Der Begriff „Refeudalisierung“ wird auf Jürgen Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit (Habermas [1962]1990) zurückgeführt.
In seiner gesellschaftstheoretischen Zwischenbilanz zur Krise des Finanzmarktkapitalismus greift Sighard Neckel (2010, S. 7.) den Begriff auf, um Prozesse der Refeudalisierung auf dreierlei Ebenen zu analysieren:
1) in normativer Hinsicht, d. h. in Bezug auf die Rechtfertigungsordnung des Finanzmarktkapitalismus;
2) in Hinsicht auf die Organisation wirtschaftlicher Prozesse und den Status der auf den Finanzmärkten vorherrschenden ökonomischen Führungsgruppen;
3) in Bezug auf die Sozialstruktur, d. h. einer Verwandlung sozialer Ungleichheit, welche deutliche Anzeichen von Feudalisierung erkennen lässt.
1) In normativer Hinsicht, d. h. in Bezug auf die Rechtfertigungsordnung des Finanzmarktkapitalismus: Die Refeudalisierung der Werte – von Leistung zu Erfolg
Der „Geist des Kapitalismus“ bzw. die protestantische Ethik (Max Weber), verbunden mit Bedürfnisaufschub und langfristiger Orientierung (Sparkapitalismus) wurde im Finanzkapitalismus ersetzt durch die Kultur des Erfolgs um jeden Preis, verbunden mit persönlichem Status und demonstrativem Konsum. Der Begriff der Leistungsgesellschaft wird ad acta gelegt. Man spricht lieber von „Selbstverantwortung“ und „Eigeninitiative“ und meint damit den persönlichen Leistungen nicht zurechenbaren unmittelbaren direkten Erfolg. Gehälter und Boni seien Preise, die durch Knappheit bestimmt seien, nicht durch Leistungsgerechtigkeit (also wie bei einem Popstar). Damit sind Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft Gegensätze geworden; sie bedingen sich nicht mehr gegenseitig. In der Bewunderung des demonstrativ zur Schau gestellten Luxuskonsums treffen sich hingegen die Wertvorstellungen der untersten und der obersten Schichten.
2) In Hinblick auf die Organisation wirtschaftlicher Prozesse und den Status der auf den Finanzmärkten vorherrschenden ökonomischen Führungsgruppen: Refeudalisierung der Wirtschaftsorganisation – die Millionenfürsten
Die moderne Gesellschaft kennt ihrem Selbstverständnis nach keine Standesprivilegien. Statusunterschiede seien ausschließlich durch Leistungsunterschiede legitimiert. Die neue Managerklasse, die für den Shareholder Value die notwendigen Dienstleistungen erbringt, wird dafür mit „fiskalischen Pfründen“ entgolten; die Bonuszahlungen kommen faktisch dem Bezug von Renten gleich. Ganz anders als der schumpetersche Unternehmer, der „Pionier sozialer und politischer Revolutionen“, agiert der moderne Manager als ein „Eigentümer ohne Risiko“, der keine Schranken in der Verfolgung seiner eigennützigen Ziele kennt und erbarmungslos die Moral Hazards ausnutzt. Wie die Abfolge der Börsencrashs zeigt, kann die Finanzwirtschaft fast reibungslos ihre eigenen Risiken externalisieren, denn die Bankenrettungen bezahlen ja die Steuerbürger – der Neoliberalismus lebt auf Kosten staatlich garantierter Sicherheit.
3) In Bezug auf die Sozialstruktur, d. h. einer Verwandlung sozialer Ungleichheit, welche deutliche Anzeichen von Feudalisierung erkennen lässt.
Die geläufige Annahme, dass dem Kapitalismus die bürgerliche Lebensform entspricht, wird durch die Globalisierung der Märkte zunehmend widerlegt. Der refeudalisierte Kapitalismus der Gegenwart ist am besten als eine Paradoxie kapitalistischer Modernisierung zu begreifen. Denn derselbe Prozess wirtschaftlicher Entwicklung, der den Reichtum immens anwachsen lässt, schließt immer größere Teile der Bevölkerung von diesem aus. Damit werden soziale Formen der Verteilung von Einkommen, Macht und Anerkennung etabliert, die den ursprünglich vormodernen Mustern der sozialen Ordnung ähneln. Dies zeigt sich in der Privatisierung vormals öffentlicher Güter, in der Vermarktlichung von ökonomischen Beziehungen und der oligopolistischen Vermachtung von Unternehmensstrukturen. Wie in Habermas‘ Analyse der bürgerlichen Öffentlichkeit ist ein Zusammenbruch der Trennung der Sphären von Staat und bürgerlicher Gesellschaft festzustellen. In der Krise zeigt sich die Verstaatlichung der Ökonomie, der die Ökonomisierung des Staates im Gleichschritt begleitet.
Die Refeudalisierung der Sozialstruktur zeigt sich in der Wiederkehr der sozialen Dichotomien. Charakteristisch hierfür ist die Polarisierung und Verfestigung der Unterschiede zwischen entrückten Eliten und dem Prekariat der untersten Schichten. Der Zunahme des Armutsrisikos entspricht die Abnahme sozialer Aufstiegsmobilität. In der obersten Schicht herrscht Abschottung durch Selbstrekrutierung, insbesondere durch die soziale Chancenungleichheit im Bildungswesen. Soziale Ungleichheit bedeutet heutzutage nicht mehr ein System nach Status und Leistung differenzierter sozialer Schichtung, sondern eine Dichotomie von Inklusion und Exklusion, das zu einem stationären Modell mutiert ist. Wenig verwunderlich ist dann, dass der aristokratische Lebensstil in den Medien wieder als zeitgemäß hingestellt wird.
Quelle:
Sighard Neckel: Refeudalisierung der Ökonomie: Zum Strukturwandel kapitalistischer Wirtschaft. MPIfG Working Paper 10 /6. Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln. Juli 2010. ISSN 1864-4341 (Print); ISSN 1864-4333 (Internet).
http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp10-6.pdf
Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990 [1962].
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Sonntag, 29. August 2010
Donnerstag, 12. August 2010
Rheinischer Kapitalismus kontra Kasino-Kapitalismus
Michel Albert: Capitalisme contre capitalisme. Éd. du Seuil Paris VIe 1991. ISBN 2-02-013207-9.
Michel Albert war Commisaire général au Plan und Präsident der Assurances générales de France (AGF) und vergleicht in seinem Buch den rheinischen Kapitalismus mit dem neo-amerikanischen Kasino-Kapitalismus [l’économie-casino].
Die Konkurrenz dieser beiden Kapitalismusmodelle sei historisch gesehen die Ablösung der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Der Kasino-Kapitalismus sei dabei, den rheinischen Kapitalismus weltweit zu überrunden, obwohl der rheinische Kapitalismus der ökonomisch effizientere und sozial verträglichere sei.
Wikipedia.de spricht anstatt von “Kasino-Kapitalismus” bzw. "l’économie-casino" von einem “neo-liberalen Modell”. Diese Wortwahl ist bei Albert nicht zu finden und daher nicht authentisch.
Auch unter dem Stichwort “Rheinischer Kapitalismus” ist auf Wikipedia.de eine ideologische Herleitung herausgestellt:
Bei Albert lassen sich zwar gewiss auch Anspielungen auf die betreffenden Ideologien finden. Die historische Entstehung der Kapitalismusmodelle selbst wird von ihm jedoch nicht durch regierungsseitig planmäßig umgesetzte Ideologien erklärt. Die Erklärung von gesellschaftlichem Wandel durch den Wandel von Ideen bzw. Ideologien blieb deutschem Idealismus vorbehalten und wäre etwa gemäß Pareto als Ein-Faktor-Theorie zu verdammen.
Der Kasino-Kapitalismus setzt auf kurzfristige Profite und opfert dafür die Zukunft auf, d.h. er ist nicht nachhaltig, was die Infrastruktur, ... usw. angeht.
Die Börse hat die Industrie abgelöst. Der Kasino-Kapitalismus ist somit gegen den Industrie-Kapitalismus der alten Sorte gerichtet, richtet ihn geradezu zugrunde.
Da sich Karikaturen mit ihren idealtypischen Verzerrungen stets besser einprägen, bestimmen weltweit die Auswüchse des Kasino-Kapitalismus das Bild des zeitgenössischen Kapitalismus. Der Rheinische Kapitalismus hingegen steht kaum im Rampenlicht oder gilt dabei gar eher als Abweichung vom mustergültigen Modell des Kapitalismus.
Jean-Claude Juncker, Discours à l'occasion de la Petersberger Convention, Bonn. 12.03.2010.
Michel Albert war Commisaire général au Plan und Präsident der Assurances générales de France (AGF) und vergleicht in seinem Buch den rheinischen Kapitalismus mit dem neo-amerikanischen Kasino-Kapitalismus [l’économie-casino].
Die Konkurrenz dieser beiden Kapitalismusmodelle sei historisch gesehen die Ablösung der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Der Kasino-Kapitalismus sei dabei, den rheinischen Kapitalismus weltweit zu überrunden, obwohl der rheinische Kapitalismus der ökonomisch effizientere und sozial verträglichere sei.
Wikipedia.de spricht anstatt von “Kasino-Kapitalismus” bzw. "l’économie-casino" von einem “neo-liberalen Modell”. Diese Wortwahl ist bei Albert nicht zu finden und daher nicht authentisch.
Auch unter dem Stichwort “Rheinischer Kapitalismus” ist auf Wikipedia.de eine ideologische Herleitung herausgestellt:
"dem „neo-amerikanischen“ Modell der kapitalistischen Marktwirtschaft gegenüber, das von den Regierungen Ronald Reagans und Margaret Thatchers umgesetzt wurde. Während diese mehr vom Gedankengut Friedrich von Hayeks und Milton Friedmans geprägt sei, besitze laut Albert der Rheinische Kapitalismus, insbesondere in seiner deutschen Version der Sozialen Marktwirtschaft, sozialstaatliche Einrichtungen."
Bei Albert lassen sich zwar gewiss auch Anspielungen auf die betreffenden Ideologien finden. Die historische Entstehung der Kapitalismusmodelle selbst wird von ihm jedoch nicht durch regierungsseitig planmäßig umgesetzte Ideologien erklärt. Die Erklärung von gesellschaftlichem Wandel durch den Wandel von Ideen bzw. Ideologien blieb deutschem Idealismus vorbehalten und wäre etwa gemäß Pareto als Ein-Faktor-Theorie zu verdammen.
"Depuis cette époque, on a de plus en plus sacrifié l’avenir au présent, le long terme au court terme. Il est plaisant de voir que même un homme comme Carl Icahn est forcé d’en convenir. Carl Icahn, le pionnier des raiders qui a racheté TWA, condamne en effet l’atmosphère de casino de l`économie américaine qui vit au-dessus de ses moyens. “L’infrastructure tombe en ruine, dit-il, on ne construit plus, on n’entretient plus.” Et Icahn de comparer les États-Unis à une ferme où la première génération a planté, la deuxième a récolté et la troisième voit arriver l’huissier qui vient saisir la ferme. Ce qui commence se passer pour l’Amérique avec les Japonais. La qualité de production et du savoir-faire, elle aussi, est en régression relative." (S. 65f)
Der Kasino-Kapitalismus setzt auf kurzfristige Profite und opfert dafür die Zukunft auf, d.h. er ist nicht nachhaltig, was die Infrastruktur, ... usw. angeht.
"D’une facon générale, la fascination pour la Bourse, l’économié spéculative et les profits miracles qui a marqué les années quatre-vingt a donc joué contre l’industrie. Il est vrai qu’à l’époque des jeunes golden boys multimillionaires, à l’heure de l’économie-casino, les jeunes diplomés américains arrivant sur le marché de travail n’étaient guère incités à choisir la voie rude, fatigante et austère de la production industrielle. La caricature boursière de capitalisme s'est donc bel et bien retourné contre le capitalisme lui-même. Et, pendant que la finance occupait tous les esprits, l’industrie périclait."(S. 68)
Die Börse hat die Industrie abgelöst. Der Kasino-Kapitalismus ist somit gegen den Industrie-Kapitalismus der alten Sorte gerichtet, richtet ihn geradezu zugrunde.
"En économie comme ailleurs, les caricatures se retiennent mieux que les portraits fouillés; les outrances forcent mieux l’attention que les nuances. En un mot, les paillettes et les empoignades boursières de l’économie-casino sont plus célèbres à travers le monde que le subtils équilibres de la Sozialmarktwirtschaft (économie sociale de marché) allemande." (S. 117)"
Da sich Karikaturen mit ihren idealtypischen Verzerrungen stets besser einprägen, bestimmen weltweit die Auswüchse des Kasino-Kapitalismus das Bild des zeitgenössischen Kapitalismus. Der Rheinische Kapitalismus hingegen steht kaum im Rampenlicht oder gilt dabei gar eher als Abweichung vom mustergültigen Modell des Kapitalismus.
"Ich kann auch Michel Albert nur empfehlen, weil es der Ständige Sekretär der französischen Akademie der Moral- und Politikwissenschaften ist. Die hat insofern Bedeutung als ich da Mitglied bin und der Papst auch."
Jean-Claude Juncker, Discours à l'occasion de la Petersberger Convention, Bonn. 12.03.2010.
Donnerstag, 11. Juni 2009
Wohin poppt der deutsche Kapitalismus?
Während uns wikipedia.de nach Gabler-Lexikon belehrt, dass Kapitalismus eine "Ordnung", also das Gegenteil von Unordnung sei (bzw. das einzige Unordentliche daran sei, dass dies unschuldige Wort in Deutschland einen negativen Wertakzent besitze), und die deutschen Ökonomen nach dem Motto: "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" abwarten, dass die Realität endlich mal wieder mit ihren Modellen einigermaßen übereinzustimmen vermöge - da kann man ja mal auf den Gedanken kommen, nachzusehen, was sich zum Thema "krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus" bei den angestellten Kapitalismusforschern so getan hat. Sie haben Deutschland und Japan miteinander verglichen und herausgefunden, dass sie so auf ganz andere und je besondere Art kapitalistisch wären als die USA.
In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts befanden sich Deutschland und Japan im wirtschaftlichen Aufwind, während Großbritannien und die USA zusehends in der wirtschaftlichen Entwicklung an Fahrt verloren. Nach 1995 kehrte sich die Reihenfolge um. In der Sozialwissenschaft wurden Ansätze gesucht, die divergierende Wirtschaftsentwicklung zu erklären. Dazu wurden die Unterschiede in den einzelnen Kapitalismusmodellen betrachtet. Großbritannien und insbesondere die USA gelten als Standardmodell des "liberalen Kapitalismus"; Japan und Deutschland abweichend davon als "nicht liberaler Kapitalismus". Man bezieht sich hierbei auf die institutionelle Einbettung oder das Ausmaß der Regulierung von Markttransaktionen. Von "Einbettung" wird gesprochen, wenn Markttransaktionen nicht ökonomischen Zwecken dienen oder durch nicht ökonomische soziale Bindungen unterstützt werden (STREECK 2001).
So verwies ALBERT (1993) auf das Modell des rheinischen Kapitalismus, welcher die Fähigkeit besitze, soziale Bindungen zu mobilisieren, eine Nicht-Wettbewerbs-Kooperation zusammen mit kollektiven Verpflichtungen zu erreichen. Im Gegensatz zum individualistischen Konkurrenzkapitalismus, der hohe Transaktionskosten mit sich bringt, weil die moralische Infrastruktur erodiert. Die Kontrolle von Märkten sei schon aus Effizienzgründen gefordert, weil sie unkontrolliert zu hohe Kosten verursachten (''economies of cooperation'': Good Will, x-Effizienz (LEIBENSTEIN 1976). AOKI (1994) hob für Japan und Deutschland die relativ große Bedeutung der Langzeitbeschäftigung und von "geduldigem Kapital" hervor, einher gingen damit eine verminderte Zirkulationsgeschwindigkeit von Kapital und Arbeit sowie eine geringere Rate des Ausscheidens von Unternehmen aus dem Wettbewerb. Dies habe damit zu tun, welche Nische auf dem Weltmarkt von den jeweiligen Volkswirtschaften erobert wurde: Japan die flexible Massenproduktion; Deutschland die diversifizierte Qualitätsproduktion.
STREECK/YAMAMURA (2001) geht dann folgenden Fragen nach:
Wie und warum ist nicht liberaler Kapitalismus entstanden?
Welche Modellunterschiede gibt es zwischen Deutschland und Japan, wie hoch ist die Variabilität, welches Repertoire an Möglichkeiten besitzt ein jedes?
Wie hoch ist die innere Kohärenz der Systemelemente?
Das zur Analyse verwendete Modell institutionellen Wandels geht davon aus: Wandel ist zum Teil kontinuierlich und pfadabhängig, zu bestimmten Zeitpunkten durch exogene (mehr oder minder) zufällige Schocks verursacht (STREECK 2001:8; HOLLINGSWORTH 1967:267). Die Wirtschaftsgeschichte (DAVID 1985; NORTH 1990:100) stellt hierzu fest: ''History matters!'' Die sog. "Lock-in"-Effekte von einmal implementierten Entscheidungen reduzieren den Optionsraum für Alternativen in der darauffolgenden Zukunft.
Nach der Analyse von LEHMBRUCH (2001) unterhalten Gesellschaften meist mehrere einander widersprechende Diskurse, von denen ein jeder nach Hegemonie strebt. Nachdem ein Diskurs vorherrschend geworden ist, werden seiner Logik entsprechend Institutionen geschaffen, die institutionelle Alternativen ausschließen und im Krisenfall Lösungsmöglichkeiten aus dem Bereich des vorherrschenden Diskurses denkbar erscheinen lassen, normativ legitimieren und technisch durchführbar machen.
Die theoretische Analyse von Struktur vs. Akteur wird von WEIK (2006) auf Giddens und Bourdieu zurückgeführt.
== Literaturverzeichnis ==
Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Masahiko Aoki: The Japanese Firm as a System of Attributes. In: Masahiko Aoki, Ronald Dore, (Hg.): The Japanese Firm: Sources of Competitive Strength. Oxford University Press 1994.
Wolfgang Streeck: Introduction: Explorations into the Origins of Nonliberal Capitalism in Germany and Japan. S. 1 ff. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Michel Albert: Capitalism vs. Capitalism: How America's Obsession with Individual Achievement and Short-Term Profit Has Led It to the Brink of Collapse. New York : Four Walls Eight Windows.
J. Rogers Hollingsworth: Continuities and Changes in Social Systems of Productions: The Cases of Japan, Germany, and the United States. In: J. Rogers Hollingsworth, Robert Boyer, (Hg.): Contemporary Capitalism: The Embeddedness of Institutions. Cambridge University Press 1997.
Harvey Leibenstein: Beyond Economic Man: A New Foundation for Microeconomics. Harvard University Press : Cambridge, Mass. 1976
Paul A. David: Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review 1985. Papers and Proceedings 75:332-37.
Douglass C. North: Institutions, Institutional Change, and Economic Performance. Cambridge University Press 1990.
Gerhard Lehmbruch: The Institutional Embedding of Market Economies: The German 'Model' and its Impact on Japan. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura, (Hg.): The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5. S. 39 ff.
Elke Weik: WORKING RELATIONSHIPS. A META-VIEW ON STRUCTURE AND AGENCY Theory & Science (2006). ISSN: 1527-5558
In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts befanden sich Deutschland und Japan im wirtschaftlichen Aufwind, während Großbritannien und die USA zusehends in der wirtschaftlichen Entwicklung an Fahrt verloren. Nach 1995 kehrte sich die Reihenfolge um. In der Sozialwissenschaft wurden Ansätze gesucht, die divergierende Wirtschaftsentwicklung zu erklären. Dazu wurden die Unterschiede in den einzelnen Kapitalismusmodellen betrachtet. Großbritannien und insbesondere die USA gelten als Standardmodell des "liberalen Kapitalismus"; Japan und Deutschland abweichend davon als "nicht liberaler Kapitalismus". Man bezieht sich hierbei auf die institutionelle Einbettung oder das Ausmaß der Regulierung von Markttransaktionen. Von "Einbettung" wird gesprochen, wenn Markttransaktionen nicht ökonomischen Zwecken dienen oder durch nicht ökonomische soziale Bindungen unterstützt werden (STREECK 2001).
So verwies ALBERT (1993) auf das Modell des rheinischen Kapitalismus, welcher die Fähigkeit besitze, soziale Bindungen zu mobilisieren, eine Nicht-Wettbewerbs-Kooperation zusammen mit kollektiven Verpflichtungen zu erreichen. Im Gegensatz zum individualistischen Konkurrenzkapitalismus, der hohe Transaktionskosten mit sich bringt, weil die moralische Infrastruktur erodiert. Die Kontrolle von Märkten sei schon aus Effizienzgründen gefordert, weil sie unkontrolliert zu hohe Kosten verursachten (''economies of cooperation'': Good Will, x-Effizienz (LEIBENSTEIN 1976). AOKI (1994) hob für Japan und Deutschland die relativ große Bedeutung der Langzeitbeschäftigung und von "geduldigem Kapital" hervor, einher gingen damit eine verminderte Zirkulationsgeschwindigkeit von Kapital und Arbeit sowie eine geringere Rate des Ausscheidens von Unternehmen aus dem Wettbewerb. Dies habe damit zu tun, welche Nische auf dem Weltmarkt von den jeweiligen Volkswirtschaften erobert wurde: Japan die flexible Massenproduktion; Deutschland die diversifizierte Qualitätsproduktion.
STREECK/YAMAMURA (2001) geht dann folgenden Fragen nach:
Wie und warum ist nicht liberaler Kapitalismus entstanden?
Welche Modellunterschiede gibt es zwischen Deutschland und Japan, wie hoch ist die Variabilität, welches Repertoire an Möglichkeiten besitzt ein jedes?
Wie hoch ist die innere Kohärenz der Systemelemente?
Das zur Analyse verwendete Modell institutionellen Wandels geht davon aus: Wandel ist zum Teil kontinuierlich und pfadabhängig, zu bestimmten Zeitpunkten durch exogene (mehr oder minder) zufällige Schocks verursacht (STREECK 2001:8; HOLLINGSWORTH 1967:267). Die Wirtschaftsgeschichte (DAVID 1985; NORTH 1990:100) stellt hierzu fest: ''History matters!'' Die sog. "Lock-in"-Effekte von einmal implementierten Entscheidungen reduzieren den Optionsraum für Alternativen in der darauffolgenden Zukunft.
Nach der Analyse von LEHMBRUCH (2001) unterhalten Gesellschaften meist mehrere einander widersprechende Diskurse, von denen ein jeder nach Hegemonie strebt. Nachdem ein Diskurs vorherrschend geworden ist, werden seiner Logik entsprechend Institutionen geschaffen, die institutionelle Alternativen ausschließen und im Krisenfall Lösungsmöglichkeiten aus dem Bereich des vorherrschenden Diskurses denkbar erscheinen lassen, normativ legitimieren und technisch durchführbar machen.
Die theoretische Analyse von Struktur vs. Akteur wird von WEIK (2006) auf Giddens und Bourdieu zurückgeführt.
== Literaturverzeichnis ==
Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Masahiko Aoki: The Japanese Firm as a System of Attributes. In: Masahiko Aoki, Ronald Dore, (Hg.): The Japanese Firm: Sources of Competitive Strength. Oxford University Press 1994.
Wolfgang Streeck: Introduction: Explorations into the Origins of Nonliberal Capitalism in Germany and Japan. S. 1 ff. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura: The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5.
Michel Albert: Capitalism vs. Capitalism: How America's Obsession with Individual Achievement and Short-Term Profit Has Led It to the Brink of Collapse. New York : Four Walls Eight Windows.
J. Rogers Hollingsworth: Continuities and Changes in Social Systems of Productions: The Cases of Japan, Germany, and the United States. In: J. Rogers Hollingsworth, Robert Boyer, (Hg.): Contemporary Capitalism: The Embeddedness of Institutions. Cambridge University Press 1997.
Harvey Leibenstein: Beyond Economic Man: A New Foundation for Microeconomics. Harvard University Press : Cambridge, Mass. 1976
Paul A. David: Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review 1985. Papers and Proceedings 75:332-37.
Douglass C. North: Institutions, Institutional Change, and Economic Performance. Cambridge University Press 1990.
Gerhard Lehmbruch: The Institutional Embedding of Market Economies: The German 'Model' and its Impact on Japan. In: Wolfgang Streeck, Kozo Yamamura, (Hg.): The Origins of Nonliberal Capitalism. Germany and Japan in Comparison. Cornell University Press : Ithaca and London 2001. ISBN 0-8014-3917-5. S. 39 ff.
Elke Weik: WORKING RELATIONSHIPS. A META-VIEW ON STRUCTURE AND AGENCY Theory & Science (2006). ISSN: 1527-5558
Samstag, 29. November 2008
Kapitalismus?
1.)
Wikipedia.de:
"Unter Kapitalismus wird eine Wirtschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum und Marktwirtschaft beruht. In der deutschen Wirtschaftswissenschaft wird statt des oft wertend gebrauchten Wortes weitgehend die Bezeichnung Marktwirtschaft synonym verwendet."
Wer sagt denn, dass "Marktwirtschaft" wertfrei sei?! Hängt die Wertung nicht von der Einstellung des jeweiligen Sprachbenutzers ab, also auf welche Weise dieser sich eines Begriffes bedient? (Dann dürfte man z.B. auch nicht von "Kriminalsoziologie" sprechen, denn "Verbrechen" ist sicherlich ein wertgeladener Begriff!)
Was hier vertuscht werden soll: Der Begriff ist insbesondere in Deutschland im politischen Diskurs einfach verpönt, nämlich ein "Unwort" (so etwa wie "Rezession" oder gar "Krise"). Ein um Ansehen bemühter "Wissenschaftler" benutzt derart marxistisch angehauchte Vokabeln einfach nicht. So zeigt sich wieder einmal die spezifische Provinzialität bzw. Borniertheit der "modernen" deutschen Sozialwissenschaft! Symptomatisch nur, dass das Wikipedia-Lemma sich auf ein Lexikon (Gabler) für Betriebswirte stützt.
Mein Vorschlag:
'''Kapitalismus''' bezeichnet eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform sowie die ihr zuzuordnende Geschichtsepoche, die wesentlich durch Kapitalrechnung (Max Weber) geprägt bzw. durch das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital (Marxismus) bestimmt ist.
2.)
Wikipedia.de:
"Die Charakteristiken des Kapitalismus als historischem Begriff werden unterschiedlich gesehen: Marxisten kennzeichnen diese historische Phase über die am Eigentum an den Produktionsmitteln ausgedrückten gesellschaftlichen Verhältnisse,..."
Das suggeriert, als ob Marxismus nichts weiter wäre als eine Art Geschichtsbetrachtung (demnach bestenfalls "materialistische Geschichtsauffassung").
Unterschlagen wird hierdurch der eminente Anspruch so gut wie fast aller Marxisten hin auf theoretische Erklärung, d.h. die Suche nach Gesetzmäßigkeiten, für eine bestimmte "Gesellschaftsformation". Was eine Art von Determinismus unumgänglich macht, welchen z. B. Karl Popper letztendlich, "Logik der Forschung" bzw. "empirische Wissenschaft" hin oder her, anscheinend nicht mehr gar für so entscheidend gehalten hatte!
[vgl. Herbert Keuth, Die Philosophie Karl Poppers, Tübingen 2000, UTB 2156, S. 309 ff.].
"Die kapitalistische Produktionsweise z. B. beruht darauf, daß die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, während die Masse nur Eigentümer der persönlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist."
(Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. II, Berlin 1968, S. 18)
"Das Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis."
(nicht bloß eine Ansammlung materieller Dinge oder aufgehäufte konkrete Arbeit,
sondern eine Summe von Tauschwerten, also gesellschaftlichen Größen!)
[Marx, Lohnarbeit und Kapital, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. I, Berlin 1968, S. 80f]
"Die einfache Warenproduktion der Handwerker und Bauern unterscheidet sich von der kapitalistischen Produktion dadurch, daß sie auf der persönlichen Arbeit des Warenproduzenten beruht."
[Politische Ökonomie. Ein Lehrbuch, (Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Institut für Ökonomie, aus dem Russ.), Düsseldorf 1955, S. 81]
3.)
Wikipedia.de:
"Die neoliberale Ordnungstheorie Walter Euckens sucht die Einteilung von Wirtschaftssystemen in sozialistisch und kapitalistisch entbehrlich zu machen, indem sie die Ordnungsformen Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft unterscheidet."
Eucken selbst hat die Bezeichnung "neoliberal" abgelehnt (siehe Anhang zu seiner "Wirtschaftspolitik"). Wer in Wikipedia.de nachschlägt, wird feststellen, dass diese Bezeichnung so konfus wie umstritten ist. Wenn schon, dann besser: "Ordo-Liberalismus".
Eucken hält seine "Morphologie" der Wirtschaftsformen und -ordnungen für "wissenschaftlich genauer" als die Rede von "Kapitalismus" vs. "Sozialismus":
"Durch Anwendung des morphologischen Systems, das aus der realen Wirtschaft, also ihren Betrieben und Haushalten gewonnen ist, läßt sich alle reale Wirtschaft in ihrem Ordnungsaufbau erkennen. Dadurch kommt die Wissenschaft über so ungenaue Bezeichnungen wie "stadtwirtschaftlich", "kapitalistisch", "sozialistisch" usw. weit hinaus."
[Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen 6. Aufl. 1990 (UTB1572), S. 23]
4.)
Was im gesamten wikipedia-Artikel bislang fehlt, sind die neueren Ansätze in der Sozialforschung auf diesem Gebiet:
Hier wurden die unterschiedlichen Formen des Kapitalismus thematisiert [Peter A. Hall, Dacid Soskice, Varieties of Capitalism; Bruno Amable, The Diversity of Capitalism], so wie schon Eucken die Gegenüberstellung Kapitalismus/Sozialismus für viel zu grobschlächtig hielt, da in der Realität unterschiedliche Formen koexistieren. Dabei gibt es jedoch einen fundamental wirksamen Widerspruch zwischen zentralem Plan und Marktpreisen als Lenkungsprinzipien.
Während die Konvergenztheorie annimmt, dass sich alle historischen Formen auf ein einziges (Erfolgs)Modell hinentwickelten (etwa "Amerikanisierung"), gibt es Analysen gemäß Modellen der Pfadabhängigkeit, die offen sind für divergierende Veränderungspfade.
Wenn aber einzelne Pfadanalytiker annehmen, dass die Entscheidung zwischen verschiedenen Pfaden kontingent sei, dann kann sich dies genau genommen nur auf das von ihnen benutzte Erklärungsmodell beziehen. Was in einem bestimmten Erklärungsmodell unerklärt außenvor bleibt, ist nicht auch überhaupt oder der Sache nach unerklärbar (wenn man nicht durch solche Hintertür wieder Wunder in die Wissenschaft einschmuggeln möchte!)
Auch der Historische Materialismus reduziert sich hauptsächlich auf diese beiden Grundideen:
1. (Kausal-)Geschichte ist wesentlich zur Erklärung von Entwicklung.
2. "Materialistisch" heißt oft nichts anderes als:
Es gilt eine grundsätzliche ("durch materielle Kausalzusammenhänge bedingte") "Budgetrestriktion" für mögliches menschliches Handeln.
Vgl. dazu die div. Aufsätze in:
Glenn Morgan, Richard Whitley, Eli Moen, (Hrg.),
Changing Capitalisms? Internationalization, Instututional Change, and Systems of Economic Organization, Oxford University Press, New York 2005
In den letzten Jahren hat das Interesse an den real existierenden Unterschieden zwischen Marktwirtschaften stark zugenommen, insbesondere wie diese Unterschiede durch unterschiedliche institutionelle Gegebenheiten bedingt seien. Diese Analysen finden sich unter so verschiedenen Titeln wieder wie "business systems", "social systems of production", "forms of regulation" or "varieties of capitalism". Herausgekehrt wurde hierbei, dass unterschiedliche Systeme wirtschaftlicher Koordination und Steuerung in entwickelten Marktwirtschaften grundsätzlich auf Dauer sich als überlebensfähig erwiesen haben. Diese Systeme unterscheiden sich durch ihr institutionelles Umfeld, insbesondere bezüglich des Kapitalmarktes und des Arbeitsmarktes, und zeitigen recht unterschiedliche ökonomische Ergebnisse, insbesondere was den technischen Fortschritt anbelangt. [vgl. Glenn Morgan: Introduction, S. 1]
Berger, Dore 1996: National Diversity and Global Capitalism, Ithaca, NY
Boyer, Drache 1996: States Against Markets: The Limits of Globalization, London
Crouch, Streeck 1997: Political Economy of Modern Capitalism, London
Hall, Soskice 2001: Varieties of Capitalism, Oxford
Hollingsworth, Boyer 1997: Contemporary Capitalism, Oxford
Quack et al. 2000: National Capitalisms, Global Competition, and Economic Performance, Amsterdam
Whitley 1999: Divergent Capitalisms, Oxford
Whitley, Kristensen 1996: The Changing European Firm, London
Whitley, Kristensen 1997: Governance At Work, Oxford
Zur selben Zeit hat sich die Wiederbelebung der institutionellen Ökonomik und von evolutionstheoretischen Ansätzen zur Unternehmensentwicklung verbunden mit Ansätzen des strategischen Managements, eine ressourcen- und kompetenzenbasierte Unternehmenstheorie aufzubauen. Im Anschluss an Edith Penrose (1959) und George Richardson (1972) richtet sich das zentrale Interesse darauf, wie Unternehmen eigentümliche Kompetenzen entwickeln, indem Routinen etabliert werden, die komplementäre Tätigkeiten und Fähigkeiten zum Erreichen besonderer strategischer Zielsetzungen verknüpfen. Organisationsinterne Fähigkeiten stehen hierbei in Zusammenhang mit dem Selektionsdruck der Organisationsumwelt, wobei sich das Interesse immer mehr verlagerte darauf, in welch unterschiedlicher Weise Unternehmen sich aktiv lernfähig zeigen. [2]
Wikipedia.de:
"Unter Kapitalismus wird eine Wirtschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum und Marktwirtschaft beruht. In der deutschen Wirtschaftswissenschaft wird statt des oft wertend gebrauchten Wortes weitgehend die Bezeichnung Marktwirtschaft synonym verwendet."
Wer sagt denn, dass "Marktwirtschaft" wertfrei sei?! Hängt die Wertung nicht von der Einstellung des jeweiligen Sprachbenutzers ab, also auf welche Weise dieser sich eines Begriffes bedient? (Dann dürfte man z.B. auch nicht von "Kriminalsoziologie" sprechen, denn "Verbrechen" ist sicherlich ein wertgeladener Begriff!)
Was hier vertuscht werden soll: Der Begriff ist insbesondere in Deutschland im politischen Diskurs einfach verpönt, nämlich ein "Unwort" (so etwa wie "Rezession" oder gar "Krise"). Ein um Ansehen bemühter "Wissenschaftler" benutzt derart marxistisch angehauchte Vokabeln einfach nicht. So zeigt sich wieder einmal die spezifische Provinzialität bzw. Borniertheit der "modernen" deutschen Sozialwissenschaft! Symptomatisch nur, dass das Wikipedia-Lemma sich auf ein Lexikon (Gabler) für Betriebswirte stützt.
Mein Vorschlag:
'''Kapitalismus''' bezeichnet eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform sowie die ihr zuzuordnende Geschichtsepoche, die wesentlich durch Kapitalrechnung (Max Weber) geprägt bzw. durch das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital (Marxismus) bestimmt ist.
2.)
Wikipedia.de:
"Die Charakteristiken des Kapitalismus als historischem Begriff werden unterschiedlich gesehen: Marxisten kennzeichnen diese historische Phase über die am Eigentum an den Produktionsmitteln ausgedrückten gesellschaftlichen Verhältnisse,..."
Das suggeriert, als ob Marxismus nichts weiter wäre als eine Art Geschichtsbetrachtung (demnach bestenfalls "materialistische Geschichtsauffassung").
Unterschlagen wird hierdurch der eminente Anspruch so gut wie fast aller Marxisten hin auf theoretische Erklärung, d.h. die Suche nach Gesetzmäßigkeiten, für eine bestimmte "Gesellschaftsformation". Was eine Art von Determinismus unumgänglich macht, welchen z. B. Karl Popper letztendlich, "Logik der Forschung" bzw. "empirische Wissenschaft" hin oder her, anscheinend nicht mehr gar für so entscheidend gehalten hatte!
[vgl. Herbert Keuth, Die Philosophie Karl Poppers, Tübingen 2000, UTB 2156, S. 309 ff.].
"Die kapitalistische Produktionsweise z. B. beruht darauf, daß die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, während die Masse nur Eigentümer der persönlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist."
(Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. II, Berlin 1968, S. 18)
"Das Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis."
(nicht bloß eine Ansammlung materieller Dinge oder aufgehäufte konkrete Arbeit,
sondern eine Summe von Tauschwerten, also gesellschaftlichen Größen!)
[Marx, Lohnarbeit und Kapital, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Bd. I, Berlin 1968, S. 80f]
"Die einfache Warenproduktion der Handwerker und Bauern unterscheidet sich von der kapitalistischen Produktion dadurch, daß sie auf der persönlichen Arbeit des Warenproduzenten beruht."
[Politische Ökonomie. Ein Lehrbuch, (Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Institut für Ökonomie, aus dem Russ.), Düsseldorf 1955, S. 81]
3.)
Wikipedia.de:
"Die neoliberale Ordnungstheorie Walter Euckens sucht die Einteilung von Wirtschaftssystemen in sozialistisch und kapitalistisch entbehrlich zu machen, indem sie die Ordnungsformen Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft unterscheidet."
Eucken selbst hat die Bezeichnung "neoliberal" abgelehnt (siehe Anhang zu seiner "Wirtschaftspolitik"). Wer in Wikipedia.de nachschlägt, wird feststellen, dass diese Bezeichnung so konfus wie umstritten ist. Wenn schon, dann besser: "Ordo-Liberalismus".
Eucken hält seine "Morphologie" der Wirtschaftsformen und -ordnungen für "wissenschaftlich genauer" als die Rede von "Kapitalismus" vs. "Sozialismus":
"Durch Anwendung des morphologischen Systems, das aus der realen Wirtschaft, also ihren Betrieben und Haushalten gewonnen ist, läßt sich alle reale Wirtschaft in ihrem Ordnungsaufbau erkennen. Dadurch kommt die Wissenschaft über so ungenaue Bezeichnungen wie "stadtwirtschaftlich", "kapitalistisch", "sozialistisch" usw. weit hinaus."
[Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen 6. Aufl. 1990 (UTB1572), S. 23]
4.)
Was im gesamten wikipedia-Artikel bislang fehlt, sind die neueren Ansätze in der Sozialforschung auf diesem Gebiet:
Hier wurden die unterschiedlichen Formen des Kapitalismus thematisiert [Peter A. Hall, Dacid Soskice, Varieties of Capitalism; Bruno Amable, The Diversity of Capitalism], so wie schon Eucken die Gegenüberstellung Kapitalismus/Sozialismus für viel zu grobschlächtig hielt, da in der Realität unterschiedliche Formen koexistieren. Dabei gibt es jedoch einen fundamental wirksamen Widerspruch zwischen zentralem Plan und Marktpreisen als Lenkungsprinzipien.
Während die Konvergenztheorie annimmt, dass sich alle historischen Formen auf ein einziges (Erfolgs)Modell hinentwickelten (etwa "Amerikanisierung"), gibt es Analysen gemäß Modellen der Pfadabhängigkeit, die offen sind für divergierende Veränderungspfade.
Wenn aber einzelne Pfadanalytiker annehmen, dass die Entscheidung zwischen verschiedenen Pfaden kontingent sei, dann kann sich dies genau genommen nur auf das von ihnen benutzte Erklärungsmodell beziehen. Was in einem bestimmten Erklärungsmodell unerklärt außenvor bleibt, ist nicht auch überhaupt oder der Sache nach unerklärbar (wenn man nicht durch solche Hintertür wieder Wunder in die Wissenschaft einschmuggeln möchte!)
Auch der Historische Materialismus reduziert sich hauptsächlich auf diese beiden Grundideen:
1. (Kausal-)Geschichte ist wesentlich zur Erklärung von Entwicklung.
2. "Materialistisch" heißt oft nichts anderes als:
Es gilt eine grundsätzliche ("durch materielle Kausalzusammenhänge bedingte") "Budgetrestriktion" für mögliches menschliches Handeln.
Vgl. dazu die div. Aufsätze in:
Glenn Morgan, Richard Whitley, Eli Moen, (Hrg.),
Changing Capitalisms? Internationalization, Instututional Change, and Systems of Economic Organization, Oxford University Press, New York 2005
In den letzten Jahren hat das Interesse an den real existierenden Unterschieden zwischen Marktwirtschaften stark zugenommen, insbesondere wie diese Unterschiede durch unterschiedliche institutionelle Gegebenheiten bedingt seien. Diese Analysen finden sich unter so verschiedenen Titeln wieder wie "business systems", "social systems of production", "forms of regulation" or "varieties of capitalism". Herausgekehrt wurde hierbei, dass unterschiedliche Systeme wirtschaftlicher Koordination und Steuerung in entwickelten Marktwirtschaften grundsätzlich auf Dauer sich als überlebensfähig erwiesen haben. Diese Systeme unterscheiden sich durch ihr institutionelles Umfeld, insbesondere bezüglich des Kapitalmarktes und des Arbeitsmarktes, und zeitigen recht unterschiedliche ökonomische Ergebnisse, insbesondere was den technischen Fortschritt anbelangt. [vgl. Glenn Morgan: Introduction, S. 1]
Berger, Dore 1996: National Diversity and Global Capitalism, Ithaca, NY
Boyer, Drache 1996: States Against Markets: The Limits of Globalization, London
Crouch, Streeck 1997: Political Economy of Modern Capitalism, London
Hall, Soskice 2001: Varieties of Capitalism, Oxford
Hollingsworth, Boyer 1997: Contemporary Capitalism, Oxford
Quack et al. 2000: National Capitalisms, Global Competition, and Economic Performance, Amsterdam
Whitley 1999: Divergent Capitalisms, Oxford
Whitley, Kristensen 1996: The Changing European Firm, London
Whitley, Kristensen 1997: Governance At Work, Oxford
Zur selben Zeit hat sich die Wiederbelebung der institutionellen Ökonomik und von evolutionstheoretischen Ansätzen zur Unternehmensentwicklung verbunden mit Ansätzen des strategischen Managements, eine ressourcen- und kompetenzenbasierte Unternehmenstheorie aufzubauen. Im Anschluss an Edith Penrose (1959) und George Richardson (1972) richtet sich das zentrale Interesse darauf, wie Unternehmen eigentümliche Kompetenzen entwickeln, indem Routinen etabliert werden, die komplementäre Tätigkeiten und Fähigkeiten zum Erreichen besonderer strategischer Zielsetzungen verknüpfen. Organisationsinterne Fähigkeiten stehen hierbei in Zusammenhang mit dem Selektionsdruck der Organisationsumwelt, wobei sich das Interesse immer mehr verlagerte darauf, in welch unterschiedlicher Weise Unternehmen sich aktiv lernfähig zeigen. [2]
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