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Mittwoch, 4. Mai 2011

Saysches Theorem




Jean Baptiste Say schrieb 1803:
„Wenn der Produzent die Arbeit an seinem Produkt beendet hat, ist er höchst bestrebt es sofort zu verkaufen, damit der Produktwert nicht sinkt. Nicht weniger bestrebt ist er, das daraus eingesetzte Geld zu verwenden, denn dessen Wert sinkt möglicherweise ebenfalls. Da die einzige Einsatzmöglichkeit für das Geld der Kauf anderer Produkte ist, öffnen die Umstände der Erschaffung eines Produktes einen Weg für andere Produkte.“ (1)
Oder in der Formulierung von James Mill: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst. (2)

In der Sichtweise des Sayschen Theorems wird also nur der Austausch von Waren (also die sog. „realwirtschaftliche“ Seite) gesehen; die Dazwischenkunft von Geld im Warenaustausch wird als bloße Verhüllung der realwirtschaftlichen Beziehungen, als sog. „Geldschleier“ angenommen. Hinter dem Sayschen Theorem verbirgt sich demnach die These der Neutralität des Geldes. (3)

Karl Marx setzt sich im Zuge der Durcharbeitung der Theorie von David Ricardo auch mit dem Sayschen Theorem auseinander und bemängelt, dass Say seine Modellvoraussetzungen so gewählt habe, dass Krisen logisch unmöglich seien. (4) Er kritisierte des Weiteren, dass Say das Kapitalverhältnis bloß als Naturaltauschverhältnis deutet und damit die inneren Widersprüche der kapitalmäßigen Verwertungsprozesse bei Überproduktion ignoriere. Marx zählte Says Ansatz gerade deswegen zur Vulgärökonomie.

Hingegen lobte Marx Ricardo für seine wissenschaftliche Objektivität in dessen nachgeschaltetem Kapitel über das Maschinenwesen. Marx übersah dabei nach Ansicht von Michio Morishima folgende Inkonsistenz: Ricardos Theorie insgesamt unterstelle das Saysche Theorem. Danach sei Arbeitslosigkeit auch bei Neueinführung von Maschinen theoretisch ausgeschlossen.(5) Warum kann jedoch nicht einfach der Fall sein, dass Marx es lieber gewesen war, dass Ricardo in seinen Schlussfolgerungen seiner Theorie entgegenstehende Tatsachen letztendlich anerkannt hatte, auch wenn Ricardo damit seinen Grundannahmen nicht mehr treu blieb.

Keynes hat das Saysche Axiom und die damit verbundene These der Neutralität des Geldes abgelehnt und einen eigenen geldtheoretischen Ansatz entwickelt. Der „Bastard-Keynesianismus“ hat darauf jedoch seinen Keynes missdeutet, insbesondere seine Kritik der Grundlagen der klassischen Ökonomie, und ist mehr oder minder offen wieder bei den Axiomen der klassischen Ökonomie angelangt oder hat sie nie verlassen. (6)

Keynes selbst jedoch hat anscheinend die Marxsche Kritik an Ricardo nicht gekannt oder verstanden. Denn er glaubte anscheinend, dass seine Kritik der Klassik auch die angeblichen Ricardianischen Grundlagen der Marxschen Theorie hinwegfegen würde. (7)

Noch heute ist Marxens Kritik an der Vulgärökonomie, respektive Say, scheinbar nicht durchgedrungen, bzw. nicht allgemein bekannt. Im „Elend der Philosophie“ konnte sich Marx noch weitgehend darauf beschränken, gegenüber den Verdrehungen und Konfusionen Proudhonscher Phrasendrescherei das Hegelsche und Ricardosche Original zur Geltung zu bringen. Dass Marx hernach seinerseits an Hegel ebenso wie auch an Ricardo Kritik geübt und deren Theorien und Methoden kritisch rezipiert hat, ist demgegenüber immer noch nicht von Autoren, die sich zu diesem Thema äußern, richtig erfasst. (8)

Das Saysche Gesetz oder Theorem ist genau gesagt kein Axiom einer ökonomischen Theorie, sondern ein Dogma. Nach Hilbert ist „Axiom“ eine Voraussetzung eines deduktiv abgeleiteten Systems von Sätzen, die innerhalb dieses Systems selbst nicht abgeleitet ist. Somit ist jedes Axiom unbegründet (genauer: relativ zum System, zu dem es benutzt wird). Das Saysche Theorem ist aber nicht bloß in diesem relativ harmlosen Sinn unbegründet, sondern es wird von Vulgärökonomen wie eine selbst-evidente Wahrheit verwendet, um daraus kontra-faktische Behauptungen über die ökonomische Wirklichkeit abzuleiten. Dahinter darf man mit Marx ein apologetisches Interesse vermuten, das harmonische Wirken des Marktes als ökonomische Grundwahrheit zu behaupten.

Wenn also jemand arbeitslos wird, dann könne es dieser Weltanschauung nach nicht am Marktmechanismus liegen, sondern am einzelnen Lohnabhängigen, dessen Leistung nicht marktgerecht angeboten werde, und/oder am Intervenieren des Staates und der Gewerkschaften (Arbeitsrecht, Sozialrecht usw.), die zu „Rigiditäten“ am Markte führten und damit dessen effiziente Selbstregulation behinderten. Ein Ökonom, der diese Konsequenzen nicht aufgeben möchte, wird nicht bereit sein, die logischen Voraussetzungen für diese Konsequenzen aufzugeben, wenn sie auch noch so weltfremd sein mögen.

Es kann sich also hier nicht darum drehen, das Saysche Theorem zu „widerlegen“, sondern nichts weiter als darum, Dogmatiker mit Ökonomenstatus zu bewegen, sich als Wissenschaftler und nicht als Ideologen zu betragen.

(1) Jean Baptiste Say: A treatise on political economy: or The production distribution and consumption of wealth. Translated from the fourth edition of the French. Batoche Books Kitchener 2001, S. 57.
(2) Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X. S. 18f.
(3) “Under Say’s Law, goods always exchange for goods. Money is only a ‘veil’ behind which the real economy operates unhampered by financial considerations. The notion that money is merely used as an intermediary in the exchange of goods for goods is encompassed, in the lexicon of economists, by the classical neutral money axiom. If money is neutral, then there is no inherent obstacle in a competitive economic system to prevent output and employment from being at the maximum flow possible given the size of the population and the technology available to producers.” (Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X. S. 19f.)
(4) Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. Bd. II, MEW 26.2. S. 495ff.
(5) Michio Morishima: Ricardo's Economics. A general equilibrium theory of distribution and growth. Cambridge University Press 1989. ISBN 0-521-36630-5. S. 11.
(6) Paul Davidson: Financial Markets, Money and the Real World. Edward Elgar, Cheltenham UK / Northampton, MA, USA, 2002. ISBN 1-84064-740-X.
(7) „When my new theory has been duly assimilated and mixed with politics and feelings and passions, I cannot predict what the final upshot will be in its effect on actions and affairs, but there will be a great change and in particular the Ricardian Foundations of Marxism will be knocked away.” (J. M. Keynes, The Collected Writings. Bd. 13, 1973, S. 492-3, zit. nach Davidson, S. 4.)
(8) „Proudhons Ansatz, die ‚Macht des Geldes‘ als Quelle der Ausbeutung zu benennen, war für Marx und Engels nicht nachvollziehbar: in der klassischen Lehre verhaftet, war der monetäre Sektor für sie ökonomisch blutleer, nur als juristische Konstruktion begreifbar. Die Rendite des Realkapitals (Mehrwert) entsteht nach Proudhon aus dem mittelbaren Wirken des Geld- und Kapitalmarktes, wobei es die Zwänge des monetären Systems sind, die den Standard für den ‚internen Zinsfuß‘ des Realkapitals festlegen. Geht man in der Geschichte des Sozialismus weiter, wird man auf das Werk Rudolf Hilferdings (1877-1941) „Das Finanzkapital“ (Wien 1910) stoßen. Mit Marx’schen Grundtermini durchaus auf einer Linie definierte Hilferding das Finanzkapital als ‚Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industriellen‘. Die Denkergebnisse Hilferdings waren natürlich nicht deckungsgleich mit jenen Proudhons, angezeigt war aber damit, daß auch im Lager des Marxismus ein Festhalten man der ‚klassischen Dichotomie‘ (das ist die Vorstellung einer strikten Trennung der Wirtschaft in einen realwirtschaftlichen Sektor und in den geldsektor) nicht durchhaltbar gewesen ist.“ (Pierre-Joseph Proudhon und die moderne Nationalökonomie. In: Pierre-Joseph Proudhon : System der ökonomischen Widersprüche oder: Philosophie des Elends. Hrg. Lutz Roemheld, Gerhard Senft. Karin Kramer Verlag Berlin 1. Aufl. 2003.ISBN 3-87956-281-4. S. 17.)

Sonntag, 26. Dezember 2010

Dodd-Frank Act

Der Dodd-Frank Act stellt die Reform der Finanzmarktregulierung der Vereinigten Staaten dar und beinhaltet unter anderem auch Aspekte der sog. Volcker Rule.

Damit diese Reform, die die nächste Krise verhindern soll, auch wirklich greift, bedarf sie der Umsetzung in konkrete und praktische Regeln. Die zuständigen Behörden arbeiten daran. Die Republikaner, die bei den letzten Wahlen Oberhand gewonnen haben, arbeiten jedoch mit derselben Kraft daran, das Reformprojekt zu torpedieren. Es soll, wenn es nach ihnen geht, bei dem alten System bleiben, wonach die Banken der Regierung sagen, wo es lang gehen soll.

How to Derail Financial Reform, The New York Times, Leitartikel, 26. Dezember 2010.

Freitag, 24. Dezember 2010

Raus aus dem Kollaps, rein in den Kollaps!

Raus aus dem Kollaps der Planwirtschaft, rein in den Kollaps des Kasino-Kapitalismus!

Die baltischen Staaten (Estland, Litauen, Lettland) sowie Bulgarien und Rumänien bezahlen für die Sünden des Kasino-Kapitalismus. Denn ihre wirtschaftliche Entwicklung basierte auf einer Integration in das EU-Bankensystem, das in der optimistischen Unverantwortlichkeit voll auf die EU-Integration setzte und Kreditmilliarden in die Wirtschaft pumpte.

Das zeigt eine Analyse, die die unterschiedliche Performanz von Staaten wie Polen und Tschechien, denen einigermaßen eine gewisse Reindustrialisierung gelang, mit denen des Baltikums oder von Bulgarien und Rumänien zeigt.

"What factors have contributed to these diverging developments? The speed of credit growth seems to correlate well with unsustainable developments and hence the key question is what are the underlying causes of fast credit growth, particularly in the BB5 and WB6 countries? Certainly the fixed exchange rate in many countries was a contributing factor, since price-level convergence could occur only through higher inflation (as opposed to nominal exchange-rate appreciation). However, other domestic policies, such as fiscal policy or banking regulation, did not play a significant role. Instead, deep integration with the EU has predisposed CESEE countries to large capital inflows. It is fair to conclude, not just with the benefit of hindsight, that the lending practices of mostly foreign-owned banks were not always prudent.

When the crisis started, it first hit western banks forcing them to accumulate liquidity to cover losses from non-performing assets, and to build up reserves. This led to sudden interruptions, and even reversals, of bank-linked parts of capital inflows to the emerging markets, including most of the CESEE region. This was accompanied by outflow of other categories of capital as other financial investors became more riskaverse and decided to reduce their exposure in CESEE countries and fly to 'safe havens'. The resulting credit crunch was strong enough to depress economic activity and pitch most CESEE economies into recession. The impact was exacerbated by the subsequent export and investment declines, the latter resulting from increased overall uncertainty about future growth prospects. As the crisis unfolded, the credit crunch was replaced by falling demand for credit, caused by increased uncertainty and lowered expectations with respect to future growth prospects (Ghosh, 2009)."

Whither growth in central and eastern Europe? Policy lessons for an integrated Europe.
BY TORBJÖRN BECKER, DANIEL DAIANU, ZSOLT DARVAS, VLADIMIR GLIGOROV, MICHAEL LANDESMANN, PAVLE PETROVIC, JEAN PISANI-FERRY, DARIUSZ ROSATI, ANDRÉ SAPIR AND BEATRICE WEDER DI MAURO.

BRUEGEL BLUEPRINT SERIES, Volume XI. www.bruegel.org. ISBN: 978-9-078910-17-6.

Sonntag, 4. Juli 2010

Kasino-Kapitalismus

„Wien huet eigentleech an eisen demokratesch legitiméierte Staten mat hirer sozialer Maartwirtschaft dat lescht Wuert – muss ee sech schlöussendlech froen -: Ass dat d’Politik oder sinn dat d’Bourssen? (…) Wat ass eigentlech d’Aufgab vu Banken? Sinn et Kasinoen oder hu se d’Aufgab, Kapital anzesammelen an et dann den Entreprisen oder de Privatpersoune fir Investitioune bereetzestellen? Dénge se der Realekonomie oder dénge se der renger Geldspekulation?“ [Lucien Lux (LSAP)] (1)

„… l’avidité des opérateurs financiers, qui se sont laissés entraîner par leur soif de l‘argent vite gagné à démultiplier les valeurs artificielles de plus en plus déconnectées de la réalité économique; en fait ces golden boys vendaient tout simplement de l’air chaud à prix d’or à leurs clients en se remplissant les poches de commissions et de bonus; …“ [Lucien Thiel (CSV) in seinem Budgetbericht unter dem Titel: „Les péchés du capitalisme-casino“; zitiert von Alex Bodry (LSAP)], (2)

„Mäi Plädoyer, deen internationalen, ass sécher kee géint méi Regulatioun. Et ass e Plädoyer fir eng besser Regulatioun. Et ass awer och e Plädoyer, deen dhinner geet, datt et definitiv muss esou sinn, datt mer de Kasino mussen zoumaachen, datt mer net kënne weiderfueren – op ville Plaze vun der Welt -, alles an egal wat ze erlaben, well de Kasino huet sech net hei zu Lëtzebuerg ofgespillt, an déi grouss Risikogeschäfter sinn net hei zu Lëtzebuerg ofgewéckelt ginn.“ [Jean-Louis Schiltz (CSV)] (3)

Der Begriff „Kasino-Kapitalismus“ hat durch die Finanzkrise seit 2007 wieder Konjunktur Er ist aber kein inhaltsleeres Schlagwort, das etwa bloß zur stigmatisierenden (4) Kennzeichnung von Spekulanten dient, welche an der Börse zockend ihrer Geldgier frönen. Er entstammt der Internationalen Politischen Ökonomie(5) und geht auf ein Buch(6) gleichen Namens von Susan Strange (London School of Economics, LSE) zurück, das 1986 erschienen ist. Sie kennzeichnete hiermit das durch Globalisierung und Liberalisierung neu entstandene System internationaler Finanzmärkte, welches integriert durch die genannten Prozesse in wachsendem Maße dadurch instabil wird.(7)

Susan Strange(8) wie auch Hans-Werner Sinn (Ifo-Institut München), der unter gleichem Titel 2010 sein Taschenbuch(9) über die gegenwärtige Finanzkrise herausgebracht hat, beziehen sich mit dem Ausdruck „Kasino“ auf das klassische Werk von John Maynard Keynes mit dem Titel: The General Theory of Employment, Interest and Money.(10) Aufschlussreich in dieser Hinsicht ist vor allem die folgende Passage:

„Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblasen auf einem steten Strom der Unternehmungslust. Aber die Lage wird ernsthaft, wenn die Unternehmungslust die Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird. Wenn die Kapitalentwicklung eines Landes zum Nebenerzeugnis der Tätigkeit eines Spielkasinos wird, wird die Arbeit voraussichtlich schlecht getan werden. Wall Street, als Einrichtung betrachtet, deren eigentlicher sozialer Zweck die Leitung neuer Investitionen in die einträglichsten Kanäle ... ist, kann nicht Anspruch darauf erheben, daß der von ihr erreichte Erfolgsgrad ein hervorstechender Triumph des laissez-faire Kapitalismus ist - was nicht überraschen kann, daß die besten Köpfe von Wall Street in der Tat auf eine andere Aufgabe gerichtet sind." (11)

Es wäre jedoch zu simpel oder geradezu falsch, aus dieser neuerlichen Prominenz von Keynes auf eine Wiederkunft des Keynesianismus zu schließen, der somit etwa Revanche am Monetarismus und Neoliberalismus nähme, welche für die übermäßige Deregulierung und Marktfundamentalismus verantwortlich gemacht werden könnten. Doch derjenige Keynesianismus, der einstens wirtschaftspolitische Vorherrschaft ausgeübt hatte, basierte seinerzeit auf einer Anpassung keynesscher Theoriestücke an die neoklassischen Ökonomie (bzw. dem Allgemeinen Gleichgewichtsansatz von Léon Walras). Mit der sog. „neo-klassische Synthese“ von Paul Samuelson wurde Keynes in der US-Ökonomie akademisch salonfähig gemacht; grundlegende Ideen des oben genannten keynesschen Werkes wurden dabei jedoch einfach ignoriert, sei es, dass sie gegenüber der überkommenen Orthodoxie zu häretisch erschienen, sei es, dass sie im Dunstkreis überlieferter Überzeugungen überhaupt nicht adäquat begriffen wurden.(12)
Zu diesen neuartigen Gedanken zählt insbesondere Keynes‘ Ablehnung der gewöhnlichen Voraussetzung der neoklassischen Ökonomie, nämlich die des nach feststehenden Präferenzen die Aktionsweisen zweckmäßig auswählenden, vollständig informierten rationalen Akteurs. Keynes weist demgegenüber auf das Problem der Ungewissheit hin, dass nämlich die Zukunft grundsätzlich nicht gewusst wird, noch nicht einmal im Hinblick auf eine Wahrscheinlichkeitsverteilung bestimmter Risiken. Paul Davidson spricht hier von „Ergodizität“.(13) Hier schließt sich der Kreis, wo wir zum von Susan Strange aufgeworfenen Problem der zunehmenden Ungewissheit in der Evolution global integrierter Finanzmärkte zurückkehren.

Keynes spricht jedoch nicht einfach vom Glücksspiel an der Börse, sondern er analysiert solche soziologischen Aspekte wie den Herdentrieb:

"Es ergibt sich aber, daß die Tatkraft und Geschicklichkeit des beruflichen Investors und Spekulanten in der Hauptsache anderweitig angewendet wird. Tatsächlich befassen sich nämlich die meisten dieser Menschen nicht mit überwiegend überlegenen langfristigen Voraussagen des wahrscheinlichen Erträgnisses einer Investition während ihrer ganzen Lebensdauer, sondern damit, die Änderungen in der konventionellen Grundlage der Bewertung mit einem kurzen Vorsprung vor dem allgemeinen Publikum vorauszusehen. Sie befassen sich nicht damit, welchen Wert eine Investition wirklich für einen Menschen hat, der sie als Daueranlage kauft, sondern damit, wie sie der Markt, unter dem Einfluß der Massenpsychologie, nach drei Monaten oder nach einem Jahr bewerten wird. Dieses Verhalten ist überdies nicht das Ergebnis eines verschrobenen Hanges. Es ist das unvermeidliche Ergebnis eines nach den beschriebenen Grundlinien aufgebauten Investitionsmarktes. Denn es hat keinen Sinn, für eine Investition 25 zu bezahlen, von der man glaubt, daß ihr voraussichtliches Erträgnis einen Wert von 30 rechtfertigt, wenn man gleichzeitig glaubt, daß der Markt sie nach drei Monaten mit 20 bewerten wird. Der berufliche Investor ist somit gezwungen, sich mit der Vorwegnahme bevorstehender Änderungen solcher Art in den Ereignissen oder in der Umwelt zu befassen, durch welche die Massenpsychologie des Marktes erfahrungsgemäß am meisten beeinflußt wird." (14)

Und seine Analogie geht überhaupt nicht darauf, dass Börsenspekulation eine Art Roulette sei (dessen Risikoverteilung unter Umständen mittels der Wahrscheinlichkeitsrechnung rational zu handhaben wäre), viel eher wie das Schwarze Peter-Spiel oder Schneeballsystem (ponzi scheme) funktioniert:

"Der tatsächliche private Zweck der geschicktesten Investition von heute ist, 'der Kugel vorauszueilen', 'to beat the gun', wie die Amerikaner es so trefflich ausdrücken - schlauer zu sein als die Masse, und das schlechte oder sich entwertende Geldstück an den Nächsten abzustoßen. Für diesen Wettkampf der Gerissenheit, die Grundlage der konventionellen Bewertung für ein paar Monate vorauszusehen, statt das voraussichtliche Erträgnis einer Investition während einer langen Reihe von Jahren, sind nicht einmal Tölpel unter der Masse nötig, um den Wanst des Berufsmenschen zu füllen; - die Berufsgenossen können ihn unter sich selbst ausfechten. Auch ist es nicht notwendig, daß jemand einen schlichten Glauben an eine wahrhaft langfristige Gültigkeit der konventionellen Grundlage der Bewertung haben müßte. Denn es ist sozusagen eine Partie Schnippschnapp, Schwarzer Peter oder Sesseltanz - ein Zeitvertreib, bei dem derjenige Sieger ist, der schnapp weder zu früh noch zu spät sagt, der den Schwarzen Peter an seinen Nachbarn weitergibt, bevor die Partie aus ist, der sich einen Stuhl sichert, wenn die Musik aufhört. Diese Spiele können mit Spannung und Genuß gespielt werden, obschon alle Spieler wissen, daß es der Schwarze Peter ist, der herumgeht, oder daß beim Aufhören der Musik einige der Spieler ohne Stühle sein werden." (15)

Die Auffassung Keynes' vom Wesen der Spekulation steht in Gegensatz zur bis heute in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschenden. Die Instabilität der Geldnachfrage stellt das Kernargument der keynesschen wie der der marxschen Geldtheorie dar gegen die monetaristische These eines rational finanzmarktgesteuerten Kapitalismus.(16)

In der Endphase des Systems von Bretton Woods vertraten führende Ökonomen wie Milton Friedman(17) und H. G. Johnson(18) die Meinung, dass ein System flexibler Wechselkurse einem System institutionell fixierter Kurse eindeutig überlegen sei, da sie die wirtschaftspolitische Autonomie der einzelnen Staaten erhöhten und außenwirtschaftliche Anpassungen erleichterten.(19) Kernthese dieser Argumentation war die Annahme, dass Spekulation grundsätzlich eine stabilisierende Funktion erfülle, da sie lediglich Anpassungsprozesse beschleunige. Die Liberalisierung der Kapitalmärkte bewirke demzufolge eine größere Stabilität der Weltwirtschaft im Hinblick auf das Währungssystem. So sagte Friedman 1998 angesichts der Asienkrise:

"Spekulanten wie George Soros üben eine extrem nützliche Funktion aus, sie stabilisieren die Märkte... Wer spekuliert, beschränkt sich also nur darauf, die extremen Auswirkungen instabiler Wirtschaftssysteme vorwegzunehmen."(20)

Nach Hayeks bekannter Theorie fungieren Märkte effizient als Mittler von verstreutem Wissen. Keynes-Biograf Robert Skidelsky hingegen sieht in dem bekannten Buch von George Soros über Kreditkrise Hinweise darauf, dass die Finanzmärkte sich eher gemäß der keynesschen Auffassung denn gemäß der Theorie von Friedrich von Hayek entwickelten.(21)

Hinzutreten weitere Aspekte, wie die als „Finanzialisierung“ (22) angesprochene wachsende Vorherrschaft der Finanzmärkte gegenüber der Realökonomie, welche wir auch schon bei Keynes ausgesprochen finden. Sinn sieht als Hauptursache der Krise nicht irrationales Handeln der Spekulanten, sondern dass Bankiers durch ein vollkommen rationales Geschäftsmodell, das indes auf perversen Anreizen basiert, zu Handlungsweisen angereizt wurden, die gesamtwirtschaftlich zu katastrophalen Auswirkungen führen.(23) Als ein Vertreter des Ordo-Liberalismus sieht Sinn die Lösung in der Ordnungspolitik; letztlich wird damit der Politik die Verantwortung für das Versagen der Märkte zuerkannt. Es verbleibt jedoch in diesem Modelldenken das bekannte Problem des rational handelnden Akteurs (sowohl was die einzelne Regierung wie auch den einzelnen Finanzhändler betrifft) zu lösen, wie dieser bei Aufrechterhaltung seiner auf kurzfristige Nutzenmaximierung zielenden Handlungsorientierung zu einer kollektiven Vereinbarung mit anderen gleichfalls so konstruierten Individuen gelangen soll, welche zwar hinterher allen gemeinsam nutzt, indessen kurzfristig aber auf Kosten der eigenen Zielerreichung geht.(24)

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(1) Chambre des Députés, 31. Sitzung, 1. Juni 2010. Compte rendu des séances publiques No. 13. Session ordinaire 2009-2010. S. 417
(2) 31. Sitzung, 1. Juni 2010. Compte rendu des séances publiques No. 13. Session ordinaire 2009-2010. S. 419
(3) 31. Sitzung, 1. Juni 2010. Compte rendu des séances publiques No. 13. Session ordinaire 2009-2010. S. 426
(4) Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt 1974
(5) "casino capitalism". In: R. J. Barry Jones: Routledge Encyclopedia of International Political Economy. Seite 139
(6) Susan Stange: Casino Capitalism. Blackwell Publishers, Oxford 1986 (Reprint: Manchester University Press, Manchester 1997 ISBN 0719052351
(7) "In addition to the fact that not all economists believe that the wave of capital liberalization is the only source of destabilization of the financial markets, many scholars (particularly those linked to the study of IPE) point out that the process of integration, or GLOBALIZATION, of financial markets has created a very unstable monetary environment, which has even be conceptualized as CASINO CAPITALISM" (capital, control on R. J. Barry Jones: Routledge Encyclopedia of International Political Economy. S. 121.)
(8) "(...) as one important exception to this critique, Susan Stange offered a more Keynesian-derived view, particularly in her discussion of 'casino capitalism'. Her treatment of capital markets as driven less by the efficient analysis of material fundamentals than by self-fulfilling expectations of rising or falling values accords well with Keynes' stress on the social bases of speculative manias. Susan Strange, Casino Capitalism (Manchester: Manchester University Press, 1986)." Wesley Widmaier: The Keynesian Bases of a Constructivist Theory of the International Political Economy. Millennium - Journal of International Studies, Vol. 32, No. 1, 87-107 (2003) DOI: 10.1177/03058298030320010401. S. 90, Anm. 7. / Wesley Widmaier: The Keynesian Bases of a Constructivist Theory of the International Political Economy.
(9) Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Ullstein, vollständig aktualisierte 1. Auflage Juni 2010. ISBN 978-3-548-37303-4. Vgl. im Vorwort: "Der Titel dieses Buches erinnert an die Terminologie von Keynes, der von der Gefahr sprach, dass der Kapitalmarkt zum Nebenprodukt eines Kasinos werden könne."
(10) J. M. Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Duncker & Humblot, München/Leipzig 1936; 10. verbesserte Auflage ebd. Berlin 2000, ISBN 3-428-07985-X.
(11) Keynes, Die Allg. Theorie..., Berlin 1974, S. 134
(12) Paul Davidson: Keynes' Serious Monetary Theory
(13) Douglas Vickers: The market: The tyranny of a theoretic construct. In: Philip Arestis, (Hrg.): Employment, Economic Growth and the Tyranny of the Market. Essays in Honour of Paul Davidson: Volume Two. Edgar Elgar Cheltenham, UK, Brookfield, US1996. ISBN 1-85898-313-4. S. 1ff.
(14) Keynes 1936, S. 130f., zit. nach Exkurs 6: Destabilisierende Spekulation und die spezifische Instabilität flexibler Wechselkurse. In: Hansjörg Herr, Klaus Voy: Währungskonkurrenz und Deregulierung der Weltwirtschaft. Entwicklungen und Alternativen der Währungspolitik der Bundesrepublik und der Europäischen Gemeinschaften (EWS). Metropolis : Marburg 1989. ISBN 3-926570-14-8, S. 74, Anm. 71
(15) Keynes 1936, S. 131. zit. nach Herr/Voy, S. 75, Anm. 72
(16) Robert Pollin: Roots of Capitalist Stability and Instability.
(17) Milton Friedman: The Case for Flexible Exchange Rates. In: Milton Friedman: Essays in Positive Economics. Chicago 1953.
(18) H. G. Johnson: The Case for Flexible Exchange Rates. In: Further Essays in Monetary Economics. London 1972.
(19) Exkurs 6: Destabilisierende Spekulation und die spezifische Instabilität flexibler Wechselkurse. In: Hansjörg Herr, Klaus Voy: Währungskonkurrenz und Deregulierung der Weltwirtschaft. Entwicklungen und Alternativen der Währungspolitik der Bundesrepublik und der Europäischen Gemeinschaften (EWS). Metropolis : Marburg 1989. ISBN 3-926570-14-8. S. 73 ff.
(20) Sind Spekulanten Störenfriede? In: Der Spiegel, Nr. 42, 12. Oktober 1998. S. 128.
(21) Robert Skidelsky: The Big Bank Fix. 19. Februar 2010
(22) Luiz Carlos Bresser-Pereira: The Global Financial Crisis and a New Capitalism? Levy Economics Institute Working Paper No. 592. Mai 2010
(23) "Da Menschen vergesslich sind und Politiker nur für kurze Laufzeiten gewählt sind, werden die Lobbys der Banken durchsetzen können, dass ihr Geschäftsmodell, das aus Leverage, Haftungsbeschränkung und Risiko Gewinn erzeugt, nicht angetastet wird. Aus politischen Gründen lassen sich die langfristig richtigen Reformen des Bankensystems nur heute, mitten in der Krise, umsetzen. Wer diese Möglichkeit nicht nutzt, vergeudet die Chance, den Kasino-Kapitalismus zu bändigen." Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Ullstein, vollständig aktualisierte 1. Auflage Juni 2010. ISBN 978-3-548-37303-4. S. 387
(24) Mancur Lloyd Olson, Jr.: Die Logik des kollektiven Handelns: Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen. 5. Aufl. Mohr Siebeck, Tübingen 2004. (Originalausgabe: The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups 1965) ISBN 3-16-148504-1