Montag, 13. April 2009

Hayek

(*1) Friedrich August Hayek: Der Weg zur Knechtschaft (engl.: The Road to Serfdom.). ISBN 3-423-01170-X

(*2) Individualismus und wirtschaftliche Ordnung. Eugen Rentsch Verlag : Erlenbach-Zürich 1952

Eine politische Ideologie wird dem Publikum mit dem Nobelpreis für Wirtschaft angepriesen (siehe Umschlag des DTV-Taschenbuchs, Mai 1976, Umschlaggestaltung: Celestino Piatti). Das ist ein klarer Fall von "Prestigesuggestion":
"Das Akzeptieren von Behauptungen und die Bewertung künstlerischer Produkte hängt vom Prestige der Person ab, der sie zugeschrieben werden (SAADI & FARNSWORTH, 1934; SEARS, 1937)."
[Fritz Heider: Soziale Wahrnehmung und phänomenale Kausalität. In: Martin Irle (Hg.), zusammen mit Mario von Cranach und Hermann Vetter: Texte aus der experimentellen Sozialpsychologie. Luchterhand : 1969. S. 38]

Die passende Bemerkung dazu findet sich bei Platon: „Weil er seine Kunst gründlich erlernt hatte, wollte jeder auch in den andern wichtig­sten Dingen sehr weise sein; und diese ihre Torheit verdeckte jene ihre Weisheit.“ [Platon, Des Sokrates Verteidigung, S. 18]

Woher aber denn Hayeks "bedeutende Rolle"?

Der Nobelpreis, den Hayek reichlich spät zusammen mit Gunnar Myrdal erhalten hat (einem seiner zahlreichen ideologischen Gegner), wird mit bahnbrechenden Leistungen in der Konjunkturtheorie gerechtfertigt. Über letztere ist der wikipedia.de allerdings nur Dürftiges bekannt und liegen vielleicht allzulange zurück. Seine wichtigsten Lehren befinden sich, wie aufgeführt, auf ideologischem Gebiet (anti-sozialistisch, anti-keynesianisch, ...). Und diese werden wie eine Ikone vor Änderungen des Zeitgeistes bewahrt. Dies darf als Indiz gelten, dass Hayeks Rolle in Zusammenhang zu sehen ist mit den bei den Herrschenden herrschenden Ideen, auf Neudeutsch belief systems [Gerhard Lehmbruch: The Institutional Embedding of Market Systems. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5. S. 40f].

Es ist also nicht Machtgier oder Dummheit, worauf Albert Müller verzweifelte Versuche hinauslaufen, zu erklären, warum die Politik in Deutschland oder anderswo immer wieder versagt. Es ist schlicht die eigene Ideologie. Dass man aber mit Moral weder Politik machen noch erklären kann, darauf hat Marx wiederholt aufmerksam gemacht. Die deutschen Bischöfe versuchen sich zwar unverdrossen mit politischem Moralisieren, ist es doch ihr ureigenes Ressort, den Kapitalismus dadurch zu retten, dass sie Kapitalisten an den Ohren ziehen möchten. Das beruhigt ungemein, ist aber auch nur Opium für das Volk. Aber auch diese Droge ist volkswirtschaftlich billiger einzusetzen als Rebellieren zuzulassen und die Kosten für die damit verbundenen Polizeieinsätze zu übernehmen.

Ideologie ist: Werturteile werden für Erkenntnis ausgegeben (Theodor Geiger). Wenn auch Hans Albert bemerkt hat, dass Geigers Ideologie-Konzeption sich selbst widerlegt, so trifft sie hier doch genau den Punkt.

Eine Argumentationsstrategie, deren Rhetorik mit binärer Logik (scheinbar) zwingend voranschreitet, aber überhaupt nichts mit der Wechselwirkung von Ideengeschichte und sozialer Geschichte zu tun hat, wie sie etwa Robert K. Merton in seiner wissenschaftssoziologischen Untersuchungen musterhaft vorgeführt hat). Es ist vielmehr ein praktischer Manichäismus, der Kampf des Lichtes mit der schwärzesten Schwärze des Teufels.

Übrigens Kants streng dogmatischen Demonstrationsweise viel näher verwandt als hegelscher Dialektik, obwohl Vulgärhegelianer auch in diese Schwarz-Weiß-Malerei auf ihren ideologischen Kreuzzügen gerne zurückverfallen (vgl. Poppers Alternativ-Radikalismus). Selbst wenn Hegels Dialektik sich schließlich als von Grund auf gescheitert herausstellen sollte (ein solcher Nachweis ist Popper trotz aller Liebe (ira) mitnichten gelungen; eine bisschen mehr Hegel(studium) hätte vielleicht geholfen), so ist bei Hegel eine Negation immer eine "bestimmte", ein "Aufheben" der positiven Seiten des Widerlegten, ein Fortschreiten, welches auch die Tradition wahrt. Die Ideologen präferieren mit ihrer Scheinlogik das argumentative Steigern der Konflikteskalation: Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein! Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich (d.h. selber ein Terrorist oder Helfershelfer; so die alttestamentarische Bibelweisheit eines G.W. Bush - mit Sicherheit lässt sich der Koran auf dieselbe Weise auslegen.).

Die Warnung vor der "Unausbleiblichkeit des Schrittweisen" [(*2), S. 9] gilt vermutlich nicht der popperschen Stückwerkstechnologie. Oder doch?!

Alternativradikalismus (Hans Albert) ist Erpressung mit einer einzigen (ungeliebten) Alternative (Leszek Kolakowski).

Entweder: Sozialismus=Kommunismus=Stalinismus=Planwirtschaft=Totalitarismus=Faschismus= böse

Oder:
Liberalismus=Marktwirtschaft=Freiheit=Konkurrenz=gut

"Wahrer und falscher Individualismus" [(*2), S. 9ff.]
Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen (Brüder Grimm, Aschenputtel).

Die Guten: John Locke, Bernard Mandeville, David Hume, Josiah Tucker, Adam Ferguson, Adam Smith, Edmund Burke. Tocqueville, Lord Acton.

Die Bösen: frz. Enzyklopädisten, Rousseau, Physiokraten. Saint-Simon etc.

Auguste Comte sei allemal der "Vertreter des Totalitarismus im 19. Jahrhundert" (*1), S. 29

Die Strategie der Diffamierung beruht sozialpsychologisch auf so bekannten Mechanismen wie Stimuluskontiguität, Wahrnehmungskongruität, kognitives Gleichgewicht. Aktuelle Beispiele für derlei Methoden von Volksverhetzung liefert Paul Krugman in seinem Bericht über die US-Republikaner, die z.B. ihren neuen Präsidenten für nichts anderes als "sozialistisch" beschimpfen zu können glauben, usw. [Tea Parties Forever. The New York Times 12.04.2009].

Essentialismus = der "echte" Liberalismus ((*1), S. 20) ist nur der richtige!
Gegenüber dem ideologischen Feind stellt Hayek wie Popper den Nominalismus dem Essentialismus entgegen. Hayeks hausgemachter Essentialismus ist aber vom Feinsten, und zwar sowohl (krypto-)normativ wie dogmatisch: Es gibt nur einen wahren Liberalismus, und welcher das ist, weiß absolut gewiss F.A. Hayek! Diskussion überflüssig.

Dennoch, man muss ja flexibel bleiben (Nichts geht über den praktischen Nutzen einer Leerformel!):
"Die Grundsätze des Liberalismus enthalten keine Elemente, die ihn zu einem starren Dogma machten, und es gibt keine strenge Regeln, die ein für allemal festständen." (*1), S. 30
...
Es besteht im besonderen ein himmelweiter Unterschied zwischen der bewußten Schaffung eines Systems, in dem die freie Konkurrenz sich mit dem denkbar größten Nutzen auswirken wird, und dem passiven Sichabfinden mit den nun einmal bestehenden Einrichtungen. Nichts dürfte der Sache des Liberalismus mehr geschadet haben wie das starre Festhalten einiger seiner Anhänger an gewissen groben Faustregeln, vor allem an dem Prinzip des Laissez-faire."
> Wo sind hierfür die Abgrenzungskriterien?

Feststellbar ist eine reaktionäre Verklärung der Zeiten des aufkommenden Bürgertums:
Toleranz ((*1), S. 27); aufblühender Handel; Gewerbefreiheit ((*1), S. 28)
> Die Ideologie der kleinen Warenproduzenten wird projiziert auf eine völlig anders gestaltete sozio-ökonomische Wirklichkeit.

Hayek schablonisiert seinerzeit progressive bürgerliche Theorien mit gegenrevolutionären (bezogen auf die Französische Revolution) Theorien der Gegenaufklärung ("Grenzen der Vernunft") und des Traditionalismus (vgl. Herbert Marcuse: Ideengeschichtlicher Teil. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut for Sozialforschung. Librairie Félix Alcan. Paris 1936. S. 136 ff.). Wenn man Vorläufer des Totalitarismus sucht, dann liegen solche reaktionären Theoretiker, die die Ergebnisse der Französischen Revolution zurückzurollen versuchten, noch am nächsten; eher Haller denn Hegel. "Nicht die durch menschliche Einsicht erarbeitete Wahrheit, sondern der Glaube ist das erhaltende Prinzip in Staat und Gesellschaft: Vorurteil, Aberglaube, Religion, Tradition werden als die wesentlichen gesellschaftlichen Tugenden des Menschen gefeiert." (Marcuse, S. 193) Marcuse sieht die grundlegenden Widersprüche des "kapitalistischen Geistes" schon in den nach Max Weber einschlägigen Vorläufern Luther und Calvin am Werke.

"Während dieser ganzen Neuzeit der europäischen Geschichte verlief die soziale Entwicklung in der allgemeinen Richtung auf eine Befreiung des Individuums von den Fesseln, die seine Bewegungsfreiheit im täglichen Leben in bestimmter Weise eingeengt hatten. Die Erkenntnis, daß die spontane und ungelenkte Betätigung von Einzelwesen ein verwickeltes und geordnetes System von Wirtschaftsakten hervorzubringen vermochte, konnte sich erst einstellen, nachdem diese Entwicklung einen bestimmten Punkt erreicht hatte. Wenn man hinterher daranging, die Wirtschaftsfreiheit systematisch zu begründen, so war das der freien Entfaltung des Wirtschaftslebens zu verdanken, die ein unbeabsichtigtes und unerwartetes Nebenprodukt der politischen Freiheit gewesen war." (*1), S. 28
> Idylle der Spontaneität!

"Die Entwicklungstendenz zum Monopolismus und zur Planwirtschaft ist nicht das Resultat irgendwelcher 'objektiver Gegegenheiten', auf die wir keinen Einfluss haben, sondern von Ansichten, die ein halbes Jahrhundert lang begünstigt und propagiert wurden, bis sie schließlich für unsere gesamte Politik bestimmend geworden sind." (*1), S. 55
> = politischer Voluntarismus. Wer indes ist "wir"? Der einfache Wähler? Die herrschende Klasse bzw. Machtelite?

Konkurrenz ist eine Utopie. Das impliziert dieses Motto:
"Unser Programm beruht auf dem Grundgedanken, daß das System der freien Konkurrenz in unserer Generation nicht versagt hat, sondern daß es eigentlich noch gar nicht versucht worden ist." (F.D. Roosevelt) (*1), S. 23

Dass die neoklassische Ökonomie nichts mit der Realität im Diesseits zu tun hat, wenn nicht als ideologische Verdrehung, ergibt sich aus der hilflosen Reaktion auf die gegenwärtige Wirtschaftskrise (vgl. jetzt die Kapitulationserklärung des DIW, welche im Grunde ein offenes und ehrliches Eingeständnis des eigenen wissenschaftlichen Versagens ist). Max Weber sprach völlig adäquat ausgedrückt von einem "Priesterseminar", zu welchem eine Mainstream Doktrin verkommt, sobald theoretische Alternativen aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden.

"Zwar finden im jetzigen Augenblick die verschiedenen Ideale ihre Verkörperung in den feindlichen Nationen, die um ihre Existenz ringen, aber wir dürfen nicht vergessen, daß dieser Konflikt aus einem Kampf der Ideen innerhalb einer noch vor kurzem einheitlichen europäischen Kultur entstanden ist und daß die Tendenzen, die in der Schaffung der totalitären System gipfelten, nicht auf die Länder beschränkt waren, die ihnen erlegen sind." (*1), S. 24

vgl. Popper: war of ideas; neuerdings heißt dies: clash of civilizations.
Ideologen führen Konflikte auf ideologische Divergenzen zurück (vgl. Marxens Kritik an der deutschen Ideologie, welche geradewegs der theologischen Religionskritik entsprungen war). Dass Ideen der entscheidende Faktor der Weltgeschichte sind, ist die Berufsideologie der Berufsideologen. Dieser ökonomisch nicht immer unpraktische Idealismus gründet auf der Mission der Ideologen innerhalb der psychologischen Kriegführung (Kalter Krieg). Konflikte leben von denen, die von den Konflikten leben.

Diversion des Gegners, Demoralisierung; Stärkung der eigenen Kampfmoral (vgl. Fichtes Reden an die deutsche Nation, nach der Niederlage der deutschen Kleinfürsten gegen Napeoleon!). Frontlinien werden gezogen. Feindbilder müssen erst einmal sinnfällig konstruiert werden, bevor sie erfolgreich und massenwirksam in Umlauf gebracht werden können.

"Nicht nur ein Erfolg oder ein Mißerfolg als solcher, sondern vor allem das Erlebnis der Zugehörigkeit dieser Wirkungen zur eigenen Person, die Tatsache, daß die Leistung als der Ausdruck des eigenen Wertes betrachtet wird, ist von dynamischer Bedeutung.
...
Eine der Methoden, die Moral zu heben, ist, die Struktur des Feldes so zu ändern, daß eine Niederlage nicht der eigenen Minderwertigkeit zugeschrieben werden muß. Niederlagen demoralisieren eine Nation oder eine Person nur dann, wenn ihre Ursache der eigenen Schwäche zugeschrieben wird; wenn man die Schuld dagegen einem 'Dolchstoß in den Rücken' oder einem anderen Faktor, der das Verhältnis der eigenen Macht zu der des Gegners nicht betrifft, zuschreiben kann, wird die Selbstbewertung, auf der die Moral basiert, nicht betroffen."
[Fritz Heider: Soziale Wahrnehmung und phänomenale Kausalität. In: Martin Irle (Hg.), zusammen mit Mario von Cranach und Hermann Vetter: Texte aus der experimentellen Sozialpsychologie. Luchterhand : 1969. S. 44]

Das ist die Funktion von Ideologie: Die Wahrnehmung zu strukturieren, den Kampfgeist der eigenen Truppe zu heben und die politische Schlagkraft herzustellen. Wenn das keine Leistung ist!

Darin wird die zu diesem Glauben Bekehrten auch eine Wirtschaftskrise nicht erschüttern. Zumal die Gewinner der Krise noch am wenigsten Ursache haben, an ihrem Glauben zu zweifeln.

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