Mittwoch, 12. November 2008

Das Problem mit Problemen

Wissenschaft strebt danach, Wissen zu schaffen. Wissen besteht in der Kompetenz, in eigener Regie Probleme lösen zu können. Also auf bekannte oder in neuer Art gestellte Fragen Antworten zu finden und auf ihre Angemessenheit und Tauglichkeit zu überprüfen. Man kann daher eine wissenschaftliche Disziplin durch die Art von Problemen definieren, mit welchen sich während einer bestimmten geschichtlichen Periode ein bestimmte Gruppe untereinander kommunizierender Wissenschaftler beschäftigt hat. Durch die Arbeit an Problemen, den Versuchen, diese durch angemessene Theorien zu lösen und die Probleme sodann entsprechend neu zu formulieren, geht eine Wissenschaft weiter auf dem Weg zum Erkenntnisfortschritt.

Wer nicht fragt, bleibt dumm. Das heißt, er verwehrt sich selbst die Möglichkeit, Neues dazu zu lernen.

Andererseits ist Fragen lästig. Etwas „problematisieren“ bringt mit sich, sich selbst und seine Mitmenschen mit zeitaufwändigen und/oder aus anderen Gründen unangenehmen Fragen zu konfrontieren. „Kritik ist erwünscht!“ Wie oft ist dieser Spruch zu hören, aber man sollte sich hüten, diese Aufforderung (so wie etwa „Liebe Deinen Nächsten!“) zu wörtlich zu nehmen. Nicht einmal die Autoritäten der Wissenschaft erweisen sich darüber entzückt, wenn ihre Schüler oder auch nur unbedarfte Laien glauben, selber denken zu können und zur Kritik fähig zu sein.

Es ist wegen solchen sozialen Unverträglichkeiten auch einem Verkäufer strikt untersagt, einem potenziellen Kunden gegenüber mit „Problemen“ zu kommen, also die Verkaufsentscheidung irgendwie schwerwiegend oder auch nur diffizil erscheinen zu lassen. Das Verkaufsgespräch muss sich möglichst auf direktem und schnellsten Weg auf einen Vertragsabschluss hin bewegen. Der Verkäufer muss diesen Ablauf möglichst reibungslos und angenehmen gestalten. Dabei soll er den Kunden so oft Ja sagen lassen, dass die Entscheidung gar nicht mehr als Entscheidung oder gar Problemlösung erscheint, sondern sich im Nachhinein ergibt als problemlos impliziert, also irgendwie als selbstverständlich. Und nachdem der Kunde erkennt, dass ihm die Entscheidung zwar abgenommen erscheint, indes als getroffen zugeschrieben wird, wird er gemäß der Dissonanztheorie von Leon Festinger selber genügend überzeugende Argumente finden, diese schließlich vor sich und den anderen zu rechtfertigen.

Nun werden Medien heutzutage immer häufiger und stärker durch Werbeeinnahmen finanziert. Das besagt, dass diese Medien ihre wirtschaftliche Existenz darin begründet sehen, dass sie ihr jeweiliges Publikum zum Kaufen motivieren. Das äußere Erscheinungsbild und die Publikationsstrategie wird also nicht orientiert sein an dem Ziel wissenschaftlicher Aufklärung oder auch nur daran, seinem Publikum zu helfen seine eigenen Probleme besser zu verstehen und ggf. lösen zu können. Ganz im Gegenteil liegt es im wirtschaftlichen Interesse von Werbemedien, sich an der wohl bekannten Strategie von Verkaufsgesprächen zu orientieren. Also nicht Probleme zu benennen und zu analysieren, sondern eine angenehme Verkaufsatmosphäre zu schaffen, wo Kaufen und Verkaufen überhaupt kein Problem ist. Wir landen somit glücklich bei der vertrauten Einheitssoße von „infotainment“ mit der gewohnten Suppe von leicht verdaulichen, weil gehaltlosen Info-Häppchen. Der Medienkonsument lässt dies Überschütten mit angeblichen Informationen wie Fastfood über sich ergehen, auf dessen Überangebot ein halbwegs gesunder Darm bestenfalls mit Durchfall reagiert.

Auf der Strecke bleibt sodann, schon aufgrund wegen der begrenzten Aufmerksamkeitsspanne eines jeden Medienrezipienten, der Wissenserwerb durch Probleme stellen, durchdenken und Lösungen auszuprobieren. Leider sieht die heutige Situation eher so aus, dass die Kinder durch den Medienkonsum schon so vorgeschädigt sind, dass sie auch durch gezielte Angebote in der Schule nicht mehr aus der Strategie des bloßen Faktenwissenserwerbs heraus gelangen. Aufklärung als selbstständiges Durchdenken selbst gestellter Probleme erscheint dann immer schwieriger.

Oder als exotische Lebensform nur wenig Ausgewählten vorbehalten, der sog. „Elite“. Das scheint mir nun aber das wirkliche Problem mit den Problemen darzustellen!

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