Posts mit dem Label Arbeitswerttheorie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Arbeitswerttheorie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 22. August 2010

Holzwege, die Arbeitswerttheorie loszuwerden, ohne sie wissenschaftlich prüfen zu müssen

„Marx hatte seine Krisentheorie aus Grundannahmen der Arbeitswerttheorie abgeleitet. Ich kenne keine empirischen Untersuchungen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems, die auf einer Anwendung der Arbeitswerttheorie beruht. Deren Geltung müssen wir dahingestellt sein lassen.“

So Jürgen Habermas in: Die Linke antwortet Jürgen Habermas (Frankfurt am Main 1968, S. 9f.).

Voilà! Eine derart eingeforderte empirische Untersuchung liegt vor:

Nils Fröhlich: Die Aktualität der Arbeitswerttheorie. Theoretische und empirische Aspekte. Metropolis Verlag Marburg 2009. ISBN 978-3-89518-756-8.

Bezeichnend für Kritiker der AWT, die mit der Empirie kommen, ist deren naiv-positivistisch verkürzte Auffassung von empirischer Forschung und Prüfung einer Theorie. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Kritiker, die dieses Argument verwenden, mit solch einem Geschäft noch wenig am Hut hatten und deswegen teilweise ganz verwegene Ansichten darüber hegen.

Das Fehlen empirischer Überprüfung wird dazu meist in Zusammenhang mit konkreten Fragen der sozio-ökonomischen Forschung eingewendet, so Habermas in Zusammenhang mit der Erklärung des Auftretens von Krisen im Kapitalismus. Im Hintergrund mag oft eine instrumentale Auffassung von Theorie stehen, die mit einer pragmatistischen Wahrheitstheorie zwanglos kombiniert werden könnte. Auf diese Weise ist auch der häufige Gebrauch des Adjektivs „aktuell“ zu verstehen, nämlich dass bei gegebenem Anlass (einer Krise oder eines Regierungswechsels, … o. ä. ) die ökonomische Theorie danach ausgesucht werden sollte, ob sie zur jeweiligen Gelegenheit passe. „Aktuell“ heißt hier so viel wie „brauchbar“, zumindest so viel wie „theoretisch interessant“ oder gar „politisch verwendbar“, sei es zur Legitimation, sei es zur Ableitung von Handlungsanweisungen.

Im gleichen Zusammenhang taucht dann aber noch ein ganz anderes Argument auf, nicht das der empirischen Prüfung (wobei empirische Prüfbarkeit stillschweigend vorausgesetzt wird), sondern die zum Argument erhobene Frage, ob Marx zu seiner Erkenntnisabsicht bzw. zu seinen politischen Absichten (etwa der Kapitalismuskritik) die AWT unbedingt benötigt hätte. So hatte Joan Robinson 1942 die Früchte ihres ersten „Kapital“-Studiums so resümiert:
„As I see it, the conflict between Volume I and Volume III is a conflict between mysticism and common sense. In volume III common sense triumphs but must still pay lip-service to mysticism in its verbal formulations.” – “I hope that it will become clear, in the following pages, that no point of substance in Marx’ argument depends upon the labour theory of value. Voltaire remarked that it is possible to kill a flock of sheep by witchcraft if you give them plenty of arsenic at the same time. The sheep, in this figure, may well stand for the complacent apologists of capitalism; Marx’s penetrating insight and bitter hatred of oppression supply the arsenic, while the labour theory of value provide the incantations.”

(Joan Robinson: An Essay on Marxian Economics. London, Basingstoke 2. Aufl. 1966 (zuerst 1942).
Hiermit geht Robinson sogar soweit, dass sie den Gehalt der AWT ganz auf das politisch wertende Element bzw. die Sozialkritik reduziert.

Nicht ganz so weit ist Karl Popper gegangen; er verfolgte indes dieselbe Tendenz, die Funktion des theoretischen Kerns der AWT möglichst herunterzuspielen oder zu schmälern zu suchen:
„Ich halte die Werttheorie Marxens, die gewöhnlich bei den Marxisten sowie bei den Gegnern des Marxismus als ein Eckstein des marxistischen Gebäudes gilt, für einen ziemlich unwichtigen Bestandteil (…) … würde sich die Position des Marxismus nur verbessern, wenn man zeigen könnte, daß sich seine entscheidenden historisch-politischen Lehren völlig unabhängig von einer so umstrittenen Theorie entwickeln lassen.“

(Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. II: Falsche Propheten – Hegel, Marx und die Folgen. 6. Aufl. München 1980 (zuerst 1944). S. 209)

Ein naiver Positivismus Poppers zeigt sich bei dieser Gelegenheit schon darin, dass er „Umstrittenheit“ einer Theorie implizit für einen Makel hält. Ist nicht eine Theorie, je mehr sie bestritten wird, umso stärker geprüft, hat sie also mehr Gehalt als andere und mehr Prüfversuchen standgehalten?!

Alle die oben genannten Kritiker äußern sich dabei gar nicht zum Kernproblem einer jeden Werttheorie, nämlich dem Begriff des ökonomischen Wertes, so wie in klassischer Weise David Ricardo bei seiner Adam-Smith-Kritik zu seinem Leidweisen feststellen musste. Anscheinend halten all diese Kritiker eine ökonomische Theorie für denkbar, die jene dornige Frage gänzlich ausklammere. Die Auslassungen, die etwa Robinson in ihrer o.g. Schrift von sich gab, machen deutlich, dass sie in den so „dogmatischen“ Fragen wie etwa dem theoretischen Verhältnis von Tauschwert und Gebrauchswert völlig daneben herumtappt (Habermas in ihrem Gefolge), so wenn sie etwa Wissenschaft als eine Quelle von Wert bezeichnet, nur weil diese die physische Produktivität zu erhöhen mag (ganz ähnlich wie etwa eine Erhöhung der Fruchtbarkeit von Böden in der Landwirtschaft). Kann es vielleicht sein, dass es manchen Kritikern von heute (wie vielen Ökonomen nach der sog. "marginalistischen Revolution") völlig am "theoretischen Sinn" für derlei abstrakte Fragen abgeht?!

Offenbar gründet die ablehnende Haltung der Kritiker der AWT schlicht darauf, dass sie nicht nur die von Marx angebotene Lösung nicht mochten, sondern schon die dadurch aufgeworfene Problemstellung.

So ergeht es hier den meisten theoriegeschichtlich unbedarften Ökonomen wie manchen Laien gegenüber der Philosophie:

Hinz. bist auch für die philosophei?
Kunz. was ist sie denn? so sags dabei.
Hinz. sie ist die lehr, dasz Hinz nicht Kunz und Kunz nicht Hinze sei.
Kunz. bin nicht für die philosophei.

(CLAUDIUS (1775) 1, 207), zit. aus Grimms Wörterbuch)

“Die Aktualität der Arbeitswerttheorie”

Nils Fröhlich: Die Aktualität der Arbeitswerttheorie. Theoretische und empirische Aspekte. Metropolis Verlag Marburg 2009. ISBN 978-3-89518-756-8.

Mit diesem Titel wird die Frage gestellt, ob die AWT (Arbeitswerttheorie) noch oder wieder aktuell sei. Aber schon die Frage ist falsch gestellt. Innerhalb einer Wissenschaft geht es grundlegend nicht darum, ob eine Theorie aktuell oder veraltet, lebendig oder tot sei, sondern ob sie wahre Erkenntnis darstellt.

Die irreführende Art, das Problem so zu stellen, kann mindest bis auf Joseph A. Schumpeter zurückverfolgt werden.

“Es sollte deshalb klar sein, nicht nur daß es von den Marxisten vollkommen unsinnig war, die Gültigkeit der Grenznutzentheorie des Wertes (die ihnen entgegentrat) in Frage zu stellen, wie sie es am Anfang taten, sondern auch daß es auch unrichtig ist, die Arbeitswerttheorie ‘falsch’ zu nennen. Jedenfalls ist sie tot und begraben.”

(Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. A. Franke : Tübingen 6. Aufl. 1987 (UTB 172; zuerst: 1942). ISBN 3-7720-1298-1. S. 48f.)

Schumpeters Streben, die Grenznutzentheorie als die allgemeinere Theorie gegenüber der AWT hinzustellen und damit “die wertvolleren Teile” derselben zu integrieren (ähnlich wie später der offizielle "Keynesianismus" bestimmte Ideen von Keynes in die neoklassische Theorie einverleibt und damit unschädlich gemacht hat), ist die eine Seite des Schumpeter-Versuchs, die AWT zu bewältigen. Die andere Seite besteht in seiner schlicht polemischen Wendung, sie einfach für tot zu erklären. Die AWT sei “out”, wie man heute so schön sagt. Ist dies nun gedacht bloß als Feststellung einer wissenschaftshistorischen Tatsache? Oder ein erkenntnislogisches Argument? Oder gar “Beweis”?! Man darf hier unterstellen, dass es alles in einem sein und entsprechend dem Gesamtzweck dienen soll, eine ungeliebte Theorie vergessen zu machen.

“Ökonomische Theorien sterben nicht, sie werden nur vergessen.”

(Jürgen Niehans: Thünenvorlesung. Klassik als nationalökonomischer Mythos. Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, 109, 1989, S. 1-17.)

Damit wiederholt Niehans nur Einsichten, wie sie zuvor schon Keynes und James Kenneth Galbraith im Hinblick auf den mehr wissenschaftssoziologischen als erkenntnislogischen Charakter des Paradigmenwechsels in Ökonomie und Wirtschaftspolitik ausgesprochen hatten.

"But, at best, change in economics has been reluctant and reluctantly accepted. Those who benefit from the status quo resist change, as do economists who have a vested interest in what has always been taught and believed."

(John Kenneth Galbraith: Economics in Perspective. A Critical History. Houghton Mifflin Company Boston 1987. ISBN 0-395-35572-9. S. 2.)

So treffend die Niehans-These eine wissenschaftssoziologische Tatsache beschreiben mag, so fehlgeleitet ist sie als ein metatheoretisches Urteil über die Erkenntnisqualität von wissenschaftlichen Theorien. Sofern die Wirtschaftswissenschaft als eine empirische Wissenschaft bzw. als eine Erfahrungs- oder Wirklichkeitswissenschaft angesprochen werden kann, legt zumindest der naive Laie und Abnehmer ökonomischer Expertenurteile gemeinhin die Korrespondenztheorie der Wahrheit zugrunde; d.h. eine Aussage wird als wahr gehalten, inwieweit sie mit der Wirklichkeit, bzw. den fraglichen Tatsachen übereinstimmt. Schließlich will ein Zeitungsleser ja erfahren, was in seiner Welt, in der er weiter zu leben gedenkt, ökonomisch vor sich geht. Bei Ökonomen hat jedoch die Tendenz gesiegt, eine Aussage dann als wahr zu beurteilen, wenn sie mit der unter ihnen vorherrschenden Meinung, also dem Mainstreamdenken, entspricht. Praktisch hat dies zur Folge, dass sie von einer Konsenstheorie der Wahrheit ausgehen: Als wahr gilt, was die Autoritäten der Wissenschaft als "wahr" anerkennen bzw. was logisch darauf zurückgeführt werden kann. Damit geht einher, dass die Untersuchung gesetzmäßiger Zusammenhänge von Ursachen und Wirkungen ersetzt wird durch scholastische Übungen an mathematischen Funktionsmodellen, wobei empirische Wahrheit als Kriterium ersetzt wird durch das ästhetische Kriterium der formalen Eleganz. Hans Albert nannte dies treffend "Modellplatonismus".

Es blieb Joachim Weimann vorbehalten, die in der akademischen Wirtschaftswissenschaft dominierende schlechte Praxis zu einem explizit wissenschaftsmethodologischen Modellvorbild zu erheben.

“Gegeben die Voraussetzung, daß es eine wissenschaftliche Gemeinschaft neoklassischer Ökonomen gibt und daß diese mit der allgemeinen Gleichgewichtstheorie über eine paradigmatische Theorie T verfügt, bedarf es als letztes der Unterstellung eines bestimmten Erkenntnisinteresses, bezüglich dessen die in T fixierten Annahmen über Motive rationalen Handelns funktional sind. Ein solches Erkenntnisinteresse könnte darin bestehen, die grundsätzliche Funktionsfähigkeit und die Optimalität dezentraler Allokationssysteme nachzuweisen.” (S. 260)

(Joachim Weimann: Überlegungen zum Theoriebegriff der Wirtschaftswissenschaften. Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschafen, 109(2), 1989, S. 233-264.)

Wissenschaft ist jedoch nicht wie Popmusik, die gerade lebt oder stirbt, je nach dem, ob sich hierfür jeweils ein Fanclub findet. Und wissenschaftliche Erkenntnis ist nicht eine neue Weise, deren empirische Wahrheit gemäß Vereinssatzung zu beschließen sei

Wie Heiner Flassbeck beklagt hatte, es herrrscht gerade unter Ökonomen das jeweils obsiegende Zitierkartell.

“Da der Wissenschaftsrat selbstverständlich von der herrschenden Meinung in der Wissenschaft dominiert wird, misst man die verlangte "Wissenschaftlichkeit" in erster Linie an den Veröffentlichungen der Mitarbeiter der Institute in renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die ganz überwiegend Mainstream drucken, weil sie ihn definieren.”

(Heiner Flassbeck: Glasperlenspiel oder Ökonomie – Der Niedergang der Wirtschaftswissenschaften. Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 9/2004, S.1071–1079.)

Mit welch konservativ-autoritären Resultaten so etwas praktisch funktioniert, kann man herrlich bei Wikipedia studieren, die sich ja als Enzyklopädie nichts weiter vorgenommen hat, als die herrschende Meinung jeweils getreulich als die maßgebliche abzubilden. Die Frage nach der empirischen Wahrheit wird ersetzt durch die Frage nach der größeren Autorität einer Quelle. So als ob Fallibilisten wie Hans Albert niemals die dogmatische “Lösung” des Münchhausen-Trilemmas kritisiert hätten.

(Michael Schmidt-Salomon: Das "Münchhausentrilemma" oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen?)

Man muss jedoch dem Autor Nils Fröhlich zugestehen, dass er vielleicht mit dem Buchtitel den Aufhänger schlecht gewählt hat. Dass er aber in Gegensatz zu Mainstream-Vertretern nicht nur eine ökonomische Theorie expliziert, sondern zudem auch empirisch überprüft hat. Allein das ist aber wichtig. Denn:

"Wer zwingt uns eigentlich, das pseudo-kausale Denken der Neoklassik als die einzig mögliche Form theoretischer Analyse zu deklarieren?"

(Hans Albert: Der logische Charakter der theoretischen Nationalökonomie. Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, 171, 1959. S. 32.)

Mittwoch, 3. Juni 2009

Zinsen, wenn die Gesellschaft primitiv ist

„Begin with Adam Smith’s ‚early and rude state,‘ where i) land is superabundant and free and ii) productive methods are of such primitive and short duration that interest and profit are somehow ignorable.“ (SAMUELSON 1971:400)

Samuelson bezieht sich damit auf SMITH (Book I, Ch. VI):

„In that early and rude state of society which precedes both the accumulation of stock and the appropriation of land, the proportions between the quantities of labour necessary for acquiring different objects seems to be the only circumstance which can afford any rule for exchanging them for another.”
[“Auf der untersten Entwicklungsstufe eines Lands, noch bevor es zur Kapitalbildung kommt und der Boden in Besitz genommen ist, ist das Verhältnis zwischen den Mengen Arbeit, die man einsetzen muß, um einzelne Gegenstände zu erlangen, offenbar der einzige Anhaltspunkt, um eine Regel für deren gegenseitigen Austausch ableiten zu können.“ (SMITH 1990:42)]

Und Samuelson merkt in einer Fußnote hierzu kritisch an:

„It is easier to justify ignoring land and its rent – for under primitive conditions it is easy to imagine land to be superabundant, so that it becomes a free factor and production gets carried on in a land-sated fashion. It is harder, though, to justify in a primitive community any assumption that intermediate and durable goods are in such superabundant supply that time-sated productive methods are feasible. Rude economics are not low or zero interest economies; they tend to be high interest states, in which short-time methods are used precisely because of the very ‘scarcity of time’, incident to the serious problem of living from harvest to next harvest and from random scarcity of game and crops to random abundance. As will become clear, we must therefore make some heroic abstractions to give Smith the rope he needs for his argument – e.g., an assumption of instantaneous production of deer and beaver.”

Ohne einen Unterschied zu treffen zwischen Zins, Mehrwert und Profit, behauptet Samuelson, dass die Zinsrechnung für den Smithschen Naturzustand relevant sei. Naturalwirtschaften seien viel eher Wirtschaften mit einem hohen Zinssatz, weil hier bei einem raschen Wechsel zwischen Kargheit und Überfluss nur soviel für Produktionsmittel verausgabt werde, als sie kurzfristig einen hohen Ertrag versprächen. Vorausgesetzt wird bei alldem jedoch eine abstrakte Recheneinheit, wie sie per Definition in einer Naturalwirtschaft inexistent ist. Damit sich in einer Gesellschaft ein abstraktes Wertmaß durchsetzt und befestigt, bedarf es des entwickelten Tauschs (vgl. Wertformanalyse in MARX, Kapital, I).

Auch die Nutzentheorie geht, zumindest in wesentlichen Punkten, am wirtschaftlichen Geschehen einer traditionalen Naturalwirtschaft vorbei. Dazu wollen wir voraussetzen, dass das Nutzenprinzip nicht tautologisch angewandt wird, indem etwa jeder gewählten Verhaltensalternative a posteriori deswegen der höhere Nutzen beigemessen wird. Dann sagt eine wie immer auch beobachtete bzw. gemessene Nutzenschätzung eines Wirtschaftssubjekts immer noch wenig über dessen Tauschverhalten aus, da das Tauschverhalten in traditionalen Gesellschaften gegen Nutzenerwägungen meist abgeschirmt ist (BLAU 1967:110).

Man kann demzufolge auch nicht durch das Grenznutzenprinzip die Verteilung des Arbeitskräfteeinsatzes erklären, da die produktiven Tätigkeiten hauptsächlich durch Gewohnheit und Sitte reguliert werden (FIRTH 1967:6). Selbst wenn man der These zustimmen wollte, dass eine optimale Ressourcenallokation rational allein durch Anwendung einer Zinsrechnung erfolgen kann (SAMUELSON 1964:318), so ist 1. die Frage der rationalen Notwendigkeit, 2. die Frage der praktisch-empirischen Anwendung sowie 3. die des wirklichen Wollens (dominierendes Wertesystem einer Gesellschaft!) eine je ganz andere. Nicht alles, was vernünftig ist, ist wirklich („Wirklichkeit“ nicht wie von Hegel, sondern wie von Popper verstanden)

Man kann Samuelson jedoch auch so antworten, wie SCHUMPETER (1952:416) auf die Kritik durch Böhm-Bawerk geantwortet hat:

„v. Böhm-Bawerk weist schon im ersten Abschnitte seiner Kritik als auf eine zweifellose Tatsache darauf hin, daß der Zins immer und überall bestehe. Nun sei gleich hervorgehoben, daß diese Überzeugung, die offenbar den Grundstein seiner Kritik und den innersten Hauptgrund seiner Ablehnung bildet, nur vom Standpunkt und im Gedankenkreise bestimmter Zinstheorien verständlich ist. Aber ohne feststehende Zinstheorie ist diese Überzeugung durchaus nicht ohneweiters zu teilen: Möglich, daß uns die Resultate unserer Analyse zwingen zu sagen, daß es in der Wirtschaft der Australneger Kapitalzins gäbe – aber so klar, daß man darauf wie auf eine unumstößliche Tatsache hinweisen könnte, scheint mir das nicht zu sein.“
Nun muss man nicht Schumpeters eigentümliche Theorie, dass der Zins auf dem Gewinn des innovierenden Unternehmers beruhe, nicht unbedingt teilen, um sein Hauptargument zu teilen: Ob es einen Zins gibt, hängt ab von der jeweiligen Zinstheorie. Denn allein eine solche kann uns sagen, wann es einen Zins gibt und was dieser denn sei.

== Literaturverzeichnis ==

Paul A. Samuelson: Understanding the Marxian Notion of Exploitation. Journal of Economic Literature, 1971 9(2), S. 399ff.
Paul A. Samuelson: Volkswirtschaftslehre. Bd. II, Köln 1964
Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übertragen und mit einer umfassenden Würdigung des Gesamtwerkes hrg. von Horst Claus Recktenwald. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv Klassik 2208) 5. Aufl. 1990. ISBN 3-406-05393-9.
Peter M. Blau: Exchange and Power in Social Life. New York, London, Sydney 2. Aufl. 1967
Raymond Firth: Themes in Economic Anthropology. London, New York, Sydney, Toronto, Wellington 1967
Joseph A. Schumpeter: Eine ‚dynamische‘ Theorie des Kapitalzinses. Eine Entgegnung. In: Aufsätze zur ökonomischen Theorie. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1952. S. 411 ff. (Aus: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. 22, 1913, S. 599-639)