Freitag, 14. November 2008

Depression Economics

Paul Krugman glaubt nicht, dass wir gegenwärtig eine neue Weltwirtschaftskrise erleben werden. Jedoch befinden wir uns bereits mitten in einer Phase von "Depression Economics", was ich gut deutsch "Krise" nenne. Nachdem Karl Marx oder J. M Keynes solche Begriffe (wie etwa auch "Klassenkampf", "Rezession" oder "Konjunkturpaket", ...) populär gemacht haben, sind sie in offiziellen Wörterbüchern schwerlich aufzufinden. Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf!

In der Krise stehen ökonomische Binsenwahrheiten auf dem Kopf bzw. die diesen Maximen entsprechenden Tugenden: Vorsicht wird zum Risiko, Sparsamkeit zum Laster.

"When depression economics prevails, the usual rules of economic policy no longer apply: virtue becomes vice, caution is risky and prudence is folly." (Paul Krugman)

Das hat auch damit zu tun, dass die seit längerem üblichen und vom Monetarismus ideologisch verklärten Rezepte der herkömmlichen Geldpolitik nicht mehr verfangen. Die Zentralbanken können die Zinssätze senken; sie können aber die Wirtschaftsteilnehmer nicht dazu zwingen, sich mehr Kredite zu beschaffen, als diese für nötig halten; vor allem können sie Verbraucher und Unternehmen nicht dazu zwingen, mehr Ausgaben zu tätigen, wenn diese die kommenden Zeiten als viel zu unsicher einschätzen, um längerfrsitige Verpflichtungen einzugehen. Das beweist gerade jüngst die Kontrolle der Kreditvergabe von Luxemburger Banken an Bankkunden durch die Regierung: Die Banken konnten dieselbe Bewilligungsquote von Kreditanträgen wie bisher nachweisen; doch die Zahl der Kreditanträge ist bereits zurückgegangen.

"Eine alte Redensart besagt, dass die Geldpolitik in der Rezession nutzlos sei, da Zinssenkungen dann dieselbe Wirkung hätten wie das 'Schieben an einer Schnur'. Dieser Punkt tritt ein, wenn Vertrauen und Wohlstand zerstört wurden; dann sind Zinssenkungen tatsächlich sinnlos."
(Thomas Palley, Jetzt Zinsen senken, später sparen).

Laut Krugman liegt der Zentralbankzinssatz bei effektiv 0,3%. Es ist also überhaupt nichts mehr übrig, was noch gesenkt werden könnte. Besser könnte man die gepriesene Lehre des Monetarismus nicht ad absurdum führen.

Krugman hält einen fiskalpolitischen Anreiz in Höhe von 600 Milliarden Dollar für notwendig. Er zweifelt jedoch, ob die neue US-Regierung dazu den nötigen Mut und das Durchsetzungsvermögen aufbringen werde.

Denn ein solcher Schritt widerspricht allen wirtschaftspolitischen Weisheiten, die in letzter Zeit von Mainstream Ökonomen sowie von den offiziellen Stellen propagiert worden waren (die sie aber nicht immer strikt in die Tat umgesetzt hatten).

Vor allen Dingen würde es, um effektiv werden zu können, eine Rücknahme der Umverteilung darstellen müssen, die sich in den letzten Jahrzehnten unter der Vorherrschaft neoliberaler Politik in der Gesellschaft vollzogen hat (Helmut Wyrwich: "Der Umverteiler", Tageblatt 6.11.2008). Die Verflechtung von Politik und Lobbyismus ist so stark, dass man sich da außer rhetorischen Änderungen keine großen Hoffnungen machen darf. Vielleicht erweist sich aber die wirtschaftliche Not einmal wieder als unbezwinglicher Lehrmeister. Das ist in Wirklichkeit die so viel gepriesene "Chance der Krise", die immer wieder als Phrase von deutschen Politikern so wohlfeil in Anspruch genommen wird: Lernen aus den Fehlern, die man begangen hat. Doch welcher Politiker kann das schon. Schließlich ist er seinem Gewissen verpflichtet, d.h. er kann nicht immer so, wie er gerne möchte ... zumindest solange nicht, bis er seine eigene Altersversorgung in trockenen Tüchern weiß.

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