Die ersten Analysen haben die Ursachen falsch eingeschätzt, so die Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Jean Pisani-Ferry, Präsident der Brüsseler Denkfabrik BRUEGEL.
Man sah vorrangig ein Regulationsproblem auf den Finanzmärkten und hat nicht die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge beachtet, wie man aus der Agenda des G20-Gipfels im November 2008 erkennen kann.
Teilweise war dies darin begründet, dass die erwarteten Krisensymptome nicht eintraten: ein Sturz des Dollars, ein Abverkauf von US-Schatzbriefen. Die Krise hätte sich indes nicht noch weiter gesteigert, wäre da nicht dieser unersättliche Appetit auf diese Wertpapiere gewesen.
Und es war schließlich dieses Zusammenspiel von Überschüssen aufgrund des Welthandelsungleichgewichts bei den aufsteigenden Volkswirtschaften und den Ölexportländern auf der einen Seite und die mangelhaft kontrollierten Finanzmärkte, die mit perversen Anreizen funktionierten, was letztlich zur Explosion führen musste.
Die Komplexheit der Wechselbeziehungen zwischen den Zahlungsbilanzungleichgewichten und der Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten und der massenhaften Fabrikation intransparenter Anlageinstrumente hat lange Zeit dazu geführt, dass dieser Zusammenhang nicht gesehen wurde. Von daher hat sich die Politik bis zuletzt der trügerischen Hoffnung hingegeben, dass die Krise sich als lokal beschränkt erweisen würde und die restlichen Zonen der Weltwirtschaft sich demgegenüber widerstandsfähig erweisen würden. Es hat sich hingegen gezeigt, dass sowohl auf kredit- und währungswirtschaftlichen wie auch auf warenwirtschaftlichen Wegen die Krise sich weiter fortgepflanzt hat.
Jean Pisani-Ferry, Indhira Santos: Reshaping the Global Economy.
F&D. A quarterly magazine of the IMF. March 2009, Vol. 46, Nr. 1.
Donnerstag, 11. Juni 2009
Wohin poppt der deutsche Kapitalismus?
Während uns wikipedia.de nach Gabler-Lexikon belehrt, dass Kapitalismus eine "Ordnung", also das Gegenteil von Unordnung sei (bzw. das einzige Unordentliche daran sei, dass dies unschuldige Wort in Deutschland einen negativen Wertakzent besitze), und die deutschen Ökonomen nach dem Motto: "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" abwarten, dass die Realität endlich mal wieder mit ihren Modellen einigermaßen übereinzustimmen vermöge - da kann man ja mal auf den Gedanken kommen, nachzusehen, was sich zum Thema "krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus" bei den angestellten Kapitalismusforschern so getan hat. Sie haben Deutschland und Japan miteinander verglichen und herausgefunden, dass sie so auf ganz andere und je besondere Art kapitalistisch wären als die USA.
In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts befanden sich Deutschland und Japan im wirtschaftlichen Aufwind, während Großbritannien und die USA zusehends in der wirtschaftlichen Entwicklung an Fahrt verloren. Nach 1995 kehrte sich die Reihenfolge um. In der Sozialwissenschaft wurden Ansätze gesucht, die divergierende Wirtschaftsentwicklung zu erklären. Dazu wurden die Unterschiede in den einzelnen Kapitalismusmodellen betrachtet. Großbritannien und insbesondere die USA gelten als Standardmodell des "liberalen Kapitalismus"; Japan und Deutschland abweichend davon als "nicht liberaler Kapitalismus". Man bezieht sich hierbei auf die institutionelle Einbettung oder das Ausmaß der Regulierung von Markttransaktionen. Von "Einbettung" wird gesprochen, wenn Markttransaktionen nicht ökonomischen Zwecken dienen oder durch nicht ökonomische soziale Bindungen unterstützt werden (STREECK 2001).
So verwies ALBERT (1993) auf das Modell des rheinischen Kapitalismus, welcher die Fähigkeit besitze, soziale Bindungen zu mobilisieren, eine Nicht-Wettbewerbs-Kooperation zusammen mit kollektiven Verpflichtungen zu erreichen. Im Gegensatz zum individualistischen Konkurrenzkapitalismus, der hohe Transaktionskosten mit sich bringt, weil die moralische Infrastruktur erodiert. Die Kontrolle von Märkten sei schon aus Effizienzgründen gefordert, weil sie unkontrolliert zu hohe Kosten verursachten (''economies of cooperation'': Good Will, x-Effizienz (LEIBENSTEIN 1976). AOKI (1994) hob für Japan und Deutschland die relativ große Bedeutung der Langzeitbeschäftigung und von "geduldigem Kapital" hervor, einher gingen damit eine verminderte Zirkulationsgeschwindigkeit von Kapital und Arbeit sowie eine geringere Rate des Ausscheidens von Unternehmen aus dem Wettbewerb. Dies habe damit zu tun, welche Nische auf dem Weltmarkt von den jeweiligen Volkswirtschaften erobert wurde: Japan die flexible Massenproduktion; Deutschland die diversifizierte Qualitätsproduktion.
STREECK/YAMAMURA (2001) geht dann folgenden Fragen nach:
Wie und warum ist nicht liberaler Kapitalismus entstanden?
Welche Modellunterschiede gibt es zwischen Deutschland und Japan, wie hoch ist die Variabilität, welches Repertoire an Möglichkeiten besitzt ein jedes?
Wie hoch ist die innere Kohärenz der Systemelemente?
Das zur Analyse verwendete Modell institutionellen Wandels geht davon aus: Wandel ist zum Teil kontinuierlich und pfadabhängig, zu bestimmten Zeitpunkten durch exogene (mehr oder minder) zufällige Schocks verursacht (STREECK 2001:8; HOLLINGSWORTH 1967:267). Die Wirtschaftsgeschichte (DAVID 1985; NORTH 1990:100) stellt hierzu fest: ''History matters!'' Die sog. "Lock-in"-Effekte von einmal implementierten Entscheidungen reduzieren den Optionsraum für Alternativen in der darauffolgenden Zukunft.
Nach der Analyse von LEHMBRUCH (2001) unterhalten Gesellschaften meist mehrere einander widersprechende Diskurse, von denen ein jeder nach Hegemonie strebt. Nachdem ein Diskurs vorherrschend geworden ist, werden seiner Logik entsprechend Institutionen geschaffen, die institutionelle Alternativen ausschließen und im Krisenfall Lösungsmöglichkeiten aus dem Bereich des vorherrschenden Diskurses denkbar erscheinen lassen, normativ legitimieren und technisch durchführbar machen.
Die theoretische Analyse von Struktur vs. Akteur wird von WEIK (2006) auf Giddens und Bourdieu zurückgeführt.
== Literaturverzeichnis ==
Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Masahiko Aoki: The Japanese Firm as a System of Attributes. In: Masahiko Aoki, Ronald Dore, (Hg.): The Japanese Firm: Sources of Competitive Strength. Oxford University Press 1994.
Wolfgang Streeck: Introduction: Explorations into the Origins of Nonliberal Capitalism in Germany and Japan. S. 1 ff. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Michel Albert: Capitalism vs. Capitalism: How America's Obsession with Individual Achievement and Short-Term Profit Has Led It to the Brink of Collapse. New York : Four Walls Eight Windows.
J. Rogers Hollingsworth: Continuities and Changes in Social Systems of Productions: The Cases of Japan, Germany, and the United States. In: J. Rogers Hollingsworth, Robert Boyer, (Hg.): Contemporary Capitalism: The Embeddedness of Institutions. Cambridge University Press 1997.
Harvey Leibenstein: Beyond Economic Man: A New Foundation for Microeconomics. Harvard University Press : Cambridge, Mass. 1976
Paul A. David: Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review 1985. Papers and Proceedings 75:332-37.
Douglass C. North: Institutions, Institutional Change, and Economic Performance. Cambridge University Press 1990.
Gerhard Lehmbruch: The Institutional Embedding of Market Economies: The German 'Model' and its Impact on Japan. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura, (Hg.): The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5. S. 39 ff.
Elke Weik: WORKING RELATIONSHIPS. A META-VIEW ON STRUCTURE AND AGENCY Theory & Science (2006). ISSN: 1527-5558
In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts befanden sich Deutschland und Japan im wirtschaftlichen Aufwind, während Großbritannien und die USA zusehends in der wirtschaftlichen Entwicklung an Fahrt verloren. Nach 1995 kehrte sich die Reihenfolge um. In der Sozialwissenschaft wurden Ansätze gesucht, die divergierende Wirtschaftsentwicklung zu erklären. Dazu wurden die Unterschiede in den einzelnen Kapitalismusmodellen betrachtet. Großbritannien und insbesondere die USA gelten als Standardmodell des "liberalen Kapitalismus"; Japan und Deutschland abweichend davon als "nicht liberaler Kapitalismus". Man bezieht sich hierbei auf die institutionelle Einbettung oder das Ausmaß der Regulierung von Markttransaktionen. Von "Einbettung" wird gesprochen, wenn Markttransaktionen nicht ökonomischen Zwecken dienen oder durch nicht ökonomische soziale Bindungen unterstützt werden (STREECK 2001).
So verwies ALBERT (1993) auf das Modell des rheinischen Kapitalismus, welcher die Fähigkeit besitze, soziale Bindungen zu mobilisieren, eine Nicht-Wettbewerbs-Kooperation zusammen mit kollektiven Verpflichtungen zu erreichen. Im Gegensatz zum individualistischen Konkurrenzkapitalismus, der hohe Transaktionskosten mit sich bringt, weil die moralische Infrastruktur erodiert. Die Kontrolle von Märkten sei schon aus Effizienzgründen gefordert, weil sie unkontrolliert zu hohe Kosten verursachten (''economies of cooperation'': Good Will, x-Effizienz (LEIBENSTEIN 1976). AOKI (1994) hob für Japan und Deutschland die relativ große Bedeutung der Langzeitbeschäftigung und von "geduldigem Kapital" hervor, einher gingen damit eine verminderte Zirkulationsgeschwindigkeit von Kapital und Arbeit sowie eine geringere Rate des Ausscheidens von Unternehmen aus dem Wettbewerb. Dies habe damit zu tun, welche Nische auf dem Weltmarkt von den jeweiligen Volkswirtschaften erobert wurde: Japan die flexible Massenproduktion; Deutschland die diversifizierte Qualitätsproduktion.
STREECK/YAMAMURA (2001) geht dann folgenden Fragen nach:
Wie und warum ist nicht liberaler Kapitalismus entstanden?
Welche Modellunterschiede gibt es zwischen Deutschland und Japan, wie hoch ist die Variabilität, welches Repertoire an Möglichkeiten besitzt ein jedes?
Wie hoch ist die innere Kohärenz der Systemelemente?
Das zur Analyse verwendete Modell institutionellen Wandels geht davon aus: Wandel ist zum Teil kontinuierlich und pfadabhängig, zu bestimmten Zeitpunkten durch exogene (mehr oder minder) zufällige Schocks verursacht (STREECK 2001:8; HOLLINGSWORTH 1967:267). Die Wirtschaftsgeschichte (DAVID 1985; NORTH 1990:100) stellt hierzu fest: ''History matters!'' Die sog. "Lock-in"-Effekte von einmal implementierten Entscheidungen reduzieren den Optionsraum für Alternativen in der darauffolgenden Zukunft.
Nach der Analyse von LEHMBRUCH (2001) unterhalten Gesellschaften meist mehrere einander widersprechende Diskurse, von denen ein jeder nach Hegemonie strebt. Nachdem ein Diskurs vorherrschend geworden ist, werden seiner Logik entsprechend Institutionen geschaffen, die institutionelle Alternativen ausschließen und im Krisenfall Lösungsmöglichkeiten aus dem Bereich des vorherrschenden Diskurses denkbar erscheinen lassen, normativ legitimieren und technisch durchführbar machen.
Die theoretische Analyse von Struktur vs. Akteur wird von WEIK (2006) auf Giddens und Bourdieu zurückgeführt.
== Literaturverzeichnis ==
Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Masahiko Aoki: The Japanese Firm as a System of Attributes. In: Masahiko Aoki, Ronald Dore, (Hg.): The Japanese Firm: Sources of Competitive Strength. Oxford University Press 1994.
Wolfgang Streeck: Introduction: Explorations into the Origins of Nonliberal Capitalism in Germany and Japan. S. 1 ff. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Michel Albert: Capitalism vs. Capitalism: How America's Obsession with Individual Achievement and Short-Term Profit Has Led It to the Brink of Collapse. New York : Four Walls Eight Windows.
J. Rogers Hollingsworth: Continuities and Changes in Social Systems of Productions: The Cases of Japan, Germany, and the United States. In: J. Rogers Hollingsworth, Robert Boyer, (Hg.): Contemporary Capitalism: The Embeddedness of Institutions. Cambridge University Press 1997.
Harvey Leibenstein: Beyond Economic Man: A New Foundation for Microeconomics. Harvard University Press : Cambridge, Mass. 1976
Paul A. David: Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review 1985. Papers and Proceedings 75:332-37.
Douglass C. North: Institutions, Institutional Change, and Economic Performance. Cambridge University Press 1990.
Gerhard Lehmbruch: The Institutional Embedding of Market Economies: The German 'Model' and its Impact on Japan. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura, (Hg.): The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5. S. 39 ff.
Elke Weik: WORKING RELATIONSHIPS. A META-VIEW ON STRUCTURE AND AGENCY Theory & Science (2006). ISSN: 1527-5558
Mittwoch, 10. Juni 2009
Nichterklären als Zielsetzung der Wissenschaft
Die Überschrift ist selbstverständlich als blanke Ironie gemeint. Der kleine Schönheitsfehler dabei ist, dass man in den Sozialwissenschaften (Soziologie, Wirtschaftswissenschaften,…) fast glauben könnte, sie sei ernsthaft gemeint.
Von der „Zielsetzung der Erfahrungswissenschaft“ hat uns POPPER (1964) gesprochen. Und sogleich in seinem ersten Satz hat er bemerkt, dass es naiv von ihm sei, vom „Ziel der Wissenschaft“ zu sprechen. Wenn, dann können nur Wissenschaftler Ziele haben. Als ein „modifizierter Essentialist“ hält er jedoch Wissenschaft für eine vernünftige Tätigkeit, und wo Vernunft, da sei auch ein Ziel. Zumindest Hegel würde Popper von Herzen zustimmen. Unsereins, der die Wikipedia kennt, ist nicht mehr so überzeugt, dass die Erkenntnis stets voranschreitet und dass die Wahrheit sich mühsam, aber unaufhaltsam ans Tageslicht durcharbeitet. Poppers optimistischer Glaube an den Erkenntnisfortschritt und die stete Annäherung an die absolute Wahrheit scheint nicht besser gegründet als Adam Smiths Glaube an die unsichtbare Hand bzw. an die Selbstheilungskräfte der Märkte: Religion, wenn vielleicht auch ohne Gott.
Immerhin, schon Popper zeigt sich seltsam hin und her gerissen:
1. Zielsetzung der Erfahrungswissenschaft ist die Erklärung der Wirklichkeit (POPPER 1964).
2. Die Erklärung geschichtlicher Abläufe ist wissenschaftlich unmöglich bzw. „Prophetie“ (POPPER 1965).
Solcher Eiertanz hat Tradition. Einerseits haben sich Sozialwissenschaftler bestrebt gezeigt, den Naturwissenschaften nachzueifern und wissenschaftliche Erklärungen der sie betreffenden Erscheinungen zu liefern. Andererseits wurde dasselbe mit den verschiedensten Argumenten abgelehnt und sogar bekämpft.
Marxisten rochen natürlich den Braten und vermuteten stets, den bürgerlichen Wissenschaftlern sei eine Wissenschaft, die keine Erklärungen liefere, immer noch lieber als eine, die marxistische Erklärungen benötige oder dazu keine Alternativen verfügbar hätte.
„Comparative-historical sociologists are tending to move from arguments against specific theories to arguments against theory in general.” (KISER/HECHTER 1991:2)
Was der Vulgärökonom nicht zu beschönigen weiß, davon schweigt er lieber. Auf die Spitze getrieben heißt das, den Erklärungsanspruch der Wissenschaft gegen das Dunkelmännertum der Religion einzutauschen.
„Die Gesetze aus der Wissenschaft hinauszujagen bedeutet in Wirklichkeit nur, die Gesetze der Religion durchschmuggeln zu wollen.“ (LENIN 20:196)
In dieser Position wussten sich Materialismus und Positivismus von jeher grundsätzlich einig, wobei Materialisten und Positivisten sich höchstens wechselseitig einen überflüssigen Restbestand an Metaphysik und Dogmatismus vorzuwerfen hatten (vgl. dazu LENIN 1947; [1]).
Die Diskussion schleppt sich so fort durch die Jahrhunderte, und wurde auch nicht dadurch besser, dass Fachwissenschaftler wie Max Weber, Schumpeter, Hayek und Eucken zwar immer wieder Methodologie betrieben haben, aber gleichsam wider ihren Willen und geringschätzig und ohne innere Bereitschaft, eine systematische Beziehung zwischen Metatheorie und Theorie herstellen zu wollen. Wahrlich ein merkwürdiges Schauspiel, ganz im Stile des Positivismus, wissenschaftlich Philosophie betreiben zu wollen und dabei die Philosophie loswerden (wovon nicht zuletzt auch Friedrich Engels träumte): der Wunsch, zu baden und sich dabei nicht nass zu machen.
Dass gerade der Ökonomie Reflektion not tut, zeigt Marxens Rede vom „Wertgesetz“. Dass ein „Naturgesetz“ nicht anders als in Form einer „nomologischen Hypothese“ (Hans Albert) zu formulieren sei, dieser „linguistic turn“ war Marx natürlich fremd. Man darf daher ruhig unterstellen, dass er, wenn er von „Wertgesetz“ sprach, damit nicht eine wissenschaftliche Aussage (evtl. gar mit deren spezifizierten Anfangsbedingungen!) im Sinne führte, sondern ganz inhaltlich einen Kausalmechanismus im Schilde führte (den der Verteilung der Arbeitskräfte auf die unterschiedlichen Zweige der Gebrauchsgüterproduktion). Dieses Interpretationsproblem macht sich insbesondere dann vorrangig bemerkbar, sobald man daran geht, das Transformationsproblem von Werten in Preise bzw. von KAPITAL Band I zu KAPITAL Band III zu diskutieren und hierzu gezwungen ist, es überhaupt einmal schlüssig zu formulieren.
Kurioserweise scheint nach einer gewissen Periode der Dominanz des „linguistic turn“ in der Wissenschaftstheorie die Soziologie gewissermaßen wieder auf Marxens Sichtweise der Dinge, bzw. der Erklärungsziele von empirischer Wissenschaft, zurückgekommen zu sein.
„A complete explanation also must specify a mechanism that describes the process by which one variable influences the other, in other words, how it is hat X produces Y. Mechanisms are vital to causal explanations, for they indicate which variable should be controlled in order to highlight existing causal relations.” (KISER/HECHTER 1991:5)
Schon PARSONS (1951) hatte hoffnungsvoll von sozialen Mechanismen gesprochen. ELSTER (1990) sieht darin gar in der Hauptsache die Erklärungsabsicht des Soziologen.
BOUDON (1983:17) hingegen erscheint „realistisch“ genug, diese Ziele der Erfahrungswissenschaft aufgeben zu wollen:
„the ultimate reality sociologists deal with are individual actions and systems of action. This excludes the naturalistic view of social change (…) The strategic and innovative dimension of human action makes all empirical lawlike statements on social change mere conjectures.”
Doch auch die Aussagen der Naturwissenschaften sind keine absolute Wahrheiten, sondern (geprüfte und bestätigte) Vermutungen.
Mit der Erkenntnisabsicht der empirischen Wissenschaften ist es so wie mit der Vernunft: Ohne allgemeine Prinzipien bzw. Regelhaftigkeit ist nichts Vernünftiges auszusagen. Dies richtet sich grundsätzlich gegen SPINNERs (1994) Doppelvernunft, die eine „okkasionelle Vernunft“ ins Spiel bringen möchte. Ähnlich ist es um die Erklärungsabsicht der empirischen Wissenschaften bestellt. Entweder man will eine Sache wissenschaftlich erklären; dann muss man dazu eine Regelhaftigkeit voraussetzen (wenn diese die Realität nicht liefert, dann muss diese andersweitig hergezaubert werden, durch transzendentale Bedingungen der Erkenntnis oder durch den Heiligen Geist; uns Deutschen steht hier mit Kant, Hegel bis hin zu Max Weber und so weiter ein fast vollständiges Spektrum zur Verfügung).
So muss der Verzicht des Historismus auf Theorie nicht nur zum Verzicht auf die theoretische Analyse von Gesellschaft führen, sondern auch jedweden Vergleich von Gesellschaften unmöglich machen.
„Ironically, the historicist’s emphasis on the complexity of history, and their rejection of the analytical separation of parts from wholes, is inimical not only to general theory but also to the very enterprise of comparing different societies …” (KISER/HECHTER 1991:11)
[1] « Il y a vingt ans, alors que je commençais l'étude systématique de l'épistémologie de Popper, j'étais encore marxiste. Au fur et à mesure que j'avançais dans la lecture, se découvraient des affinités avec l'oeuvre de Lénine. L'attaque sur le fond contre la ligne Berkeley-Mach. La revendication de la valeur objective de la science, c'est-à-dire de sa portée cognitive. L'idée que la réalité peut être sondée à l'infini (un point sur lequel Lénine insiste beaucoup) et, de là, que les théories scientifiques ne sont jamais conclusives. Et encore : la commune aversion pour le phénoménisme, tellement marquée chez Popper qu'elle le conduit à accepter pour sa propre philosophie la dénomination "d'essentialisme modifié". Non seulement la profession réalisme toujours plus appuyée. Enfin la forte revendication de la théorie de la "vérité comme correspondance" après le célèbre essai de Tarski et l'interprétation (discutable) que Popper en a donnée. »
Lucio Colletti: Lénine et Popper
== Literaturverzeichnis==
Edgar Kiser, Michael Hechter: The Role of General Theory in Comparative historical sociology. American Journal of Sociology, 97(1), 1991
W. I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie. Moskau 1947
Jon Elster: Nuts and Bolts for the Social Sciences. Cambridge University Press. Cambridge, New York, Port Chester, Melbourne, Sydney repr. 1990. ISBN 0-521-37606-8.
Raymond Boudon: Individual Action and Social Change. A No-theory of Social Change. British Journal of Sociology, 34, 1983, S. 1-18
Karl R. Popper: Die Zielsetzung der Erfahrungswissenschaft. In: Hans Albert, (Hg.): Theorie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1964.
Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch Köln Berlin 1965.
Helmut F. Spinner: Der ganze Rationalismus einer Welt von Gegensätzen. Fallstudien zur Doppelvernunft., Frankfurt 1. Aufl. 1994
Von der „Zielsetzung der Erfahrungswissenschaft“ hat uns POPPER (1964) gesprochen. Und sogleich in seinem ersten Satz hat er bemerkt, dass es naiv von ihm sei, vom „Ziel der Wissenschaft“ zu sprechen. Wenn, dann können nur Wissenschaftler Ziele haben. Als ein „modifizierter Essentialist“ hält er jedoch Wissenschaft für eine vernünftige Tätigkeit, und wo Vernunft, da sei auch ein Ziel. Zumindest Hegel würde Popper von Herzen zustimmen. Unsereins, der die Wikipedia kennt, ist nicht mehr so überzeugt, dass die Erkenntnis stets voranschreitet und dass die Wahrheit sich mühsam, aber unaufhaltsam ans Tageslicht durcharbeitet. Poppers optimistischer Glaube an den Erkenntnisfortschritt und die stete Annäherung an die absolute Wahrheit scheint nicht besser gegründet als Adam Smiths Glaube an die unsichtbare Hand bzw. an die Selbstheilungskräfte der Märkte: Religion, wenn vielleicht auch ohne Gott.
Immerhin, schon Popper zeigt sich seltsam hin und her gerissen:
1. Zielsetzung der Erfahrungswissenschaft ist die Erklärung der Wirklichkeit (POPPER 1964).
2. Die Erklärung geschichtlicher Abläufe ist wissenschaftlich unmöglich bzw. „Prophetie“ (POPPER 1965).
Solcher Eiertanz hat Tradition. Einerseits haben sich Sozialwissenschaftler bestrebt gezeigt, den Naturwissenschaften nachzueifern und wissenschaftliche Erklärungen der sie betreffenden Erscheinungen zu liefern. Andererseits wurde dasselbe mit den verschiedensten Argumenten abgelehnt und sogar bekämpft.
Marxisten rochen natürlich den Braten und vermuteten stets, den bürgerlichen Wissenschaftlern sei eine Wissenschaft, die keine Erklärungen liefere, immer noch lieber als eine, die marxistische Erklärungen benötige oder dazu keine Alternativen verfügbar hätte.
„Comparative-historical sociologists are tending to move from arguments against specific theories to arguments against theory in general.” (KISER/HECHTER 1991:2)
Was der Vulgärökonom nicht zu beschönigen weiß, davon schweigt er lieber. Auf die Spitze getrieben heißt das, den Erklärungsanspruch der Wissenschaft gegen das Dunkelmännertum der Religion einzutauschen.
„Die Gesetze aus der Wissenschaft hinauszujagen bedeutet in Wirklichkeit nur, die Gesetze der Religion durchschmuggeln zu wollen.“ (LENIN 20:196)
In dieser Position wussten sich Materialismus und Positivismus von jeher grundsätzlich einig, wobei Materialisten und Positivisten sich höchstens wechselseitig einen überflüssigen Restbestand an Metaphysik und Dogmatismus vorzuwerfen hatten (vgl. dazu LENIN 1947; [1]).
Die Diskussion schleppt sich so fort durch die Jahrhunderte, und wurde auch nicht dadurch besser, dass Fachwissenschaftler wie Max Weber, Schumpeter, Hayek und Eucken zwar immer wieder Methodologie betrieben haben, aber gleichsam wider ihren Willen und geringschätzig und ohne innere Bereitschaft, eine systematische Beziehung zwischen Metatheorie und Theorie herstellen zu wollen. Wahrlich ein merkwürdiges Schauspiel, ganz im Stile des Positivismus, wissenschaftlich Philosophie betreiben zu wollen und dabei die Philosophie loswerden (wovon nicht zuletzt auch Friedrich Engels träumte): der Wunsch, zu baden und sich dabei nicht nass zu machen.
Dass gerade der Ökonomie Reflektion not tut, zeigt Marxens Rede vom „Wertgesetz“. Dass ein „Naturgesetz“ nicht anders als in Form einer „nomologischen Hypothese“ (Hans Albert) zu formulieren sei, dieser „linguistic turn“ war Marx natürlich fremd. Man darf daher ruhig unterstellen, dass er, wenn er von „Wertgesetz“ sprach, damit nicht eine wissenschaftliche Aussage (evtl. gar mit deren spezifizierten Anfangsbedingungen!) im Sinne führte, sondern ganz inhaltlich einen Kausalmechanismus im Schilde führte (den der Verteilung der Arbeitskräfte auf die unterschiedlichen Zweige der Gebrauchsgüterproduktion). Dieses Interpretationsproblem macht sich insbesondere dann vorrangig bemerkbar, sobald man daran geht, das Transformationsproblem von Werten in Preise bzw. von KAPITAL Band I zu KAPITAL Band III zu diskutieren und hierzu gezwungen ist, es überhaupt einmal schlüssig zu formulieren.
Kurioserweise scheint nach einer gewissen Periode der Dominanz des „linguistic turn“ in der Wissenschaftstheorie die Soziologie gewissermaßen wieder auf Marxens Sichtweise der Dinge, bzw. der Erklärungsziele von empirischer Wissenschaft, zurückgekommen zu sein.
„A complete explanation also must specify a mechanism that describes the process by which one variable influences the other, in other words, how it is hat X produces Y. Mechanisms are vital to causal explanations, for they indicate which variable should be controlled in order to highlight existing causal relations.” (KISER/HECHTER 1991:5)
Schon PARSONS (1951) hatte hoffnungsvoll von sozialen Mechanismen gesprochen. ELSTER (1990) sieht darin gar in der Hauptsache die Erklärungsabsicht des Soziologen.
BOUDON (1983:17) hingegen erscheint „realistisch“ genug, diese Ziele der Erfahrungswissenschaft aufgeben zu wollen:
„the ultimate reality sociologists deal with are individual actions and systems of action. This excludes the naturalistic view of social change (…) The strategic and innovative dimension of human action makes all empirical lawlike statements on social change mere conjectures.”
Doch auch die Aussagen der Naturwissenschaften sind keine absolute Wahrheiten, sondern (geprüfte und bestätigte) Vermutungen.
Mit der Erkenntnisabsicht der empirischen Wissenschaften ist es so wie mit der Vernunft: Ohne allgemeine Prinzipien bzw. Regelhaftigkeit ist nichts Vernünftiges auszusagen. Dies richtet sich grundsätzlich gegen SPINNERs (1994) Doppelvernunft, die eine „okkasionelle Vernunft“ ins Spiel bringen möchte. Ähnlich ist es um die Erklärungsabsicht der empirischen Wissenschaften bestellt. Entweder man will eine Sache wissenschaftlich erklären; dann muss man dazu eine Regelhaftigkeit voraussetzen (wenn diese die Realität nicht liefert, dann muss diese andersweitig hergezaubert werden, durch transzendentale Bedingungen der Erkenntnis oder durch den Heiligen Geist; uns Deutschen steht hier mit Kant, Hegel bis hin zu Max Weber und so weiter ein fast vollständiges Spektrum zur Verfügung).
So muss der Verzicht des Historismus auf Theorie nicht nur zum Verzicht auf die theoretische Analyse von Gesellschaft führen, sondern auch jedweden Vergleich von Gesellschaften unmöglich machen.
„Ironically, the historicist’s emphasis on the complexity of history, and their rejection of the analytical separation of parts from wholes, is inimical not only to general theory but also to the very enterprise of comparing different societies …” (KISER/HECHTER 1991:11)
[1] « Il y a vingt ans, alors que je commençais l'étude systématique de l'épistémologie de Popper, j'étais encore marxiste. Au fur et à mesure que j'avançais dans la lecture, se découvraient des affinités avec l'oeuvre de Lénine. L'attaque sur le fond contre la ligne Berkeley-Mach. La revendication de la valeur objective de la science, c'est-à-dire de sa portée cognitive. L'idée que la réalité peut être sondée à l'infini (un point sur lequel Lénine insiste beaucoup) et, de là, que les théories scientifiques ne sont jamais conclusives. Et encore : la commune aversion pour le phénoménisme, tellement marquée chez Popper qu'elle le conduit à accepter pour sa propre philosophie la dénomination "d'essentialisme modifié". Non seulement la profession réalisme toujours plus appuyée. Enfin la forte revendication de la théorie de la "vérité comme correspondance" après le célèbre essai de Tarski et l'interprétation (discutable) que Popper en a donnée. »
Lucio Colletti: Lénine et Popper
== Literaturverzeichnis==
Edgar Kiser, Michael Hechter: The Role of General Theory in Comparative historical sociology. American Journal of Sociology, 97(1), 1991
W. I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie. Moskau 1947
Jon Elster: Nuts and Bolts for the Social Sciences. Cambridge University Press. Cambridge, New York, Port Chester, Melbourne, Sydney repr. 1990. ISBN 0-521-37606-8.
Raymond Boudon: Individual Action and Social Change. A No-theory of Social Change. British Journal of Sociology, 34, 1983, S. 1-18
Karl R. Popper: Die Zielsetzung der Erfahrungswissenschaft. In: Hans Albert, (Hg.): Theorie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1964.
Karl R. Popper: Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften. In: Ernst Topitsch, (Hg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch Köln Berlin 1965.
Helmut F. Spinner: Der ganze Rationalismus einer Welt von Gegensätzen. Fallstudien zur Doppelvernunft., Frankfurt 1. Aufl. 1994
Freitag, 5. Juni 2009
Am Anfang war das Wort
Entscheidende Fragen sodann: Welches Wort? Und wie wird das Wort Fleisch?
Weniger theologisch ausgedrückt: Wo und wie anfangen?
Für denjenigen, der eine Theorie konstruiert, will das heißen: Wie wählt er für sein Modell die Anfangsbedingungen? Und wie kommt er von diesen zu seiner Theorie, d.h. von seinen simplifizierten, abstrakten Annahmen zu Erklärungen von Vorgängen in der realen Welt?
Der Historiker hat es mit einem ähnlichen methodologischen Problem zu tun, nämlich dem „Anfang der Geschichte“.
Der Historiker erzählt nicht einfach die Geschichte nach, sondern gibt wieder, wie sie ihm als ein „Werden“ erscheint. Fragwürdig ist auch die Anschauungsweise, zum Beispiel mit dem wahren oder „Urchristentum“ anzufangen, indem man wie bei einer Zwiebel Schale auf Schale abschält, um zu dem wahren Wesen zu gelangen.
„Es liegt völlig außer dem Bereich der historischen Forschung, zu einem Punkt zu gelangen, der in vollem und eminentem Sinn der Anfang, das unvermittelte Erste wäre. Wir kommen nicht weiter als bis zu relativen Anfängen, d. h. solchen, die wir im Verhältnis zu dem daraus Gewordenen als Anfang setzen.“ (DROYSEN 1958:150).
Die Sache ist also nicht einfach die, dass der Anfang so prekär ist, weil in ihm alles steckt, was später in Erscheinung tritt. Um den Anfang richtig zu wählen, müssen wir bereits im Voraus wissen, was später kommen soll. Wer eine Letztbegründung erwartet, wird sich dann freilich leicht getäuscht vorkommen, weil das ganze Vorgehen hierbei wie ein logischer Zirkel anmutet. Dieser „Zirkel“ ist aber ebenso sehr und ebenso wenig harmlos wie der “Zirkel“ zwischen einer Theorie A und den jeweiligen Tatsachen T(A), die sie behauptet. Es handelt sich hierbei weniger um einen logischen Zirkel, als um eine Rückkopplungsschleife (im kybernetischen Sinn) im methodologisch rekonstruierbaren Erkenntnisprozess.
Droysen meint zwar, die spekulative Philosophie sei hier besser dran, sie könne aus dem Absoluten heraus konstruieren und bedürfe deswegen keiner relativen Anfänge.
„Womit muss der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ Über diese Frage stolpert auch HEGEL (1996:65).
„Der Anfang der Philosophie muß entweder ein Vermitteltes oder Unmittelbares sein, und es ist leicht zu zeigen, daß er weder das eine noch das andere sein könne,…“
„Vor der Wissenschaft aber schon über das Erkennen ins reine kommen wollen, heißt verlangen, daß es außerhalb derselben erörtert werden sollte; außerhalb der Wissenschaft läßt sich dies wenigstens nicht auf wissenschaftliche Weise, um die es hier allein zu tun ist, bewerkstelligen.“ (HEGEL 1996:67)
Hegel wär jedoch nicht der Philosoph, den er sein will, wenn er nicht auch dieses Problem in den Begriff bekommen hätte. Seine Lösung interessiert hier aber weniger, als die Frage, inwiefern sie Licht wirft auf Marxens Differenzen in dieser Frage mit Proudhon und Ricardo. Marx findet Proudhons Ableitungsversuch der Werttheorie einen lächerlichen Abklatsch der Rousseauschen Vertragstheorie. Es ist ein Mischmasch, weder Geschichte noch theoretisch zureichende Begründung.
Diese Frage ist lediglich Vorgeplänkel zu der Frage nach dem Stellenwert von Band I des Kapital, im Bezug zu Band III, was auch das sog. Transformationsproblem mitbetrifft (aber nicht nur dieses).
Welcher Stellenwert hat das Modell der „einfachen Warenproduktion“ im Vergleich zu dem Kapitalismusmodell, welches sich durch Produktionspreise auszeichnet?
Muss man Engels eine empiristisch-historische Fehlinterpretation des Modells der „einfachen Warenproduktion“ vorwerfen, so wie das z. B. BACKHAUS (1978) tut? Oder ist dieses nur ein „Modell im Modell“?
Analoges findet man bei Schumpeters Konjunkturtheorie, die vom allgemeinen Gleichgewichtsmodell Walras’scher Prägung auszugehen sucht; überhaupt nicht problemlos, wie OAKLEY (1990) diagnostiziert.
Auch HAYEKs (1967) analoge Theorie bleibt nicht von dieser Frage des Anfangsmodells verschont. Auch hier geht es um die mindestens genauso abenteuerliche Frage: Wie kommt man von der Statik zur Dynamik?
All dies wird zu untersuchen sein.
== Literatur==
Johann Gustav Droysen: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte. Hrg. Rudolf Hübner. R. Oldenbourg München 1958
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik I. Erster Teil. Die objektive Logik. Erstes Buch. 4. Aufl. Frankfurt 1996. ISBN 3-518-09718-0.
Allen Oakley: Schumpeter’s Theory of Capitalist Motion. A Critical Exposition and Reassessment. Edward Elgar : 1990. ISBN 1-85278-055-X.
Friedrich A. Hayek: Prices and Production. Augustus M. Kelley, New York repr. 1967.
Hans-Georg Backhaus: Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie 3. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 11. (es 957) 1. Aufl. 1978. ISBN S. 16-117.
Weniger theologisch ausgedrückt: Wo und wie anfangen?
Für denjenigen, der eine Theorie konstruiert, will das heißen: Wie wählt er für sein Modell die Anfangsbedingungen? Und wie kommt er von diesen zu seiner Theorie, d.h. von seinen simplifizierten, abstrakten Annahmen zu Erklärungen von Vorgängen in der realen Welt?
Der Historiker hat es mit einem ähnlichen methodologischen Problem zu tun, nämlich dem „Anfang der Geschichte“.
Der Historiker erzählt nicht einfach die Geschichte nach, sondern gibt wieder, wie sie ihm als ein „Werden“ erscheint. Fragwürdig ist auch die Anschauungsweise, zum Beispiel mit dem wahren oder „Urchristentum“ anzufangen, indem man wie bei einer Zwiebel Schale auf Schale abschält, um zu dem wahren Wesen zu gelangen.
„Es liegt völlig außer dem Bereich der historischen Forschung, zu einem Punkt zu gelangen, der in vollem und eminentem Sinn der Anfang, das unvermittelte Erste wäre. Wir kommen nicht weiter als bis zu relativen Anfängen, d. h. solchen, die wir im Verhältnis zu dem daraus Gewordenen als Anfang setzen.“ (DROYSEN 1958:150).
Die Sache ist also nicht einfach die, dass der Anfang so prekär ist, weil in ihm alles steckt, was später in Erscheinung tritt. Um den Anfang richtig zu wählen, müssen wir bereits im Voraus wissen, was später kommen soll. Wer eine Letztbegründung erwartet, wird sich dann freilich leicht getäuscht vorkommen, weil das ganze Vorgehen hierbei wie ein logischer Zirkel anmutet. Dieser „Zirkel“ ist aber ebenso sehr und ebenso wenig harmlos wie der “Zirkel“ zwischen einer Theorie A und den jeweiligen Tatsachen T(A), die sie behauptet. Es handelt sich hierbei weniger um einen logischen Zirkel, als um eine Rückkopplungsschleife (im kybernetischen Sinn) im methodologisch rekonstruierbaren Erkenntnisprozess.
Droysen meint zwar, die spekulative Philosophie sei hier besser dran, sie könne aus dem Absoluten heraus konstruieren und bedürfe deswegen keiner relativen Anfänge.
„Womit muss der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ Über diese Frage stolpert auch HEGEL (1996:65).
„Der Anfang der Philosophie muß entweder ein Vermitteltes oder Unmittelbares sein, und es ist leicht zu zeigen, daß er weder das eine noch das andere sein könne,…“
„Vor der Wissenschaft aber schon über das Erkennen ins reine kommen wollen, heißt verlangen, daß es außerhalb derselben erörtert werden sollte; außerhalb der Wissenschaft läßt sich dies wenigstens nicht auf wissenschaftliche Weise, um die es hier allein zu tun ist, bewerkstelligen.“ (HEGEL 1996:67)
Hegel wär jedoch nicht der Philosoph, den er sein will, wenn er nicht auch dieses Problem in den Begriff bekommen hätte. Seine Lösung interessiert hier aber weniger, als die Frage, inwiefern sie Licht wirft auf Marxens Differenzen in dieser Frage mit Proudhon und Ricardo. Marx findet Proudhons Ableitungsversuch der Werttheorie einen lächerlichen Abklatsch der Rousseauschen Vertragstheorie. Es ist ein Mischmasch, weder Geschichte noch theoretisch zureichende Begründung.
Diese Frage ist lediglich Vorgeplänkel zu der Frage nach dem Stellenwert von Band I des Kapital, im Bezug zu Band III, was auch das sog. Transformationsproblem mitbetrifft (aber nicht nur dieses).
Welcher Stellenwert hat das Modell der „einfachen Warenproduktion“ im Vergleich zu dem Kapitalismusmodell, welches sich durch Produktionspreise auszeichnet?
Muss man Engels eine empiristisch-historische Fehlinterpretation des Modells der „einfachen Warenproduktion“ vorwerfen, so wie das z. B. BACKHAUS (1978) tut? Oder ist dieses nur ein „Modell im Modell“?
Analoges findet man bei Schumpeters Konjunkturtheorie, die vom allgemeinen Gleichgewichtsmodell Walras’scher Prägung auszugehen sucht; überhaupt nicht problemlos, wie OAKLEY (1990) diagnostiziert.
Auch HAYEKs (1967) analoge Theorie bleibt nicht von dieser Frage des Anfangsmodells verschont. Auch hier geht es um die mindestens genauso abenteuerliche Frage: Wie kommt man von der Statik zur Dynamik?
All dies wird zu untersuchen sein.
== Literatur==
Johann Gustav Droysen: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte. Hrg. Rudolf Hübner. R. Oldenbourg München 1958
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik I. Erster Teil. Die objektive Logik. Erstes Buch. 4. Aufl. Frankfurt 1996. ISBN 3-518-09718-0.
Allen Oakley: Schumpeter’s Theory of Capitalist Motion. A Critical Exposition and Reassessment. Edward Elgar : 1990. ISBN 1-85278-055-X.
Friedrich A. Hayek: Prices and Production. Augustus M. Kelley, New York repr. 1967.
Hans-Georg Backhaus: Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie 3. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 11. (es 957) 1. Aufl. 1978. ISBN S. 16-117.
Mittwoch, 3. Juni 2009
Zinsen, wenn die Gesellschaft primitiv ist
„Begin with Adam Smith’s ‚early and rude state,‘ where i) land is superabundant and free and ii) productive methods are of such primitive and short duration that interest and profit are somehow ignorable.“ (SAMUELSON 1971:400)
Samuelson bezieht sich damit auf SMITH (Book I, Ch. VI):
„In that early and rude state of society which precedes both the accumulation of stock and the appropriation of land, the proportions between the quantities of labour necessary for acquiring different objects seems to be the only circumstance which can afford any rule for exchanging them for another.”
[“Auf der untersten Entwicklungsstufe eines Lands, noch bevor es zur Kapitalbildung kommt und der Boden in Besitz genommen ist, ist das Verhältnis zwischen den Mengen Arbeit, die man einsetzen muß, um einzelne Gegenstände zu erlangen, offenbar der einzige Anhaltspunkt, um eine Regel für deren gegenseitigen Austausch ableiten zu können.“ (SMITH 1990:42)]
Und Samuelson merkt in einer Fußnote hierzu kritisch an:
„It is easier to justify ignoring land and its rent – for under primitive conditions it is easy to imagine land to be superabundant, so that it becomes a free factor and production gets carried on in a land-sated fashion. It is harder, though, to justify in a primitive community any assumption that intermediate and durable goods are in such superabundant supply that time-sated productive methods are feasible. Rude economics are not low or zero interest economies; they tend to be high interest states, in which short-time methods are used precisely because of the very ‘scarcity of time’, incident to the serious problem of living from harvest to next harvest and from random scarcity of game and crops to random abundance. As will become clear, we must therefore make some heroic abstractions to give Smith the rope he needs for his argument – e.g., an assumption of instantaneous production of deer and beaver.”
Ohne einen Unterschied zu treffen zwischen Zins, Mehrwert und Profit, behauptet Samuelson, dass die Zinsrechnung für den Smithschen Naturzustand relevant sei. Naturalwirtschaften seien viel eher Wirtschaften mit einem hohen Zinssatz, weil hier bei einem raschen Wechsel zwischen Kargheit und Überfluss nur soviel für Produktionsmittel verausgabt werde, als sie kurzfristig einen hohen Ertrag versprächen. Vorausgesetzt wird bei alldem jedoch eine abstrakte Recheneinheit, wie sie per Definition in einer Naturalwirtschaft inexistent ist. Damit sich in einer Gesellschaft ein abstraktes Wertmaß durchsetzt und befestigt, bedarf es des entwickelten Tauschs (vgl. Wertformanalyse in MARX, Kapital, I).
Auch die Nutzentheorie geht, zumindest in wesentlichen Punkten, am wirtschaftlichen Geschehen einer traditionalen Naturalwirtschaft vorbei. Dazu wollen wir voraussetzen, dass das Nutzenprinzip nicht tautologisch angewandt wird, indem etwa jeder gewählten Verhaltensalternative a posteriori deswegen der höhere Nutzen beigemessen wird. Dann sagt eine wie immer auch beobachtete bzw. gemessene Nutzenschätzung eines Wirtschaftssubjekts immer noch wenig über dessen Tauschverhalten aus, da das Tauschverhalten in traditionalen Gesellschaften gegen Nutzenerwägungen meist abgeschirmt ist (BLAU 1967:110).
Man kann demzufolge auch nicht durch das Grenznutzenprinzip die Verteilung des Arbeitskräfteeinsatzes erklären, da die produktiven Tätigkeiten hauptsächlich durch Gewohnheit und Sitte reguliert werden (FIRTH 1967:6). Selbst wenn man der These zustimmen wollte, dass eine optimale Ressourcenallokation rational allein durch Anwendung einer Zinsrechnung erfolgen kann (SAMUELSON 1964:318), so ist 1. die Frage der rationalen Notwendigkeit, 2. die Frage der praktisch-empirischen Anwendung sowie 3. die des wirklichen Wollens (dominierendes Wertesystem einer Gesellschaft!) eine je ganz andere. Nicht alles, was vernünftig ist, ist wirklich („Wirklichkeit“ nicht wie von Hegel, sondern wie von Popper verstanden)
Man kann Samuelson jedoch auch so antworten, wie SCHUMPETER (1952:416) auf die Kritik durch Böhm-Bawerk geantwortet hat:
„v. Böhm-Bawerk weist schon im ersten Abschnitte seiner Kritik als auf eine zweifellose Tatsache darauf hin, daß der Zins immer und überall bestehe. Nun sei gleich hervorgehoben, daß diese Überzeugung, die offenbar den Grundstein seiner Kritik und den innersten Hauptgrund seiner Ablehnung bildet, nur vom Standpunkt und im Gedankenkreise bestimmter Zinstheorien verständlich ist. Aber ohne feststehende Zinstheorie ist diese Überzeugung durchaus nicht ohneweiters zu teilen: Möglich, daß uns die Resultate unserer Analyse zwingen zu sagen, daß es in der Wirtschaft der Australneger Kapitalzins gäbe – aber so klar, daß man darauf wie auf eine unumstößliche Tatsache hinweisen könnte, scheint mir das nicht zu sein.“
Nun muss man nicht Schumpeters eigentümliche Theorie, dass der Zins auf dem Gewinn des innovierenden Unternehmers beruhe, nicht unbedingt teilen, um sein Hauptargument zu teilen: Ob es einen Zins gibt, hängt ab von der jeweiligen Zinstheorie. Denn allein eine solche kann uns sagen, wann es einen Zins gibt und was dieser denn sei.
== Literaturverzeichnis ==
Paul A. Samuelson: Understanding the Marxian Notion of Exploitation. Journal of Economic Literature, 1971 9(2), S. 399ff.
Paul A. Samuelson: Volkswirtschaftslehre. Bd. II, Köln 1964
Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übertragen und mit einer umfassenden Würdigung des Gesamtwerkes hrg. von Horst Claus Recktenwald. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Klassik 2208) 5. Aufl. 1990. ISBN 3-406-05393-9.
Peter M. Blau: Exchange and Power in Social Life. New York, London, Sydney 2. Aufl. 1967
Raymond Firth: Themes in Economic Anthropology. London, New York, Sydney, Toronto, Wellington 1967
Joseph A. Schumpeter: Eine ‚dynamische‘ Theorie des Kapitalzinses. Eine Entgegnung. In: Aufsätze zur ökonomischen Theorie. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1952. S. 411 ff. (Aus: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. 22, 1913, S. 599-639)
Samuelson bezieht sich damit auf SMITH (Book I, Ch. VI):
„In that early and rude state of society which precedes both the accumulation of stock and the appropriation of land, the proportions between the quantities of labour necessary for acquiring different objects seems to be the only circumstance which can afford any rule for exchanging them for another.”
[“Auf der untersten Entwicklungsstufe eines Lands, noch bevor es zur Kapitalbildung kommt und der Boden in Besitz genommen ist, ist das Verhältnis zwischen den Mengen Arbeit, die man einsetzen muß, um einzelne Gegenstände zu erlangen, offenbar der einzige Anhaltspunkt, um eine Regel für deren gegenseitigen Austausch ableiten zu können.“ (SMITH 1990:42)]
Und Samuelson merkt in einer Fußnote hierzu kritisch an:
„It is easier to justify ignoring land and its rent – for under primitive conditions it is easy to imagine land to be superabundant, so that it becomes a free factor and production gets carried on in a land-sated fashion. It is harder, though, to justify in a primitive community any assumption that intermediate and durable goods are in such superabundant supply that time-sated productive methods are feasible. Rude economics are not low or zero interest economies; they tend to be high interest states, in which short-time methods are used precisely because of the very ‘scarcity of time’, incident to the serious problem of living from harvest to next harvest and from random scarcity of game and crops to random abundance. As will become clear, we must therefore make some heroic abstractions to give Smith the rope he needs for his argument – e.g., an assumption of instantaneous production of deer and beaver.”
Ohne einen Unterschied zu treffen zwischen Zins, Mehrwert und Profit, behauptet Samuelson, dass die Zinsrechnung für den Smithschen Naturzustand relevant sei. Naturalwirtschaften seien viel eher Wirtschaften mit einem hohen Zinssatz, weil hier bei einem raschen Wechsel zwischen Kargheit und Überfluss nur soviel für Produktionsmittel verausgabt werde, als sie kurzfristig einen hohen Ertrag versprächen. Vorausgesetzt wird bei alldem jedoch eine abstrakte Recheneinheit, wie sie per Definition in einer Naturalwirtschaft inexistent ist. Damit sich in einer Gesellschaft ein abstraktes Wertmaß durchsetzt und befestigt, bedarf es des entwickelten Tauschs (vgl. Wertformanalyse in MARX, Kapital, I).
Auch die Nutzentheorie geht, zumindest in wesentlichen Punkten, am wirtschaftlichen Geschehen einer traditionalen Naturalwirtschaft vorbei. Dazu wollen wir voraussetzen, dass das Nutzenprinzip nicht tautologisch angewandt wird, indem etwa jeder gewählten Verhaltensalternative a posteriori deswegen der höhere Nutzen beigemessen wird. Dann sagt eine wie immer auch beobachtete bzw. gemessene Nutzenschätzung eines Wirtschaftssubjekts immer noch wenig über dessen Tauschverhalten aus, da das Tauschverhalten in traditionalen Gesellschaften gegen Nutzenerwägungen meist abgeschirmt ist (BLAU 1967:110).
Man kann demzufolge auch nicht durch das Grenznutzenprinzip die Verteilung des Arbeitskräfteeinsatzes erklären, da die produktiven Tätigkeiten hauptsächlich durch Gewohnheit und Sitte reguliert werden (FIRTH 1967:6). Selbst wenn man der These zustimmen wollte, dass eine optimale Ressourcenallokation rational allein durch Anwendung einer Zinsrechnung erfolgen kann (SAMUELSON 1964:318), so ist 1. die Frage der rationalen Notwendigkeit, 2. die Frage der praktisch-empirischen Anwendung sowie 3. die des wirklichen Wollens (dominierendes Wertesystem einer Gesellschaft!) eine je ganz andere. Nicht alles, was vernünftig ist, ist wirklich („Wirklichkeit“ nicht wie von Hegel, sondern wie von Popper verstanden)
Man kann Samuelson jedoch auch so antworten, wie SCHUMPETER (1952:416) auf die Kritik durch Böhm-Bawerk geantwortet hat:
„v. Böhm-Bawerk weist schon im ersten Abschnitte seiner Kritik als auf eine zweifellose Tatsache darauf hin, daß der Zins immer und überall bestehe. Nun sei gleich hervorgehoben, daß diese Überzeugung, die offenbar den Grundstein seiner Kritik und den innersten Hauptgrund seiner Ablehnung bildet, nur vom Standpunkt und im Gedankenkreise bestimmter Zinstheorien verständlich ist. Aber ohne feststehende Zinstheorie ist diese Überzeugung durchaus nicht ohneweiters zu teilen: Möglich, daß uns die Resultate unserer Analyse zwingen zu sagen, daß es in der Wirtschaft der Australneger Kapitalzins gäbe – aber so klar, daß man darauf wie auf eine unumstößliche Tatsache hinweisen könnte, scheint mir das nicht zu sein.“
Nun muss man nicht Schumpeters eigentümliche Theorie, dass der Zins auf dem Gewinn des innovierenden Unternehmers beruhe, nicht unbedingt teilen, um sein Hauptargument zu teilen: Ob es einen Zins gibt, hängt ab von der jeweiligen Zinstheorie. Denn allein eine solche kann uns sagen, wann es einen Zins gibt und was dieser denn sei.
== Literaturverzeichnis ==
Paul A. Samuelson: Understanding the Marxian Notion of Exploitation. Journal of Economic Literature, 1971 9(2), S. 399ff.
Paul A. Samuelson: Volkswirtschaftslehre. Bd. II, Köln 1964
Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übertragen und mit einer umfassenden Würdigung des Gesamtwerkes hrg. von Horst Claus Recktenwald. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Klassik 2208) 5. Aufl. 1990. ISBN 3-406-05393-9.
Peter M. Blau: Exchange and Power in Social Life. New York, London, Sydney 2. Aufl. 1967
Raymond Firth: Themes in Economic Anthropology. London, New York, Sydney, Toronto, Wellington 1967
Joseph A. Schumpeter: Eine ‚dynamische‘ Theorie des Kapitalzinses. Eine Entgegnung. In: Aufsätze zur ökonomischen Theorie. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1952. S. 411 ff. (Aus: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. 22, 1913, S. 599-639)
Dienstag, 2. Juni 2009
Territorialverhalten, Wissenschaft und Ontologie
(1) Es gibt unterschiedliche Auffassungen von „Ontologie“.
Mit „Hegels Ontologie“ verweist HORSTMANN (1990:12) auf Hegels Theorie dessen, was eigentlich wirklich ist, was eigentlich Realität hat. Dabei soll sich herausstellen, dass diese Ontologie die Grundlage abgibt für Hegels System und identisch ist mit seiner monistischer Theorie des Begriffs.
Dazu muss zuvor betrachtet werden, was „Ontologie“ bzw. „Lehre vom Sein“ sei.
(a) Nach Aristoteles und auch Kant hat Ontologie die Aufgabe, anzugeben, was die allgemeinste Begriffe (Kategorien) sind, durch die das, was ist, bestimmt ist.
(b) Ontologie kann im Unterschiede davon die Frage sein, ob und in welchem Sinne es Begriffe gibt (nach dem ontologischen Status der Begriffe). Ontologie will damit die Frage klären, was es denn gibt.
Nach Horstmanns Interpretationsthese fällt für Hegel (a) und (b) zusammen (HORSTMANN 1990:12).
(2) Die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen unterscheiden sich nicht durch ihre Ontologie , d.h. durch ihren jeweils anderen Untersuchungsgegenstand oder Forschungsgebiet, sondern sie stellen soziale Systeme dar, die über einen gemeinsamen Fundus an Problemen und Lösungsversuchen kommunizieren. „Soziologie“ ist demnach schlicht und ergreifend einfach das, was Soziologen so treiben bzw. jeweils für Soziologie halten.
(3) Wissenschaftler neigen wie alle Lebewesen zu Territorialverhalten. Sie sind bestrebt, ihr eigenes Revier abzugrenzen und gegen Eindringlinge zu verteidigen. Die dabei produzierten Revierdefinitionen und –abgrenzungen sind ontologisch nicht vertretbar(IRLE 1975:13).
Der Begriff Territorialverhalten wird daher auch benutzt, um Verhaltensmuster beim Menschen zu beschreiben, teilweise in sarkastischer Weise: Die Vögel singen, um ihr Revier zu markieren und einen Partner zu finden. Wissenschaftler verteidigen ihre Wissenschaftsdisziplin durch Abgrenzungsrituale wie Definitionen ihres "autonomen Untersuchungsbereichs". Hingegen Martin Irle weigert sich in seinem Lehrbuch explizit, "Sozialpsychologie" auch nur definieren zu wollen.
Der Kampf um die Behauptung des eigenen Status als Angehöriger einer bestimmten Wissenschaftsdisziplin wird oft verbunden mit der impliziten oder expliziten Anerkennung einer Statushierarchie von Wissenschaftsdisziplinen, deren Rangdimensionen oft legitimiert wird durch Beschwörung eines höheren Grades an wissenschaftlicher Objektivität (positivistisch: härtere Fakten; formal-logisch: mathematische Eleganz/Stringenz, Esoterik).
(4) Ungeachtet dessen, dass Wissenschaften nicht ontologisch bestimmt und abgegrenzt werden können, so gilt doch die These: Jede Theorie unterstellt eine ihr eigentümliche Ontologie (Metaphysik). Denn sie trifft Annahmen über die Dinge, Vorgänge und Ereignisse, die für sie logisch zulässig und faktisch möglich sind. Es ist untunlich, diese ontologischen Annahmen (etwa als „unbeweisbare metaphysische Spekulation“) nicht explizieren zu wollen. Denn nur in expliziter Form sind sie überhaupt kritisch diskutierbar.
(5) Nur worüber man sprechen kann, ist für uns existent. Also ist die Erweiterung sprachlicher Möglichkeiten Voraussetzung dafür, Neues zu erfahren.
(6) Es gibt einen Unterschied zwischen der Einheit der theoretischen Analyse und derjenigen der Beobachtung.
Gerade die These (7) lädt ein zu Reflektionen über die oft erörterte, aber nie ausdiskutierte Differenz von methodologischem Individualismus und Kollektivismus (Holismus, …). Wenn ELSTER (1990:3) innerhalb der Sozialwissenschaften für „explanation by mechanism“ einsetzt, so kennt er als grundlegende Analyseeinheiten „events“ und „facts“. Dabei ist Ereignis für ihn logisch grundlegender als Tatsache, denn letztere stellt für ihn ein Strom von Ereignissen dar. Und die fundamentalen Ereignisse der Sozialwissenschaften seien Handlungen menschlicher Individuen, inkl. mentaler Handlungen.
Das heißt recht unverblümt eine Ontologie aufgestellt. Wogegen nichts zu sagen wäre, wäre sie nicht implizit als eine Ontologie für Kausalerklärungen privilegiert hingestellt: Kausalerklärungen sind nur durch menschliche Handlungen möglich. Ja freilich – wenn man dieselbige Ontologien als wahr und richtig unterstellt. Was man als unwirklich behauptet, damit kann man keine reale Erklärung liefern. Alternative Ontologien werden einfach unterschlagen oder polemisch delegitimiert.
Die logische Willkür dieses Vorgehens wird sichtbar, wenn nicht nur Handlungen und mentale Akte zusammengeworfen werden bzw. kausal gleiche Dignität genießen sollen, sondern individuelle wie „kollektive“ Aktoren von derselben Theorie gleich behandelt werden. Festzustellen ist also eine eklatante Diskrepanz zwischen dem Schlachtruf „methodologischen Individualismus“ und dem tatsächlich praktizierten Vorgehen der Vorkämpfer dieser doch sehr unklaren Positionierung, wo man eigentlich weder „Methodologie“ noch „Individualismus“ in dem erwarteten Maße anzutreffen vermag. Gewiss mag hier auch die mangelnde Unterscheidung zwischen Einheit von theoretischer Analyse und Beobachtung eine Rolle spielen. Und neben der Frage der oft wenig explizierten Ontologie mag auch die der psychologischen und ideologischen Präferenz eine Rolle spielen. Handelnde Menschen und Mechanismen sind eben einfach anschaulicher, als zum Beispiel das Hempel-Oppenheim-Schema oder – Hegels Begriff.
== Literaturverzeichnis ==
Jon Elster: Nuts and Bolts for the Social Sciences. Cambridge University Press. Cambridge, New York, Port Chester, Melbourne, Sydney repr. 1990. ISBN 0-521-37606-8.
Martin Irle: Lehrbuch der Sozialpsychologie. Verlag für Psychologie Dr. C. J. Hogrefe : Göttingen Toronto Zürich 1975. ISBN 3-8017-0096-8.
Rolf-Peter Horstmann: Wahrheit aus dem Begriff. Eine Einführung in Hegel. Anton Hain : Frankfurt am Main 1990. ISBN 3-445-06006-1.
Mit „Hegels Ontologie“ verweist HORSTMANN (1990:12) auf Hegels Theorie dessen, was eigentlich wirklich ist, was eigentlich Realität hat. Dabei soll sich herausstellen, dass diese Ontologie die Grundlage abgibt für Hegels System und identisch ist mit seiner monistischer Theorie des Begriffs.
Dazu muss zuvor betrachtet werden, was „Ontologie“ bzw. „Lehre vom Sein“ sei.
(a) Nach Aristoteles und auch Kant hat Ontologie die Aufgabe, anzugeben, was die allgemeinste Begriffe (Kategorien) sind, durch die das, was ist, bestimmt ist.
(b) Ontologie kann im Unterschiede davon die Frage sein, ob und in welchem Sinne es Begriffe gibt (nach dem ontologischen Status der Begriffe). Ontologie will damit die Frage klären, was es denn gibt.
Nach Horstmanns Interpretationsthese fällt für Hegel (a) und (b) zusammen (HORSTMANN 1990:12).
(2) Die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen unterscheiden sich nicht durch ihre Ontologie , d.h. durch ihren jeweils anderen Untersuchungsgegenstand oder Forschungsgebiet, sondern sie stellen soziale Systeme dar, die über einen gemeinsamen Fundus an Problemen und Lösungsversuchen kommunizieren. „Soziologie“ ist demnach schlicht und ergreifend einfach das, was Soziologen so treiben bzw. jeweils für Soziologie halten.
(3) Wissenschaftler neigen wie alle Lebewesen zu Territorialverhalten. Sie sind bestrebt, ihr eigenes Revier abzugrenzen und gegen Eindringlinge zu verteidigen. Die dabei produzierten Revierdefinitionen und –abgrenzungen sind ontologisch nicht vertretbar(IRLE 1975:13).
Der Begriff Territorialverhalten wird daher auch benutzt, um Verhaltensmuster beim Menschen zu beschreiben, teilweise in sarkastischer Weise: Die Vögel singen, um ihr Revier zu markieren und einen Partner zu finden. Wissenschaftler verteidigen ihre Wissenschaftsdisziplin durch Abgrenzungsrituale wie Definitionen ihres "autonomen Untersuchungsbereichs". Hingegen Martin Irle weigert sich in seinem Lehrbuch explizit, "Sozialpsychologie" auch nur definieren zu wollen.
Der Kampf um die Behauptung des eigenen Status als Angehöriger einer bestimmten Wissenschaftsdisziplin wird oft verbunden mit der impliziten oder expliziten Anerkennung einer Statushierarchie von Wissenschaftsdisziplinen, deren Rangdimensionen oft legitimiert wird durch Beschwörung eines höheren Grades an wissenschaftlicher Objektivität (positivistisch: härtere Fakten; formal-logisch: mathematische Eleganz/Stringenz, Esoterik).
(4) Ungeachtet dessen, dass Wissenschaften nicht ontologisch bestimmt und abgegrenzt werden können, so gilt doch die These: Jede Theorie unterstellt eine ihr eigentümliche Ontologie (Metaphysik). Denn sie trifft Annahmen über die Dinge, Vorgänge und Ereignisse, die für sie logisch zulässig und faktisch möglich sind. Es ist untunlich, diese ontologischen Annahmen (etwa als „unbeweisbare metaphysische Spekulation“) nicht explizieren zu wollen. Denn nur in expliziter Form sind sie überhaupt kritisch diskutierbar.
(5) Nur worüber man sprechen kann, ist für uns existent. Also ist die Erweiterung sprachlicher Möglichkeiten Voraussetzung dafür, Neues zu erfahren.
(6) Es gibt einen Unterschied zwischen der Einheit der theoretischen Analyse und derjenigen der Beobachtung.
Gerade die These (7) lädt ein zu Reflektionen über die oft erörterte, aber nie ausdiskutierte Differenz von methodologischem Individualismus und Kollektivismus (Holismus, …). Wenn ELSTER (1990:3) innerhalb der Sozialwissenschaften für „explanation by mechanism“ einsetzt, so kennt er als grundlegende Analyseeinheiten „events“ und „facts“. Dabei ist Ereignis für ihn logisch grundlegender als Tatsache, denn letztere stellt für ihn ein Strom von Ereignissen dar. Und die fundamentalen Ereignisse der Sozialwissenschaften seien Handlungen menschlicher Individuen, inkl. mentaler Handlungen.
Das heißt recht unverblümt eine Ontologie aufgestellt. Wogegen nichts zu sagen wäre, wäre sie nicht implizit als eine Ontologie für Kausalerklärungen privilegiert hingestellt: Kausalerklärungen sind nur durch menschliche Handlungen möglich. Ja freilich – wenn man dieselbige Ontologien als wahr und richtig unterstellt. Was man als unwirklich behauptet, damit kann man keine reale Erklärung liefern. Alternative Ontologien werden einfach unterschlagen oder polemisch delegitimiert.
Die logische Willkür dieses Vorgehens wird sichtbar, wenn nicht nur Handlungen und mentale Akte zusammengeworfen werden bzw. kausal gleiche Dignität genießen sollen, sondern individuelle wie „kollektive“ Aktoren von derselben Theorie gleich behandelt werden. Festzustellen ist also eine eklatante Diskrepanz zwischen dem Schlachtruf „methodologischen Individualismus“ und dem tatsächlich praktizierten Vorgehen der Vorkämpfer dieser doch sehr unklaren Positionierung, wo man eigentlich weder „Methodologie“ noch „Individualismus“ in dem erwarteten Maße anzutreffen vermag. Gewiss mag hier auch die mangelnde Unterscheidung zwischen Einheit von theoretischer Analyse und Beobachtung eine Rolle spielen. Und neben der Frage der oft wenig explizierten Ontologie mag auch die der psychologischen und ideologischen Präferenz eine Rolle spielen. Handelnde Menschen und Mechanismen sind eben einfach anschaulicher, als zum Beispiel das Hempel-Oppenheim-Schema oder – Hegels Begriff.
== Literaturverzeichnis ==
Jon Elster: Nuts and Bolts for the Social Sciences. Cambridge University Press. Cambridge, New York, Port Chester, Melbourne, Sydney repr. 1990. ISBN 0-521-37606-8.
Martin Irle: Lehrbuch der Sozialpsychologie. Verlag für Psychologie Dr. C. J. Hogrefe : Göttingen Toronto Zürich 1975. ISBN 3-8017-0096-8.
Rolf-Peter Horstmann: Wahrheit aus dem Begriff. Eine Einführung in Hegel. Anton Hain : Frankfurt am Main 1990. ISBN 3-445-06006-1.
Samstag, 30. Mai 2009
Umstülpung
Im Nachwort zur 2. Auflage des Ersten Bandes des KAPITAL sagt Marx, seine dialektische Methode sei das direkte Gegenteil derjenigen Hegels:
„Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“ (I:27)
Allerdings beansprucht Marx, Hegels Dialektik nicht einfach abstrakt negiert, d. h. als widerlegt und erledigt in den Müll geworfen zu haben, sondern er will sie im dialektischen Sinne "aufgehoben" haben.
„Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“ (I:27)
Obwohl Marx immer wieder auf Hegels Stellenwert für seine Arbeiten deutlich und ausdrücklich hinwiesen hat, ist von Ökonomen wie Joseph A. Schumpeter und Joan Robinson behauptet worden, Marxens explizit dialektische Darstellungsweise berühre die Sache nicht bzw. trage nichts zum Inhalt seiner theoretischen Analysen bei. Schumpeter konzediert immerhin einen Beitrag zur „Vision“ des Gesamten, d.h. vor-analytischen Anschauungsweise. Die Einschätzung der Dialektik als irrelevant für Marxens politische Ökonomie hängt damit zusammen, dass beide Interpreten das Marx-Werk bewusst oder unbewusst "ökonomistisch", d.h.unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen fachökonomischen Tradition lesen und somit in Marx, was das anbetrifft, kaum mehr als einen Schüler und Fortsetzer von Ricardo erblicken können. Dies setzte aber voraus, dass Marx in Problemstellung; Methoden von Forschung, Analyse und Darstellung; Wahl der Basiskategorien und ihrer logischen Verknüpfung von Ricardo nur unwesentlich abweichen würde. Das, darf man sagen, ist mitnichten der Fall (SCHMEE 2001); und sich dieser Diskrepanzen wie Robinson als „Metaphysik“ entledigen zu wollen, ist nicht nur Positivismus reinsten (unkritischen) Wassers, sondern von Grund auf unseriös.
So schrieb bei Gelegenheit des Erscheinens einer kritischen Rezension des KAPITAL durch Eugen Dühring Karl Marx am 6. März 1868 aus London an seinen Freund Kugelmann:
"Der sonderbar verlegene Ton des Herrn Dühring in seiner Kritik ist mir jetzt klar. Dieser ist nämlich ein sonst sehr vorlauter schnoddriger Knabe, der sich als Revolutionär in der politischen Ökonomie aufwirft. Er hatte zweierlei getan. Erstens (von Carey ausgehend) eine "Kritische Grundlegung der Nationalökonomie" (about 500 pages) und eine neue "Natürliche Dialektik" (gegen die Hegelsche) veröffentlicht. Mein Buch hat ihn nach beiden Seiten hin beerdigt. Aus Haß gegen die Roscher etc. hat er es angezeigt. Übrigens begeht er halb aus Absicht, halb aus Mangel an Einsicht Betrügereien. Er weiß sehr wohl, daß meine Entwicklungsmethode nicht die Hegelsche ist, da ich Materialist, Hegel Idealist. Hegels Dialektik ist die Grundform aller Dialektik, aber nur nach Abstreifung ihrer mystischen Form, und dies gerade unterscheidet meine Methode. Quant à Ricardo, so hat das den Herrn Dühring grade gekränkt, daß bei meiner Darstellung die schwachen Punkte, die Carey und 100 andere vor ihm gegen Ricardo geltend machen, nicht existieren. Er sucht mir daher mit mauvaise foi die Ricardoschen Borniertheiten aufzubürden. But never mind. Ich muß dem Manne dankbar sein, da er der erste Fachmann ist, der überhaupt gesprochen hat." (Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Verlag JHW Dietz Nachf. Berlin)
BECKER (1972) hinwieder sucht Marx beim Wort zu nehmen, dies aber, um über den logischen Nachweis der Irrationalität von Hegels Dialektik auch Marxens Theorie zu destruieren. Wer gemäß der Katastrophentheorie der Kontradiktion ein Theoriegebäude destruieren will, muss eine logisch geschlossene, um nicht mit Kant zu sagen: "dogmatische" Konstruktion voraussetzen. Abgesehen aber davon, dass in den Wissenschaften keinerlei endgültigen Widerlegungen einer Theorie möglich sind - noch weniger einer Problemstellung oder eines Forschungsprogramms (1)-, so setzt Beckers Widerlegungsstrategie voraus, dass ihm der Nachweis der logischen Inkonsistenz der Dialektik gelungen sei. Da ein gelingender Nachweis hinwieder eine überzeugende Rekonstruktion der Dialektik Hegels und Marxens voraussetzt, darf man wohl sagen, dass wir auch heute noch von diesem Ziel meilenweit entfernt sind. So hält HORSTMANN (1990:9) es für geradezu kurios, dass Hegels Philosophie bis heute einerseits als unzugänglich gilt, andererseits als wegweisend gehalten und in Einzelheiten als Zitatenschatz herhalten muss.
Das näher zu ergründen, fällt zusammen mit dem Forschungsprogramm vieler Marxisten. FRITSCH (1968:24) oder ZELENY (1968:11) halten wie Becker dafür, dass Marxens Vorgehen ohne seine Hegel-Kritik nicht zu begreifen sei, und bestreben sich, die dadurch gestellte Interpretationsaufgabe zu bewältigen. "Man kann das 'Kapital' von Marx und besonders das erste Kapitel nicht vollkommen begreifen, wenn man nicht die ganze 'Logik' Hegels durchstudiert und begriffen hat. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert keiner der Marxisten Marx begriffen."(LENIN 1954:99) Für BACKHAUS (1974:67) ist diese so von Lenin aufgestellte, bislang unerfüllte Anforderung noch keine hinreichende Bedingung. Auch ein Hegel-Kenner müsste erst noch die materialistische "Umstülpung" Hegels verstehend nachvollziehen.
ALTHUSSER (1962) müht sich ab, Marxens Metaphern „Umstülpung“ und „von der Hülle befreien“ zu interpretieren. Die Gefahr liegt nahe, in der methodologischen Reflexion dieser Metaphern allzu lange bei dem gebrauchten Bilde zu verweilen und sich dadurch gefangen nehmen zu lassen.
“We cannot go on reiterating indefinitely approximations such as the difference between system and method, the inversion of philosophy or dialectic, the extraction of the ‘rational kernel’, and so on, without letting these formulae think for us, that is, stop thinking ourselves and trust ourselves to the magic of a number of completely devalued words for our completion of Marx’s work.” (ALTHUSSER 1962)
Man kann Marxens Dialektik als theoretische Forschungsweise am besten als praktizierter Theorievergleich deuten, worauf ja schon der Titel „Kritik der politischen Ökonomie“ explizit hinweist.(2) Das heißt, man muss also den Diskurs-Kontext der von Marx gebrauchten Begriffe aufsuchen und ganz praktisch fragen, mit welchen Alternativtheorien bzw. Theorie-Vorgängern er sich auseinandergesetzt hat. Und man braucht hier auch nicht weit zu suchen, da Marx hieraus ja keine Geheimnisse gemacht hat. So ist die „Umstülpung“ wohl eine Anspielung auf Ludwig Feuerbachs Religionskritik. Bekanntlich läuft diese in ihrem Kern darauf hinaus, dass die Theologie (und damit verbunden die idealistische Philosophie eines Hegel) die irdischen Verhältnisse in den Himmel verlege bzw. auf Gott projiziere. Er macht diesen uralten Anthropomorphismus geltend: Die Menschen machen ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde. An ihren jeweiligen Göttern kann man also die spezielle Sorte Mensch (bzw. Gesellschaft) erkennen. Um die schiefe Perspektive der Theologie bzw. der idealistischen Philosophie wieder gerade zu rücken, muss man den Mensch vom (theologischen bzw. spekulativ philosophierenden) Kopf wieder auf die Beine (d.h. auf die – durchaus irdische - Erde) stellen.
Hier setzt Marxens Übernahme der Metapher an, deren Anwendungsbereich er nur noch abzuändern hat.
"Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht." (Kapital, I:649)
Hegels Dialektik stelle nicht nur die realen Verhältnisse auf den Kopf, sondern ist als „falsches Bewusstsein“ ebenso auch reale Widerspiegelung „falscher“ Verhältnisse.
„Wenn Marx jedoch gegen die dialektischen Ableitungen Hegels einwendet, sie gingen nicht aus der Sache selbst hervor, sondern aus der vorausgesetzten Logik des Geistes, und wenn er die schon in der Dissertation anklingende Forderung wiederholt, die Logik, die Idee einer Sache aus ihr selbst zu entwickeln, dann bergen diese Bemerkungen ebensowohl eine gewisse Distanzierung von der Feuerbachschen Anthropologie des Menschengeschlechts wie den Keim zur späteren, durch die Kritik der politischen Ökonomie vermittelten Rückkehr zu Hegels ‚übergreifendem Subjekt‘. Marx wird einmal als falschen Schein einer falschen Wirklichkeit entlarven, was er hier noch als bloß philosophischen Schein denunziert; und bereits in der Dialektik der entfremdeten Arbeit, wie sie in den Pariser Manuskripten entworfen wird, erkennt Marx jenes abstrakt-allgemeine Subjekt wieder, das er in der Kritik des Hegelschen Staatsrechts als Mystifikation verwirft.“ (SCHÄFER 1968:939)
Der der von Hegel gepflegte Wertplatonismus ist womöglich eine unreelle Philosophie, aber in den Augen von Marx eine ausgezeichnet geeignete soziologische Theorie, die verdinglichte Strukturen der arbeitsteilig prozessierenden Tauschwirtschaft darzustellen und zu erklären. (Hans Albert lernte so etwas Ähnliches von Ernest Gellner.)
(1) "... die ganze Auffassungsweise von Marx ist nicht eine Doktrin, sondern eine Methode. Sie gibt keine fertigen Dogmen, sondern Anhaltspunkte zu weiterer Untersuchung und die Methode für diese Untersuchung." [Engels an Werner Sombart, 11. März 1895 (MEW 39:428)]
(2) "Was derselbe Lange über Hegelsche Methode und meine Anwendung derselben sagt, ist wahrhaft kindisch. Erstens versteht er rien von Hegels Methode und darum zweitens noch viel weniger von meiner kritischen Weise, sie anzuwenden. In einer Hinsicht erinnert er mich an Moses Mendelssohn. Dieser Urytp eines Seichbeutels schrieb nämlich an Lessing, wie es ihm einfallen könne, 'den toten Hund Spinoza' au sérieux zu nehmen! Ebenso wundert sich Herr Lange, daß Engels, ich usw. den toten Hund Hegel au sérieux nehmen, nachdem ja doch Büchner, Lange, Dr. Dühring, Fechner usw. längst begraben haben. Lange ist so naiv, zu sagen, daß ich mich in dem empirischen Stoff "mit seltener Freiheit bewege". Er hat keine Ahnung davon, daß diese 'freie Bewegung im Stoff' durchaus nichts andres als Paraphrase ist für die Methode, den Stoff zu behandeln - nämlich die dialektische Methode." (London, 27. Juni 1870)[Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Verlag JHW Dietz Nachf. Berlin]
== Literatur ==
Hans-Georg Backhaus: Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 1. es695 Frankfurt 1. Aufl. 1974. S. 52-77
W. I. Lenin: Aus dem philosophischen Nachlaß. Berlin 1954.
Louis Althusser: Contradiction and Overdetermination. Notes for an Investigation. Aus: For Marx. 1962
Werner Becker: Kritik der Marxschen Wertlehre – Die methodische Irrationalität der ökonomischen Basistheorien des 'Kapital‘. Hoffmann und Campe : Hamburg 1972
Bruno Fritsch: Die Geld- und Kredittheorie von Karl Marx. Frankfurt Berlin 1968
Rolf-Peter Horstmann: Wahrheit aus dem Begriff. Eine Einführung in Hegel. Anton Hain : Frankfurt am Main 1990. ISBN 3-445-06006-1.
Joan Robinson: An Essay on Marxian Economics. London 1942
Gert Schäfer: Zum Problem der Dialektik bei Karl Marx und W. I. Lenin. Studium Generale, 21, 1968, S. 934-962
Josef Schmee: Hans-Georg Backhaus: Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik. Aus: Die Arbeit. Das Monatsmagazin des GLB (Gewerkschaftlicher Linksblock im ÖGB, N° 9 / September 2001
Joseph A. Schumpeter: Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte. In: Grundriß der Sozialökonomik. Bd. I, Tübingen 1941
Jindrich Zeleny: Die Wissenschaftslogik bei Marx und ‚Das Kapital‘. Frankfurt Wien 1968
„Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“ (I:27)
Allerdings beansprucht Marx, Hegels Dialektik nicht einfach abstrakt negiert, d. h. als widerlegt und erledigt in den Müll geworfen zu haben, sondern er will sie im dialektischen Sinne "aufgehoben" haben.
„Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“ (I:27)
Obwohl Marx immer wieder auf Hegels Stellenwert für seine Arbeiten deutlich und ausdrücklich hinwiesen hat, ist von Ökonomen wie Joseph A. Schumpeter und Joan Robinson behauptet worden, Marxens explizit dialektische Darstellungsweise berühre die Sache nicht bzw. trage nichts zum Inhalt seiner theoretischen Analysen bei. Schumpeter konzediert immerhin einen Beitrag zur „Vision“ des Gesamten, d.h. vor-analytischen Anschauungsweise. Die Einschätzung der Dialektik als irrelevant für Marxens politische Ökonomie hängt damit zusammen, dass beide Interpreten das Marx-Werk bewusst oder unbewusst "ökonomistisch", d.h.unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen fachökonomischen Tradition lesen und somit in Marx, was das anbetrifft, kaum mehr als einen Schüler und Fortsetzer von Ricardo erblicken können. Dies setzte aber voraus, dass Marx in Problemstellung; Methoden von Forschung, Analyse und Darstellung; Wahl der Basiskategorien und ihrer logischen Verknüpfung von Ricardo nur unwesentlich abweichen würde. Das, darf man sagen, ist mitnichten der Fall (SCHMEE 2001); und sich dieser Diskrepanzen wie Robinson als „Metaphysik“ entledigen zu wollen, ist nicht nur Positivismus reinsten (unkritischen) Wassers, sondern von Grund auf unseriös.
So schrieb bei Gelegenheit des Erscheinens einer kritischen Rezension des KAPITAL durch Eugen Dühring Karl Marx am 6. März 1868 aus London an seinen Freund Kugelmann:
"Der sonderbar verlegene Ton des Herrn Dühring in seiner Kritik ist mir jetzt klar. Dieser ist nämlich ein sonst sehr vorlauter schnoddriger Knabe, der sich als Revolutionär in der politischen Ökonomie aufwirft. Er hatte zweierlei getan. Erstens (von Carey ausgehend) eine "Kritische Grundlegung der Nationalökonomie" (about 500 pages) und eine neue "Natürliche Dialektik" (gegen die Hegelsche) veröffentlicht. Mein Buch hat ihn nach beiden Seiten hin beerdigt. Aus Haß gegen die Roscher etc. hat er es angezeigt. Übrigens begeht er halb aus Absicht, halb aus Mangel an Einsicht Betrügereien. Er weiß sehr wohl, daß meine Entwicklungsmethode nicht die Hegelsche ist, da ich Materialist, Hegel Idealist. Hegels Dialektik ist die Grundform aller Dialektik, aber nur nach Abstreifung ihrer mystischen Form, und dies gerade unterscheidet meine Methode. Quant à Ricardo, so hat das den Herrn Dühring grade gekränkt, daß bei meiner Darstellung die schwachen Punkte, die Carey und 100 andere vor ihm gegen Ricardo geltend machen, nicht existieren. Er sucht mir daher mit mauvaise foi die Ricardoschen Borniertheiten aufzubürden. But never mind. Ich muß dem Manne dankbar sein, da er der erste Fachmann ist, der überhaupt gesprochen hat." (Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Verlag JHW Dietz Nachf. Berlin)
BECKER (1972) hinwieder sucht Marx beim Wort zu nehmen, dies aber, um über den logischen Nachweis der Irrationalität von Hegels Dialektik auch Marxens Theorie zu destruieren. Wer gemäß der Katastrophentheorie der Kontradiktion ein Theoriegebäude destruieren will, muss eine logisch geschlossene, um nicht mit Kant zu sagen: "dogmatische" Konstruktion voraussetzen. Abgesehen aber davon, dass in den Wissenschaften keinerlei endgültigen Widerlegungen einer Theorie möglich sind - noch weniger einer Problemstellung oder eines Forschungsprogramms (1)-, so setzt Beckers Widerlegungsstrategie voraus, dass ihm der Nachweis der logischen Inkonsistenz der Dialektik gelungen sei. Da ein gelingender Nachweis hinwieder eine überzeugende Rekonstruktion der Dialektik Hegels und Marxens voraussetzt, darf man wohl sagen, dass wir auch heute noch von diesem Ziel meilenweit entfernt sind. So hält HORSTMANN (1990:9) es für geradezu kurios, dass Hegels Philosophie bis heute einerseits als unzugänglich gilt, andererseits als wegweisend gehalten und in Einzelheiten als Zitatenschatz herhalten muss.
Das näher zu ergründen, fällt zusammen mit dem Forschungsprogramm vieler Marxisten. FRITSCH (1968:24) oder ZELENY (1968:11) halten wie Becker dafür, dass Marxens Vorgehen ohne seine Hegel-Kritik nicht zu begreifen sei, und bestreben sich, die dadurch gestellte Interpretationsaufgabe zu bewältigen. "Man kann das 'Kapital' von Marx und besonders das erste Kapitel nicht vollkommen begreifen, wenn man nicht die ganze 'Logik' Hegels durchstudiert und begriffen hat. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert keiner der Marxisten Marx begriffen."(LENIN 1954:99) Für BACKHAUS (1974:67) ist diese so von Lenin aufgestellte, bislang unerfüllte Anforderung noch keine hinreichende Bedingung. Auch ein Hegel-Kenner müsste erst noch die materialistische "Umstülpung" Hegels verstehend nachvollziehen.
ALTHUSSER (1962) müht sich ab, Marxens Metaphern „Umstülpung“ und „von der Hülle befreien“ zu interpretieren. Die Gefahr liegt nahe, in der methodologischen Reflexion dieser Metaphern allzu lange bei dem gebrauchten Bilde zu verweilen und sich dadurch gefangen nehmen zu lassen.
“We cannot go on reiterating indefinitely approximations such as the difference between system and method, the inversion of philosophy or dialectic, the extraction of the ‘rational kernel’, and so on, without letting these formulae think for us, that is, stop thinking ourselves and trust ourselves to the magic of a number of completely devalued words for our completion of Marx’s work.” (ALTHUSSER 1962)
Man kann Marxens Dialektik als theoretische Forschungsweise am besten als praktizierter Theorievergleich deuten, worauf ja schon der Titel „Kritik der politischen Ökonomie“ explizit hinweist.(2) Das heißt, man muss also den Diskurs-Kontext der von Marx gebrauchten Begriffe aufsuchen und ganz praktisch fragen, mit welchen Alternativtheorien bzw. Theorie-Vorgängern er sich auseinandergesetzt hat. Und man braucht hier auch nicht weit zu suchen, da Marx hieraus ja keine Geheimnisse gemacht hat. So ist die „Umstülpung“ wohl eine Anspielung auf Ludwig Feuerbachs Religionskritik. Bekanntlich läuft diese in ihrem Kern darauf hinaus, dass die Theologie (und damit verbunden die idealistische Philosophie eines Hegel) die irdischen Verhältnisse in den Himmel verlege bzw. auf Gott projiziere. Er macht diesen uralten Anthropomorphismus geltend: Die Menschen machen ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde. An ihren jeweiligen Göttern kann man also die spezielle Sorte Mensch (bzw. Gesellschaft) erkennen. Um die schiefe Perspektive der Theologie bzw. der idealistischen Philosophie wieder gerade zu rücken, muss man den Mensch vom (theologischen bzw. spekulativ philosophierenden) Kopf wieder auf die Beine (d.h. auf die – durchaus irdische - Erde) stellen.
Hier setzt Marxens Übernahme der Metapher an, deren Anwendungsbereich er nur noch abzuändern hat.
"Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht." (Kapital, I:649)
Hegels Dialektik stelle nicht nur die realen Verhältnisse auf den Kopf, sondern ist als „falsches Bewusstsein“ ebenso auch reale Widerspiegelung „falscher“ Verhältnisse.
„Wenn Marx jedoch gegen die dialektischen Ableitungen Hegels einwendet, sie gingen nicht aus der Sache selbst hervor, sondern aus der vorausgesetzten Logik des Geistes, und wenn er die schon in der Dissertation anklingende Forderung wiederholt, die Logik, die Idee einer Sache aus ihr selbst zu entwickeln, dann bergen diese Bemerkungen ebensowohl eine gewisse Distanzierung von der Feuerbachschen Anthropologie des Menschengeschlechts wie den Keim zur späteren, durch die Kritik der politischen Ökonomie vermittelten Rückkehr zu Hegels ‚übergreifendem Subjekt‘. Marx wird einmal als falschen Schein einer falschen Wirklichkeit entlarven, was er hier noch als bloß philosophischen Schein denunziert; und bereits in der Dialektik der entfremdeten Arbeit, wie sie in den Pariser Manuskripten entworfen wird, erkennt Marx jenes abstrakt-allgemeine Subjekt wieder, das er in der Kritik des Hegelschen Staatsrechts als Mystifikation verwirft.“ (SCHÄFER 1968:939)
Der der von Hegel gepflegte Wertplatonismus ist womöglich eine unreelle Philosophie, aber in den Augen von Marx eine ausgezeichnet geeignete soziologische Theorie, die verdinglichte Strukturen der arbeitsteilig prozessierenden Tauschwirtschaft darzustellen und zu erklären. (Hans Albert lernte so etwas Ähnliches von Ernest Gellner.)
(1) "... die ganze Auffassungsweise von Marx ist nicht eine Doktrin, sondern eine Methode. Sie gibt keine fertigen Dogmen, sondern Anhaltspunkte zu weiterer Untersuchung und die Methode für diese Untersuchung." [Engels an Werner Sombart, 11. März 1895 (MEW 39:428)]
(2) "Was derselbe Lange über Hegelsche Methode und meine Anwendung derselben sagt, ist wahrhaft kindisch. Erstens versteht er rien von Hegels Methode und darum zweitens noch viel weniger von meiner kritischen Weise, sie anzuwenden. In einer Hinsicht erinnert er mich an Moses Mendelssohn. Dieser Urytp eines Seichbeutels schrieb nämlich an Lessing, wie es ihm einfallen könne, 'den toten Hund Spinoza' au sérieux zu nehmen! Ebenso wundert sich Herr Lange, daß Engels, ich usw. den toten Hund Hegel au sérieux nehmen, nachdem ja doch Büchner, Lange, Dr. Dühring, Fechner usw. längst begraben haben. Lange ist so naiv, zu sagen, daß ich mich in dem empirischen Stoff "mit seltener Freiheit bewege". Er hat keine Ahnung davon, daß diese 'freie Bewegung im Stoff' durchaus nichts andres als Paraphrase ist für die Methode, den Stoff zu behandeln - nämlich die dialektische Methode." (London, 27. Juni 1870)[Karl Marx: Briefe an Kugelmann. Verlag JHW Dietz Nachf. Berlin]
== Literatur ==
Hans-Georg Backhaus: Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 1. es695 Frankfurt 1. Aufl. 1974. S. 52-77
W. I. Lenin: Aus dem philosophischen Nachlaß. Berlin 1954.
Louis Althusser: Contradiction and Overdetermination. Notes for an Investigation. Aus: For Marx. 1962
Werner Becker: Kritik der Marxschen Wertlehre – Die methodische Irrationalität der ökonomischen Basistheorien des 'Kapital‘. Hoffmann und Campe : Hamburg 1972
Bruno Fritsch: Die Geld- und Kredittheorie von Karl Marx. Frankfurt Berlin 1968
Rolf-Peter Horstmann: Wahrheit aus dem Begriff. Eine Einführung in Hegel. Anton Hain : Frankfurt am Main 1990. ISBN 3-445-06006-1.
Joan Robinson: An Essay on Marxian Economics. London 1942
Gert Schäfer: Zum Problem der Dialektik bei Karl Marx und W. I. Lenin. Studium Generale, 21, 1968, S. 934-962
Josef Schmee: Hans-Georg Backhaus: Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik. Aus: Die Arbeit. Das Monatsmagazin des GLB (Gewerkschaftlicher Linksblock im ÖGB, N° 9 / September 2001
Joseph A. Schumpeter: Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte. In: Grundriß der Sozialökonomik. Bd. I, Tübingen 1941
Jindrich Zeleny: Die Wissenschaftslogik bei Marx und ‚Das Kapital‘. Frankfurt Wien 1968
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