalism". Herausgekehrt wurde hierbei, dass unterschiedliche Systeme wirtschaftlicher Koordination und Steuerung in entwickelten Marktwirtschaften grundsätzlich auf Dauer sich als überlebensfähig erwiesen haben. Diese Systeme unterscheiden sich durch ihr institutionelles Umfeld, insbesondere bezüglich des Kapitalmarktes und des Arbeitsmarktes, und zeitigen recht unterschiedliche ökonomische Ergebnisse, insbesondere was den technischen Fortschritt anbelangt. [vgl. Glenn Morgan: Introduction, S. 1]

Berger, Dore 1996: National Diversity and Global Capitalism, Ithaca, NY
Boyer, Drache 1996: States Against Markets: The Limits of Globalization, London
Crouch, Streeck 1997: Political Economy of Modern Capitalism, London
Hall, Soskice 2001: Varieties of Capitalism, Oxford
Hollingsworth, Boyer 1997: Contemporary Capitalism, Oxford
Quack et al. 2000: National Capitalisms, Global Competition, and Economic Performance, Amsterdam
Whitley 1999: Divergent Capitalisms, Oxford
Whitley, Kristensen 1996: The Changing European Firm, London
Whitley, Kristensen 1997: Governance At Work, Oxford

Zur selben Zeit hat sich die Wiederbelebung der institutionellen Ökonomik und von evolutionstheoretischen Ansätzen zur Unternehmensentwicklung verbunden mit Ansätzen des strategischen Managements, eine ressourcen- und kompetenzenbasierte Unternehmenstheorie aufzubauen. Im Anschluss an Edith Penrose (1959) und George Richardson (1972) richtet sich das zentrale Interesse darauf, wie Unternehmen eigentümliche Kompetenzen entwickeln, indem Routinen etabliert werden, die komplementäre Tätigkeiten und Fähigkeiten zum Erreichen besonderer strategischer Zielsetzungen verknüpfen. Organisationsinterne Fähigkeiten stehen hierbei in Zusammenhang mit dem Selektionsdruck der Organisationsumwelt, wobei sich das Interesse immer mehr verlagerte darauf, in welch unterschiedlicher Weise Unternehmen sich aktiv lernfähig zeigen. [2]

Keine Kommentare:

Kommentar posten