Sonntag, 12. Juli 2009

Was ist "Positivismus"?

Vorstehende Fragestellung ist natürlich. Indes unnatürlich - d.h. unter dem Gesichtspunkt popperscher Essentialismus-Kritik - betrachtet, ist jede "Was-ist-Frage (inkl. Poppers "Was ist Dialektik?", "Was ist empirische Wissenschaft?" als unverbesserlich "naiv" zu bezeichnen.

Wenn wir jedoch entscheiden möchten, ob zum Beispiel Popper ein "Positivist" genannt werden darf (bzw. was wir damit meinen, wenn wir das so tun), so bleibt uns nichts übrig, als zu klären zu versuchen:

Was kann und soll unter "Positivismus" verstanden werden?

Lupenreiner Positivismus ist gewiss der Physikalismus Neuraths (1931a:11). Er propagiert die Einheitswissenschaft auf dem Boden der Physik, welche nur Aussagen über raum-zeitliche Gebilde anerkenne. Metaphysische Aussagen seien im Gegensatz dazu als leer, sinnlos und völlig überflüssig und daher wie gedankliches Unkraut auszurotten.

"Jede Aussage, die sich nicht widerspruchslos der Gesamtheit der Gesetze einfügt, muss verschwinden; jede Aussage, die nicht auf Formulierungen, die sich auf 'Daten' beziehen, rückführbar ist, ist leer, ist Metaphysik." (Neurath 1931a:12)

Sichtlich positivistische Neigungen lässt Feuerbach erkennen, wenn er am 1. Juli 1867 an Bolin schrieb: "Sie sehen noch immer nicht ein, dass ich keine andere Philosophie habe als die unvermeidliche, die Philosophie, die man nicht aufgeben kann, ohne aufzuhören Mensch zu sein, dass aber mit dieser Philosophie die bisherige, Kant mit eingeschlossen, gar nichts gemein hat, dass die Basis derselben die Naturwissenschaft, dass diese allein Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für sich hat, während die Philosophie, wenigstens die allein diesen Namen sich anmassende, nur die Vergangenheit für sich hat und zu den praktischen labores oder vielmehr errores der Menschheit gehört."
(Feuerbach 1874a:191)


 

Es kehrt in der Philosophiegeschichte (zumindest der europäischen Neuzeit stets die Tatsache wieder, dass die philosophischen Neuerer die gegnerische, bekämpfte Philosophie als verschimmelte Metaphysik und nutzlose Scholastik hinstellen, die neue Philosophie jedoch als die Wissenschaft (und nichts als Wissenschaft!).

"Dasjenige, was vor diesem Zeitraum Metaphysik hieß, ist sozusagen mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden und aus der Reihe der Wissenschaften verschwunden." (Hegel, Wissenschaft der Logik:2) –


 

"Die hegelsche Dialektik hat also einerseits eine notwendige Beziehung zur Metaphysik und ist ihr anderseits wesentlich entgegengesetzt." (Sarlemijn 1971a:14)

"Positivism is a (rationalized) distaste for philosophy." (Agassi 1993a:17)

Erklärte Anti-Metaphysik ist sowohl eine Ausgrenzungs- als auch eine Verdrängungsstrategie: sie wird immer dann benötigt, wenn andere, neuere Götter installiert werden sollen.
Ins Auge fällt immer nur die fremde, nicht sowohl die eigene Metaphysik. Und wenn deren philosophischer Charakter endlich einmal bemerkt wird, dann handelt es sich eben nur um die "allerunvermeidlichste" Philosophie.

"In der Dogmengeschichte der Soziologie ist es seit St.-Simon und Comte die Regel, dass im Zeichen der Entzauberung der Welt ein Forscher seinen Vorgänger einen Metaphysiker schilt ..." (Adorno, Rede beim offiziellen Empfang im Heidelberger Schloss, in: Stammer 1965a:101)


 

Dies kann man aber getrost als positivistischen Trend ansehen, von welchem auch Marx und Engels keineswegs frei sind. Ja, die Frontlinien zwischen Metaphysik und Positivismus laufen wie so vieles so richtig quer durch den Marxismus. Marx (ÖPM) formuliert seine Kapitalismuskritik noch mit den begrifflichen Mitteln, die er von Hegel und Feuerbach hergenommen hat, wobei letzterer schon eine Wendung von der Theologie zur naturwissenschaftlich orientierten Anthropologie vollzogen hatte. Dabei ist jedoch eine naturwissenschaftlich aufgezäumte Philosophie so wenig eine Naturwissenschaft, wie eine als Logik aufgezäumte Philosophie oder Psychologie Logik darstellen.

Engels sieht die Aufgabe des modernen Materialismus darin, in der Geschichte der Menschheit die Bewegungsgesetze der Entwicklung zu entdecken, so wie bereits in der Naturwissenschaft durch Darwin geschehen: "In beiden Fällen ist er wesentlich dialektisch und braucht keine über den andern Wissenschaften stehende Philosophie mehr. Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klar zu werden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte." (Engels, Anti-Dühring:37). Vgl. Heintel (1984a:116) und Negt (1964a:10f) zur analogen Einstellung Comtes über die Rolle, die Philosophie von nun an ausgespielt habe. –


 

Für die Auseinandersetzung mit dem Marxismus muss daher als historische Tatsache berücksichtigt werden, dass die marxsche Theorie von Engels bis zu Kautsky und Lenin (mindestens bis zur Veröffentlichung der "Ökonomisch-philosophischen Manuskripte") von Marxisten wie von Marxismuskritikern wenn nicht in der hegelschen, dann überwiegend in dieser positivistischen Lesart abgehandelt wurde. Marxens Hegel-Kritik wurde dabei lediglich als eine "Umstülpung" im Sinne der Idealismus / Materialismus - Antinomie angesehen, wie sie Lenin (1947a) als die Grundsatzfrage der Philosophie exponiert hatte, was aber Marx auf Feuerbach reduziert. Diese Interpretation des historischen Materialismus als eine Stellungnahme im Hinblick auf das Verhältnis von "Real- und Idealfaktoren" findet sich im Anschluss an Mannheim noch bei Parsons (1965a:44). Die Fixierung auf diese Antinomie ist aber dem Verständnis der marxschen Gesellschaftsanalyse nicht nur hinderlich, sondern im Grunde sogar irrelevant (Giddens 1971a:xv).


 

Die Tendenz zum Positivismus kommt bei Engels (1970a) sehr deutlich zum Ausdruck und erreicht in Lenin (1947a) ihren erkenntnistheoretischen Höhepunkt, in welcher Formulierung er dann schließlich vom Sowjetmarxismus zur Sprachregelung und Richtlinie benutzt wurde (Giddens 1971a:xiv).

"Auflösung" der Philosophie" ist im Sprachgebrauch der Dialektik bekanntlich nicht dasselbe wie "Vernichtung" oder "Abschaffung". Marx verfuhr "auflösend" in derselben Weise, wie Feyerabend dies bei Galilei zu entdecken meinte.

"Gelehrter Brauch war es, die Autoritäten in Einklang zu bringen; er dagegen wählte Bruchstücke ihrer Argumente und Beschreibungen aus, um eine eigene neue Auffassung aufzubauen. Nennt man die erste Verwendung der Autoritäten bewahrend und die zweite auflösend, so kann man sagen, dass sich im 16. und 17. Jahrhundert die auflösende Verwendung von Autoritäten verbreitete." (Feyerabend 1976a:213, Anm.11)


 

"Abschaffen" will der Junghegelianer Bruno Bauer (Wettersten 1992a) und verlangt auch Popper (1984a:10), der allerdings an dieser Stelle vermutlich eher die Auffassung der Positivisten darstellt. Ähnlich forderte Neurath (1931a:60) kurzweg die Auflösung aller Sozialwissenschaften in die Physik: "Alles, was an Realwissenschaften gegeben ist, kann nur Physik sein." Poppers eigenes Streben ist weniger Vernichtung als vielmehr Abgrenzung. Der Wert des Ausgegrenzten bemisst sich für ihn allerdings an dessen Funktion für das Eingegrenzte. Denn was sich nicht ausgrenzen lässt, geht oft sehr schnell ans Eingemachte.

Während Popper und Albert, vom Positivismus ausgehend, Philosophie wiederentdeckt haben, gingen Feuerbach, Marx und Engels den nämlichen Weg, aber in der entgegengesetzten Richtung. Es lässt sich somit nicht übersehen, dass es sich beim Positivismus, wenn man seinen Begriff weiter fasst als eine fest umrissene Doktrin, um eine Tendenz handelt, die in wechselnden Gestalten aufzutreten vermag. In der universellen Form der Reduktion auf das Präzise und Nachprüfbare und der Minimierung von Zugeständnissen an Metaphysik und Philosophie überhaupt ist die positivistische Neigung in jegweder Wissenschaft in vielfachen Formen präsent.

"By 'metaphysics' he meant syntactically specifiable statements like 'all-some' statements and purely existential statements. No basic statements could conflict with them because of their logical forms." (Lakatos 1970a:183)

Diesen Wortgebrauch findet Kneale (1974a:206f) recht sonderbar. Denn etwa schon der Glaube an Hexen (Marwick 1970a) fiele dann unter "Metaphysik", was weder einen besonderen Sinn macht noch mit der herkömmlichen Begriffsgeschichte übereinkommt.

Der Titel "Metaphysik" findet sich nicht schon bei Aristoteles, obwohl dieser dafür als der Stammvater gilt, sondern zum 1. Male bei Nikolas v. Damaskus (2. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.), ist aber vermutlich etliches älter (Aubenque 1961a:325, Anm.10).


 

Es geht also hier eigentlich nicht um den historisch bestimmbaren Positivismusbegriff (Auguste Comte oder Wiener Kreis, logischer Positivismus), sondern um jenen allgemeineren: "Positivismus" als ein Programm der Reduktion auf möglichst formallogische Rekonstruktion, verbunden mit minimalen explizit metaphysischen Annahmen.

"Dass wir Reflexion verleugnen, ist der Positivismus." (Habermas 1975a:9)

== Literaturverzeichnis ==

Otto Neurath, Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie, Wien 1931

Ludwig Feuerbach's Briefwechsel und Nachlaß. 1850-1872, dargestellt von Karl Grün, Leipzig Heidelberg 1874

Andries Sarlemijn: Hegelsche Dialektik. 1971. ISBN 978-3-11-001839-4

Joseph Agassi, A Philosopher's Apprentice. In Karl Popper's Workshop, Amsterdam Atlanta, GA 1993

Otto Stammer, (Hrg.), Max Weber und die Soziologie heute, Tübingen 1965

Marx ÖPM: Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), Ergänzungsband. Schriften. Manuskripte. Briefe bis 1844, Erster Teil, Berlin 1974 (1968)

Erich Heintel, Grundriß der Dialektik. Ein Beitrag zu fundamentalphilosophischen Bedeutung. Bd. 1: Zwischen Wissenschaftstheorie und Theologie, Darmstadt 1984

Oskar Negt, Strukturbeziehungen zwischen den Gesellschaftslehren Comtes und Hegels, Frankfurt 1964

W. I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie, Moskau 1947

Talcott Parsons, Wertgebundenheit und Objektivität, in: Otto Stammer, (Hrg.), Max Weber und die Soziologie heute, Tübingen 1965, S. 39-64

Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft ("Anti-Dühring"), Berlin 15. Aufl. 1970

Anthony Giddens, Capitalism and modern social theory. An analysis of the writings of Marx, Durkheim and Max Weber, Cambridge 1971

Paul K. Feyerabend, Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie, Frankfurt 1976 (zuerst: 1975)

John R. Wettersten, The Roots of Critical Rationalism, Amsterdam Atlanta, GA 1992

Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 8. verb. u. verm. Aufl. 1984

Imre Lakatos, Falsification and the Methodology of Scientific Research Programmes, in: Imre Lakatos, Alan Musgrave, Criticism and the Growth of Knowledge, Cambridge 1970, S. 91-196

William C. Kneale, The Demarcation of Science, in: Paul Arthur Schilpp, (ed.),The Philosophy of Karl Popper. Book I, La Salle, Ill. 1974

Max Marwick, (ed.), Witchcraft and Sorcery, 1970

Pierre Aubenque, Aristoteles und das Problem der Metaphysik, Zeitschrift für philosophische Forschung, 15, 3, 1961, S 321-333

Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse. Mit einem neuen Nachwort, Frankfurt 3. Aufl. 1975

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Freitag, 10. Juli 2009

Von Positivisten und Metaphysikern

Die Aversion des empirischen Forschers gegen methodologische Diskussionen ist erst einmal menschlich verständlich: Noch selten ist durch methodologische Diskussion eine inhaltliche Einsicht erlangt worden! Es ist wahr: Wer eine methodologische Debatte anzettelt, hat noch schwerlich im selben Anlauf  auch schon eine inhaltliche Einsicht gewonnen. Gerade Ökonomen sperren sich oft gegen methodologische Reflexionen wie spielende Kinder vor dem Badewasser. Dies gilt insbesondere auch für Deutschland, wo mit einem perennierenden Methodenstreit die Tradition besteht, alternative gesellschaftspolitische Positionen in der Form methodologischer Divergenzen aneinander- und damit vielleicht auch irgendwann einmal aufzureiben. Ermüdung der Diskussionsgegner ist eine in der Politik oft angetroffene Strategie, Probleme klein zu kriegen. Es verhält sich also mit methodologischer Diskussion wie mit Geschäftsordnungs-Debatten in einer Gruppensitzung. Zugegeben, noch nie ist auf diese Weise direkt ein inhaltliches Ergebnis erreicht worden. Im Gegenteil geht die für das eine aufgewandte Zeit dem anderen scheinbar notwendig verloren. Dennoch wird kein komplizierteres Projekt ein brauchbares inhaltliches Ergebnis erzielen können, solange man sich nicht zuvor auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt hat. Insofern hängen Regeln und zu erlangende Erkenntnisresultate, wenn auch beide keineswegs identisch sind, unabdingbar voneinander ab.
 

"If you stay with me, things will get worse, I promise." (Agassi 1993a:228)


 

Konfusion ist der normale Zustand, bevor ein Problem vernünftig definiert worden ist. Probleme bilden aber den Motor der Wissenschaft. Denn es ist häufig besser, eine anständige Konfusion zu hinterlassen als eine Ordnung, die nicht trügt.

Sollte es nicht nur Wissenschaft, sondern auch Philosophie nicht aber um Wahrheit (Stegmüller 1968a) gehen, und zwar in einer ganz anderen Weise vielleicht als bei dem zuvor genannten rheinland-pfälzischen Exportschlager ?!

"Erfreut das Bier des Menschen Herz ebenso wie der Wein? Steht etwas vom Biere in der heiligen Schrift? Oder hat vielleicht wirklich schon der gelehrte, theologische Aberwitz der Neuzeit aus den Rippen Adams oder den Lenden Noahs den Gambrinus herausgeschnitten, den biblischen und christlichen Ursprung, natürlich vor Allem des Bieres par excellence, des bayrischen Bieres nachgewiesen?"
(Feuerbach, Zur Moralphilosophie, 1874a:284)

Bleibt zur Wahrheit von Philosophien lediglich zu sagen, dass man sie kritisch zu beurteilen habe (bis zu diesem Punkt geht Popper 1994a:190)?

Zu kritisieren ist nicht an Habermas sein Rekurs auf Hegel, sondern wie Habermas Hegel gelesen hat. Gemäß Habermas (1975a:12) habe Hegel mit seiner Kritik an Kant die Stellung zur Wissenschaft preisgegeben:

"Gegenüber einem absoluten Wissen muss wissenschaftliche Erkenntnis notwendig als borniert erscheinen; einzige Aufgabe bleibt dann die kritische Auflösung der Schranken positiven Wissens."

Damit macht Habermas nur offenkundig, dass er mit dem Hegelschen Wissenschaftsbegriff im Grunde nichts anzufangen weiß.

"Die philosophische, spekulative Kritik, die den Nachweis führt, dass jedes Unmittelbare, Positiv-Gegenständliche in sich vermittelt ist, zieht auch das Verhältnis zwischen Philosophie und Einzelwissenschaft in den dialektischen Vermittlungszusammenhang hinein." (Negt 1964a:17)


 

Das heißt, Habermas unterstellt Hegel wie schon Horkheimer u. Adorno (1998a:30) und viele andere vor und nach ihnen den voll platten Anspruch, seine eigene Philosophie als die absolut wahre zu behaupten:


 

"Indem er freilich das gewusste Resultat des gesamten Prozesses der Negation: die Totalität in System und Geschichte, schließlich doch zum Absoluten machte, verstieß er gegen das Verbot und verfiel selbst der Mythologie."


 

Meiner Auffassung nach ist aber, Hegel als das absolute Wissen zu lesen, selbst schon der ganze Mythos und Irrtum. Eine Philosophie ist nicht schon deswegen mit dem Anspruch auf rundherum absolute Wahrheit verbunden, weil in ihr der Begriff des Absoluten als Problem gestellt wird. Auch hier darf man die mögliche dogmatische Rezeptionsweise einer Philosophie nicht mit ihrem eigentlichen Gehalt verwechseln. Hegel (1930b:3)hoffte zwar von seiner Methode, dass sie als "die einzig wahrhafte, mit dem Inhalt identische" anerkannt werden möchte. Noch die meisten Autoren haben sich jedoch mit der Meinung schmeicheln müssen, dass ihr Buch vom gebildeten Publikum dereinst als der Quell der Wahrheit angenommen werden würde – vielleicht oft, so hart es klingt, ein psychisch notwendiger Selbstbetrug! Dies einzusehen, bringt uns jedoch kein Schrittchen in dem uns aufgegebenen Geschäft der Bewertung einer Philosophie weiter.

Das Problem des Absoluten führt weit in die Geschichte von Theologie und Philosophie zurück:

"Da schon die zeitgenössischen Kritiker von Descartes darauf hinwiesen, dass dieser Anselms Gottesbeweis wiederaufgegriffen hatte, wurde das für die gesamte Problemstellung der neuzeitlichen Philosophie grundlegende Problem des 'ontologischen' Arguments bewusst im Hinblick auf Anselm erörtert. So äußerte Leibniz die Absicht, Anselm zu verbessern. Doch da Descartes, Spinoza, Leibniz und die Wolff'sche Schulphilosophie das anselmianische Argument umgewandelt weitergegeben hatten, war, auch ohne dass Anselms Name fallen musste, Anselms Proslogion überall mitgegenwärtig, wo zwischen Kant, Fichte, Hegel und Schelling ein philosophischer Begriff des Absoluten entwickelt wurde."  (Flach 1981a:197)


 

Auch Popper (1994a:47) macht sich in der gewohnten Manier die Hegelkritik zu einfach: Für Hegel sei seine eigene Philosophie absolut wahr, alles andere genieße relative Wahrheit. Dass dies eine Diffamierung und keine sinnvolle Interpretation darstellt, lässt sich schon daraus entnehmen, dass Hegel (1962a) von einer einzigen, einheitlichen Philosophie ausgeht, an welcher jedes historisch eigentümlich bestimmte philosophische System durch seinen Begriff des Absoluten teilhabe.

Empirische Theorie sagt uns die Wahrheit über die Wirklichkeit. Philosophie aber kann uns erst sagen, was "Wahrheit" ist:

"Die innere Notwendigkeit, dass das Wissen Wissenschaft sei, liegt in seiner Natur, und die befriedigende Erklärung hierüber ist allein die Darstellung der Philosophie selbst." (Hegel 1988a:6)    


 

Popper folgte der Korrespondenztheorie der Wahrheit, nachdem Tarski (1956a) ihm dieselbe befriedigend expliziert habe.

"We can now say that what Tarski did was to discover that in order to speak about the correspondence between a statement S and a fact F, we need a language (a metalanguage) in which we can speak about the statement S and state the fact F." (Popper 1973a:316)


 

Popper war dies jedoch keine Explikation bzw. Definition, sondern die Rehabilitation einer hergebrachten Sprechweise. Indes: Besteht der Ausweg aus "Wortklauberei" lediglich in noch größerer Wortklauberei?!


 

"Wir nennen eine Aussage 'wahr', wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt oder den Tatsachen entspricht oder wenn die Dinge so sind, wie die Aussage sie darstellt. Das ist der sogenannte absolute oder objektive Wahrheitsbegriff, den jeder von uns dauernd verwendet. Eines der wichtigsten Ergebnisse der modernen Logik besteht darin, dass sie diesen absoluten Wahrheitsbegriff mit durchschlagendem Erfolg rehabilitiert hat."  (Popper 1969b:117; vgl. 1973a:60; 1992b:460ff)


 

Dagegen wird traditionsgemäß und neuerdings gerade auch von Seiten des Pragmatismus immer wieder das sog. "Vergleichsargument" vorgetragen: es könne nicht gelingen, die Korrespondenz befriedigend zu formulieren (McDermid 1998a). Wenn man aber einmal voraussetzte, die Frage der empirischen Wahrheit sei zufriedenstellend gelöst, so wäre es vielleicht denkbar, dass man metaphysischen Systemen zumindest im derivativen Sinne eine Wahrheit zuspräche, eine Art von philosophischer Wahrheit, die sich evtl. rückbezieht auf die Wahrheit der empirischen Theorien, die aus ihnen zwar nicht logisch deduziert werden können, aber dazu in geistigen Verwandtschaftsbeziehungen stehen. Vielleicht kann die Rolle der Philosophie im Hinblick auf Wahrheit analog der von Definitionen, Terminologien, Modellen und Ontologien gesehen werden: Sie sind sprachliche Mittel, um wahre Aussagen zu formulieren, können aber selbst, an und für sich, nicht wahr sein. Ihre empirische Prüfung bzw. Kritik erfolgen indirekt, vermittelt über die empirischen Hypothesen, welche sie zu formulieren helfen, nach dem bewährten Motto: Mitgehangen, mitgefangen!

Nach Schumpeter (1987a:28) hingegen sind empirische Wissenschaft und Philosophie völlig unabhängig und getrennt voneinander, eine Position, die nicht nur neoklassische Ökonomen, sondern Theologen wie veritable Marxisten-Leninisten (Kopnin 1970:67) recht angenehm befunden haben.

"They mean not to defend science from metaphysics but to prevent science from conflicting with the speculations which are part-and-parcel of their religion (...) The positivism of most scientific positivists, then, is an aggressive pro-science anti-metaphysics attitude, whereas that of religious scientists is their way of separating science and religion so as to keep the peace between them. This clearly does not work, but at least it is not aggressive."(Agassi 1993a:25)

Demgegenüber ist Popper (1984a:XIX) zuzustimmen:

"... ich kann nichts Gutes an dem willkürlichen Vorschlag finden, das Wort 'Philosophie' so zu definieren, dass es einen Philosophen daran hindert, in seiner Eigenschaft als Philosoph auch nur einen bescheidenen Beitrag zu unserem Wissen von der Welt zu machen."


 

Die Kehrseite dieser Chance zur Kooperation zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften besteht natürlich darin, dass damit umgekehrt den Einzelwissenschaftlern das Tor zur Kritik an Philosophen und Theologen sperrangelweit aufgestoßen wird. In dieser Problemsituation gründet auch Lenins (1947a) Kritik der Affinität des Positivismus zu reaktionärer, d.h. subjektiv-idealistischer Philosophie: Wer freiwillig, d.h. mit agnostischer Begründung auf mögliche wissenschaftliche Erkenntnis verzichtet, gibt die Bahn frei für irrationales Engagement. Popper und Albert sind über dieses Argument meist auch nicht viel weiter hinausgekommen.

« Il y a vingt ans, alors que je commençais l'étude systématique de l'épistémologie de Popper, j'étais encore marxiste. Au fur et à mesure que j'avançais dans la lecture, se découvraient des affinités avec l'oeuvre de Lénine. L'attaque sur le fond contre la ligne Berkeley-Mach. La revendication de la valeur objective de la science, c'est-à-dire de sa portée cognitive. L'idée que la réalité peut être sondée à l'infini (un point sur lequel Lénine insiste beaucoup) et, de là, que les théories scientifiques ne sont jamais conclusives. Et encore : la commune aversion pour le phénoménisme, tellement marquée chez Popper qu'elle le conduit à accepter pour sa propre philosophie la dénomination "d'essentialisme modifié". Non seulement la profession réalisme toujours plus appuyée. Enfin la forte revendication de la théorie de la "vérité comme correspondance" après le célèbre essai de Tarski et l'interprétation (discutable) que Popper en a donnée. » (Lucio Colletti, Lénine et Popper, http://perso.wanadoo.fr/denis.collin/lenine.htm)


 

Es blieb jedoch Horkheimer und Adorno überlassen, in demagogischer Manier eine politische Verbindung zwischen Positivismus und Faschismus zu behaupten. Der Vergeltungsschlag erfolgte mit Poppers "Open Society". Wen wundert's noch:
der Totalitarismusvorwurf als Kampfmittel philosophischer Schulen. Er ist auch heute noch so beliebt wie die Atmosphäre vergiftend, obwohl auch hier die zu häufige Benutzung zum Verschleiß geführt hat.

Das Problem wurde gestellt, ob es für die Aussagen der Philosophie ein Analogon zu der Wahrheit der Aussagen der empirischen Wissenschaft geben könne. In einem abgeschwächten Sinn wird man dies annehmen dürfen. Metaphysische und empirische Aussagensysteme stehen in einer dialektischen Beziehung wechselseitig möglicher Kritik zueinander. Man wird sagen können, dass ein bestimmtes philosophisches System der Wahrheit vergleichsweise zu konkurrierenden metaphysischen Systemen dann näher kommt, wenn es

1. in der größeren Übereinstimmung (d.h. Nichtwiderspruch) mit den am besten bewährten empirischen Theorien steht und deren Gehalt fruchtbar zu erweitern erlaubt;
2. in der größeren Nichtübereinstimmung mit konkurrierenden metaphysischen Systemen steht, die mit den unter (1) angeführten empirischen Theorien nicht übereinstimmen.


 

Übereinstimmung einer Metaphysik mit dem erreichten Stand der empirischen Wissenschaften reicht nicht aus und sagt allein genommen sehr wenig. In Richtung auf die Förderung des größtmöglichen Erkenntnisfortschritts kommt es auf die Proliferation von Metaphysik und empirischer Theorie an. Zu diesem Zwecke wäre die Nichtübereinstimmung metaphysischer Programme sogar zu maximieren.


 

"The greater the gap, the more fruitful the discussion" (Popper 1994a:36)
"And in such a case we should say that the discussion was fruitful if the clash of opinion led the participants to produce new and interesting arguments, even though these arguments are inconclusive."(37)

== Literaturverzeichnis==

Agassi 1993a: Joseph Agassi, A Philosopher's Apprentice. In Karl Popper's Workshop, Amsterdam Atlanta, GA 1993

Feuerbach, Zur Moralphilosophie, 1874a: Ludwig Feuerbach's Briefwechsel und Nachlaß. 1850-1872, dargestellt von Karl Grün, Leipzig Heidelberg 1874

Habermas 1975a: Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse. Mit einem neuen Nachwort, Frankfurt 3. Aufl. 1975

Negt 1964a: Oskar Negt, Strukturbeziehungen zwischen den Gesellschaftslehren Comtes und Hegels, Frankfurt 1964

Horkheimer u. Adorno 1998a: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt 1998 (zuerst: 1947). LE PRIX DU PROGRESS (Auszug): http://www.theory.org.uk/ctr-ador.htm

Hegel 1930b: G. W. F. Hegel, Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, neu hrg. von Georg Lasson, (Werke, Bd. V), 4. Auflage, Leipzig 1930

Hegel 1962a: G. W. F. Hegel, Differenz des Fichte'schen und Schelling'schen System der Philosophie, Hamburg 1962

Hegel 1988a:G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1988

Flach 1981a: Werner Flach, Hegels dialektische Methode, in: Hans-Georg Gadamer, Heidelberger Hegel-Tage 1962, Bonn 1964

Popper 1973a: Karl R. Popper, Objective Knowledge. An Evolutionary Approach, Oxford 1973 (zuerst: 1972)

Popper 1969b: Karl R. Popper, Die Logik der Sozialwissenschaften, in: Theodor W. Adorno, Hans Albert, Ralf Dahrendorf, Jürgen Habermas, Harald Pilot, Karl R. Popper, Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Neuwied Berlin 1969 , S. 103-124

Popper 1984a: Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 8. verb. u. verm. Aufl. 1984

Popper 1992b: Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten - Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 7. Aufl. 1992 (zuerst: 1944)

Popper 1994a: Karl R. Popper, (ed. by M.A. Notturno), The Myth of the Framework. In defence of science and rationality, London New York 1994

Tarski 1956a: Alfred Tarski, Logic, Semantics, Metamathematics, Oxford 1956 (zuerst:1933)

McDermid 1998a: Douglas McDermid, Pragmatism and Truth. The Comparison Objection to Correspondence, The Review of Metaphysics, 51, 1998, pp. 775-811

Schumpeter 1987a: Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen 6. Aufl. 1987 (zuerst: 1942)

Kopnin 1970: P. V. Kopnin, Dialektik - Logik - Erkenntnistheorie. Lenins philosophisches Denken - Erbe und Aktualität, Berlin 1978

Lenins 1947a: W. I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie, Moskau 1947
 

 


 

Mittwoch, 8. Juli 2009

Die Dialektik von Extension und Intension

Was Hans Alberts „milden Positivismus“ im Umgang mit Max Weber betrifft, so ziele ich hiermit darauf: ALBERT (1971:206) stellt so ziemlich beiläufig fest, dass Weber nicht auf der Höhe der Zeit, d.h. von Poppers Wissenschaftslogik, sei, und dass sich dies zwanglos daraus erklären lasse, Weber habe sich hierbei durch die traditionelle Logik täuschen lassen.

Ganz gewiss steckt in Alberts Anmerkung ein rationaler Kern, insofern nämlich bei Weber, an heutigen logischen Maßstäben gemessen, nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Es muss aber dennoch verwundern, dass Albert Webers zu Popper differierende Metatheorie nicht sofort dort aufnimmt, wo sie völlig klar und deutlich an den Tag tritt, nämlich auf den ersten Seiten der Gesammelten Aufsätze zur Wissenschaftslehre, wo die Gegenüberstellung von Naturwissenschaften und Geschichte auf WINDELBAND (1894) zurückgeführt wird und in Fragen der Wissenschaftslogik auf RICKERT (2007) verwiesen wird. SCHLUCHTER (1979)wie MERZ-BENZ (2008) geben sich redliche Mühe, nachzuweisen, was für jeden unvoreingenommenen Leser der Weber-Aufsätze klar und deutlich vor Augen liegt: Weber folgt der neukantianischen Erkenntnistheorie und Begriffslogik. Der Umweg ist also völlig unnötig, über Fragen der Begriffsbildung einen „milden Historismus“ bei Max Weber diagnostizieren oder erklären zu wollen. Zuerst kommt bei Max Weber der „Historismus“ (wenn er wirklich einer sein sollte; was ist das überhaupt?! Es geht Weber hier zentral zuerst um die Erkenntnisabsichten von Geschichte und Gesetzeswissenschaften, also entweder die konkret-historische oder die nomologische Erklärungsweise!). Danach erst, d.h. abgeleitet davon!, kommen für ihn die Fragen der Begriffsbildung und der Kausalerklärung.
„Auf der einen Seite Wissenschaften mit dem Bestreben, durch ein System möglichst unbedingt allgemeingültiger Begriffe und Gesetze die extensiv und intensiv unendliche Mannigfaltigkeit zu ordnen. Ihr logisches Ideal – wie sie am vollkommensten die reine Mechanik erreicht – zwingt sie, um ihren Begriffen die notwendig erstrebte Bestimmtheit des Inhalts geben zu können, die vorstellungsmäßig uns gegebenen ‚Dinge‘ und Vorgänge in stets fortschreitendem Maße der individuellen ‚Zufälligkeiten‘ des Anschaulichen zu entkleiden. Der nie ruhende logische Zwang zur systematisierenden Unterordnung der so gewonnenen Allgemeinbegriffe unter andere, noch allgemeinere, in Verbindung mit dem Streben nach Strenge und Eindeutigkeit, drängt sie zur möglichsten Reduktion der qualitativen Differenzierung der Wirklichkeit auf exakt meßbare Quantitäten. Wollen sie endlich über die bloße Klassifikation der Erscheinungen grundsätzlich hinausgehen, so müssen ihre Begriffe potentielle Urteile von genereller Gültigkeit in sich enthalten, und sollen diese absolut streng und von mathematischer Evidenz sein, so müssen sie in Kausalgleichungen darstellbar sein.
Das alles bedeutet aber zunehmende Entfernung von der ausnahmslos und überall nur konkret, individuell und in qualitativer Besonderung gegebenen und vorstellbaren empirischen Wirklichkeit, in letzter Konsequenz bis zur Schaffung von absolut qualitätslos, daher absolut unwirklich, gedachten Trägern rein quantitativ differenzierter Bewegungsvorgänge, deren Gesetze sich in Kausalgleichungen ausdrücken lassen. Ihr spezifisches logisches Mittel ist die Verwendung von Begriffen mit stets größerem Umfang und deshalb stets kleinerem Inhalt, ihr spezifisches logisches Produkt sind Relationsbegriffe von genereller Geltung (Gesetze). Ihr Arbeitsgebiet ist überall da gegeben, wo das für uns Wesentliche (Wissenswerte) der Erscheinungen mit dem, was an ihnen gattungsmäßig ist, zusammenfällt, wo also unser wissenschaftliches Interesse an dem empirisch allein gegebenen Einzelfall erlischt, sobald es gelungen ist, ihn einem Gattungsbegriff als Exemplar unterzuordnen.“ (WEBER 1988:5)

Voilà, hier sind alle wissenschaftslogischen Missverständnisse Webers an einem Ort versammelt. Und dennoch will ich behaupten, dass kein einziger dieser Fehler Webers Methodologiewahl hinreichend logisch begründet; noch glaube ich, dass dieselben die von ihm gewählte Option grundsätzlich logisch gefährden bzw. absurd machen.
1. „so müssen ihre Begriffe potentielle Urteile von genereller Gültigkeit in sich enthalten,..“ Unklar ist der genaue logische Sinn der These, dass Begriffe potentiell Urteile in sich enthalten. Hier mag Albert zurecht einen Salto mortale von Begriff zu Aussage reklamieren.
2. Im Extremfall werden quantitative Beziehungen absolut qualitätslos gedacht. Weber übersieht hierbei wohl die Grenzziehung zwischen „empirischen“ und „analytischen Aussagen. Also: Wer ausschließlich Beziehungen zwischen Zahlen betrachtet, betreibt Arithmetik, aber keine empirische Wissenschaft. Eine Binsenwahrheit, die gewiss noch heutige Ökonomen gerne mal aus dem Auge verlieren.
3. „Relationsbegriffe von genereller Geltung (Gesetze).“ Anscheinend ist Albert dieser kuriose Gesetzesbegriff nicht aufgefallen. Weber spricht anstatt von nomologischen Aussagen von Gesetzen als einem „Relationsbegriff von genereller Geltung“. Diese Art von Relationslogik zu klären, kann vermutlich nur die Lektüre von Heinrich Rickert helfen. Aber bevor man „altertümliche Logik“ schreit, sollte man sie erst einmal zu klären versuchen!
4. Das „gattungsmäßig“ für uns Wissenswerte deutet auf die aristotelische Definitionslehre hin, die man freilich für heutige wissenschaftliche Zwecke als wenig brauchbar bezeichnen muss.
5. Zuguterletzt: „Ihr spezifisches logisches Mittel ist die Verwendung von Begriffen mit stets größerem Umfang und deshalb stets kleinerem Inhalt,..“
Auch hier kommt, wie von Albert avisiert, die traditionelle Logik ins Spiel, die seit 1662 (Port Royal) behauptet: Jede Vermehrung der Intension eines Begriffes vermindert dessen Extension; und umgekehrt. Tatsächlich hat diese These eine nur sehr beschränkte Bedeutung (etwa bei Klassifikationen in der Art des von Aristoteles beschriebenen Verfahrens); wenn man sie verabsolutiert, wird sie hingegen falsch (KLAUS 1972:190ff.). Zugrunde liegt dieser These eine bestimmte Vorstellung des Abstraktionsprozesses: Abstrahieren heißt demnach das Weglassen von Merkmalsbestimmungen (Intensionen). Es kommt jedoch der Wahrheit näher, wenn man Abstrahieren als das Variabelmachen von Merkmalen begreift (KLAUS 1972:190ff.).
Man kann also Webers Wissenschaftslogik aus heutiger Sicht viel am logischen Zeug flicken. Diese Kritik betrifft aber mehr die logische Einkleidung als die erkenntnistheoretisch und methodologische Wahlentscheidung, die er getroffen hat. Diese zu kritisieren, müssen brauchbare Alternativen herangezogen werden. Ein Vergleich der Metatheorien ist hierzu gefordert, nicht aber genügt eine logische Kritik der logischen Mittel (umso weniger, wenn die zu kritisierende Logik gar nicht ausreichend dargestellt ist).

== Literatur ==
Hans Albert: THEORIE UND PRAXIS. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1971. ISBN 3-534-04161-5. S. 200-236 (Aus: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geburtstag. Anton Hain : Meisenheim 1966. S. 246-272)
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst:1922)
Wolfgang Schluchter: Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) :Tübingen 1979. ISBN 3-16-541532-3.
Georg Klaus: Moderne Logik. Abriß der formalen Logik. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften : 6. erw. Aufl. 1972 Berlin.
Peter-Ulrich Merz-Benz: Max Weber und Heinrich Rickert. Die erkenntnistheoretischen Grundlagen der verstehenden Soziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008.
Heinrich Rickert: Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Olms-Weidmann, 2007. ISBN3487131471, 9783487131474. (zuerst: 1921)
Wilhelm Windelband: Geschichte und Naturwissenschaft. Rektoratsreden der Universität Straßburg, 1894.

Milde und extreme Positivisten gegenüber der Philosophiegeschichte

In der Behandlung Max Webers durch Hans Albert (vgl. Begriff und Gesetz bei Max Weber – ein milder methodologischer Historismus? ) spiegelt sich eine milde Form des Positivismus wieder.

Um die idealtypische Form dieser Art von „Positivismus“ (bzw. des positivistischen Umgangs mit Philosophiegeschichte) kennenzulernen, ist es instruktiv, sich Hans Reichenbach zu Gemüte zu führen. Zwar erlegt er sich (ähnlich wie Karl Poppers „deklarierte“ Methodologie!) auf:
„Philosophische Begriffe und Lehren werden immer erst erklärt, ehe sie zum Gegenstand einer Kritik gemacht werden.“ (REICHENBACH 1968:7)

Doch reklamiert er gegenüber der Philosophen-Sippschaft insgesamt eine Bringschuld, eine Position der Vorwurfshaltung, was wohl auch die von Helmut Spinner an Popper und Albert als kritikimmune Lern- und Rezeptionsschwäche kritisierte „Kannitverstan“-Verteidigungsstellung zu verstehen hilft ("verstehen" im Sinne Max Webers) :
„Wenn aber die Philosophie dem unvoreingenommenen Leser unverständlich bleibt und mit der modernen Wissenschaft nicht in Einklang zu bringen ist, dann muß die Schuld beim Philosophen liegen.“ (REICHENBACH 1968:8)

Die moderne Physik ist aber dem Laien nicht verständlicher als Platon oder Hegel. Und wenn dem Physiker eine Fachsprache zugestanden wird, warum nicht auch dem Philosophen?!
Man fragt sich allerdings, wie sich Reichenbach einen Zugang zur hergebrachten Philosophie verschaffen möchte. Denn Untersuchungen der Philosophiegeschichte deuchen ihm eher auf dem Wege zum Erkenntnisfortschritt ein Hindernis darzustellen.
„Eine allzu rücksichtsvolle und nachsichtige Interpretation hilft uns nicht, über tiefeingewurzelte Fehler in der Philosophie hinwegzukommen. Philosophische Erkenntnis wird nicht dadurch gefördert, wenn man den Irrtümern großer Männer derart entstellte Bedeutungen beilegt, daß sie wie geniale Prophezeiungen von Gesetzen aussehen, die erst in viel späterer Zeit mit Hilfe der modernen Wissenschaft bewiesen werden konnten. Die Geschichte der Philosophie hätte sich viel schneller entwickelt, wenn sie nicht immer von Männern aufgehalten worden wäre, die sich gerade die Geschichte der Philosophie zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht haben.“ (REICHENBACH 1968:8)

Diese unverhüllte Aversion gegen die Spekulation der Philosophen ist im Falle Reichenbachs gepaart mit einem Glauben an die Wissenschaftlichkeit der induktiven Logik.
„Die Grundlage der Erkenntnis ist Verallgemeinerung.
...
Das Geheimnis der Entdeckung ist das Geheimnis der richtigen Verallgemeinerung. Unwesentliche Eigenschaften,..., werden bei den Verallgemeinerungen außer acht gelassen; aber wesentliche Eigenschaften, ..., sind einzuschließen. Auf diese Weise kann man den Ausdruck 'wesentlich' definieren: wesentlich ist, was in einer gültigen Verallgemeinerung genannt werden muß. Die Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Faktoren ist der Anfang der Erkenntnis.“ (REICHENBACH 1968:15)

Reichenbach vernachlässigt natürlich den entscheidenden Punkt: Woher weiß er denn schon im Voraus, was „wesentlich“ ist?! Also bevor er noch ein Gesetz kennt! Er wird doch nicht spekulieren wollen?!
Genauso geht sein Angriff gegen die Analogieschlüsse der Philosophie ins Leere. Denn auch hierbei erweist sich immer erst hinterher, welcher Schluss „bösartig“ sei. Man beachte, wie bei Popper, die moralische Verdammung von Erkenntnisfehlern, hier ist wohl genauer gemeint: „Sünden“.
„Das philosophische Zitat in der Einleitung kann als ein Beispiel einer bösartigen Verallgemeinerung angesehen werden, da es eine oberflächliche Analogie dazu benutzt, um ein allgemeines Gesetz aufzustellen.“ (REICHENBACH 1968:21)

REICHENBACH (1968:13) hat ein Hegel-Zitat an den Beginn gestellt. Wobei Hegel betreffend Reichenbachs Attacke gegen den Analogieschluss oder die Spekulation zurecht sagen könnte: Die Gefahr zu irren ist bereits der Irrtum! Denn wer zu guten Theorien kommen will, muss mit irgendwelchen, wenn auch vielleicht absolut gesehen schlechten, anfangen.
Wie vielfach Popper hält es Reichenbach aber nicht für notwendig, das herausgegriffene Zitat mit der Quellenangabe zu belegen. Worin besteht dann aber seine „wissenschaftliche Philosophie“?! Den von ihm ungenannten Hegel wirft er vor, die ihm seinerzeit möglicherweise zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Resultate ignoriert zu haben (zu Hegel aus Sicht der heutigen Naturwissenschaft siehe WAHSNER 1996).
„Der Philosoph spricht eine unwissenschaftliche Sprache, weil er Probleme zu einer Zeit zu lösen versucht, zu der die Mittel zu einer wissenschaftlichen Lösung noch nicht vorhanden sind. Diese historische Erklärung hat aber nur beschränkte Gültigkeit, denn es gibt Philosophen, die diese Bildersprache auch noch sprechen, wenn die Mittel für eine wissenschaftliche Antwort auf ihre Fragen schon längst vorhanden sind. Während die historische Erklärung auf Plato paßt, kann man sie nicht auf den Verfasser des Zitates anwenden, der von der Vernunft als der Substanz alle Dinge spricht und dem die Resultate von 2000 Jahren wissenschaftlicher Forschung nach Plato zu Gebote standen - der aber keinen Gebrauch davon gemacht hat.“ (REICHENBACH 1968:37)

Reichenbach selbst jedoch will eine philosophischen Kritik Hegels liefern, ohne den ihm möglicherweise verfügbaren Stand der philosophischen Forschung überhaupt in Betracht zu ziehen. Diese selbst auferlegte Rezeptions- bzw. Lernschwäche kann man nur als Ausdruck von Dogmatismus kennzeichnen, der auf eine kommunikationslose Kommunikationsstruktur hinweist.
Diese Haltung eines „wissenschaftlichen Philosophen“ lässt sich soziologisch erklären als Verteidigung des Status als Wissenschaftler (KHEFIF 2007). Dazu auch kinderpsychologisch: Die logischen Positivisten haben die moderne Logik als wissenschaftliches Instrument entdeckt. Und für einen Jungen, der einen Hammer in der Hand hat, ist alles in der Welt ein zu „behämmerndes“. Was dem Stand der modernen Logik nicht entspricht, ist nicht nur „veraltet“, sondern auch „unwissenschaftlich“, wenn nicht „irrational“ oder „bösartiger Unsinn“ und „Scharlatanerie“. Eine derartige Einstellung trägt wenig dazu bei, sich einen Zugang zu einer fremden Philosophie zu verschaffen. Sie ist aber äußerst denkökonomisch, wenn man derlei Philosophien abhalftern will, weil man deren Thesen sowieso nicht ernsthaft zur Kenntnis nehmen möchte.

== Literatur ==
Hans Reichenbach: Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie. Friedrich Vieweg & Sohn Verlag, Braunschweig 2. Aufl. 1968 (The Rise of Scientific Philosophy. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1951).
Renate Wahsner: Zur Kritik der Hegelschen Naturphilosophie. Über ihren Sinn im Lichte der heutigen Naturerkenntnis. Frankfurt 1996.
Nadji Aïssa Khefif: The Scientific Status. Theory & Science (2007). ISSN: 1527-5558

Montag, 6. Juli 2009

Begriff und Gesetz bei Max Weber – ein milder methodologischer Historismus?

Die allgemeinsten Gesetze seien für den Historiker auch die wertlosesten. So sagt Max Weber. Für Hans Albert kommt darin ein abgemilderter methodologischer Historismus zum Ausdruck - der in diesem Punkte in diametralem Gegensatz zu Poppers Einsicht steht, dass die allgemeinsten Gesetzesaussagen auch die informativsten und empirisch gehaltvollsten sind. Er sei vermutlich darauf zurückzuführen, dass Max Webers Wissenschaftslogik unvermittelt von der Begriffslogik zur deduktiven Theorie der Aussagenlogik springe.
„Weber wollte hier offenbar darauf hinaus, daß uns unter gewissen Gesichtspunkten vielfach nicht allgemeine Gesetzmäßigkeiten, sondern individuelle historische Tatbestände interessieren, die allerdings dann Gegenstand kausaler Erklärung werden, wobei nomologisches Wissen vorausgesetzt werden müsse. Hinsichtlich der Beschaffenheit dieses nomologischen Wissens machte er dabei einen Unterschied zwischen den beiden Bereichen, der heute kaum mehr akzeptabel sein dürfte.
Anm. 15: A. a. O. S. 178 ff. Charakteristisch ist die These, daß zwar für die exakte Naturwissenschaft die Gesetze je allgemeingültiger, um so wichtiger seien, für die Erkenntnis historischer Erscheinungen aber die allgemeinsten Gesetze, weil die inhaltsleersten, regelmäßig auch die wertlosesten. In dieser These kommt wohl ein, wenn auch sehr abgemilderter methodologischer Historismus zum Ausdruck, der im Gesamtkontext der Weberschen Wissenschaftslehre plausibel erscheinen mag, aber nach dem heutigen Stand der wissenschaftstheoretischen Diskussion problematisch ist. Vgl. dazu z. B. die relevanten Passagen in Karl Poppers: Logik der Forschung. Wien 1935, 2. Aufl., Tübingen 1966, und seinem Buch: Das Elend des Historizismus, Tübingen 1965; vgl. auch meinen Einleitungsaufsatz zu: Theorie und Realität, Tübingen 1964, a. a. O., S. 22 ff. und 38 ff. Der folgende Satz Max Webers (a. a. O., S. 180 oben) gibt mit seinem für die ältere geisteswissenschaftliche Methodologie charakteristischen unvermittelten Übergang von der Allgemeinheit von Gesetzen zum Umfang von Begriffen einen Anhaltspunkt für die Lokalisierung des Weberschen Mißverständnisses.“ (ALBERT 1971: 206)

In der Tat geht die überkommene Auffassung der Syllogistik mit ihrer Subjekt-Prädikat-Struktur des Urteils und ihrer Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem an der deduktiven Struktur der Aussagenlogik völlig vorbei.
„Auf aussagenlogische Schlüsse sind die Charakteristika 'Allgemeines' und 'Besonderes' überhaupt nicht anwendbar. Die Aussagen werden hier nur unter dem Aspekt ihres Wahrheitswertes betrachtet, d.h. unter dem Aspekt, ob sie wahr oder falsch sind. Alle ihre übrigen Eigenschaften (ihr konkreter Inhalt, ihr Allgemeinheitsgrad etc.) haben im Rahmen dieser Theorie keinerlei Bedeutung. Gleichzeitig bildet gerade dieser logische Kalkül (zuweilen wird er Deduktionstheorie genannt) die Grundlage der von der mathematischen Logik geschaffenen Theorie des Schließens, und mit seiner Hilfe kann insbesondere die Aristotelische Syllogistik aufgebaut werden.
...
Die Beweise und Schlüsse, deren man sich in jenen wissenschaftlichen Theorien bedient, die seit jeher als deduktive gelten (mathematische, physikalische u. a.), sind längst nicht immer Schlüsse vom Allgemeinen auf Besonderes.“ (SADOVSKIJ 1967: 199)

Es ist somit nicht ohne Weiteres möglich, die wissenschaftslogischen Gedankengänge Max Webers in logisch eindeutiger Weise zu übersetzen in die heutige übliche wissenschaftslogische Struktur, etwa die von Popper. Hinzu kommen noch viele weitere metatheoretische Differenzen, indem etwa Popper in Gegensatz zu Weber erkenntnistheoretisch den Realismus vertritt samt der Korrespondenztheorie der Wahrheit.
Dennoch kann man nicht einfach Webers Insistieren auf das andersgeartete Erkenntnisinteresse des Historikers zur Seite schieben. Es ist, selbst bei Wegräumen aller logischen und erkenntnistheoretischen Differenzen, immer noch möglich, dass das spezifische Interesse an konkreter Verursachung eine unterschiedliche Methodologie geschichtswissenschaftlicher Erklärung und Begriffsbildung verlangt.
„Was folgt nun aus alledem?
Natürlich nicht etwa, daß auf dem Gebiet der Kulturwissenschaften die Erkenntnis des Generellen, die Bildung abstrakter Gattungsbegriffe, die Erkenntnis von Regelmäßigkeiten und der Versuch der Formulierung von ‚gesetzlichen‘ Zusammenhängen keine wissenschaftliche Berechtigung hätte. Im geraden Gegenteil: wenn die kausale Erkenntnis des Historikers Zurechnung konkreter Erfolge zu konkreten Ursachen ist, so ist eine gültige Zurechnung irgend eines individuellen Erfolges ohne die Verwendung ‚nomologischer‘ Kenntnis – Kenntnis der Regelmäßigkeiten der kausalen Zusammenhänge – überhaupt nicht möglich.

Nur ist eben die Aufstellung solcher Regelmäßigkeiten nicht Ziel, sondern Mittel der Erkenntnis, und ob es Sinn hat, eine aus der Alltagserfahrung bekannte Regelmäßigkeit ursächlicher Verknüpfung als ‚Gesetz‘ in eine Formel zu bringen, ist in jedem einzelnen Fall eine Zweckmäßigkeitsfrage. Für die exakte Naturwissenschaft sind die ‚Gesetze‘ um so wichtiger und wertvoller, je allgemeingültiger sie sind; für die Erkenntnis der historischen Erscheinungen in ihrer konkreten Voraussetzung sind die allgemeinsten Gesetze, weil die inhaltleersten, regelmäßig auch die wertlosesten. Denn je umfassender die Geltung eines Gattungsbegriffes – sein Umfang – ist, desto mehr führt er uns von der Fülle der Wirklichkeit ab, da er ja, um das Gemeinsame möglichst vieler Erscheinungen zu enthalten, möglichst abstrakt, also inhaltsarm sein muß. Die Erkenntnis des Generellen ist uns in den Kulturwissenschaften nie um ihrer selbst willen wertvoll.“ (WEBER 1988:178ff.)

Man kann wie heutige Soziologen (PRZEWORSKI/TEUNE 1970) Gesellschaften vergleichen, um möglichst generelle Aussagen über sie zu machen (auch über deren Entwicklungstendenzen, selbst wenn Popper dies dagegen wissenschaftlich verdächtig erscheint).
Man kann aber auch als Historiker sich hauptsächlich (wie ein Detektiv um den Tathergang) in erster Linie um die Ursachenerforschung bemühen. Dann kommt es nicht darauf an, warum Äpfel von Bäumen fallen, sondern darum, welcher Apfel auf wessen Kopf fallen konnte, und mit welchen Nachwirkungen.
Wenn sich aus diesen unterschiedlichen Zielen auch andere Methoden, d.h. Wege zum Ziele ergeben, dann auch unterschiedliche Methodologien bzw. Strategien.

== Literaturangaben ==
Hans Albert: THEORIE UND PRAXIS. Max Weber und das Problem der Wertfreiheit und der Rationalität. In: Hans Albert, Ernst Topitsch, (Hg.): Werturteilsstreit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1971. ISBN 3-534-04161-5. S. 200-236 (Aus: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geburtstag. Anton Hain : Meisenheim 1966. S. 246-272)
V. N. Sadovskij: Die deduktive Methode als Problem der Wissenschaftslogik. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964). S. 191-247.
Adam Przeworski, Henry Teune: The Logic of Comparative Social Inquiry. New York, London, Toronto, Sydney 1970
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 7. Aufl. 1988 (zuerst:1922). ISBN 3-16-845369-2.

Freitag, 3. Juli 2009

Wie begründet Marx seine Arbeitswerttheorie?

"Beginnen wir mit einer Frage, die uns sofort vor die Hauptsache führt: auf welchem Wege ist Marx zum theoretischen Fundamentalsatz seiner Lehre gelangt, zum Satze, daß aller Wert einzig und allein auf verkörperten Arbeitsmengen beruhe?"
(BÖHM-BAWERK 1973:78)

BB fragt nach der Begründung der Arbeitswerttheorie in Das Kapital, Band I. Was ihm dort geboten wird, erscheint ihm nichts anderes als eine Art „dialektischer Beweis“ zu sein, den er analog zur Logik eines aprioristischen Begründungsversuchs (Beispiel: MISES) zu analysieren versucht.
"Statt nun seine These aus der Erfahrung oder aus ihren wirkenden Motiven empirisch oder psychologisch zu begründen, zieht Marx es vor, einen dritten, für einen derartigen Stoff gewiß etwas seltsamen Beweisgang einzuschlagen: den Weg eines rein logischen Beweises, einer dialektischen Deduktion aus dem Wesen des Tausches heraus." (BÖHM-BAWERK 1973:81)

Das Ergebnis ist dermaßen verheerend, dass er letztlich Marxens Darbietung nur noch psychologisch als eine Abweichung des Autors vom normalen Menschenverstand zu begreifen vermag.
"Was ich aber behaupten möchte, ist, daß wohl niemals sonst ein so denkgewaltiger Kopf, wie Marx es war, eine so schwer, so kontinuierlich und so handgreiflich falsche Logik zum besten gegeben hat, als Marx es in der systematischen Begründung seiner Fundamentalthese tut." (BÖHM-BAWERK 1973:92)

Man hätte aber auch überlegen können, dass bei einem solch abartigen Ergebnis eines Interpretationsversuchs auch die Interpretation selbst die Ursache des Übels sein könnte. Und tatsächlich scheint mir hier der Hase im Pfeffer zu legen!
BB glaubt, dass Marx Beweisgang demonstrieren wollte, dass das Gemeinsame von Waren als Arbeitsprodukten die Entstehung aus Arbeit sei; dabei lasse der Beweisgang offensichtlich völlig außer Acht, dass es auch nicht durch Arbeit produzierte Waren gebe.
"Hätte Marx an der entscheidenden Stelle die Untersuchung nicht auf die Arbeitsprodukte eingeengt, sondern auch bei den tauschwerten Naturgaben nach dem Gemeinsamen gesucht, so wäre es handgreiflich gewesen, daß die Arbeit das Gemeinsame nicht sein kann." (BÖHM-BAWERK 1973:78)

Der Konfusion von BB liegt zugrunde, natürlich neben der völligen Unklarheit über Marxens „Dialektik“, insgesamt eine grundsätzliche Unklarheit über die Methodologie ökonomischen Modellierens. Denn inwiefern kann man in der Wirtschaftswissenschaft überhaupt von einem Beweis“ sprechen?
"Was uns anbetrifft, so können wir diese Dinge (Lehrsätze), die wir voraussetzen, wahllos als Hypothesen oder Axiome, Postulate oder Annahmen oder gar Prinzipien bezeichnen; diejenigen Lehrsätze dagegen, für die wir glauben, mit Hilfe von zulässigen Methoden den Beweis erbracht zu haben, nennen wir Theoreme. Nun werden Hypothesen dieser Art auch von den Fakten angeregt - d. h. es liegt ihnen eine bestimmte Beobachtung zugrunde -, streng logisch genommen sind sie aber willkürliche Schöpfungen des Analytikers. Sie unterscheiden sich darin von den Hypothesen der ersteren Kategorie, daß sie nicht selbst endgültige Forschungsergebnisse darstellen, die um ihrer selbst willen interessant sein sollen, sondern daß sie bloße Instrumente oder Werkzeuge sind, eigens zu dem Zweck geschaffen, um interessante Resultate erst zu erzielen.
...
Die Gesamtheit solcher Hilfskonstruktionen, einschließlich aller strategisch nützlichen Annahmen, konstituiert die ökonomische Theorie. In Mrs. Robinsons unübertrefflich prägnanter Formulierung ist die ökonomische Theorie ein großer 'Werkzeugkasten'." (SCHUMPETER 1965:46)

Eine aprioristische Letztbegründung geben zu wollen, ist aber ein Begründungsprogramm, das a priori zum Scheitern verurteilt ist.
„Kein einziges Axiom einer bestimmten Theorie kann aber durch Theoreme derselben Theorie logisch begründet werden; das ergibt sich schon aus dem Begriff "Axiom": ‚die innerhalb einer Theorie T logisch nicht-ableitbare Ableitungsbasis der Theoreme von T‘.“(BOUDON (1971:9f).

Eine „logische Ableitung“ kann lediglich eine logisch richtige Schlussfolgerung aus irgendwelchen vorausgesetzten Axiomen ziehen. Unter einem „deduktiven Schluss“ ist ein zuverlässiger Schluss zu verstehen, in dem die Konklusion logisch aus den Prämissen erfolgt (SADOVSKIJ 1967:200). Die Richtigkeit eines bestimmten Schlusses ist immer nur relativ gegeben zu einem bestimmten logischen System.
„Die Relativität des deduktiven Schlusses bedeutet, daß ein Schluß, der in einem logischen System richtig ist, in einem anderen System falsch sein kann.“ (SADOVSKIJ 1967:200)

Eine logische Analyse des Marxschen Vorgehens setzte also eine Identifizierung des von ihm angewandten logischen Systems sowie eine Rekonstruktion seiner speziellen deduktiven Theorie voraus, in ihren syntaktischen Hinsichten sowie deren semantische Interpretation durch die Behauptungen der Arbeitswerttheorie.
Dass Marx selbst die an ihn gestellte Forderung nach einem (aprioristischen ?!) „Beweis“ für völlig absurd und auch ganz in Widerspruch zu der in der klassischen Nationalökonomie geübten wissenschaftliche Methode empfunden hat, zeigt dieser nachfolgende Auszug aus einem Brief an Kugelmann aus London vom 11. Juli 1868 ganz deutlich:
„Was das "Zentralblatt" angeht, so macht der Mann die größtmöglichste Konzession, indem er zugibt, daß, wenn man unter Wert sich überhaupt etwas denkt, man meine Schlußfolgerungen zugeben muß. Der Unglückliche sieht nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den 'Wert' stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiedenen Bedürfnissen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.

Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt. Wollte man also von vornherein alle dem Gesetz scheinbar widersprechenden Phänomene 'erklären', so müßte die Wissenschaft vor der Wissenschaft liefern. Es ist gerade der Fehler Ricardos, daß er in seinem ersten Kapitel über den Wert alle möglichen Kategorien, die uns entwickelt werden sollen, als gegeben voraussetzt, um ihr Adäquatsein mit dem Wertgesetz nachzuweisen.

Allerdings beweist andererseits, wie Sie richtig unterstellt haben, die Geschichte der Theorie, daß die Auffassung des Wertverhältnisses stets dieselbe war, klarer oder unklarer, mit Illusionen verbrämter oder wissenschaftlich bestimmter. Da der Denkprozeß selbst aus den Verhältnissen herauswächst, selbst ein Naturprozeß ist, so kann das wirklich begreifende Denken immer nur dasselbe sein, und nur graduell, nach der Reife der Entwicklung, also auch des Organs, womit gedacht wird, sich unterscheiden. Alles andere ist Faselei.

Der Vulgärökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirklichen, täglichen Austauschverhältnisse und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. Der Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß a priori keine bewußte, gesellschaftliche Regelung der Produktion stattfindet. Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch. Und dann glaubt der Vulgäre eine große Entdeckung zu machen, wenn der Enthüllung des inneren Zusammenhanges gegenüber darauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Scheine festhält und ihn als letztes nimmt. Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?

Aber die Sache hat hier noch einen anderen Hintergrund. Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt vor dem praktischen Zusammensturz aller theoretische Glaube in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände. Es ist hier also absolutes Interesse der herrschenden Klassen, die gedankenlose Konfusion zu verewigen. Und wozu anders werden die sykophantischen Schwätzer bezahlt, die keinen anderen wissenschaftlichen Trumpf auszuspielen wissen, als daß man in der politischen Ökonomie überhaupt nicht denken darf?

Jedoch satis superque. Jedenfalls zeigt es, wie sehr diese Pfaffen der Bourgeoisie verkommen sind, daß Arbeiter und selbst Fabrikanten und Kaufleute mein Buch verstanden und sich darin zurechtgefunden haben, während diese 'Schriftgelehrten' (!) klagen, daß ich ihrem Verstand gar Ungebührliches zumute.“


Man muss also davon ausgehen, dass Marx 1. Ergebnisse Hegelscher Dialektik materialistisch angewandt hat, d. h. um empirisch gehaltvolle Aussagen zu produzieren, 2. was BB als aprioristisch-deduktiver Beweisgang anmutet, nichts weiter ist als die "dialektische" (systematische) Entfaltung der Kategorien der Marxschen Arbeitswerttheorie, die den qualitativen (strukturell-genetischen; vgl. ZELENÝ 1970) Widerpart abgibt zu der quantitativen Modellierung (wie zum Beispiel durch ROBINSON 1966).

Wenn Karl Popper von "Tiefenerklärung" nach dem Modell der Zwiebel oder russischen Puppe (MUSGRAVE 1998:98) spricht, allerdings ohne Letztbegründung, so ist daran zu erinnern, dass Hegels philosophisches System als ein Kreis von Kreisen strukturiert ist (GRUJIĆ 1969:19). Es wäre in Analogie hierzu nicht verkehrt, Marxens Analyse der kapitalistischen Gesellschaftsformation als einer Totalität als "Modelle in einem Modell" zu begreifen. Das wird geradezu methodisch gefordert, wenn man seine "Methode vom Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten" ernst nimmt.

Nur auf diesem Hintergrund sind Konsistenzprobleme wie etwa das Transformationsproblem zu lösen. Und man sollte sich den Weg hierzu nicht durch vorschnelles Parallelziehen zum Walrasschen generellen Gleichgewichtssystem verstellen. Nicht nur Joseph A. Schumpeter war von letzterem so entzückt, dass er es ökonomisch als den Stein der Weisen hochgeschätzt hat. Er hat sich dadurch aber manch besseren alternativen Lösungsweg zu einer dynamischen und realistischen Analyse des "kapitalistischen Prozesses" verbaut.

== Literaturverzeichnis ==
Eugen von Böhm-Bawerk: Zum Abschluß des Marxschen Systems. In: Friedrich Eberle, (Hrg.): Aspekte der Marxschen Theorie 1. Zur methodologischen Bedeutung des 3. Bandes des ‘Kapital'. Frankfurt 1973. S. 25ff
Ludwig von Mises: Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens. München 1. Aufl. 1980, ISBN 3-88405-010-9. (Genf 1940).
Raymond Boudon: La logique du social. Introduction à l'analyse sociologique. Hachette Littérature. 1979.
Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965.
V. N. Sadovskij: Die deduktive Methode als Problem der Wissenschaftslogik. In: Studien zur Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis. Akademie Verlag Berlin 1967. (Moskau 1964). S. 191-247.
Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Verlag JHW Dietz Nachf. Berlin.
Jindrich Zelený: Die Wissenschaftslogik bei Marx und ‘Das Kapital’. Frankfurt Wien 1970
Joan Robinson, An Essay on Marxian Economics, London Basingstoke 2nd ed. 1966
(ROBINSON 1966)
Alan E. Musgrave: ''Explanation, Description and Scientific Realism.'' In: Herbert Keuth, (Hg.): ''Logik der Forschung.'' Akademie Verlag Berlin 1998. ISBN 3-05-003021-6.
Predrag Grujić: Hegel und die Sowjetphilosophie der Gegenwart. Francke Verlag Bern und München 1969.