Montag, 13. April 2009

spontan

Spontanität ist angeblich eine Charaktereigenschaft.

Im wirklichen Leben jedoch wird Spontanität dem Handelnden von den Mitmenschen durch Prozesse der sozialen Wahrnehmung zugeschrieben. Es hängt von der Zuschreibung des Beobachters ab, ob er den Ursprung des Handelns in dem Handelnden selbst bzw. dessen Charakter sieht oder in der Umgebung des Handelnden. Der Sozialpsychologe Fritz Heider fasst dieses Problem unter dem Titel "phänomenale Kausalität".

"Wenn wir ein in Bewegung befindliches Objekt A sehen, können wir diese Bewegung entweder A selbst oder einem anderen Objekt B zuschreiben. Im ersten Fall sehen wir die Bewegung als spontane Aktivität von A, im zweiten Fall als passive, von B herbeigeführte Bewegung. Wenn wir ein unangenehmes oder ein angenehmes Erlebnis haben, können wir seinen Ursprung in uns selbst, in einer anderen Person oder in unserem Schicksal sehen."

[Fritz Heider: Soziale Wahrnehmung und phänomenale Kausalität. In: Martin Irle (Hg.), zusammen mit Mario von Cranach und Hermann Vetter: Texte aus der experimentellen Sozialpsychologie. Luchterhand : 1969. S. 26]

Ob ein "Volksaufstand" "spontan" erscheint, hängt vom Betrachter ab. Und ggf., wie eine politische Inszenierung derartiger "Events" in den Massenmedien präsentiert wird. Geläufig sind die Straßenbefragungen durch Fernsehreporter, anscheinend, um dem Volk aufs Maul zu schauen. Von Repräsentativität im Sinne der statistischen Stichprobentheorie mit Sicherheit meilenweit entfernt.

Bei den US-Republikanern schon längstens beliebt sind in Erinnerung an die Boston Tea Party Remakes dieses historischen Anti-Steuer-Events. Anders als Theodor Heuß, der 1932 in seiner Hitler-Biografie die Gefährlichkeit des kommenden Diktators entsetzlich unterschätzt hat, erkennt Paul Krugman in seinem Kolumnenbeitrag nicht nur die lächerliche Seite der Aufführung der Republikaner.

"Last but not least: it turns out that the tea parties don’t represent a spontaneous outpouring of public sentiment. They’re AstroTurf (fake grass roots) events, manufactured by the usual suspects. In particular, a key role is being played by FreedomWorks, an organization run by Richard Armey, the former House majority leader, and supported by the usual group of right-wing billionaires. And the parties are, of course, being promoted heavily by Fox News.
But that’s nothing new, and AstroTurf has worked well for Republicans in the past. The most notable example was the “spontaneous” riot back in 2000 — actually orchestrated by G.O.P. strategists — that shut down the presidential vote recount in Florida’s Miami-Dade County."
[Paul Krugman: Tea Parties Forever. The New York Times 12.04.2009]

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