Montag, 1. Dezember 2008

Risikogesellschaft

"Die globale Rezession, die derzeit im Gange ist, ist nicht allein das Ergebnis einer Finanzpanik, sondern auch einer grundlegenderen Verunsicherung über die zukünftige Richtung der Weltwirtschaft. Die Verbraucher sehen nicht nur deshalb von Eigenheim- und Autokäufen ab, weil ihnen fallende Aktienkurse und Häuserpreise Vermögensverluste beschert haben, sondern weil sie nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen."
(Eine nachhaltige Erholung, by Jeffrey D. Sachs)

Keiner weiß mehr, wo es lang geht. Weil der Staat versäumt, die Richtung anzugeben. Also hält sich jeder damit zurück, sich mit längerfristigen Investitionenan eine bestimmte Zukunft zu binden. Vollkommen rational, natürlich, diese Aversion gegenüber dem Risiko.

Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung oder über technologische Trends in Zusammenhang mit der Frage, welche Innovationen sich am Markt durchsetzen werden, sind altbekannte Fragen der Planbarkeit der Zukunft, die auf das Problem der Kapital- (und Investitions)rechnung und der nach Max Weber hinreichend bekannten "Rationalität" des abendländischen Kapitalismus und seines berüchtigten kapitalistischen Geistes verweisen, der ja angeblich letztes Endprodukt und Weltexportschlager des Protestantismus sein soll.

Doch schon Galbraith hatte darauf hingewiesen, dass Risiken etwas sind, mit denen Unternehmer zwar gerne prahlen, aber mit Vorliebe andere tragen lassen. Neuestes publikes Beispiel dürfte hier wieder die Deutsche Bank sein, die es wunderbar verstanden hat, ihre Risiken anderen Marktteilnehmern unterzujubeln.

Die modernen Risiken liegen nicht mehr in der Unbeherrschbarkeit der Natur, sondern in den von Menschen selbst geschaffenen Risiken, durch Technik, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur.
(Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. (es 1365) Frankfurt 1. Auflage 1986, S. 300)

Während in der Industriegesellschaft die Produktion des Reichtums die Risikoproduktion dominierte, dominiert in der Risikogesellschaft die Logik der Risikoproduktion die Logik der Reichtumsproduktion. (Beck, S. 17)

Gehe es um die Produktion von Sicherheit oder um die Vergesellschaftung von Risikovor- und nachsorgekosten, kein Weg dürfte daran vorbeiführen, dass der Staat hierbei eine entscheidende Rolle zu übernehmen hat - sei er nun demokratisch kontrolliert oder ein durch eine Minderheit ("Machtelite") kontrollierter Faschismusverschnitt.

Und mögen neoliberale Ökonomen noch so oft ihren modellplatonischen Nachweis führen, dass eine zentrale Planwirtschaft undenkbar ist - in der politischen Praxis haben sich Wirtschaft und Politik - trotz Scheitern des Sowjetkommunismus - eher in eine Richtung entwickelt, die auch Schumpeter schon als unvermeidlich bezeichnet hatte. Die "Kommandohöhen der Wirtschaft" kann nur der Staat besetzen.

Oder zum Schaden aller verwaisen lassen. Dann könnte man wohl die unheilbar zerrüttete Ehe von multinationalen Konzernen und entmachteten Nationalstaaten noch als einen Anarchismus großen Stils ansehen.

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